Manchmal, da werden uns die Augen geöffnet

Liebe Gemeinde,

manchmal, da werden uns die Augen geöffnet, da fällt es uns wie Schuppen von den Augen und wir fragen uns, ja warum haben wir das denn nicht gleich gesehen, wie konnten wir so blind sein, das nicht zu sehen? Manchmal, da werden uns die Augen geöffnet und es scheint, wir würden alles viel klarer und genauer sehen, was wir vielleicht zuvor nur schemenhaft erahnten.

Vielen Menchen, liebe Gemeinde, ist es vielleicht seit jenem 11. September so ergangen, als die Welt von einem Augenblick zum anderen nicht mehr die gleiche war wie zuvor, oder vielleicht sehen wir ja nun sehr viel ehrlicher und genauer in welcher Welt wir leben, vielleicht lernen wir ja gerade einmal genauer auch hinzuschauen, welche Ursachen und welcher Nährboden nötig ist um einen derart blinden Hass zu erzeugen, wie er sich bei den Terrorangriffen zeigt.

Sind wir nun blind vor Entsetzen geworden oder sind uns die Augen geöffnet worden? Unser heutiger Predigttext erzählt jedenfalls eine Geschichte weiter, in der einem Menschen die Augen geöffnet wurden. Jesus begegnet einem jungen Mann, der von Geburt an blind ist, sie erinnern sich vielleicht, dass er ihm mit einer Mischung aus Erde und Speichel die Augen bestrich und ihm dadurch das Augenlicht wiederschenkt.

Eigentlich unfassbar und nicht zu glauben. Den Menschen damals ging es ähnlich. Die Nachbarn des jungen Mannes reagieren auf diese Nachricht höchst verunsichert, ja zweifeln sogar an, ob der Geheilte wirklich der Blinde war, den sie kennen, oder ob er ihm nur ähnlich sieht. Schließlich bringen sie ihn zu den Pharisäern, frommen Menschen, von denen man meint das beurteilen zu können. Die Pharisäer befragen den Geheilten und der berichtet sehr ausführlich von seiner Heilung. Er hält den Pharisäern fast schon eine Predigt, die in dem Satz gipfelt: "Von Anbeginn der Welt hat man noch nicht gehört, dass jemand einem Blindgeborenen die Augen aufgetan hat. Wäre dieser Jesus, der mich heilte, nicht von Gott, er könnte so etwas nicht tun." Auch die Eltern, die von den zweifelnden Pharisäern herbeigeholt werden bestätigen. Ja, das ist unser Sohn, aber die Pharisäer können oder wollen das nicht glauben, dass Heilung außerhalb der gewohnten Frömmigkeit möglich ist und sprechen das Urteil, den Geheilten aus der religiösen Gemeinschaft zu verstoßen. Hier nun, liebe Gemeinde setzt unser heutiger Predigttext ein:

[TEXT V. 35-38]

Ja, manchmal werden uns die Augen geöffnet, die Augen zum Glauben. Das möchte der Evangelist Johannes uns erzählen. Und während wir in den letzten Tagen viele Bilder des Grauens sahen, des Hasses und auch des Leids, liebe Gemeinde, scheint es nun noch wichtiger zu sein, dass auch uns die Augen zum Glauben an Jesus geöffnet werden.

Mir sagt dieses Gespäch mit Jesus und dem geheilten dreierlei: Erstens: Glaube entsteht so, dass Jesus einen Menschen nach seiner Hoffnung hin befragt. Glaube entsteht also nicht dort, liebe Gemeinde, wo ich mich von den Schrecken der Welt fesseln lasse, und auch nicht dort, wo ich in Zeiten, die weiß Gott schwierig und entsetzlich sind, allein auf meine Sorgen und Ängste schaue. Glaube entsteht dort wo ich mich auf meine Hoffnung hin befragen lasse, und wo ich meine Hoffnung nicht aus dem Blick verliere.

Gerade jetzt, liebe Gemeinde, brauchen wir diesen Glauben, gerade jetzt, wo viele Menschen aus der berechtigten Angst und Sorge, die ich teile, nur noch schwarz sehen. Damit ist niemandem geholfen, uns nicht und auch der durch und durch zerissenenen Welt nicht. Ja auch so sind uns die Augen geöffnet worden, liebe Gemeinde, dass wir nun sehen, wie sich Gewalt und Hass in der Welt Bahn bricht, aber wer die Hoffnung aus dem Blick verliert, wer jetzt nicht auf Gott schaut und die Hoffnung die er schenkt, der wird allzuleicht blind vor Schrecken und verliert die Orientierung. Der läuft allzu leicht den herren dieser Welt nach, die von einer militärischen Lösung sprechen.

Als zweites sagt mir diese Geschichte: Glaube geschieht in der persönlichen Begegnung mit Jesus. Auf was schauen wir in diesen Tagen, auf was hören wir in diesen Tagen? Mir ist in vergangenen Woche aufgefallen, dass ich mich immer mehr leiten lasse von den Bildern, die ich im Fernsehen sehe, von dem Meldungen auch die ich höre, und auch von den Gefühlen der Ohnmacht und der Angst, die sie erzeugen. Und darum gilt diese Frage auch mir und ihnen, die Jesus dem Geheilten stellt. Glaubst du an den Menschensohn? Glaubst du an Jesus. Glaubst du an den Retter dere Welt. Glaubst du an den Sieg des Lebens über den Tod? Möge er uns in dieser Stunde und diesen Tagen begegnen und ansprechen, dass wir diese Frage hören und beantworten können. Ja ich glaube. Ja , ich glaube allen schreckliche Bildern der Gewalt zum Trotz, dass die Liebe siegt über die Gewalt, und das Leben über den Tod, ja ich glaube gerade jetzt, in diesen Tagen, da mir die Welt im Würgegriff des Terrors und der militärischen Führer vieler Nationen ist, dass diese Welt doch in den Händen Gottes ist.

Als drittes schließlich sagt mir die Erzählung: Im Glauben an Jesus darf ich die Welt mit anderen Augen sehen. Da gibt es nicht den Kampf der Kuluren und erst recht nicht den Kampf der Religionen, sondern da sehe ich die vielen Menschen, denen der Frieden am Herzen liegt und das Miteinander, gleich welcher Religion sie sind. Im Glauben an Jesus sehe ich die Welt mit anderen Augen, liebe Gemeinde, und darum dürfen wir uns nicht nur fragen, wer und was uns bedroht, sondern müssen auch darauf schauen, wie wir die Menschen großer Teile der Welt bedrohen und ihrer Zukunftshoffnung berauben. Bitte, ohne auch nur einen einzigen Funken des Verständnisses für den Terrorakt dieser blindwütigen Gewalttäter zu haben, dürfen wir doch nicht aus dem Blick verlieren, dass die Kluft zwischen Arm und Reich, dass diese himmelschreiende Ungerechtigkeit, die in der Welt herrscht, nicht zuletzt dazu beigetragen hat, den Nährboden von Hass uind Gewalt in der Welt zu düngen. Davor dürfen wir einfach nicht mehr unseren Blick verschließen. Doch unser Geschichte und unser Predigttext geht noch weiter, liebe Gemeinde:

[TEXT V. 39-41]

Manchmal, liebe Gemeinde, werden uns die Augen geöffnet, nicht nur über die Welt, sondern auch über uns selbst. Da gibt es Menschen, die wissen sehr viel und verstehen doch nichts. Der Evangelist nennt sie Pharisäer. Und die fragen: Ja sind wir denn auch blind?

Ich habe mich einige Zeit gefragt, liebe Gemeinde, wo wir, so wie wir hier sind, in dieser Geschichte vorkommen. Sind wir die Geheilten oder sind wir wie die Pharisäer und müssen uns ehrlich fragen: Ja sind wir denn auch blind? Ich übersetze das einmal so: Müssten wir uns denn nicht diese Frage stellen? Lassen wir uns denn in diesen Zeiten noch auf unsere Hoffnung, auf unsere Zuversicht, auf unsere Liebe hin ansprechen? Lassen wir uns jetzt und heute im Angesicht der schrecklichen Geschehnisse noch von Jesus finden und ansprechen, oder sind wir schon fertig mit usnerem Glauben, schon fertig mit unseren Fragen? Denn Glauben heißt nicht unbedingt, die fertigen Antworten zu haben, sondern sich selbst in Frage stellen zu lassen und selbst Fragen zu stellen.

Sicher ist, liebe Gemeinde, dass wir die Antworten auf unsere Fragen zuallererst bei Jesus und den Worten der Bibel suchen sollen. Mir scheint, dass gerade was unsere Sicherheit betrifft, wir uns schon wieder hinziehen von Menschen leiten lassen, die schnelle und einfache Lösungen und Antworten haben. Etwa 20 Prozent der Bundesbürger würden im Moment bundesweit die Partei des Law and Order Mannes Schill wählen, würden sogenannte saubere und schnelle Lösungen akzeptieren. Mit Recht fragen sich Menschen, wie das Leben wieder sicherer und unbeschwerte werden kann, ich auch. Aber wer Freiheit aufgibt um Sicherheit zu erlangen, wird am Ende beides nicht bekommen. Wir brauchen jetzt keine starken Männer, liebe Gemeinde, davon hatten wir schon genug, sondern wir brauchen eine Kultur der Liebe und des Miteianders, was uns hilft sind jetzt nicht harte Schnitte und radikale Lösungen, sondern der Versuch, diese Welt gerechter und als Weltgemeinschaft zu gestalten, in der uns bewusst wird, dass es eben nur eine Welt und eine Menschheit gibt.

Diese Geschichte von der Heilung eines Blindgeborenen, die von den Pharisäeren für unmöglich gehalten wurde, sagt mir, dass Veränderungen und Heilung möglich ist, gerade dort wo man es eigentlich für unmöglich hielt. Heilung auch für unsere Welt. Sie zeigt mir dass Wunder und Heilung möglich ist, gerade dort, wo Menschen nur noch ihre Angst und ihre Verzeiflung sehen können. Manchmal werden uns die Augen geöffnet. Wenn wir uns für Gott öffnen und wenn Jesus uns begegnet. Verschließt euch nicht in eurer Angst, sondern öffnet euch für die Hoffnung und die Liebe die Gott gibt. Dann wird dem Hass und der Gewalt Hören und Sehen vergehen.

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