Mit allem drum und dran leben!

Liebe Gemeinde,

Markus hatte AIDS. Er habe nicht mehr viel Zeit. Darum drängte er, Termine auszumachen, in der Öffentlichkeit, in Schulen, Gemeinden und Vereine über die Krankheit aufzuklären, damit sich möglichst viele Menschen vor ihr schützten. Die Krankheit ließ ihm nicht mehr viel Zeit. Er wusste, dass seine Kräfte immer mehr abnehmen werden. Er sah, dass er früher als andere in seinem Alter sterben wird. Auf Zeit gesehen blieb ihm nicht mehr viel Zeit. Er wollte diese Zeit aber so gut nutzen, wie es im gesundheitlich möglich war. Er nutzte sie.

So tat es auch Lothar. Selbst schon sehr krank und schwach, wachte er auch nachts auf der Infektionsstation in Freiburg am Bett ihm völlig unbekannter sterbender Aidskranker.

Lothars und auch Markus Tage waren wie zusammengedrängt. Sie liefen in der Tat schneller, als bei anderen Menschen. Sie nutzten ihre Zeit, um für andere da zu sein. Der eine hielt dem Sterbenden die Hand. Der andere klärte vor allem junge Menschen auf, damit sie sich nicht mit dem HI-Virus anstecken. Mit ihrem Wissen um ihre begrenzte Zeit, waren sie mitten in der Welt, ohne sich zugleich an sie zu verlieren. Sie hätten ja auch ihr noch kurzes Leben mit schönen Reisen oder ausschweifendem Leben "genießen" können. Niemand hätte ihnen Vorwürfe gemacht. Sie lebten ihr Leben in der Hingabe an die Menschen. Bei anderen ist es vielleicht die Hingabe an den einen Menschen, die aufgebrochene Liebe und geschenkte Nähe zueinander zu leben.

Das nahe Ende macht nicht gleichgültig oder besonders umtriebig. Lothar und Markus hatten sich nicht aus dem Leben enttäuscht, verbittert und bedrückt zurückgezogen. Dr. Martin Luther wollte noch heute sein Apfelbäumchen pflanzen, wenn er wüsste, dass er morgen sterben würde.

Ich habe von Menschen erzählt, denen bewusst war, bald an ihrer schweren Krankheit zu sterben. Im Blick auf ihren nahen Tod lebten sie ihr Leben mit dem, was für sie gerade wichtig und entscheidend war. Sie haben ihre Zeit genutzt, wie sie sie sich vorstellten.

Unterscheiden wir uns sehr von ihnen? Im Lied 530 heißt es: "Wer weiß, wie nahe mir meine Ende! Hin geht die Zeit, her kommt der Tod;" Es bleibt uns immer nur die Zeit, die wir gerade haben und leben. Zu ihr gehört, dass sie begrenzt ist und einmal endet. Manchmal mag uns die Angst vor dem Sterben oder vor dem Tod oder vor beidem entsetzen und lähmen. Jegliche Kraft ist uns dann genommen. Aber das Wissen um unser eigenes Sterben und unseren eigenen Tod kann uns auch die Kraft für unser Leben und unseren Alltag geben. Das Wissen um unsere Endlichkeit, lässt uns auf unsere Hoffnung und unseren Glauben sehen.

Aus dem Glauben an Jesus Christus heraus spricht Paulus von dem, was wir als Christen glauben. Jesus Christus wird wiederkommen. Wenn er kommt, wird Gottes neue Welt erfahrbar sein für alle Welt. Sie hat schon begonnen und ist sichtbar geworden im Tod und in der Auferstehung Jesu. Muss ihre Nähe unbedingt in Jahren gezählt werden? Auch wenn der Apostel Paulus von einer zeitlichen Nähe ausgeht die er noch mitzuerleben hofft, meint er doch mehr. Gottes neue Welt ist immer auch schon angebrochene Welt. Sie wird greifbar und auch sichtbar, wo Menschen Frieden stiften, Versöhnung schaffen und die Liebe leben.

Das ist noch nicht Gottes neue Welt. Aber von ihrem Wesen nimmt schon Wesentliches in unserer Welt immerwieder Gestalt an.

Unsere Maßstäbe verändern sich, wo wir uns an Jesus Christus binden. Wir können mitten im Leben stehen, lieben, weinen, lachen, freuen, die Welt gestalten und sie zu einem gelingenden Leben gebrauchen, ohne uns an ihr zu verlieren. An Jesus Christus und sein Kommen gebunden, bleiben wir in frei und auf Abstand, um nicht total von der Welt eingenommen zu werden.

Wir verstehen uns wie Wanderer zwischen zwei Welten. Wir sind unterwegs. Wir gehen Christus entgegen. Er hat sich aufgemacht, um wiederzukommen. Er wird Gottes Reich sichtbar in der Welt aufrichten. Auf diesem Hintergrund erlauben wir uns Gefühle, die uns aber nicht vereinnahmen sollen. Wir können weinen und lachen, uns sehnen und freuen, leiden und feiern. Aber es soll uns nichts gefangen nehmen und uns abhängig von sich machen.

Wir leben in dieser Welt, wie Gott sie geschaffen hat. Er hat uns den Auftrag gegeben, sie zu bebauen und zu bewahren. Dem können wir uns mit ganzem Herzen hingeben. Da gibt es viel Arbeit. Ein Leben reicht da schon gar nicht aus. Aber wir dürfen uns nicht daran verlieren. Wir glauben, dass Christus kommen wird und mit ihm Gottes neue Welt.

Das hat nichts mit einem Weltuntergang zu tun, der dazu noch grauenhaft und schrecklich ist, dem dann nur die wenigen Auserwählten entkommen. Die uns das weiß machen wollen, sind selbstverständlich die Auserwählten.

Wenn unsere Welt zu ihrem Ende kommt, dann ist das eine Weltwende mit der Gottes neue Welt da ist.

Was über das Wesen der neuen Welt zu sagen ist, sagen wir aus unserem Glauben und unserer Hoffnung an Jesus Christus heraus. Es wird Frieden und Gerechtigkeit herrschen. Noch ganz anders und großartiger, als wir uns das je vorstellen können. Wir gebrauchen z.B. das Bild vom Fest dafür. Es wird richtiges lebendiges Leben und nicht Sterben oder Tod sein. Es wird Gemeinschaft und Freude, Lachen und Singen sein. Die weinen und nichts zu lachen haben, sollen sich schon heute freuen und lachen, weil unser Gott kommt und immer auch schon da ist. Er wird sie trösten und heilen und ihnen im Übermaß zukommen lassen, was ihnen in dieser Welt verwehrt wurde.

Das kann in dieser Welt bereits geschehen, wenn wir nicht nur anhäufen, sondern auch teilen, wenn wir im Lachen innehalten und Tränen abtrocknen, wenn wir mitfühlen, mitfreuen, mitleiden. Das habe ich bei Markus und Lothar gesehen.

Als Christen wollen wir in der Welt mit allem drum und dran leben. Wir wollen für diese Welt leben, so gut wir das vermögen und uns dabei auch sehr anstrengen. Wir leben aber nicht aus dieser Welt leben, sondern aus Gottes neuer Welt, die schon unter uns angebrochen ist und immerwieder hier und da greifbar und sichtbar wird.

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