Licht für die Welt

Nun beginnt sie wieder, die wohl schönste Zeit des Jahres. Zumindest erlebe ich es so, dass diese Zeit von den meisten Menschen als eine sehr bedeutsame erlebt wird. Die Wohnung wird hergerichtet. Noch mal Fenster geputzt, Gardinen gewaschen, die Kisten mit den Weihnachtssachen hergeholt und in der Stube und den anderen Räumen verteilt. Es soll alles schön und festlich sein. Vor allem nach den so traurigen Tagen von Volkstrauertag, Bußtag und Ewigkeitssonntag. Nun beginnt etwas neues und das soll man auch sehen.

Und das ist ja auch richtig. Auch für die Kirche heißt es: ein neues Kirchenjahr beginnt. Wir beginnen ganz neu mit dem Bedenken unseres Glaubens. Und das fängt an mit der Vorbereitung auf Weihnachten. Und mit dem Schmuck unserer Wohnung tun wir etwas für diese Vorbereitung, auch wenn man sicherlich die Frage stellen muss, ob das wirklich eine Vorbereitung auf Weihnachten ist, oder ob es nicht schon fast ein Vorwegnehmen des Weihnachtsfestes ist nur ohne Tannenbaum und Geschenke. Ich mache das vor allem an den vielen Lichtern fest und den Liedern. Überall stehen jetzt die Schwippbögen im Fenster, die Tannenbäume in den Gärten werden schon beleuchtet und oft genug gibt es auch in unseren Häusern viele Kerzen, die jetzt angezündet werden. In den Kaufhäusern und im Radio hören wir Stille Nacht und O du fröhliche. Ich will das nicht schlecht machen, ganz bestimmt nicht. Es gehört für viele zu dieser Zeit dazu und erfreut auch das Herz. Nur bleibt natürlich die Frage: Was ist dann die Adventszeit für uns? Weihnachten beginnt erst am 24. Dezember mit der Heiligen Nacht. Weihnachten kommt erst noch, wir gehen langsam darauf zu. Vielfach aber ist es so, dass wir im Grunde jetzt schon Weihnachten feiern und es einige Zeit mit dem Schmuck in unseren Räumen gestalten, und der 24.-26. 12. ist der glorreiche Höhepunkt, um dann am 27. 12. zu überlegen, ob der ganze Weihnachtskram jetzt nicht langsam verschwinden kann. Das mag übertrieben sein, aber so ist es doch manchmal. Dabei geht Weihnachten viel weiter. Die Weihnachtszeit, die ja erst am Weihnachtsfest beginnt, reicht in diesem Jahr bis Mitte Januar, in anderen Jahren oft bis in den Februar hinein.

Wie kann dann aber eine Vorweihnachtszeit aussehen? Was bedeutet Advent? Das Evangelium des heutigen Sonntages gibt da eine Richtung an. Es erzählt vom Kommen Jesu nach Jerusalem. Advent: Ankunft. Advent, das hat mit Erwartungen zu tun, mit Erwartungen für das eigene Leben. Was erwarte ich für mein Leben, was soll bei mir ankommen, worauf warte ich? Warten wir überhaupt auf etwas? Die Menschen zur Zeit Jesu hatten große Hoffnungen. Sie lebten in einer Zeit, wo man wohl relativ ruhig leben konnte, aber überall war zu spüren, dass das Land von den Römern unterdrückt wurde. Schon viele Jahrhunderte war das Land nicht mehr so wie zu den glorreichen Zeiten eines König Davids oder Salomos. Viele Jahrhunderte schon wartete man darauf, dass wieder einer kommt, der das Land in einer Weise regiert, dass Eintracht und Friede herrscht, dass der Glaube wieder eine große Rolle spielt. Man hofft auf den Messias, den Retter, den Gesalbten, oder – wie er griechisch heißt: – den Christus. Diese Hoffnung war lebendig, die Sehnsucht war groß. Und nun hält da einer Einzug in Jerusalem. Ein Mann, der inzwischen sehr bekannt war im Lande. Jesus von Nazareth, dieser große Redner, diese Mann, der den Menschen so bedingungslos zugewandt war. Der Mann, der so viel gutes getan hatte, der so viel gutes gesagt hatte und dem so viele Menschen folgten, weil sie merkten, dass man bei ihm und mit ihm gut leben konnte. Nicht materiell. Das Wanderleben war oft genug große Quälerei. Nicht wissen wo man schlafen kann, nicht wissen, ob man morgen etwas zu essen hat, nicht wissen, wie einem die Menschen begegnen. Das war die unangenehme Seite dieses Lebens. Aber das andere, dass die Menschen innerlich wussten, hier ist jemand, der uns zeigen kann, wo wir in dieser Welt zu hause sind, wie wir in dieser Welt zu Hause sein können, wie unser Leben heil sein und werden kann. Das war das wichtige, daran hielten sie sich fest und hatten einen Halt, der fester war als alles andere.

Auf so etwas haben die Menschen gewartet. Und der Evangelist Matthäus beschreibt das auch in sehr schöner Weise, indem er den Einzug nach Jerusalem so beschreibt, wie es auch schon das alte Testament vom Messias gesagt hat: Siehe, dein König kommt zu dir, sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen. Was für ein Bild. Ein König wird gefeiert, Hosianna dem Sohne Davids. Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn. Doch was für ein König ist das? Ein armseliger und doch so starker. Kein Reitpferd, keine Staatskarosse, kein Mercedes oder Rolls Royce, kein Papamobil, keine Leibwächter. Ein König ohne Zeichen der Macht, ohne Zeichen demonstrativer Stärke. Nur ein armseliger Mann, mit Esel und einem Gefolge von vermutlich ziemlich armseligen und abgerissenen Jüngern, wenn wir mal ehrlich sind. Aber genau das ist es. Das ist die Ankunft Gottes in dieser Welt. Die Menschen hatten einen großen und mächtigen König erwartet. Am Besten einen, der gleich aufräumt mit allem, was schlecht ist. Und das heißt ja so viel wie: Aufstand, Mord und Totschlag. Große Männer der Geschichte wurden ja immer nur deshalb groß genannt, weil sie sich in großen Kriegen, in großem Unheil für die Menschen, eine Macht verschafft haben, die ihnen den Beinamen der Große möglich gemacht hat. Alexander der Große, Karl der Große, Friedrich der Große und wen man noch alles anführen könnte. Machthaber waren sie, weil sie Gewalt und äußere Macht eingesetzt haben. So etwas wollten die Menschen damals und leider oft genug auch heute noch. Größe und Macht ging damals und geht auch heute oft auf Kosten vieler armseliger Menschen. Das musste ja auch Jesus spüren, als er am Kreuz gestorben ist.

Gottes Weg aber sieht eben anders aus. Gottes Kommen in die Welt, Gottes Veränderung der Welt geschieht so, dass er die Armseligkeit als Zeichen seiner Würde annimmt. Der König kommt auf einem Esel. Sein Gefolge trägt keine Waffen. Das einzige, was der König mit sich bringt, das haben wir zu Beginn besungen: Sanftmütigkeit ist sein Gefährt, Heiligkeit ist seine Königskrone, sein Zepter ist Barmherzigkeit. Die Zeichen der Macht bei Gott sind: Sanftmut, Heiligkeit, Barmherzigkeit. Das steht in völligem Widerspruch zu dem, was wir in unserem menschlichen Bereich als machtvoll ansehen: Macht hat bei uns etwas mit Stärke, mit Durchsetzungsfähigkeit und oft genug mit Rücksichtslosigkeit oder auch Gewalt zu tun. Gott durchbricht dies nun. Der Erwartete, der Messias, der Christus, der machtvoll die Lage verändern soll, ist der unerwartete, der machtlose, der Scheiternde, der armselig am Kreuz Sterbende. Aber genau das ist der Weg, den Gott in dieser Welt gehen will, den er für diese Welt als seine Welt will. Mit Jesus macht Gott deutlich, dass das Leben in dieser Welt nur gelingen kann, wenn das Vorbild Jesu weiter reicht, wenn sein Leben nachgelebt wird. In diesem Ereignis liegt im Grunde alles beschlossen, was zu Gottes Reich, zu Gottes neuer Welt gesagt werden kann und muss: in dieser Armseligkeit, in dieser Hinwendung zu den Armen wird diese neue Welt lebendig. Das ist die Größe und Macht die Gott in dieser Welt sichtbar machen will, die für uns, in uns und für andere lebendig werden soll.

Nun habe ich vorhin gefragt, was es für die Vorweihnachtszeit bedeuten kann. Wir wissen um den Weg Jesu nun schon sehr lange, er liegt nicht mehr vor uns, sondern hinter uns. Aber genau das ist eben die Frage, liegt er wirklich hinter uns? Wir erleben doch gerade in der Adventszeit, wie sehr wir uns danach sehnen, dass diese Welt so wird, wie Jesus sie als von Gott gewollt vor Augen gestellt hat. Als eine Welt z.B. in der Armut nicht sein soll. Brot für die Welt, deren Aktion heute wieder beginnt, oder der Basar, den wir gleich eröffnen, sie sind leider nötig, weil die Armut immer noch da ist. Gleichzeitig haben sie etwas mit Advent zu tun, weil sie Zeichen der Ankunft eines anderen Gedanken in der Welt sind. Mit Jesus ist deutlich geworden, dass Gott auf der Seite der Armen steht, und wir stellen uns ebenfalls an ihre Seite. Sei es durch eine Spende, sei es durch Hilfe für die Armen. Das ist ein Adventszeichen, weil Gottes Macht eben nicht in der Stärke sichtbar wird und wir uns deshalb auf die Seite der Starken stellen sollen, sondern weil Gottes Macht in der Schwachheit und Armut lebendig wird und wir dorthin gehören. Advent heißt, diese Gedanken bei uns ankommen zu lassen und die Konsequenzen daraus bei anderen ankommen zu lassen. Eben genauso ist es mit dem Frieden. Gerade zu Weihnachten erleben wir Friedlosigkeit als etwas sehr bedrückendes. Gleich ob es dabei um die Kriege in aller Welt geht, oder die Friedlosigkeit in der Familie oder der Nachbarschaft. Mit Jesus ist jemand gekommen, der nicht auf sein Recht gepocht hat, der nicht nur seine ganz persönlichen Interessen durchgesetzt hat. Sanftmut und Barmherzigkeit bedeutete für ihn, mit dem Mut, den Gott schenkt, den Menschen offen und annehmend zu begegnen, bei ihrem Herzen sein, ihre persönliche Lage hören und annehmen. Das heißt nicht, dass Jesus nur lieb war und keinem entgegenstand. Ganz im Gegenteil. Gleich nach unserer Einzuggeschichte steht die sogenannte Tempelreinigung. Das war ein großer Angriff auf die Macht, gegen Geld und religiöses Gehabe. Da war von Sanftmut im herkömmlichen Sinne nichts zu spüren. Aber gerade darin war Jesus bei den Menschen, weil er damit das Leben nach Eigeninteressen angeprangert hat und den Weg frei gemacht hat für die, die dabei zu kurz gekommen sind. Advent das heißt, den Frieden Christi, seine Barmherzigkeit und Sanftmut, seine Klarheit und seinen Mut ankommen zu lassen und die Konsequenzen daraus bei anderen ankommen zu lassen.

Damit ruft der Advent ganz andere Gedanken in uns wach, als nur die besinnliche Vorbereitung auf das Weihnachtsfest. Es ist gut, dass wir uns mit den äußeren Dingen auf dieses Fest einstimmen, es langsam in uns wachsen lassen. Bedeutsamer aber ist es, das in den Blick zu nehmen und ankommen zu lassen, was mit diesem Kind in der Krippe und dem Mann am Kreuz in die Welt gekommen ist. Die Welt ist mit diesem Kind verändert worden, es hat sich etwas ereignet, das bis heute Gütigkeit hat, auch wenn es sich nicht überall durchgesetzt hat. Friede und Hilfe für die Armen ist nicht nur Hoffnung und Wunsch in uns, sondern in Christus ist es Wirklichkeit geworden. Der machtlose und zugleich machtvolle Einzug in Jerusalem, sein Ankommen in der Heiligen Stadt ist ein Sinnbild für vieles, was Jesus für uns Menschen und diese Welt getan hat. Lassen wir in den Kerzen, die wir in dieser Zeit anzünden dies aufleuchten: das Licht für die Armen, das Licht für die, die unter Gewalt leiden, das Licht für die Hoffnungslosen, das Licht für die Liebe, die so oft vermisst wird. So wird aus der Adventszeit eine wirkliche Ankunftszeit für Jesus Christus in dieser Welt. Und damit wird auch Gott die Ehre gegeben, wie wir es im Anfang mit dem Psalm gebetet haben.

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