Letzte Worte

Christi Himmelfahrt, liebe Gemeinde, sieht in schlechten Jesusfilmen manchmal so aus: Da stehen die Jünger auf der Erde, blicken nach oben und werden immer kleiner. Diese Szene wurde aus einem Hubschrauber gefilmt. Ist das nicht komisch? Damals haben sich die Menschen unter einer Himmelfahrt etwas ganz anderes vorgestellt. Jesus wird erhöht, damit alle ihn sehen können. Und so kann er die Herzen der Menschen überall auf der Welt regieren, denn der Himmel ist überall.

Heute ist das ganz anders. Der Himmelfahrtstag hat in der Rangfolge der kirchlichen Feiertage an Bedeutung verloren und dank der Vatertagsidee hat der Himmelfahrtstag überlebt. Vielleicht hätte ihn sonst das Schicksal von Buß- und Bettag erreicht. Kommerziell gesehen ist der Christi Himmelfahrtstag durch den Ersatz des Vatertages schon recht interessant geworden. Wir haben es weniger mit einem Feiertag als vielmehr mit einem freien Tag zu tun. Schon lange steht auf Plakaten und Ankündigungen von Veranstaltungen zu diesem Tag nicht mehr: Himmelfahrt.

Es ist schon deprimierend, liebe Gemeinde, wenn 80% unserer MitbügerInnen, vor allem aber Jugendliche, auf die Frage hin: Warum denn heute frei sei? antworten, dass doch Vatertag sei. Aber, liebe Gemeinde, Christi Himmelfahrt hat absolut und auch rein gar nichts mit einer feuchtfröhlichen Vatertagsveranstaltung zu tun. Die Himmelfahrt Jesu signalisiert einen Verlust. Der Sohn Gottes wird nun nicht mehr zum Greifen nah sein. Die Geborgenheit, die seine Nähe schenkte, wird es so nicht mehr geben. Christi Himmelfahrt ist der Tag der Erinnerung an ein Aufhören. An diesem Tag geht es um Abschied und um ein Zusammenbleiben in einer neuen Form, – einer Form des Zusammenseins in der Gemeinde.

Um Abschied geht es am heutigen Tag und um ein neues Zueinanderkommen. Und bevor Jesus Abschied nimmt, fasst er all das, was ihn bewegt und was ihm am Herzen liegt in einem Gebet zusammen. Hören wir hierzu den Predigttext aus Joh 17,20-26. Jesus betet:

[TEXT]

Letzte Worte haben es in sich. Wir kennen das, wenn jemand Abschied nimmt, am Bahnhof, am Flugplatz oder anderswo. Es gibt Abschiedsworte, in denen der Scheidende ein Stück von sich hinterlässt. Letzte Worte haben es in sich, sind uns aus Briefen von Wiederstandskämpfern aus den Todeszellen des Dritten Reiches bekannt. Letzte Worte, nicht nur für die Hinterbliebenen, sondern auch für die nächsten Generationen, auch wenn sie gar nicht mehr verstanden werden. Manchmal ist ein Abschiedswort das einzige, was jemand besitzt und weitergeben kann.

Jesu Gebet, ein Gebet voller Führsorge. Er richtet sein Gebet an Gott, als dessen Botschafter er auf der Welt war. Jesus macht sich Gedanken, denn er lässt Menschen zurück, mit denen er verbunden war; er lässt Menschen zurück, die ihm anvertraut waren. Nun müssen sich die Menschen ohne ihn zurecht finden. Aber Jesus lässt sie nicht mit leeren Händen stehen. Er hat ihnen etwas gegeben, nämlich die Worte und den Namen Gottes, – ewiges Leben.

Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast. Unser Leben ist begrenzt, es hat einen Anfang und ein Ende und dazwischen leben wir. Je älter wir werden um so schneller vergeht unsere Zeit. Michelangelo schrieb im hohen Alter folgendes in sein Tagebuch: "Haben wir das Leben und all die guten Gaben aus der Hand des göttlichen Schöpfers entgegengenommen, so sollen wir auch den Tod aus gleicher Meisterhand annehmen."

Der Tod, liebe Gemeinde, widerspricht allem, was lebt. Er ist zwar natürlich aber doch nicht unserer Natur gemäß. Und ich denke, dass Gott keinen Fehler in seinem Terminkalender macht. Er weiß schon die rechte Zeit und Stunde für einen jeden von uns. Wir aber haben die wunderbare Einladung Jesu Christi im Ohr: "In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen…" Er will nicht in der jenseitigen Welt einsam sein und bleiben, sondern mit uns, seinen Schwestern und Brüdern, zusammen leben. Wir sind gemeint! Noch ahnen wir nicht, wie das jenseitige Leben aussehen wird. Aber Jesus verbürgt sich dafür, dass unser Leben über die Schwelle des leiblichen Todes hinausreicht. Das ewige Leben, sagt Jesus, bedeutet Gott erkennen.

Und wenn schon die Schmetterlinge sich entpuppen und herrlich verwandeln dürfen, sollte Jesus nicht auch uns das Wunder der Verwandlung in ein ewiges Leben erfahren lassen? Um Abschied geht es heute und um ein neues Zueinanderkommen. Wir bleiben nicht ewig in der Welt. Jesus schaut auf unsere Vollendung und wir sollen die Herrlichkeit Jesu Christi schauen. Von dieser Herrlichkeit werden wir in alle Ewigkeit leben.

Am Ende seines Gebetes geht Jesu Blick über den Horizont eines jeden von uns hinaus in die Weite der Zukunft. Wir wissen nicht, wie weit er reicht. Wir wissen aber, dass wir mit in sein Blickfeld gehören. Der Herr betet für die, die durch das Wort der Jünger und ihrer Nachfolger an ihn glauben werden. Unser Leben ist durch unbarmherzige Trennungsstriche gekennzeichnet. Immer wieder werden wir auseinandergerissen. Auf Dauer kann nichts zusammen bleiben, mag es noch so fest zusammengehören. Jesus nimmt Abschied, ja. Und doch sichert er zugleich den Seinen zu, dass er sie nicht verlässt.

Verlorenheitsgefühle steigen wieder auf. Gott wird wieder als der Ferne erlebt, kein Gott mehr zum Anfassen. Gott ist im Himmel und wir sind auf der Erde. Doch das ist nicht das Ende. Am jüngsten Tag wird Gott das Gebet seines Sohnes verwirklichen. In Jesus Christus werden wir dann eins sein. Dann werden wir dort sein, wo er ist. Dann gibt es keine Trennung mehr.

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