Liebesbekenntnis

Liebe Gemeinde,

mir ist neulich etwas merkwürdiges – des Merkens würdig – passiert: Ich fuhr mit meinem Auto auf dem Schiffbeker Weg Richtung Wandsbek. Von Ampel zu Ampel schob sich die Autoschlange – wie so häufig viel zu viel Verkehr auf der Straße. Ärger, dass man nicht voran kommt. Nach und nach schweifen die Gedanken ab … ach ja – der Predigttext, den ich gelesen hatte, jetzt kam er mir irgendwie in den Sinn: "Höre Israel – der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft. Und diese Worte, sollst du zu Herzen nehmen … sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore."

Bilder aus Israel fallen mir ein. Stirnkapsel und Mesusa an jeder Tür – die kleine Kapsel, die das Bekenntnis enthält: "Höre Isael – der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott liebhaben von ganzem herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft." Ja, unsere jüdischen Brüder binden sich die Worte auf Stirn und an den Arm, so wie es geschrieben steht. Und an jeder Tür – ob im Hotel oder Zuhause findet sich die kleine Kapsel mit dem Bekenntnis darin. Aufgeschrieben auf einen winzigen Zettel, von Rabinern geprüft und versiegelt.

Höre Israel – Der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer allein. hab ihn lieb von ganzem herzen, von ganzer Seele, mit aller deiner Kraft.

Ich sitze im Auto zwischen den anderen Blechkisten und denke daran. Im Radio spielen Sie Ina Deter: "Ich schreibs an jede Wand – neue Männer braucht das Land …". An die Wand schreiben – das kenne ich. Grafittis – in unserer Stadt überall. Schöne und manchmal auch abstoßende. "Ich schreibs an jede Wand …" – wenn etwas wichtig ist, dann muss es überall zu lesen sein, wie ein Menetekel.

Und plötzlich – und das war ein wirklich merkwürdiger Moment – da fiel mein Blick an den Straßenrand: an den Bäumen und Laternenpfählen sah ich orangefarbene Zettel aufglühen. Auf jedem stand ein Wort. Ich konnte sie nicht mehr alle lesen, an einigen war ich wohl schon vorbeigefahren. Lesen konnte ich noch die letzten Worte: "dass ich dich liebe." Ein Liebesbekenntnis an die Pfosten und Begrenzungen der Straße geschrieben. Der tägliche Weg eines bestimmten Menschen bekommt eine neue Bedeutung. Sogar auf mich – und sicher auf alle, die die Worte lasen, hat das Geschriebene gewirkt: Ich spürte, mein Gesicht veränderte sich. Ich habe gelächelt. Mitten im stinkenden Autoverkehr gelächelt. Für einen Menschen, für den der oder die gemeint war, hat dieser Weg eine Bedeutung bekommen. Es ist nicht mehr irgendeine Straße. Es ist jetzt der Übergang in eine neue Wirklichkeit, in ein "danach", dass von der Liebe und dem Geliebtwerden weiß.

Ich weiß nicht, ob das Bekenntnis eine Antwort erhalten hat. Werden die zwei ein Paar werden, vielleicht sogar heiraten, vielleicht ein Leben lang glücklich zusammen sein und sich immer wieder erinnern an die Straße und an den Übergang vom Alltäglichen hin zum ganz Besonderen. In jedem Fall ist die angesprochene oder der angesprochene anders an seinem Ziel angekommen, als er oder sie losgefahren ist. Die Worte an den Wänden, die Worte, die Offenbarungen sind, Offenbarungen der Liebe, des Herzens, der Seele, die verändern unser Leben.

Israel hat die Liebe und die Treue Gottes immer wieder als völlig lebensverändernd erfahren. Aus Gefangenschaft wurde Freiheit, aus Knechtschaft Königsherrschaft. Aus Zweifel wurde oft genug Hoffnung und Zuversicht, aus Hunger und Durst Sattheit und Zufriedenheit. Aus verzweifelter Not in Verfolgung und millionenfachem Morden wurde Kraft zum Gedenken und zum Neubeginnen – Trotz-Dem. Nie war die Geschichte der Wandlungen am Ende. Sie ist es bis heute nicht – wann wird aus Hass und Intoleranz endlich Friede und Miteinander im Nahen Osten werden? Die Geschichte Gottes mit seinem Volk ist nicht am Ende. Wir Christinnen und Christen dürfen teilhaben an dieser Geschichte – wir als Kinder des Judentums sind selbst ein Teil der Gestaltungskraft Gottes, die immer neu sich selbst Leben schafft – für uns in Gestalt Jesu Christi, in Tod und Auferstehung – für Juden in Gestalt ihrer Geschichte von Fluch und Segen.

Zu diesem Gott, der Leben verändert, bekennen wir uns gemeinsam – Juden zuerst und dann wir Christinnen und Christen. Das Bekennen mit Worten sind wir gewohnt – das Erleben des Bekenntnisses mit Leib und Seele, das können wir noch lernen.

Das Liebesbekenntis am Schiffbeker Weg hat mich deshalb so beeindruckt, weil es eine neue Dimension sichtbar gemacht hat: wie durch eine Schleuse fuhr man da auf der ganz normalen Straße. So eine Schleuse ist für Juden jede Tür: da hängen die Worte, die alles sagen, was wichtig ist: Unser Gott ist einer – kein Baal, keine Astarte, kein Fußballgott, kein sonstwas –unser Gott ist der Herr – ADONAI – der Unausprechliche. Einer. Wirksam in vielerlei Gestalt – Geist – Weisheit – Profephetie – Wort. Und dann steht da: Du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft. Wer daran vorbei geht – vielleicht die Messusa kurz berührt – der oder die kann nicht einfach vorbei gehen. Das ist unmöglich. Die Worte verändern Wirklichkeit. Alles Tun, alles Reden, das unterwegs sein und das bleiben, das schlafen und das aufstehen steht unter einem Vorzeichen: unter dem Vorzeichen der Liebe zu dem einen Gott.

Sehr unterschiedlich sind für mich die Botschaften der Worte, die ich an der Straße las und die ich in der Bibel lese: An der Straße war es leicht, sich darauf einzulassen: weißt du, dass ich dich liebe? Das ist ein Geschenk, (noch) keine Forderung.

Die biblische Botschaft ist anders. Da heißt es: "Du sollst lieben mit ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft" – ein Widerspruch in sich? Nach unserem Verständnis sicher – "Liebe" ist ein Kind der Freiheit und hat nichts mit Sollen und Müssen zu tun. Und doch – im hebräischen Text ist ja von dem LEB, die Rede und dieses "Herz" ist im hebräischen Denken nicht Sitz der Gefühle, sondern des Verstandes. Und die Näfäsch – die Seele – das ist das ganze Sein eines Menschen, sein Reden, sein Tun, sein Lassen. Das Bekenntnis des Judentums ist keine gefühlsduselige Liebesforderung. Es geht um mehr: dieses Bekenntnis ist zugleich Anleitung zur Lebensführung. Ärgerlich bleibt es mir – dieses "du sollst dies" und "du sollst das" – so lasse ich nicht gern mit mir reden. Und doch weiß ich auch – z.B. von der Erziehung meines Sohnes, wir bemühen uns da ja redlich, dass es oft mit uns Menschen nicht anders geht als mit einer deutlichen Anweisung. So gesehen kann ich mir die biblische Anleitung leichter gefallen lassen. Für mich als Christin ist das ja nicht überholt, sondern nur in neue Form gegossen. Auch Jesus von Nazareth hat in seinen Reden und Lehrgeschichten klare "du sollst" Botschaften gegeben und keinen Zweifel daran gelassen, dass das gute, gelingende Leben nur durch eine gerechte Lebensführung zu erlangen ist. Der reiche Mann kommt eben nicht in den schützenden, bergenden Schoß Abrahams wie der arme, aber gerechte Lazarus – selbst die Vorführung der Auferstehung würde da nichts mehr ändern – wer die Zeichen Gottes im Leben nicht wahrnimmt, der hat einen schweren Weg vor sich. Unsere jüdischen Brüder und Schwestern haben einen Weg gefunden, diese Zeichen Gottes sich immer wieder vor Augen zu führen, immer wieder daran erinnert zu werden, was die Grundlage des Glaubens ist. Oft ist es ja so schwer, das alltägliche, das ganz banale Leben mit Gott in Verbindung zu bringen. Mein Aufstehen und mein Schlafengehen, mein Autofahren und meine Hausarbeit, wenn ich das Badezimmer schrubbe oder meinem Sohn die Schuhe zubinde – hat Gott was damit zu tun? Die Worte des Alten Testaments geben deutlich Antwort: Ja, da überall ist der Eine Gott gegenwärtig, gibt dem Ganzen Sinn, befriedet Unzufriedenheit, macht Erschöpfte stark wie Adler, verführt zum Lachen, auch über uns selbst … Für Juden stehts an jeder Wand: Hier ist Gott, der eine zuhause. Der, der dein Leben verändert. Der Schöpfer und Erhalter deines Lebens. Darum sollst du ihn Lieben, sollst dein Leben danach ausrichten, dass es Gott gefällt. Das ist der Maßstab und die Richtschnur in allem Tun und in allem Lassen. Ich glaube, die Worte an der Tür, sogar an der Stirn und um den Arm gebunden verändern unsere Wirklichkeit. Worte gehen nicht spurlos an uns vorbei. Das was sie meinen bewirken sie auch in uns. Nicht umsonst heißt es im Johannesevangelium: das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns.

Ich lade Sie ein, das auszuprobieren. Das Schema Israel – Höre Israel – kann man ausschneiden und an den Türpfosten zuhause kleben. Versuchen sie es mal. Oder legen sie es auf den Nachttisch oder auf den Küchentisch. Kleben sie es an den Spiegel. An einen Ort, an den sie bestimmt an jedem Tag mehrfach kommen. Und lassen Sie die Worte wirken. Etwas länger als eine Predigt, einen Gottesdienst lang. Lassen Sie den Einen in sichtbaren, hörbaren Worten wirken tagaus tagein – quasi im Vorübergehen. Vielleicht ergeht es uns allen mindestens so, wie mir auf der Straße: das Gesicht entspannt sich, es kommt ein Lächeln ins Leben und dann auch immer wieder ein Staunen – darüber, was alles möglich ist bei unserem Gott.

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