Manchmal brauche ich Trost

Manchmal brauche ich Trost – so Vieles, dass mich an den Rand der Verzweiflung bringt. Krankheit, Tod, Probleme, Sorgen um Arbeitsplätze. Menschen erzählen ihre Probleme, ich erlebe sie hautnah mit und oft weiß ich nicht, wie das alles zu ertragen ist. Und ich weiß, dass es unserer Gemeinde Menschen gibt, denen es noch viel elender geht.

Wir sind gerade mittendrin, Stellen in unseren beiden Kindergärten und im Hort zu besetzen. Wer da aufmerksam mitgeht, spürt das Elend. Allein die schiere Zahl von insgesamt 190 Bewerbungen verrät viel von dem elend der Gesellschaft, die zwar ausbildet, aber dann keine Arbeitsstelle hat für die Menschen. Und dann kommen Einzelschicksale in den Blick: Alleinerziehende, die sei Jahren am Minimum leben, Menschen, deren Lebensentwürfe geplatzt sind und die jetzt Boden unter den Füßen suchen. Junge Mütter genauso wie Frauen mittleren Alters, die viel Zeit für Familie investiert haben und nun versuchen, wieder Tritt zu fassen. Und hinter manchen Bewerbungen ahnt man noch anderes Leid, Tod, Krankheit, menschliche Verwundungen und Verletzungen.

Ich erzähle ihnen das als Beispiel für das, was viele von Ihnen aus unzähligen anderen Bereichen auch kennen. Es gibt viel Leid, in unserem Land, vieles bei dem einen unbändige Wut packen kann, wieso manche Menschen immer auf die Füße fallen und andere immer wieder auf die Schnauze fallen. Und mit dem Trost ist das dann so eine Sache. Und ob der Trost aus Kirche und Bibel weiterhilft?

[TEXT]

Der ehemalige tschechische Präsident Vaclav Havel hat einmal gesagt: ,,Hoffnung ist eben nicht Optimismus. Sie ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat – ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht. Vielleicht hilft diese Feststellung, dem auf die Spur zu kommen, was mit den schier unverständlich erscheinenden Worten aus dem Johannes-Evangelium gemeint sein könnte. ,,Hoffnung" – vielleicht ist sie das Schlüsselwort, durch das sich der recht verschlüsselt daher kommende Text erschließen lässt. ,,Hoffnung" – nicht charmant, galant, einladend, sondern widerständig, herausfordernd, spröde.

Hoffnung ist nicht etwas, dass man jemandem anderen einfach so zusprechen kann. Man kann sie vermitteln. Von Hoffnung kann man reden und aus Hoffnung kann man leben. Davon erzählt Jesus, wenn er von dem Geist der Wahrheit redet, der der Gemeinde verliehen ist. Dieser Geist der Wahrheit heißt im griechischen Paraklet. Das Bedeutet zugleich Anwalt und Tröster.

Gott bekennen wir als Vater Sohn und Heiliger Geist. Wir bekennen, dass er es ist, der uns so sehr liebt, dass er uns trösten will und dass er wie ein Anwalt für unsere Interessen einstehen will. Wir müssen dieses ‚Gott für uns’ suchen. Darum feiern wir Gottesdienst, darum hören wir auf sein Wort, darum feiern Menschen in Berlin Kirchentag und besuchen Bibelarbeiten und Vorträge, Gottesdienste und workshops. Wir können das alles in großer Freiheit und Selbstverständlichkeit tun. Schulen und öffentliche Arbeitgeber gewähren Sonderurlaub für den Kirchentag. Das ist alles nicht selbstverständlich. Wir wissen, dass es viele Länder – gerade auch im islamistischen Bereich gibt, in der Menschen unter größten Gefahren einen Gottesdienst oder eine Bibelstunde abhalten. An diese Wirklichkeit werde ich erinnert, wenn Jesus von den kommenden Bedrohungen der jungen Gemeinde redet. Inhalt seiner Rede ist die Bedrohung durch die Synagoge. Inzwischen wissen wir, dass die Rache grausam war und viele Jahrhunderte dauerte und im Holocaust gipfelte. Und wir wissen auch welche Bedrohungen von der christlichen Gemeine ausgingen, egal ob in Ketzerprozessen, Hexenverbrennungen oder im Kolonialismus, als man keine Probleme hatte, neue Länder zu erobern und von den Wilden und Heiden zu säubern.
Es scheint so, dass Glaubende die Macht erhalten, nicht immer auch Demut und Weisheit erhalten. Im Gegenteil oft meinen sie mit Gewalt den Willen Gottes tun zu müssen, manchmal ohne ernsthaft mit Brüdern und Schwestern zu reden, wo denn der Wille Gottes zu suchen ist. Gerade von George W. Bush wissen wir, dass er sich weigerte, mit Bischöfen seiner Kirche zu sprechen, bevor er den Befehl gab, den Irak zu überfallen.

Ich glaube, das ist wichtig, dass wir der Verheißung Jesu vertrauen, dass sein Heiliger Geist mit uns ist, der Anwalt, der Tröster, der uns in allem hilft, unser Leben nach seinem willen zu gestalten. Das ist nicht immer einfach, auch weil der Geist uns helfen muss, zu unterscheiden zwischen eigenen Zielen und der Botschaft Christi.

Christus selber, das sagt er hier deutlich kann zum Skandalon, zum Stein des Anstosses für die Seinen werden, zu jeder Zeit wieder, wie er zur Zeit Jesu zum Skandalon für etabliertes, erstarrtes Judentum geworden ist. Ein Jüngertum, das nur in der Welt Anerkennung findet, hat etwas falsch gemacht. Es verdient kein Vertrauen. Die Kirche ist nicht Geist der Wahrheit. Sie hat ihn auch nicht (im Sinne von darüber verfügen) er ist ihr verliehen und sie muss ihn suchen. Es ist wie mit der Liebe, die gelebt werden muss – oder sie ist nicht. Der Geist der Wahrheit ist dort, wo Nachfolge gelebt wird.

Jesus verheißt seiner Gemeinde Trost – er verheißt ihn auch unserer Gemeinde überall dort, wo sie sich abgelehnt, abgewiesen erfährt, jedem Einzelnen angefochtenen Gewissen wird Trost verheißen. Daran zu denken, heißt Jesus zu erinnern und den nächsten zu sehen.

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