Lernfähig …

Letztens bekam ich wieder eine Studie in die Hand, wie wichtig Mission für unsere Kirche ist. Neue Ideen braucht das Land, um das Evangelium immer neu unter die Menschen zu bringen. Als Bild wurde die Karikatur einer Kirche gezeigt, die eigentlich hätte auf vier Rädern (auf denen Mission stand) stehen sollen. Aber nun waren die Räder abmontiert und der, der das gemacht hatte, sagte stolz ?Jetzt steht sie aber stabil‘. Die Kirche sah eher traurig dabei aus.

Kirche braucht Mission. Daran zweifelt im ernst niemand. Und wenn wir für Missionswerke in der sogenannten Dritten Welt werben, sind auch alle dafür. Aber Mission hierzulande, in Deutschland, in Spiesen-Elversberg, da gucken einige doch schon erstaunt, obwohl wir ja genau sehen, dass unser Land nicht mehr so selbstverständlich christlich ist, wie wir uns das eigentlich erhoffen. Um so wichtiger ist es, dass wir mal hinschauen: Wie geht das eigentlich Mission?

Als Predigttext haben wir heute einen Ausschnitt aus einem, Brief des Apostels Paulus. Er schreibt an die Gemeinde in Korinth. Dort haben Menschen Schwierigkeiten mit ihm. Ist er überhaupt ein richtiger Apostel? Fragen sie. Er nimmt kein Geld für seine Arbeit – und außerdem verhält er sich wie ein Sklave. Er dient sich jedem an. Heute würden wir diesen Vorwurf vielleicht so übersetzen: Er prostituiert sich. er wehrt sich dagegen:

[TEXT]

?Ich will nicht das Evangelium verkünden, ich muss es tun‘, so wehrt sich Paulus gegen seine Kritiker. Auch wenn er immer weiter macht, tut er das doch nicht allein aus eigenem Antrieb. Er lebt als Sklave (doulos) des Herrn. Darum erhält er auch keinen Lohn von Menschen. Seine Freiheit besteht in der Verantwortung nur vor Gott. Er erzählt den Menschen von Gott, weil er sich in der Pflicht und in der Freiheit eines Christenmenschen weiß. Es ist nicht seine Arbeit, sondern seine Berufung. Er gehört zu Jesus und darum muss er von ihm reden.

Und er redet in aller Freiheit, und das heißt für ihn nicht: er redet das, was ihm gerade in den Kram passt, sondern er passt sich an, orientiert sich an den Menschen, die ihm zuhören. Er ist nach allen Seiten offen. Vielleicht passt darauf auf ihn die Redensart: Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein. In die Richtung geht auch die Kritik der Gemeinde in Korinth.

Ich meine schon, dass Paulus die Gefahr sieht: Niemandem auf die Füße treten, sagt er nicht. Auch nicht: allen nach dem Mund reden. Und die Fahne in den Wind hängen hat vielleicht kirchliche Tradition, ist aber nicht seine Missionsmethode. Paulus weiß ganz genau, dass es Grenzen der Offenheit gibt. Aber hier redet er ganz konkret mit Menschen in Korinth, die ein sehr enges Verständnis haben von seinen Aufgaben und der Lebensweise, die er zu pflegen hat. Dagegen wehrt er sich. Er ist ihnen zu nichts verpflichtet. Er ist nur seinem Auftrag seiner Berufung verpflichtet.

Ich bin nicht Paulus. Meine Situation ist eine andere. Aber ich kenne viele ChristInnen, deren Situation ist ähnlich. Bei Fußballübertragungen wird das manchmal deutlich. Da lupft jemand sein Trikot und auf dem T-Shirt darunter steht eine Botschaft: Jesus ist mit mir – oder das Tor gehört Jesus. Oder ?Jesus liebt dich‘ Es mutet mitunter schon eigenartig an. Aber der Weg ist vielleicht doch richtig. Das Evangelium im jeweiligen Alltag so sagen, dass es ankommt. – Bei der WM ist dieses Signal leider verboten. Aber ich weiß auch vom SV Elversberg, dass es dort immer wieder Spieler gibt, die ihren Mitspielern sagen, wie wichtig ihnen der Glaube ist. Und ich denke dahin geht das, was Paulus sagt: Versuche in Deinem Leben Deinen Mitmenschen zu sagen wie wichtig der Glaube ist. Mag sein, dass du dich da mitunter angreifbar machst, aber vielleicht gewinnst Du auch neue Freunde und dein Leben wird klarer und eindeutiger.

Eine Assoziation: In dem Pop-Spektakel ?the wall‘ von Pink Floyd geht es darum: Menschen mauern sich ein und werden eingemauert. Die Musik von Pink Floyd will diese Mauern einreißen. Das Evangelium, das Paulus verkündet will auch Mauern einreißen, Durchlässigkeit erzeugen. Er will am Evangelium teilhaben und darum am Leben der Menschen, denen er das Evangelium bringt. Er will nicht einer jener Missionsprediger sein, die nichts von den Menschen wussten, mit denen sie sprachen. Er will auf ihre Ebene kommen. Er lässt sich da auch nicht herab, sondern ihm ist jede Ebene recht. Christliche Mission heißt für ihn sich anpassen, heißt sich einlassen. Christliche Mission heißt sicher auch: Lernen von denen, denen ich das Evangelium bringe. Daraus kann ich lernen für meinen Alltag, zu leben mit den Menschen und ihnen in ihrem Leben von Jesus erzählen. Das kann jeder von uns – im ganz alltäglichen Gespräch.

Die Kirche Jesu Christi ist auf einen Felsen gegründet ist, aber sie ist kein Granitblock, Sie ist immer noch lernfähig, immer noch entwicklungsfähig – und das gilt für jeden einzelnen Menschen, der in ihr lebt. Das macht sie manchmal schwer begreifbar, aber es ist auch ihr Charme.

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