Meister Pfriem

Liebe Gemeinde,

der Predigttext vom Balken im eigenen Auge verleitet dazu, als aktuellen griffigen Aufhänger die Drogen-Geschichte um Michel Friedman aufzugreifen. Aber wie immer man sie interpretierte, wie immer man zu Friedmans Rolle als oft unbarmherziger Moderator, seinem eigenen Lapsus und wiederum seiner beeindruckenden Erklärung dieser Tage stehen mag – es wäre ein Ablenken. Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst! Das gilt für Sie, das gilt für mich, hier und jetzt.
Ich möchte daher lieber auf ein Märchen der Brüder Grimm zurückgreifen, das mir spontan einfiel. Es ist die Geschichte von Meister Pfriem, einem Schuhmacher, der alles kritisierte, alles besser wusste, dem nichts auf der Welt richtig zu funktionieren schien – nur seine eigenen Fehler, zum Beispiel beim Zuschneiden des Oberleders, nahm er einfach nicht wahr. Dieser Meister Pfriem, so heißt es im Märchen, hat nun einen Traum. Er stirbt und kommt in den Himmel. Schon am Eingang wird er von Petrus vermahnt, nicht, wie auf der Erde, an allem herumzunörgeln, was ihm begegnet. Er ist ganz zuversichtlich, denn im Himmel, so meint er, werde schon alles richtig laufen und somit werde er auch nichts zu kritisieren brauchen. Er muss sich mehrfach zusammenreißen. Zum Beispiel, als ihm zwei Engel entgegenkommen, die – einer trage des anderen Last – gemeinsam einen Balken schleppen. Genau den Balken, so das Märchen, "den einer im Auge gehabt hatte, während er nach dem Splitter in den Augen anderer suchte." Pfriem ist empört, weil die beiden Engel den Balken zwischen sich tragen und nicht längs, also einer vor dem anderen geht. Es gibt noch mehr Dinge im Himmel, die den guten Pfriem aufregen, er wird laut – und man wirft ihn raus. Als er in seinem Bett aufwacht, meint er: "Ich muss aufstehen, sonst machen sie mir hier im Haus lauter verkehrtes Zeug. Ein Glück, dass ich nicht wirklich gestorben bin."

Dieser Meister Pfriem scheint den Balken in seinem eigenen Auge wie ein Brett vor dem Kopf vor sich her zu tragen, das ihm die Sicht darauf nimmt, wie die Dinge wirklich sind. Und total verblendet sieht er sich von Menschen umgeben, die aus seinem Blickwinkel Splitter in den Augen haben. Er richtet, er verdammt und ist nicht einmal fähig, Gottes Barmherzigkeit für sich selbst anzunehmen. Wie sollte er sie da weitergeben können?

Die Welt ist voll von solchen Meister Pfriems, sie finden sich in Schulen, auf Behörden und auch in der Kirche. Seelisch Blinde, die andere Blinde mit in die Grube zerren,
Sie sind blind für Gottes überfließendes vergebendes Tun – daher sind sie nicht fähig, eigene Fehler zuzugeben, sie nehmen die Gnade und Barmherzigkeit gar nicht wahr, die ihnen im Überfluss zuteil wird. Sonst könnten sie schon allein aus Freude darüber, wie großzügig ihnen vergeben wird, im Wissen um die eigene Schuld und Verlorenheit, dem Nächsten helfen.

Jesus richtet die Worte an seine Jünger, sie sind sozusagen eine Lehrstunde in Seelsorge – und als solche können wir sie auch heute noch auffassen. Wer als Seelsorger – und dazu werden die Jünger ja berufen – Gottes neuen Maßstab der Barmherzigkeit nicht vor Augen hat, wird die Gemeinde ins Verderben führen, heute wie damals. Zwar können wir Jesus nicht gleich werden in seiner einzigartigen Art und seinem einzigartigem Leben, aber er reicht uns sein Wissen über Gottes Güte weiter – und nicht, damit wir es für uns behalten. Nur durch Jesus sind wir überhaupt in der Lage, uns gegenseitig im Licht der Barmherzigkeit Gottes wahrzunehmen. Statt den Balken im Auge des Bruders sehen wir einen anderen Balken, den, den Jesus für uns getragen hat, den Querbalken des Kreuzes. In Jesu Not war Gott verborgen – und in der Not jedes Menschen, der uns begegnet, steht er wieder vor uns. So bleibt uns, weil wir Jesus kennen, eigentlich gar nichts anderes übrig, als den anderen in Liebe zu begegnen. Nicht, weil wir es "sollen", damit uns irgendein Lohn zuteil wird. Nein, einfach, weil wir uns selbst, unser ganzes, doch so reiches Leben ja nur leben können dank der Liebe Gottes. Der Maßstab für unseren Umgang miteinander ist von Jesus ein für alle Mal geprägt worden. Nur schade, dass wir so selten daran denken.

Sonst würde es uns vielleicht leichter fallen zu trennen zwischen Person und Werk, zwischen dem Menschen und dem, was er tut oder getan hat. Jemand, der einen Fehler gemacht hat, besteht schließlich nicht nur aus diesem Fehler. Und auch jemand, der gegen ein Gesetz verstoßen hat, hat, davon völlig abgesehen, Anspruch auf unsere Liebe. "Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet", das bedeutet nicht die Forderung nach Abschaffung der Justiz. Jesus spricht zu seinen Jüngern, nicht zu Kaiphas, Herodes oder Pilatus, die von Amts wegen weltliche Gerichtsbarkeit wahrnehmen. Es wäre also widersinnig, wenn ich einen Verkehrsunfall verursacht habe, zum Richter zu sagen: "Herr Richter, seien Sie barmherzig und sprechen mich frei, dann wird Gott zu Ihnen auch barmherzig sein." Aber ich werde auch nicht einen rechtskräftig verurteilten Täter noch einmal ganz persönlich verurteilen, indem ich ihm die Achtung und Zuneigung entziehe – das eben steht mir nicht zu. Sonst könnte die Gefängnisseelsorge beispielsweise gleich einpacken, und sonst brauchten wir einander überhaupt nicht mehr zu beachten, denn wer von uns hat nicht in seinem Leben schon irgendwann einmal "daneben" gehandelt, einen anderen verletzt oder jemandem Schaden zugefügt? Manchmal sogar in der tiefsten Überzeugung, damit "richtig" zu handeln.

Barmherzig sein, das heißt: Unterscheiden zwischen Person und Werk, egal, ob es sich um einen Fehler oder um ein Verdienst handelt. Wer einen Menschen "herunterrichtet", weil er ihn an dem misst, was er getan hat, ist ebenso blind wie der, der jemanden glühend verehrt, weil er einen Titel oder einen Orden, besonders viel Erfolg oder besonders viel Geld hat. Natürlich ist es sehr schwer, einen freien, klaren Blick zu bekommen und ihn auch zu bewahren – der Blick der ganzen Gesellschaft ist immer ein richtender. In der Schule, ja schon im Kindergarten, in der Presse und im Fernsehen werden Menschen aufgebaut und niedergemacht, und immer wieder projizieren wir eigene Fehler, Schwächen und Schuld auf andere, auf Einzelne, auf Personengruppen, auf die Gesellschaft oder auch auf bestimmte Völker. Ich denke nur an das fatale "Die Juden sind schuld", oder heute "Die Ausländer", "die Asylbewerber". Was aber kann uns helfen, das eigene Brett vor dem Kopf, den Balken abzulegen? Zu einen die Erkenntnis, dass wir trotz unserer Fehler und Schwächen von Gott geliebt sind, der um alle Kleinigkeiten weiß. Und dass wir daher auch ganz gelassen zu unseren eigenen Fehlern stehen können und keine anderen Verantwortlichen zu suchen brauchen. Gott liebt jeden einzelnen von uns mut all seinen Macken.

Zum anderen könne wir versuchen, uns nicht mehr so wichtig zu nehmen. Wir müssen nicht dauernd nachweisen, dass wir fehlerlos, die anderen aber mangelhaft und gänzlich unfähig sind. Es reicht doch, zu wissen, Gott nimmt uns wichtig. "Herr, dein Mitlied, dein Erbarmen tröstet uns und macht uns frei", heißt es in einer Bach-Arie in der Johannespassion. Diese Freiheit befähigt uns dazu, großzügig mit unseren Mitmenschen umzugehen, sie gibt uns innere Sicherheit aus dem Wissen heraus, geborgen und geliebt zu sein.

Es ist eine Seh-Übung, die wir täglich neu vollziehen sollten und dürfen: Mit Jesu Augen sehen lernen. Das bedeutet, überzeugt davon zu sein, dass "Gott für DICH" unter allen Umständen gilt, auch im verfahrensten Leben. Alles mag gegen uns sprechen, Gott spricht für uns. Das gilt für uns selbst und auch für den, in dessen Auge wir den Balken vermuten. Diesen Lichtblick hat uns Jesus offenbart. Und eigentlich haben wir so die Fähigkeit, ganz behutsam aufeinander zuzugehen und uns in die Augen zu sehen. Dort werden wir dann weder Splitter noch Balken wahrnehmen, sondern vielleicht Tränen. Und die wegzuwischen, ist für beide Teile erheblich weniger schmerzhaft als mit entzündeten Augen an Balken zu zerren und sich damit mehr und mehr zu verwunden und zu verletzen. Der Abstand von Mensch zu Mensch kann größer sein als der Abstand vom Menschen zu Gott. Das haben Sie alle bestimmt schon erfahren, wenn Sie sich von jemandem zutiefst in der Seele gekränkt, verletzt und verwundet gefühlt haben oder wenn Ihnen ein Mensch, der Ihnen wichtig war, mit steinkalter Gleichgültigkeit begegnet ist, vielleicht, weil Sie – in seinen Augen – einen unverzeihlichen Fehler gemacht haben.

Und es gibt nur einen einzigen Weg, einander näher zu kommen, den Weg der Liebe. Sie ermöglicht uns, von der Oberfläche weg den Blick in die Tiefe des anderen zu richten, und bei aller unserer Begrenztheit ein Stück von seiner Seele zu erfahren. Dann können wir ahnen, was Erlösung bedeutet. Nämlich Liebe, die leidens- und vergebungsfähig macht, die keine Grenzen kennt, die hinter aller Angst, allem Schmerz, allem Leid und aller Verbitterung Schönheit und Licht sieht. Diese Liebe hat Zukunft über den Tod hinaus.

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