Liebe bis zur Vollendung

Liebe zu diesem Abend versammelte Gemeinde,

Stunden kommen und gehen. Einmal wird die Stunde da sein. Keiner weiß, wann. Keiner weiß, was sie bringen wird.

Wird mich meine Stunde plötzlich überfallen? Oder werde ich auf die Stunde vorbereitet sein? Wird sich meine Stunde quälend hinziehen? Stundenlang?

Tagelang? Wird es für mich die Stunde des Kampfes sein? Wie wird der Kampf enden, in dem ich nicht siegen kann? Mit Kapitulation? Mit Ergebung? Mit Erleichterung? Halte ich in der Stunde mein Leben verbissen fest? Oder gebe ich es willig aus der Hand? Hat die Stunde überhaupt noch etwas mit meinem Leben zu tun? Ist diese Stunde das Aus meines Lebens? Endstation?

Verlöschen letzter Lebenszeichen? Oder ist in dieser Stunde mein Leben wie in einem Brennpunkt gegenwärtig? Kommt in dieser Stunde vielleicht überhaupt erst an den Tag, was die Wahrheit meines Lebens gewesen ist?

Am Gründonnerstag ist die Stunde Jesu gekommen. Seine Stunde wird sich
hinziehen; so wie Johannes erzählt scheint sie nicht enden zu wollen. Das
Mahl und die Fußwaschung – es ist der gleiche Tag wie der der Kreuzigung.

In dieser entscheidenden Stunde wäscht Jesus seinen Jüngern die Füße. Damit gibt er ein Zeichen, das einfach zu verstehen ist. Es ist das Zeichen der Liebe Jesu zu denen, die zu ihm gehören. Mit seiner Liebe dient er ihnen liebevoll. Er wäscht ihnen die Füße und zeigt so, was Liebe bedeutet.
Außerdem kommentiert er selbst mit dem, was er da tut sein Leben und
Leiden; es ist der Schlüssel zum Verständnis seines Sterbens.

Darum berichtet es Johannes genau an dieser Stelle, weil es wie ein Rückblick ist auf die Wirksamkeit Jesu – so hat er geredet und gehandelt – und weil es ein Ausblick ist auf das Kreuz, auf das er jetzt zugeht.
Zwischen dem also, was Jesus gesagt und getan hat und dem, was er leidet,
steht dieses Zeichen dienender Liebe. Er leitet seine Jünger an, so miteinander umzugehen. Er ruft sie in seine Nachfolge dienender Liebe.

Damit hat er ein Beispiel gegeben – das einzige. Es ist kein Ansporn zu religiöser Höchstleistung, sondern ein Beispiel liebevoller Zuwendung zueinander, ohne die es im Leben keine Wahrheit geben kann.

Anders gesagt: alle behauptete Richtigkeit im Glauben und Bekennen hat
nichts mit Wahrheit zu tun, wenn sie nicht von liebevoller Zuwendung
begleitet wird.

Das ganze Leben Jesu, sein Leiden und Sterben, es steht unter dieser Überschrift: unendliche Liebe für die Seinen bis ans Ende, bzw. Liebe bis zur Vollendung. Das ist die Wahrheit des Lebens Jesu, die er im Leiden bewährt.

Bis ans Ende – dieser Begriff für ‚Ende‘ taucht nur noch einmal im Johannesevangelium auf; dann nämlich, wenn Jesus am Kreuz ruft: ‚Es ist vollbracht!‘ Da bringt er die Liebe zur Vollendung, er vollbringt sie. Er
hält die Liebe und damit die Wahrheit durch. Er tut das, indem er sich für
das Leiden entscheidet.

Das hört sich einem kurzen Satz so einfach an. Der komplizierte Satz am Anfang dieses Evangeliums macht es da schon deutlicher, was sich hier abspielt.

Jesus und seine 12 Jünger sind beim gemeinsamen Abendessen – Johannes erzählt als einziger Evangelist hier nicht von der Einsetzung des
Abendmahles. Es sind noch 12 Jünger, obwohl der Teufel seinem Agenten Judas die Bereitschaft zum Verrat seines Herrn ins Herz gegeben hatte. Aber Jesus
weiß bescheid; er weiß, wo er herkommt, wo er hingeht und welchen Weg er dazu geht.

Und in dieser Situation zwischen seiner Entscheidung und seiner Bestimmung, legt er das Obergewand ab und gürtet den Leinenschurz um. Kein Tadel an den Verräter, keine Klage über das bevorstehende Leid, einfach eine Tat. Eine Tat in der Wahrheit aus freier Entscheidung auf dem Weg von
Gott her zu Gott hin. Die Stunde, die für Jesus gekommen ist, macht er in
Freiheit und Einheit mit dem Vater zur Stunde der Liebe – auch für Judas.

Petrus ist die andere Person in dieser Geschichte, die neben Judas in
unser Blickfeld rückt:. Und mit ihm der Gedanke; durch die Fußwaschung an
Jesus teil zu haben, und so ganz rein zu sein.

Diese beiden Jünger stehen im Mittelpunkt des Interesses der Erzählung.

Sie begleiten in besonderer Weise was Jesu aus Liebe tut. Gerade die also, die diese Tat hingebungsvoller Liebe entweder – mit den Augen der Welt betrachtet – nicht verdienen oder nicht an sich geschehen lassen wollen.

Beide Jüngern werden zu Typen unserer eigenen Möglichkeiten, wie wir uns gegenüber dem verhalten, was Jesus in Liebe tut: Judas steht für den Liebesverrat, Petrus für die Liebesscheu. Beide Verhaltensweisen sind unter Menschen – auch und gerade unter den Seinen – keine Seltenheit, sondern der
Normalfall. Die einfachere Figur ist Judas. Er hat sich innerlich gegen Jesus
entschieden. Er will Leben und Liebe woanders suchen – und wird beides
nicht finden. Trotzdem lässt Jesus auch ihm sein Liebeszeichen zuteil
werden.

Petrus ist weitaus komplizierter, weil durch ihn selbst schon ein Riss geht. Er will die Liebestat zuerst nicht an sich geschehen lassen. Will er Jesus diesen niedrigen Dienst nicht zumuten? Will er seinen Herrn nicht als Knecht sehen? Befürchtet er, dann auch in diese Position hinab gezogen zu werden? Dorthin, wo wir Menschen sind? In die Realität der eigenen Niedrigkeit? Findet er die Situation peinlich? Oder ist ihm die Erkenntnis seines unreinen Lebens eine Pein? ‚Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!‘

Aber dann fällt er in das andere Extrem. Als er merkt, dass eine Teilhabe an Jesus auf dem Spiel steht, wenn er die Fußwaschung nicht an sich geschehen lässt will er nicht einen Teil, sondern das Ganze. Das Zeichen der Liebe Jesu weckt bei ihm den Drang nach Sicherheit. Er will alles und er will es festhalten. Der Mensch zwischen falscher religiöser
Bescheidenheit und religiöser Habgier. Das ist Petrus. Und auch ihm wäscht
Jesus die Füße.

Jesu Stunde ist die Stunde der Wahrheit für alle. Für ihn selbst, weil sich in dieser Stunde die Wahrheit seines Lebens bewährt. Für die Jünger – und in den Jüngern für uns – weil im Geschenk seiner Wahrheit in dieser Stunde zu erkennen ist, dass die Wahrheit in ihrem, in unserem Leben fehlt. Weil Jesus hingebungsvoll liebt, und das ist die Wahrheit seines Lebens, bringt er die wahre Liebe in unser Leben. Darin haben wir nun ein Beispiel, wie wir miteinander in seiner Liebe bleiben
sollen.

Jesu Stunde ist gekommen. Das Ende ist nahe – und Jesus weiß es. Als Stunde des Leidens und Sterbens wird es die entscheidende Stunde seines
Lebens sein. Sie entscheidet nämlich über sein ganzes Leben. Über die
Wahrheit seines Lebens. Obwohl er leidet, gestaltet er diese Stunde
bewusst. Er macht sie zur Stunde der Liebe. Darin bringt er die Wahrheit
seines Lebens ans Licht. Liebe bis ans Ende: das ist das Wesen dieser
Stunde. Das ist sein Wesen. Also gerade nicht ‚Liebe am Ende‘ oder ‚das
Ende der Liebe‘. Nicht ‚Endstation Sehnsucht‘ – nach der verlorenen oder
verstorbenen Liebe. Sondern tatsächlich Liebe bis ans Ende, bis zur Vollendung. Unendliche Liebe, Liebe des menschgewordenen Gottes. So wird
sie bei Johannes schon eingeführt, als sie zum ersten Mal erwähnt wird:
‚Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab,
damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige
Leben haben‘. (Jhs 3,16). Und es wird immer deutlicher in den Abschiedsreden. Wie ein Hohes Lied der Liebe im Angesicht des Leidens, bis hin zum Höhepunkt in der Fürbitte Jesu für die Seinen: ‚Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst‘. (Jhs 17,22f)

Im Mittelpunkt der Stunde Jesu steht die Liebe, die sich erfüllt, wenn er am Kreuz sagt: ‚Es ist vollbracht!‘ Höhepunkt und Tiefpunkt seines Lebens sind in diesem Mittelpunkt vereinigt. Wenn uns die Stunde schlägt, dann empfinden wir das nicht als den Höhepunkt unseres Lebens. Eher wird es der Tiefpunkt sein. Keiner weiß, wann und wie sein Ende kommt. Einem jeden von uns schlägt die Stunde, ein Schlag, den wir erleiden und nicht führen.

Jesus hat seine letzte Stunde zur Stunde der Liebe gemacht. Seine Bestimmung und Entscheidung zur Liebe am Tiefpunkt seines Lebens ist
entscheidend für uns alle, denen die Stunde schlagen wird. Denn seine Liebe
bleibt. Bei uns. Immer. Hautnah. Noch näher: seine Liebe geht unter die Haut. Sie bleibt in uns, sodass wir in der Liebe bleiben können. Für die vielen, denen die Stunde schlagen wird, muss es keine Stunde ohne Liebe mehr geben, muss es keine Stunde des Lebens ohne Liebe mehr geben. Ohne die Liebe Jesu, die die Liebe des Vaters ist. Den zur wahren Liebe Unfähigen geht sie unter die Haut. Sie reinigt und macht liebesfähig. Weil Jesus Anteil gibt an seiner hingebungsvollen Liebe, indem er die Füße wäscht, macht er zur Liebe untereinander fähig. Wir können einander lieben, weil er uns liebt. Lassen wir Jesus gewähren, dann hat seine Liebe unter uns eine Chance. Auch, wenn die Stunde schlägt.

drucken