Machen wir die Türen auf!

Liebe Gemeinde,

freudestrahlend trippelnd um halb sechs morgens krähen zwei Kinderstimmen: Mama darf ich jetzt das Türchen aufmachen? Ist heute Zeit für den Adventskalender? Was ist da drin? Wann kommt jetzt endlich das Christkind? Ungeduldig warten die Kinder auf etwas schönes. Sie scheinen schier zu platzen vor Vorfreude. An jedem Tag, der sich an das Fest nähert, kann man schon ein bisschen vorschmecken was kommen mag. Wichern hat für seine Jugendlichen den ersten Adventskranz erfunden. Mit 24 Kerzen für jeden Tag eine, die das Licht von Weihnachten erahnen lässt. In anderen Traditionen wird eifrig die Krippe eingerichtet jeden Tag ein Bündel Stroh oder ein Holzscheit, ein Schaf, ein Trog ein paar Dachschindeln …

Macht hoch die Tür die Tor macht weit haben wir gesungen. Es ist Advent, da kommt etwas auf uns zu. Tanzen vor Freude tun wohl die wenigsten unter uns. Ich muss noch Geschenke einkaufen, keine Ahnung was, die haben ja schon alles. Ich muss noch Plätzchen backen, alle haben schon angefangen nur ich nicht. Ich muss noch das Haus durchputzen bevor die Schwiegereltern kommen, Ach, mein Gott, was soll ich nur kochen. Ich kann diese Weihnachtsfeiern nicht mehr haben dauern mit anderen zusammenhocken und Glühwein trinken, das geht mir auf den Geist. Dieses Friede Freude Eierkuchen an den Festtagen widert mich an, am Ende gibt es doch wieder Streit. Weihnachten bedeutet mir nichts, ich bin ja ganz allein zuhause, was soll ich denn da feiern. Stress, Bedrückung, Angst begleiten den Advent der Erwachsenen, die wenigsten Tanzen vor Freude … sie zeigen eher griesgrämige Gesichter.

Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Auf den Blickwinkel kommt es an. Was sehen wir, wenn wir dir Tür zum Weihnachtszimmer öffnen? Freuen wir uns da? Oder sagen wir, "das ist wegen der Kinder, die freuen sich doch so." Mir scheint oft vor unseren Augen hängt ein dicker muffiger Vorhang, durch den man kaum erahnen kann, was vor uns liegt, worauf es ankommt. Ich habe dazu eine kleine Geschichte gefunden: "In einem von Euch…" [Vielen Dank Johannes Taig für die Geschichte "In einem von euch ist der Christus" eingestellt bei kanzelgruss.de unter 1. Advent]

Ein psychologischer Trick, liebe Gemeinde, mögen manche sagen, doch das ist mir zu kurz gegriffen. Wir Christen brauchen die Erinnerung daran, dass Jesus Christus uns zugesagt hat "ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" bei jeder Taufe, bei jeder Beerdigung, in jedem Advent. Wir brauchen die Erinnerung wer dieser Jesus eigentlich ist. Deshalb feiern wir "alle Jahre wieder" das Fest seiner Geburt, seinen Geburtstag und erinnern uns, dass dieses Kind, das unter so schwierigen Umständen geboren wurde auch der ist, der für uns gestorben ist, nachdem er den Weg zu Gott frei gemacht hat. Uns erlöst, von allem, was wir in unserem Egoismus an trennendem aufgehäuft haben. Der Vorhang ist zerrissen. Gemeint war der Vorhang des Jerusalemer Tempels, der das Allerheiligste den Raum Gottes, der nur einmal im Jahr vom Hohenpriester betreten werden durfte, vom allgemeinen Tempel trennte. Als Jesus starb – so berichten die Evangelien – zerriss er von oben an bis unten. Alle hatten nun Zugang direkt zu Gott. Der Tempel steht nur noch im Trümmern. Doch immer noch ist der Name Gottes anrufbar, kein neuer Vorhang kann den Zugang wieder verstellen. Advent und Ostern erinnern wir uns daran. Wir können direkt zu Gott reden. "Vater unser im Himmel …"

"Alle Jahre wieder" müssen wir uns daran erinnern. Denn wir sind vergesslich und verlieren das Wesentliche so schnell aus dem Auge unter den "Wundern" dieser Zeit, den Entdeckungen und Möglichkeiten, die wir Menschen ganz allein vollbracht haben: von den neuesten Rennern der Technik bis hin zum Klonen mit menschlichem Erbgut, von Steigerungen in der Börsenkurve bis zur hochtechnisch präzisen Vernichtung von Terroristen. Wir feiern unsere Hybris und fragen dabei, welcher Gott das Leid auf der anderen Seite der Medaille zulassen kann: von der Vergeudung von Rohstoffen bis zur Entwürdigung von Menschen, von der Arbeitslosigkeit bis zu den Kriegstoten … Einen ziemlich dicken muffigen Vorhang haben wir da vor Augen wir sind vergesslich geworden und erwarten hinter dem Vorhang nichts mehr, wenn wir ihn überhaupt als solchen wahrnehmen. Schon zu Paulus Zeiten verloren die frisch gebackenen Christen schnell den ersten Enthusiasmus. Eine Zeit lang warteten sie brav auf die verkündete Wiederkunft des Messias, des Christus. Dann kamen sie immer seltener zum Gottesdienst, begannen wieder ihr eigenes Leben zu leben wie vorher. Wenn man nicht weiß, wann der Herr wiederkommt, kann man auch keinen Adventskalender aufstellen, der das Warten erleichtert. Dann kommt das Vergessen.

"Macht hoch die Tür die Tor macht weit", heißt es. "Es kommt der Herr der Herrlichkeit, ein König aller Königreich, ein Heiland aller Welt zugleich, der Heil und Leben mit sich bringt, derhalben jauchzt, mit Freuden singt" Das kleine Kind Jesus ist der König , der in Jerusalem einziehen soll, wie der Prophet Sacharja verkündete: "Du, Tochter Zion freue dich sehr, und du Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. "Wir haben von diesem Einzug im Evangelium gehört. Es ist die Geschichte vom Palmsonntag kurz vor dem Tod Jesu. "Alle Jahre wieder" erzählen wir sie gegen das Vergessen an. Auch wir verlassen die Kirchen, auch wir zweifeln an der Treue Gottes, auch wir vergessen, dass Gottesdienst mehr ist als seine Zeit abzusitzen und eine hoffentlich gute Show geboten zu bekommen.

Der Hebräerbrief des Paulus könnte genauso an uns adressiert sein: "Lasst uns fest halten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat"; Gott schenkt uns Hoffnung auf ein neues Leben, auf einen neuen Anfang ohne den Ballast, der uns wie eine Fußfessel vom freien Gang abhält, ohne Sorgen und Ängste, ohne Lügen und falsche Fassaden, ohne Stress und Zugzwang, ohne Hass und gegenseitige Zerstörung. Wir versammeln uns als Christen – so schreibt Paulus – um in dieser Hoffnung "aufeinander Acht zu haben und anzureizen zur Liebe und zu guten Werken." Das kann durchaus missverstanden werden. Achthaben hat nichts mit überwachen und ausspionieren zu tun, kein Tugendwächter ist hier gefragt. Es ist achthaben im Sinne der Traufrage "wollt ihr einander achten und ehren bis dass der Tod euch scheidet." Achtung und Ehrfurcht vor jemandem haben, meint ihn als Kind Gottes ernst zu nehmen, ihm einen eigenen Wert zuzusprechen, der durch nichts in der Welt geschmälert werden kann. Achten meint liebevoll mit einem Menschen umgehen, meint aber nicht ihm um den Bart gehen. Ermahnen und Anreizen gehört dazu. Beides aber nicht durch Geld, Drohungen oder Geschenke, sondern durch das eigene Beispiel, durch das Vorleben eines Glaubens an den Gott der Verheißungen.

Dieser Glaube braucht die Erinnerung "alle Jahre wieder"; zu fremd scheint uns diese göttliche Welt. Um neu glauben zu können, dass da etwas zukommt auf uns im Advent, das es lohnt vor Freude zu tanzen, müssen wir immer wieder verbaute Wege freimachen, Türen öffnen, muffige Vorhänge zurückschieben, wenn wir sie nicht gleich auf den Speicher verbannen können. Fastenzeit, Bußezeit ist der Advent traditionell. Auch das Volk Israel hat sich immer so auf seine Feste vorbereitet. Ein Festsaal ist ein aufgeräumtes Zimmer, liebevoll gestaltet, voller Glanz, voller Träume und Hoffnungen. Aufräumen im übertragenen Sinn, aufräumen im Innersten der Seele ist die Aufgabe der Festvorbereitung im Advent. Nach Innen schauen und zurückblicken auf das vergangene Jahr, sich die Mißerfolge und Sorgen vor Augen führen und abzulegen, damit Platz wird für Hoffnung und Freude. Weg mit dem muffigen Vorhang, der nichts in Ihr Innerstes eindringen lässt, weder Freude, weder Gefühle, noch Menschen noch Gott. Das ist – wie es so schön im Gemeindebrief steht – Wellness für Ihre Seele. Wenn wir uns öffnen, können wir auch die 5. Strophe unseres Adventliedes singen:

Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr,
sei ewig Preis und Ehr.

Machen wir die Türen auf, die Tore weit, Stück für Stück, wie im Adventskalender, schieben wir die Vorhänge zurück und trippeln dabei voller Neugier, was da kommen mag, blicken wir nach vorne aufs Wesentliche auf das Kind, das die Welt verändert hat, verändert und weiter verändern wird, mehr noch als es jedes Kind für seine Familie schon tut. Erwarten wir doch etwas – eine Schiffsladung voller Geschenke des Lebens:

1. Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein‘ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.
2. Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

Schauen wir zu bis es ankert – in unserer Welt, in unserem Herzen, in unserer Seele? Wenn wir befreit sind von dem, was uns bindet, unsere Augen verstellt, von unserem muffigen Vorhang, dann können wir feiern wie die Kinder und andere damit anstecken, zur Liebe anreizen und dazu, einander zu achten. Dann können wir wie die Mönche im Kloster, wie das Volk Israel im Tempel den alten Psalm anstimmen: (Ps 126):

1 Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. 2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Dann wird man sagen unter den Heiden: Der HERR hat Großes an ihnen getan! 3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.

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