Liebe in ihrer schönsten Form

Liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde,

heute haben wir gleich doppelten Grund zum Feiern: Einige von Ihnen erinnern sich an ihre Konfirmation,
die vor 50 Jahren in dieser Kirche stattgefunden hat – und wir alle sind eingeladen, den "Geburtstag" der
Kirche Jesu Christi zu feiern. Denn das verbindet sich mit Pfingsten: Es ist die Geburtsstunde der christlichen Kirche. Nachdem der Auferstandene sich von seinen Jüngern getrennt hat, hat er ihnen
versprochen, dass sie nicht alleine bleiben werden, sondern dass er ihnen allen ein Tröster und Beistand schicken werde, eben den heiligen Geist. Dieser Geist soll in jedem einzelnen wirken und ihm möglich machen, so zu leben, wie es Jesus vorgelebt hat: In vorurteilsfreier Liebe zueinander und in Aufrichtigkeit und in Frieden gegenüber jedem.

"Diese Liebe zueinander soll der Welt ein Zeichen sein, was bei euch wichtig ist, die Menschen sollen
aufhorchen, nachdenklich werden und staunen, wenn sie sehen, wie ihr miteinander umgeht." Sie alle haben
es vielleicht so ähnlich einmal im Konfirmandenunterricht gehört, und auch, wie wichtig Jesus seine Liebe
zu uns genommen hat. Nicht nur, dass er seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, er hat sein Leben für sie – für uns – gegeben. Größere Liebe, so sagte er selbst, gibt es nicht. Nicht allen, die heute zur Goldkonfirmation gekommen sind, ist es gelungen, in ihrem späteren Leben ganz fest an diese Liebe zu glauben, sich auf sie ganz zu verlassen. Ich denke, das ist auch ziemlich schwer,
wenn alle möglichen äußeren Umstände einen glauben machen wollen, man könne von der Liebe Gottes zu seiner
Schöpfung gar nichts mehr spüren.

Warum der eine der Kirche, der andere vielleicht seiner Heimat, ein
dritter möglicherweise keinem oder beidem den Rücken gekehrt hat, das sind persönliche Dinge, die zu
beurteilen mir zuallerletzt zusteht. Ich denke aber, auch die Kirche, die eigentlich eine Verkörperung Christi auf dieser Erde sein soll, macht es einem manchmal nicht leicht mit der Glaubwürdigkeit. "Welche Kirche feiert eigentlich heute Geburtstag, so könnte mancher fragen. Die römisch-katholische, die russisch- und griechisch-orthodoxe, die lutherische, die reformierte, die methodistische oder die baptistische? Welche Kirche ist es, die wirklich Jesus Christus vertritt?

Wer die Auseinandersetzungen um die gemeinsamen Abendmahlsfeiern beim Berliner Kirchentag verfolgt hat und mitbekommen hat, wie da im Vorfeld diskutiert und im Nachhinein gemaßregelt wurde, mag als
Außenstehender vielleicht gedacht haben: "Wenn die sich so uneinig sind, dann kann es doch mit dem ganzen
Christentum nicht weit her sein." Dabei bedenken wir oft zu wenig, dass all die vielen Kirchengesetze im Lauf der Jahrhunderte immer von Menschen gemacht worden sind. Und dabei gerät ganz leicht in Vergessenheit, was Jesus hinterlassen hat: Die Aufforderung, ihn und auch die anderen Menschen
bedingungslos zu lieben. Manchmal hat man das Gefühl, bei Kirchens sind die Fenster im Lauf der Geschichte
irgendwann zugeklappt und so eingerostet, dass der Heilige Geist gar nicht mehr hereinwehen kann. "Pneuma"
heißt das gemeinsame Wort für "Geist" und "Wind" im Griechischen. Und um frischen Wind hereinzulassen, bedarf es der Offenheit, Offenheit auch gegenüber jemandem, der fragt und der kritisiert.

Wieviel Kritik verträgt Kirche? Ich glaube, auch das hat etwas mit Liebe zu tun. Von jemandem, den wir lieben und von dem wir wissen, dass er uns liebt, nehmen wir kritische Worte doch viel leichter an, weil wir wissen, dass er uns damit nicht verletzten, sondern uns weiterhelfen will, wenn wir uns vielleicht geirrt oder verrannt haben. Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Das sagt Jesus, aber er sagt nicht: Wer mich liebt, der wird sich an alle Dogmen der Kirche halten. Was Jesu Worte sind, lässt sich in dem einen Satz zusammenfassen: "Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst."

Wer als Außenstehender oder auch als Insider mit christlichem Gemeindeleben direkt zu tun hat, mag wohl manchmal denken, dass die Bezeichnung "Gemeinschaft der Heiligen", die treue Kirchgänger jeden Sonntag im Glaubensbekenntnis sprechen, gar nicht richtig passt. Ein Theologieprofessor aus Halle hat einmal gesagt, viele Gemeinden seien wie eine Thermoskanne: "Innen warm, aber nach außen strahlen sie nichts ab." Vielleicht hat mancher, der heute zur Goldkonfirmation kommt, so etwas auch schon einmal erfahren. Ich kann es zum einen gut verstehen, dass es schwer für
diejenigen ist, die durch alle schwierigen Jahre zur Kirche gehalten haben, sich zu öffnen für jemanden, der vielleicht seiner Meinung nach in seinem bisherigen Leben genau dem Satz aus unserem Predigttext entsprochen hat: Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Aber hier heißt es auch: "Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der
wird euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe." Jesus sagt das zu seinen Jüngern, als er sich beim letzten gemeinsamen Abendmahl von ihnen verabschiedet. Aber gerichtet ist das Wort auch an uns alle heute. Und warum sollte so eine Erinnerung nicht nach dreißig, vierzig oder auch fünfzig Jahren kommen?

Gottes Zeitrechnung ist nicht die unsere, und manchmal trauen wir Christen eben dem Heiligen Geist
erbärmlich wenig zu. Vor einiger Zeit hat sich eine meiner Freundinnen mit geraumer Verspätung konfirmieren lassen. Sie ist eine erwachsene Frau und Mutter und hatte als dreizehnjährige der Kirche den Rücken gekehrt, weil es
damals hierzulande angeraten schien und weil die Eltern ihrer Tochter den Weg zu einer gediegenen Ausbildung nicht verbauen wollten. Meine Freundin wird also nach menschlichem Ermessen ihre Goldkonfirmation nie erleben. Dafür erlebt sie in den beiden letzten Jahren etwas ganz anderes: Sie ist in einer Gemeinde aktiv geworden, spielt manchmal Orgel, kümmert sich im Gottesdienst um die Kinder, singt im Chor und bringt neue Ideen mit. Am Anfang war das nicht leicht. Viele aus der Gemeinde waren misstrauisch: "Was willen die plötzlich dauernd hier? Die hat sich doch hier noch nie sehen lassen." Aber andere haben sich mit ihr unterhalten – und sie ist auch von sich aus auf Menschen zugegangen. Heute spreche ich mit ihr sehr gerne über Predigttexte, denn sie hilft mir, nicht in der Kirchensprache hängenzubleiben, sondern so zu reden,
dass es auch andere Menschen verstehen. Und sie widerspricht, wenn ihr irgendeine kirchliche Regelung, die
"schon immer so war", ihr absolut nicht einleuchtet. "Was würde Jesus dazu sagen?" ist eine ihrer Lieblingsfragen.

Ich habe sie gefragt, warum sie denn wieder zur Kirche gefunden hat. Und sie sagte: "Eigentlich ging es mir um die Liebe. Wo kann man denn heute offen über Liebe sprechen außer in der Kirche, ohne gleich
ausgelacht zu werden? Dabei finde ich Liebe so wichtig. Eine sichere Arbeit (die sie übrigens keineswegs hat), ein geregeltes Leben, das kann doch nicht alles gewesen sein, was ich meinem Kind mit auf den Weg gebe." Das hat mich verblüfft. Wird in der Kirche wirklich anders über Liebe gesprochen oder gar anders geliebt? "Nicht gebe ich euch wie die Welt gibt", sagt Jesus in unserem Predigttext. In der Tat: Das, was
diese Welt geben könnte und was wir in unseren Träumen vielleicht erwarten: Wohlstand, materielle Sicherheit, körperliche Gesundheit, ein langes Leben und ewige Jugend, das verspricht Jesus Christus gar nicht erst. Und ist es nicht oft so, dass jemand, der nach menschlichem Ermessen alles hat, von einer inneren Ruhelosigkeit geplagt wird, die ihn von Höhepunkt zu Höhepunkt, vom Schönheitschirurgen zum Therapeuten, von Partner zu Partner, von St. Moritz in die Karibik und zuletzt gar zu einer Urlaubstour in den Weltraum treibt. "Nicht gebe ich euch, was diese Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht", das ist der Friede, den Jesus verspricht und der durch nichts zu ersetzen ist.

Wenn ich über die Liebe im Zusammenhang mit Jesus Christus nachdenke, als Vorbild, aber auch als der Zielpunkt von Liebe, dann kann ich jene Frau verstehen, die die teure Salbe kauft und ihm einfach über die Füße gießt, weil sie eine ganz andere Liebe empfindet als die, die sie sonst zu geben gewöhnt ist. Bei Jesus findet sie Frieden. Liebe in ihrer schönsten Form
spricht aus der Szene mit dem Auferstandenen und Maria Magdalena am Grab, die sie sicher alle kennen. Die
Frage "Warum weinst du?" von einem vermeintlich Fremden und dann dieser ganz behutsame Ruf "Maria" und
"Rühre mich nicht an" von Jesus, der das Leben dieser Frau völlig verändert hat und den sie tot glaubte, das heißt eben "Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht." Maria Magdalena und der Auferstandene – eine tief menschliche und doch über alles menschlich Denkbare hinausgehende Begegnung: Maria Magdalena war mit Jesus gegangen in dem sicheren Gefühl, ihn immer lieben zu müssen und in ihm alles zu finden, was sie zum Leben braucht. Sie hatte an einer seelischen Krankheit gelitten. Durch die Aufmerksamkeit, die ihr Jesus schenkte, hatte sie zu sich selbst zurückgefunden. Und nachdem sie gemeint hatte, alles wieder zu verlieren, als Jesus gestorben war, da sieht sie ihn wieder – und schaut durch ihn und in ihm Gott. Jesus lebt fort, in ihrem Glauben. "Gott habe ich schon deshalb so nötig, weil er das einzige Wesen ist, das man lebenslänglich lieben kann", schreibt Dostojewski.

Wer schon einmal selbst ganz am Boden war, an der Grenze des eigenen Lebens gestanden hat, vielleicht in Verzweiflung über den Tod eines Menschen, vielleicht aber auch in eigener Krankheit oder weil er glaubte, sein Leben verpfuscht zu haben, kann es wohl bestätigen: Man kann aus all dem aufsteigen zu Gott. Um uns
zu zeigen, dass dies möglich ist, dafür hat sich Gott in Jesus Christus offenbart und uns seinen Geist gegeben. Er fragt jeden von uns: "Warum weinst Du?" und er ruft jeden von uns beim Namen, so, wie er es damals zu Maria Magdalena im Garten getan hat, damit sie ihn erkennt. Und er tut das oft, wenn wir es am wenigsten erwarten. Ich denke, näher können wir dem dreieinigen Gott auch nicht kommen als indem wir ihn
in seiner Gnade, seiner Liebe und seiner Gegenwart manchmal unmittelbar spüren. Mit unserem Verstand erklären können wir Gottes Geheimnis nicht. Dass wir uns seiner Gegenwart dennoch immer gewiss sein können, dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus.

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