Mission possible

Liebe Gemeinde,

lassen Sie sich mit Ihren Gedanken ein paar Minuten in einen ungewohnten Raum entführen; er soll uns zur heutigen biblischen Geschichte geleiten.

Im Hochsicherheitstrakt. Gefangener P. dämmert vor sich hin. Tag wie Nacht sparsame Beleuchtung, vereinzelte Sonnenstrahlen, Fackeln. Die Stunden schleichen dahin. Eintönige Geräusche. Da, Schritte auf dem Gang – Gesprächsfetzen. Es wird lauter. Gefangener P. schreckt auf. Schon wieder 6 Stunden vorbei – Wachablösung. Die Zwei Wächter an der Tür befreien ihre Kollegen, die an den Gefangenen gekettet sind. Sie stehen auf, strecken sich, reiben sich die Glieder. Abschiedsworte – "Bis morgen dann, um die gleiche Zeit". Das neue Team macht sich bereit. 2 Männer werden an den Gefangenen gekettet, 2 Wachen draußen – rund um die Uhr in 4 Schichten. "Passt nur gut auf, dass uns der hier nicht durch die Lappen geht. Wäre nicht der erste hier – Ihr wisst ja, was dann passiert …" Mit einem Blick auf den Gefangenen gehen die 2 Türsteher raus. Tür zu. Schlüsselklirren – Gesprächsfetzen – Ruhe. Gefangener P. ist müde, kann aber nicht schlafen; er dämmert vor sich hin:

Was mag Jakobus hier erlebt haben? Ob es schnell und schmerzlos ging? Todesstrafe. Mit dem Schwert hingerichtet. Ich will es nicht glauben. Hören wir gemeinsam unser Werk auf? So barbarisch? Keine Chance?

Ich sehe Jakobus vor mir am See als wäre es gestern gewesen. Wir waren Nachbarn, Kollegen; Jakobus und sein Bruder Johannes, mein Bruder Andreas und ich. Wir waren in der Nacht Fischen; es war hell geworden, wir zogen die Boote an Land, hängten die Netze auf zum Trocknen. Jesus hatte mich angesprochen, einfach so, mich und meinen Bruder und wir sind mitgegangen, einfach so. Jesus sehen und mitgehen war eins. So ging es Jakobus auch: steht einfach auf mit Johannes. Sie lassen ihren Vater Zebedäus einfach im Boot sitzen. Da war etwas neues, aufregendes. etwas, das uns aus unserer Eintönigkeit weckte, lebendig machte.

Viele Wege sind wir miteinander gegangen. Was haben wir alles miteinander erlebt … Da fällt mir die Geschichte mit dem Mädchen ein. Der Vater kommt zu Jesus "mein Kind liegt im Sterben, hilf!" Die Leute sagen "Lass doch, sie ist schon tot!" Wir vier gehen mit Jesus in das Haus und sehen leibhaftig wie er vor ihr steht – "talita kum, wach auf, Mädchen." Und sie wacht auf, als hätte sie nur geschlafen … Was für ein Wunder!

Noch sonderbarer war unser Ausflug in die Berge, wieder Jakobus, ich und unsere Brüder. Jesus war in Licht gehüllt, verklärt und eine Stimme spricht "das ist mein lieber Sohn, den sollt ihr hören". Das war ein unbeschreiblicher Moment, der wir hier geteilt haben.

An noch eine Moment erinnere ich mich: Jakobus und ich mit unseren Brüdern und natürlich Jesus auf dem Ölberg, bevor all dies tragische geschah: Diese düsteren Voraussagungen über Zerstörung und Gewalt, das Ende des Tempels und Verfolgung: "Ihr werdet gehasst sein von jedermann um meines Namens willen. Wer aber beharrt bis an das Ende, der wird selig". Damals habe ich das nicht glauben wollen und heute holt es mich wieder ein …

Damals bin ich in jedes Fettnäpfchen getappt, habe groß getönt "ich lass dich nicht, ich schlafe sicher nicht ein, ich verleugne dich doch nicht …" Wie peinlich. Kein Wunder dass ich es nicht fassen konnte, als er vor mir stand: "Weide meine Schafe!" Was für eine Chance, was für eine Verantwortung. Ist sie jetzt zu Ende, werden die Gemeinden alleine fortbestehen? Ich habe mein Bestes dazu getan. Täglich sprechen mehr Menschen von Jesus Christus, überall im Römischen Reich. Jakobus ist tot; doch ich gebe meine Hoffnung nicht auf. Die ganze Gemeinde betet für mich. Es gibt noch soviel zu tun, soviel zu leben. Erschöpft sinkt der Gefangene in tiefen Schlaf.

Liebe Gemeinde, Sie haben sicher längst erraten, dass sich die heutige biblische Geschichte mit Petrus beschäftigt. Es geht um Leben und Tod. Manche denken in einem solchen Augenblick an ihre Vergangenheit zurück. Ich habe es für Petrus einmal zu skizzieren versucht. Doch was wirklich einmaliges geschieht, lassen wir uns von der Bibel selbst erzählen. Hören Sie Apg. 12, 1-11:

[TEXT]

Träume ich oder wache ich, fragt sich Petrus. Plötzlich steht er vor dem Stadttor und nicht mehr im Gefängnis, frei um noch einmal neu anzufangen, frei – eine neue Chance. Träumen oder wachen wir mit, liebe Gemeinde?

Können und müssen wir solche Wunder glauben, lassen wir uns so etwas zumuten? Die Bibel skizziert kurz und bündig die Befreiung aus dem Gefängnis in groben Zügen – vieles bleibt offen – traumhaft leicht, unfassbar. " Das muss ein Engel gewesen sein", meint Petrus. Das war eine weitere tiefe Erfahrung seines Lebens – wir haben uns schon an einige erinnert, jede ungewöhnlich, unglaublich. "Das muss ein Engel gewesen sein" haben auch andere Menschen sagen können, die knapp einem Unglück entkommen sind: Sie haben das abstürzende Flugzeug verpasst, etwas zuhause vergessen und beim Umkehren gerade noch einen Zimmerbrand löschen können, wenige Tage, bevor sie eine halbherzige Bindung eingegangen wären den Partner für’s Leben kennen gelernt.

Oft wünschen wir uns auch so einen Engel. Wir wollen, dass sich eiserne Tore von selbst für uns öffnen, damit wir aus unseren Gefängnissen fliehen können. Wir sind gefangen in unserer Welt, unseren Gedanken, Vorurteilen und Urteilen, in unserem Körper mit zunehmend mehr Defekten und Krankheiten, in unseren Räumen, seien sie zu eng oder mit soviel Besitz gefüllt, dass wir uns aus diesem goldenen Käfig kaum wegbewegen. Die einen wünschen sich oft aus den Mühen und Eintönigkeiten des Alltags zu entfliehen, dem Druck der Arbeit, den Anforderungen und Ansprüchen anderer zu entkommen. Die anderen sind gar an Stuhl und Sofa gefesselt, weil es ihnen an Kraft fehlt einfach aufzustehen.

Nicht jeder bekommt eine Chance und wir könnten rechten: "Warum Petrus und nicht Jakobus?", doch die Frage nach dem Warum bringt uns nicht weiter. Die Frage ist: "Was können wir tun?" und darauf bekommen wir Antwort aus den biblischen Geschichten:

1. Wir können die Hoffnung in uns nähren und wach halten. Hoffnung und vertrauen geben uns Kraft zu bestehen in allen Situationen des Lebens. Wer die Hoffnung aufgibt, gibt sich selbst auf und verschenkt seine Chance sinnlos. Wir können innerlich frei werden, auch wenn wir uns aus den äußeren Umständen nicht lösen können. So schreibt Bonhoeffer im Gefängnis:

Von guten Mächten wunderbar geborgen
Erwarten wir getrost, was kommen mag
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Noch will das alte unsere Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unseren aufgeschreckten Seelen
Das Heil, das du für uns geschaffen hast.

Bonhoeffer wurde nicht gerettet aus dem KZ – Jakobus nicht aus dem Gefängnis. Und doch war ihre Hoffnung nicht ins Leere gegangen.

2. Es gibt noch einen anderen Weg etwas zu tun, der uns oft ähnlich schwierig erscheint: das Gebet. Trauen wir dem Gebet soviel Kraft zu wie die Menschen der Bibel? Gebet kann Mauern niederreißen. Das ist eine Erfahrung unserer Geschichte – erst knapp 10 Jahre her – oder wollen wir lieber glauben es war das Wirken genialer Politiker, des Zufalls oder das Ergebnis eines natürlichen Zerfalls …? Waren die wöchentlichen Gebete in Leipzig, Dresden und Magdeburg – um nur einige zu nennen – wirksam oder sinnlos? Wieviel bedeutet uns Fürbitte für andere – von der Weltpolitik bis zum persönlichen Anliegen, wie wir sie in jedem Gottesdienst praktizieren? Der Versuch lohnt sicher, sich damit zu befassen.

3. Sinnerfüllt innerlich frei und so wir selbst können wir auch noch anders werden. Hören Sie eine kurze Fabel von einem arabischen Mystiker namens Sa’di:

Der invalide Fuchs
Unterwegs im Wald sah ein Mann einen Fuchs, der seine Beine verloren hatte. Er wunderte sich, wie das Tier wohl überleben konnte. Da sah er einen Tiger mit einem gerissenen Wild. Der Tiger hatte sich satt gefressen und überließ dem Fuchs den Rest. Am nächsten Tag ernährte Gott den Fuchs wiederum mit Hilfe des gleichen Tigers. Der Mann war erstaunt über Gottes große Güte und sagte zu sich: "Auch ich werde mich in einer Ecke ausruhen und dem Herrn voll vertrauen, und er wird mich mit allem Nötigen versorgen." Viele Tage brachte er so zu, aber nichts geschah, und der arme Kerl war dem Tode nahe, als er eine Stimme hörte: "Du da, auf dem falschen Weg, öffne die Augen vor der Wahrheit! Folge dem Beispiel des Tigers, und nimm dir nicht länger den behinderten Fuchs zum Vorbild." Auf der Straße traf ich ein kleines frierendes Mädchen, zitternd in einem dünnen Kleid, ohne Hoffnung, etwas Warmes zu essen zu bekommen. Ich wurde zornig und sagte zu Gott. "Wie kannst du das zulassen? Warum tust du nichts dagegen?" Eine Zeitlang sagte Gott nichts. Aber in der Nacht antwortete er ganz plötzlich: "Ich habe sehr wohl etwas dagegen getan. Ich habe dich geschaffen."

Liebe Gemeinde, manche denken: "Petrus ist weit weg von unserer Wirklichkeit. Wir leben in einer völlig anderen Welt. Jahrhunderte entfernt von Jesus." Lassen wir uns doch einmal auf eine Begegnung ein, lesen wir über ihn und wir sehen, dass er ein ganz normaler Mensch wie du und ich war, mit allen Schwächen, die man sich so denken kann. Gerade das macht ihn so sympathisch; gerade deshalb können wir ihn auch zum Vorbild wählen. Die Botschaft ist ganz schlicht: wo Menschen auf ihrem Weg mit Gott Vertrauen zeigen, beten und handeln, da können Wunder geschehen – erfahren werden. Da beginnt unsere Zukunft und die Zukunft unserer Mitgeschöpfe. Vielleicht denken Sie daran, wenn morgen die Diakoniewoche beginnt, die den Kindern und Jugendlichen gewidmet ist. Mission possible – es ist keine unmögliche Aufgabe der nächsten Generation eine Chance zu geben, sei es auf dem Arbeitsmarkt oder sei es im privaten, sei es die Unterstützung der Mütter oder die Verbesserung der Ausbildung oder einfach nur ein Zuhause, etwas zu essen und die nötigste Gesundheitsversorgung. Vertrauen, beten und handeln bewaren uns nicht vor Tod und Leid – auch Petrus ist letztendlich in Rom zu Tode gekommen – aber sie machen unser Leben lebendiger. "Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben ans Licht gebracht."

Fürchte dich nicht gefangen in deiner Angst. Mit ihr lebst du.
Fürchte dich nicht, getragen von seinem Wort. Von ihm lebst du.
Fürchte dich nicht, gesandt in den neuen Tag. Für ihn lebst du.

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