Mehr bebaut als bewahrt

"Ich habe mal angefangen, die Bibel zu lesen", erzählte mir kürzlich jemand, mit dem ich über Religion ins Gespräch kam, nachdem er mich gefragt hatte, was ich noch so mache, wenn ich mich nicht gerade im Bummelzug zwischen Jüterbog und Halle langweile. "Ich habe wirklich von vorn begonnen, aber sehr weit bin ich nicht gekommen. Da steht ja gleich zu Beginn zweimal hintereinander dasselbe. So ein Wirrwarr." Der Mann hat recht und doch nicht ganz. "Wenn Sie die gleichen Nachrichten auf zwei verschiedenen Fernsehsendern sehen – entdecken Sie da nicht manchmal Unterschiede?" "Stimmt", sagt er, "deshalb schaue ich sie mir ja auf mehreren Kanälen an, damit ich mir dann aus beidem einen Eindruck bilden kann." Die andere Geschichte, die, mit der die Bibel anfängt, die kennen wir eigentlich viel besser, "Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde", Stück für Stück geht es aufwärts, und oben, als Krönung, am letzten Tag, entsteht der Mensch. Hören wir den heutigen Predigttext, der eine etwas andere Sichtweise in den Mittelpunkt rückt und der, so hat man herausgefunden, viel älter ist als der Bericht ganz am Anfang der Bibel:

[TEXT]

Aufgeschrieben wurde diese Schöpfungssage zu Zeiten des König Salomo von einem unbekannten Erzähler, aber wahrscheinlich ist sie in mündlicher Überlieferung schon viel älter. Wir steigen ein in eine Betrachtungsweise der Entstehung der Welt, in der Gott zuallererst den Menschen macht. Es hatte noch nicht geregnet, berichtet der Erzähler. Daher kann es noch keine Bäume und Sträucher geben. Und "weil kein Mensch da war", ist das Land unbebaut. Dann kommt der Nebel. Wir wissen auch, wie undurchsichtig und fast bedrohlich es sein kann, im dichten Nebel zu stehen. Wir hier auf dem Land kennen das auch, wie feucht der Ackerboden werden kann, ohne dass es nachts geregnet hat. Aus diesem feuchten Boden schafft Gott den Menschen, mitten im Nebelchaos, und bläst ihm seinen eigenen Atem, seinen Geist ein. Durch den göttlichen Hauch ist Leben möglich. In dieser uralten Sage steckt ein tiefer Symbolcharakter, der dem, der sie aufgeschrieben hat, ganz zentral war. Ohne Gottes Hauch wäre der Mensch eine Statue, eine tote Puppe geblieben. Eine Plastik machen, das könne wir alle. Aber wenn wir sie anhauchen, bleibt sie doch genauso leblos wie vorher. Gottes Atem macht aus dem Menschen ein lebendiges Wesen. Um diesen Menschen herum erst schafft Gott einen Garten. Von dem, was wir uns vielleicht heute unter "Paradies" vorstellen, ist der Garten weit entfernt, es klingt eher nach Obst- und Gemüseplantage, was da beschrieben wird. Den Menschen setzt Gott mitten hinein, "dass er den Garten bebaue und bewahre". Von "macht euch die Erde untertan", wie in dem anderen, dem bekannteren Schöpfungsbericht, der erst 400 Jahre später aufgeschrieben wurde, ist hier nicht die Rede. Es ist ein Garten, in dem der Mensch sich frei bewegen kann, in dem er alles findet, was er braucht, aber mit einem klaren Auftrag: Bebauen und bewahren. Und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Wie es mit diesem Baum weitergeht, das wissen wir alle. "Gut und Böse", das bedeutet im Hebräischen als umgangssprachliche Redewendung soviel wie "alles" und meint keine Wertung. Unterscheiden, was gut und böse ist, dazu ist der Mensch ohnehin nicht in der Lage, davon ist der Erzähler überzeugt. Das kann alleine Gott. Genau deshalb ist es für den Menschen so verhängnisvoll, dass er ausgerechnet von diesem Baum isst. Man könnte es so sehen: Eigentlich ist Gott selbst dieser "Baum der Erkenntnis", der da mitten im Garten steht. Denn in ihm sind alle Weisheit und Erkenntnis versammelt. Und den Menschen treibt einfach dieser unbändige Wunsch, so zu sein wie Gott. Damit gerät ins Ungleichgewicht, was harmonisch angelegt war. Denn der Mensch, das sehen wir ja bis heute, kann mit dem Wissen, was auf ihn gekommen ist, nicht umgehen.

Es geht nicht darum, dass wir heute längst wissen, dass auf diese Weise der Mensch nicht entstanden sein kann. Schon seit ein paar hundert Jahren sind sich Theologen einig, dass die Urgeschichte, wie sie in der Bibel aufgezeichnet ist, eine jener Sagen ist, die alle Völker haben. Mit einem kleinen Unterschied: In der Erzählwelt der Bibel sind die Menschen keine Helden oder Halbgötter wie in fast allen anderen Völkersagen. Sie sind ganz normale Leute mit allen Schwächen und Fehlern, die wir heute haben und auch mit allem Wissensdrang und Forschungseifer, der auch heute die Menschheit umtreibt. Auch die Zeit des König Salomo war übrigens eine Blütezeit von technologischer Entdeckerfreude, es wird kein Zufall sein, dass Schöpfungssage und Sintflutlegende genau da aufgeschrieben wurden. In dieser alttestamentlichen Welt ist immer der eine, einzige Gott das Zentrum – und das Verhältnis des Menschen zu Gott, die Annäherung an ihn und auch die Entfernung von ihm. Genau dieses hält der Erzähler in unserem Predigttext in faszinierender Weise fest. Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. In den letzten Wochen seit Beginn der Hochwasserkatastrophe hat dieser Satz mich immer wieder besonders beschäftigt. "Bewahrt" haben wir Gottes Garten wirklich schlecht, wir haben den Schwerpunkt auf das "Bebauen" gelegt, wieder einmal überzeugt davon, als Menschen ermessen zu können, was richtig und falsch ist. Ohne uns die Konsequenzen unseres Handelns überhaupt ausmalen zu können.

Es wäre verfehlt, nun von einer "Strafe" Gottes zu sprechen, denn nur ein einziges Mal hat Gott eine Sintflut geschickt und danach mit dem sichtbaren Zeichen des Regenbogens sein Versprechen besiegelt, nie mehr seine Schöpfung vernichten zu wollen. Aber ich glaube wohl, dass er manchmal daran erinnern muss, was einmal geschehen ist und was er eigentlich von uns Menschen erwartet: dass sie den Garten bebauen und bewahren. Und dass sie nicht vergessen, was in der Mitte steht: Der Baum des Lebens und der Erkenntnis. Gott selbst, in dem alle Schätze und Weisheit verborgen sind, wie es im Neuen Testament im Kolosserbrief steht. So werden wie Gott, das ist dem Menschen nicht möglich, auch dann, wenn es seine tiefste Sehnsucht bleibt.

Aber eine Rückkehr in den Urzustand, den Zustand vor dem Pflücken und Genießen der Frucht vom Erkenntnisbaum gibt es auch nicht. Genauso wenig wie man heute in die Zeit vor der Kernspaltung zurückgehen kann. Die Naivität und Unschuld des Menschen ist verloren. Also muss Gott werden wie ein Mensch, um uns seinen Willen neu anzubieten. Neu auf eine Art, die wir Menschen verstehen können. Dazu ist er in Jesus Christus Mensch geworden.

Weil Adam nach dem Kosten vom Erkenntnisbaum nicht mehr das Ebenbild Gottes ist, muss auch Gott das Bild wandeln, in dem er sich offenbart. Das klingt kompliziert. Das hat mir übrigens auch der eingangs erwähnte Mann im Zug gesagt, mit dem ich mich in ein Gespräch verwickelt habe. Er wollte wissen, ob das so ähnlich sei wie mit einem Vater, der seinem drogensüchtigen Sohn erst mal in die Szene folgen muss, um zu verstehen, wie dessen Lage ist – und dann erst überlegen kann, wie ihm zu helfen sei. Ganz so, denke ich, ist es nicht. Aber die Liebe, die hinter allem steckt, die ist vergleichbar. Nun können wir in dem, der in Armut geboren ist, der sich in schlechte Gesellschaft begibt und der eingesperrt, verurteilt und hingerichtet wird, unseren Bruder und zugleich Gott erkennen und versuchen, ihm ähnlich zu werden. Er hat uns doch allerhand an nachahmenswerten Verhaltensweisen anzubieten: Er lehrt uns, mit Niederlagen umzugehen und mit Rückschlägen, aber auch, nicht blind zu seinen gegenüber dem Leid anderer. Er lehrt uns, dass wir nicht alles ausprobieren müssen, was machbar und verlockend scheint (ich denke da an die Geschichte von der Versuchung durch den Teufel), und er lehrt uns, bedingungslos zu lieben, uns selbst aus Liebe ganz zu verschenken.

Durch die Taufe, so hat es der Apostel Paulus ausgedrückt, stirbt der "alte Adam" in uns und es wird alles neu. In der Gemeinschaft des menschgewordenen Gottes finden wir unser eigentliches Menschsein wieder. Aber das bedeutet auch: nur dann, wenn wir durch alles durchgehen, durch das auch Jesus durchgegangen ist, durch alle Niederungen und Leiden und den Tod, können wir ihm auch ähnlich werden in seiner anderen Gestalt, der des Auferstandenen am Ostermorgen und der, die das ewige Leben hat. Daher schreibt Paulus auch: "Wisst ihr nicht, dass wir alle, die getauft sind, sind in Christi Tod getauft?" wobei gleichzeitig die Zusage des Auferstandenen, des lebendigen Gottes, steht: "Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende". Seinen Geist hat er uns gegeben, so, wie der Herr am Anfang dem Menschen den Atem des Lebens.

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