Mehr als eine Selbsthilfegruppe

Eine meiner Bekannten ist vor einigen Jahren Buddhistin geworden. Jeden Mittwoch, wenn wir zusammen zur Arbeit fahren, wir sitzen dann eine Stunde nebeneinander im Auto, preist sie mir die Freiheit, die ihr durch ihren neuen Glauben zuteil geworden ist. Eine Religion, die ihre "frohe" Botschaft aus einer Kreuzigung beziehe, sei für sie der Inbegriff der Unfreiheit, so ihre neue Überzeugung. Umso erstaunter war ich dieser Tage, als ich ihr vom gemeinsamen Adventskranzstecken in einer Kirchengemeinde erzählte: "Hättest du mir das vorher gesagt, da wäre ich auch hingegangen – weißt du, auf einen Adventskranz möchte ich nicht verzichten, und einen Weihnachtsbaum stelle ich mir ebenfalls jedes Jahr hin." Das geschehe einfach aus einem zugegeben sentimentalen Gefühl heraus, das sie sich "leiste".

Ich erzählte das einem Freund, der gerade aus Thailand zurückkam. Ihn hat es wenig erstaunt, hat er doch dort einen Westeuropäer getroffen, der schon lange Buddhist geworden sei, sogar zeitweise in einem Kloster gelebt habe, aus dessen Buddhaschrein beim Öffnen aber immer "Stille Nacht" ertöne. Es sei doch im Grunde egal, meinte dieser Freund, an was der Einzelne so glaube, Hauptsache, er gehe liebevoll mit seiner Umwelt um. Und dies sei offenbar in beiden Fällen gegeben, meine Bekannte arbeitet mit behinderten Kindern und mit Suchtkranken, und sein Westeuropäer hat in Thailand in einem Elendsgebiet eine Krankenstation eröffnet.

Zugegeben, niemand kann in das Herz eines anderen Menschen hineinschauen, aber ich habe mir dennoch überlegt, warum denn diese beiden Menschen, und sie sind ja nur Einzelbeispiele, ihre Versammlung verlassen haben und sich anders orientieren. Gerade in der eben verlesenen Passage des Hebräerbriefes fanden sich einige Stellen, die das formulieren, was meine Bekannte am Christentum angeblich so gestört hat: "Los von dem bösen Gewissen", das bedeute doch, dass den Menschen erst einmal von Kind auf ein Schuldgefühl eingeredet werde, von dem man ihm dann Absolution verspreche. Sie erinnere sich da recht ungern an ihre Kindheit, an das "Gott sieht alles", wenn sie Bonbons geklaut hatte. Und mit dem "Acht haben auf den Anderen" sei wohl konkret eher verbunden, dass in den Kirchengemeinden einer sich das Maul über den anderen verreiße, sich zum Richter über dessen Lebenswandel aufblähe, dass beständig einer den anderen beobachte, Klatsch und Tratsch blühten. Schau dir das doch mal an in euren Gottesdiensten: Da lächeln sie sich alle an, wenn sie reinkommen, und wenn sie nach dem Segen rausgehen, ist einer des anderen Teufel. Bei den Buddhisten sei das anders. Die Distanz sei größer – und letztlich werde auch nichts versprochen, was offensichtlich ja doch nie komme. "Oder glaubst du wirklich, dass dieser Wanderprediger, der vor 2000 Jahren ja vielleicht mal im Orient gelebt haben mag, irgendwann wiederkommt? Nimm es doch als das, was es ist: Ein Märchen, das gewiss seine Reize und seine Lehreffekte hat – aber deinen eigenen Weg und deine Kraft musst du schon anders finden, in dir selbst aufspüren durch Meditation."

Es soll hier kein Seminar über Buddhismus gehalten werden, das kann nicht Sinn eines christlichen Gottesdienstes sein – ich habe nur einiges an der Kritik recht empfindlich wahr- und aufgenommen. Die Kritik schien mir zu besagen, dass wir "aufeinander Acht haben", einander beobachten, im Grunde nur, um einander zu schaden, einander zu verletzten. Wie verletzend können doch Worte sein, kann auch Schweigen sein, kann bewusste Nichtachtung sein – oder auch das beleidigte Wegbleiben aus der Gemeinde.

Und gerade kürzlich war mir selbst aufgestoßen, wie wenig stimmig manchmal Botschaft und Boten, Evangelium und Gemeinde sind. Geradezu grotesk kann es doch wirken, wenn da irgendwo im Gottesdienst ein Lied aus der Brüdergemeine, "Herz und Herz vereint zusammen", mit Begeisterung gesungen wird: "Liebe, hast du es geboten, dass man Liebe üben soll, o so mache doch die toten trägen Geister lebensvoll" und wenn sich eben diese Gemeinde, die sich im Lied einträchtig als "Gnadenkinder" bezeichnet, sich zuvor fast bis aufs Messer behackt hat, in einer banalen Frage der Läute-Ordnung beispielsweise oder, mit dem Nachbardorf, über den Termin des Adventskonzertes und wegen des Heiligabend-Gottesdienstes, der in keinem Fall gemeinsam abgehalten werden soll. Oder über die gerade aktuelle Frage der Zusammenlegungen von Gemeinden?

"Lass uns nicht verlassen unsere Versammlungen", man könnte denken, diese Passage des Hebräerbriefes sei keine Predigt von vor 1900 Jahren, sondern aus der Beobachtung hier und heute, auch im Kirchenkreis Eisleben. "Es glänzet der Christen inwendiges Leben", das Lied aus dem Hallischen Gesangbuch gilt als Lied der Gemeinde, der Ecclesia – und wie gut ist dieser Glanz doch oft nach außen verborgen. "Sie schmecken den Frieden bei allem Getümmel" – auch davon ist oft sehr wenig zu spüren.

"Lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben", ist das überhaupt möglich, wenn innerlich die Verärgerung über den Nachbarn noch schwelt? Gerade im vorweihnachtlichen Stress, der ja auch in den einzelnen Gemeinden seine Spuren hinterlässt, fällt es auf den ersten Blick schwer, überhaupt die gebotene Hoffnung zu wahren. Ist da nicht zu verstehen, wenn sich jemand einer Religion wie dem Buddhismus zuwendet, die den Weg nach innen propagiert – und sich "Stille Nacht" vor einem lächelnden Buddha anhört, den privaten Adventskranz neben dem Götterschrein als Rest einer Wurzel festhaltend?

"Und lasst uns aufeinander Acht haben", das übersetzt Athanasius Wolf, Benediktiner in Maria Laach, mit folgenden Worten: "Und lasset uns untereinander unser selbst wahrnehmen mit Reizen zur Liebe und guten Werken". Uns untereinander selbst wahrnehmen – das bedeutet doch einen ganz anderen Blick auf den anderen, ja, auf die ganze "Versammlung", die ganze Gemeinde zu werfen. Das heißt, nicht das sehen, was sich oberflächlich erschließt, sondern, was hinter dem Menschen steckt. Wenn wir den anderen anders sehen lernen, "gewaschen am Leib mit reinem Wasser", als Getauften und als Bruder, entdecken wir in ihm zum einen einen Spiegel unseres eigenen Ichs, zum andern vielleicht, ja gewiss, auch ein Stück von dem, auf den wir warten. Uns untereinander ermahnen, heißt auch, einander ernst nehmen, ehrlich und offen zueinander sein. Freilich, solche Offenheit und Ehrlichkeit ist eine schwierige Sache. Bedeutet sie doch zunächst einen Blick in den Spiegel, mit "wahrhaftigem Herzen". "Wie glaubwürdig bin ich denn selbst?", bei der Antwort auf diese Frage kann einem schon Angst werden, ganz so glänzend sieht doch das inwendige Leben meist nicht aus, und die Putzarbeit ist mühsam und nicht ohne Schmerzen. Und eine Gemeinde ist weder eine gruppentherapeutische Sitzung noch der Pfarrer ein Psychiater, die Adventsbastelstunde keine Selbsthilfegruppe. Aber dennoch hat beides mit Seelsorge und mit Hoffnung zu tun. Und daher kann die Frage nach dem "Wie fühle ich mich dabei? Wie fühlst du dich dabei? Wie geht es dir damit?" hilfreich sein, wenn sie Gewalt aus unserer Sprache und aus unseren Blicken nimmt. Offenheit und Ehrlichkeit ist möglich, wenn der Ton, in dem man miteinander spricht, aus dem Herzen kommt und wenn wir uns in der Begegnung immer wieder bewusst sind: "Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen." Und wer würde denn in der Gegenwart des lebendigen Gottes seinen Nachbarn bewusst niedermachen? Oder beleidigt wegrennen?

Eine Gemeinde ist mehr als eine Selbsthilfegruppe. Sie hat einen besonderen Geist. Einander wahrnehmen heißt einander ernst nehmen. Und wer Gott ernst nimmt, muss auch den Menschen ernst nehmen, weil es Gott umgekehrt auch getan hat. Gott nimmt uns so ernst, dass er seinen Sohn für uns durch den Tod geschickt hat. Hinterlassen hat er uns den Geist der Wahrheit, der Hoffnung und der Liebe. In der gemeinsamen Hoffnung wollen wir miteinander warten, auch im neuen Kirchenjahr und gerade jetzt im Advent, auf den Tag, der uns in dieser Zeit näher scheint als sonst, obwohl wir nicht wissen können, wann er kommt.

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