Lernen für unseren Weg

Wieder einmal, liebe Gemeinde, stehen wir nahe bei Jesu Kreuz. Beobachter einer Szene, die sich Jahr für Jahr wiederholt. Einer Szene, die sich Tag für Tag wiederholt – bis heute.

Endlich haben sie ihn gefasst. Endlich den Prozess gemacht, endlich verurteilt, endlich zur Hinrichtung geführt. Schon lange sind die Freunde zurück geblieben: Petrus, der Jesus verleugnet aus purem Selbsterhaltungstrieb und Judas, der ihn verrät, weil er zwar im Ziel mit Jesus übereinstimmt – aber einen anderen Weg vorgezogen hat. Jesus ist gebunden, ausgeliefert der Willkür der Menschen. Bis zuletzt weigert er sich, das Bittere, das sie ihm anbieten, zu nehmen. Bis zuletzt hält er den Feinden stand.

Widerstand leisten, wenn das Ergeben einfacher wäre. Widerstand leisten, obwohl nur noch Menschen um ihn herum sind, die ihm böses wollen. Widerstand leisten im Angesicht des Todes. Den letzten Schluck verweigert er. Die schaurigen Einzelheiten der Kreuzigung – Matthäus führt sie nicht aus.

Jesus erträgt was sich zu seinen Füßen abspielt. Er erträgt, dass sie unter sich verteilen, was rechtmäßig ihm gehörte – hatte er eine Wahl? Er erträgt, dass sie Lügen über ihn veröffentlichen – es schwarz auf weiß schreiben, dass sie nichts von ihm verstanden haben – hatte er eine Wahl? Er erträgt, dass sie ihn mit zwei Räubern kreuzigen – in eine Schublade stecken mit Verbrechern – hatte er eine Wahl? Er erträgt lauten Spott, der immer höhnischer und beißender wird – und er hatte keine Wahl.

Er hatte keine Wahl mehr, nachdem er sich im Garten Gethsemane entschieden hatte, nicht den eigenen Weg, sondern den Weg Gottes zu gehen. Er hatte keine Wahl mehr, nachdem er sich ganz in die Hände Gottes gegeben und gebeten hatte: "Mein Vater, ist´s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!" (Mt. 26,39) Dies ist der Punkt in Jesu Leidensgeschichte, an dem er selbst das Blatt noch einmal hätte wenden können. An diesem Punkt – in dieser Nacht – hatte er noch eine Wahl. Die letzte Möglichkeit, seinen Weg noch einmal zu überdenken. Niemand hätte es ihm verübelt, wenn er, wankelmütig geworden, noch einmal einen Rückzieher gemacht hätte.

– Ja, die Freunde hätten ihn wohl verleugnet und mit Missbilligung gestraft – doch das taten sie auch so.
– Und die Menschen, die er mit seinen Reden und seinem Tun begeistert hatte, die hätten sich wohl wieder in die alten Bahnen begeben. Wieder einmal enttäuscht von einem, der nicht hielt, was er vollmundig verspach. Doch auch das waren sie gewohnt.
– Und die Welt hätte sich nicht verändert – aber das tat sie ja auch nicht sogleich mit seinem Tod.

Wozu also dieser Weg, an dessen Ende die absolute Ohnmacht, das absolute Ergeben stand? Für mich hat diese Haltung Jesu mit Treue gegenüber Gott und Treue gegenüber sich selbst zu tun.

– Er hatte nicht gepredigt, um Freunde zu gewinnen – denn dann hätte er den Menschen nach dem Mund geredet.
– Er hatte nicht geheilt, weil er sich beliebt machen wollte – denn durch seine Fürsorge für andere handelte er sich den Hass ein, der ihn ans Kreuz brachte.
– Er hatte den Menschen erzählt, woran er glaubte. Und er hatte selbst nach dem gelebt, was er glaubte. Predigen und Leben stimmten überein. So war er glaubwürdig für die Menschen. Die Menschen glaubten ihm, die Menschen vertrauten ihm. Und dennoch hätten sie wohl akzeptiert, wenn er sich in jener Nacht anderes besonnen hätte.

Aber er besann sich nicht anderes – er blieb konsequent. Wenn wir die Passionsgeschichte hören in der immer wieder kehrenden Wiederholung im Jahresfestkreis, dann vergessen wir zu leicht, dass wir sie von Ostern her hören.

Während Jesus auf seinem Wege war, wusste er selbst nicht, wohin er ihn führen würde. Er ahnte nicht, was auf ihn zukommen würde. Konnte die tiefe Einsamkeit nicht vorhersehen, in die er sinken würde. Keine Freunde in der Nähe und damit keine tragfähigen Beziehungen mehr. Statt dessen, schon am Kreuz, noch die weiteren Hässlichkeiten, die kein Ende nehmen wollten. Am Ende stand, dass er in tiefster Verzweiflung schrie: "Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?"

Er, der den Menschen Mut gemacht hatte durch den Glauben an den lebendigen Gott. Er, der gepredigt und geheilt hatte, der selbst fest an die Zusagen der Bibel glaubte, der sein Leben ganz Gott geweiht hatte. Er fiel in die Hoffnungslosigkeit. Und er schrie. Er schrie seine Verzweiflung aus sich heraus – und er starb. Allein – inmitten von Menschen. Allein, inmitten aller Hässlichkeiten. Allein mit den körperlichen Schmerzen. Allein in seiner unendlichen Verzweiflung. Jesus scheute den Tod nicht. Er scheute nicht den Weg durch das finstere Tal. —

Und da muss ich an Menschen denken, die sich ebenfalls nicht gescheut haben. Dietrich Bonhoeffer ist für mich solch ein Mensch, der konsequent seinen Weg ging. Und ich bin auch schon vielen persönlich in meiner Arbeit als Pfarrerin begegnet. Menschen, die Entscheidungen getroffen haben, von denen sie nicht genau wissen konnten, wohin sie die Entscheidung führen würde. Die nur ahnen konnten, dass das, was sie da auf sich luden, sehr schwer zu tragen sein würde. Menschen, für die wir jedes Verständnis aufgebracht hätten, wenn sie ihren Weg nicht zuende gegangen wären.

Und demgegenüber kenne ich meine eigene Wankelmütigkeit. Weiß, wie schwer es ist, einen eingeschlagenen Weg durchzuhalten. Weiß durch Erfahrungen am eigenen Leibe, wie angreifbar ich mich mache, wenn ich konsequent zu dem stehe, woran ich glaube.

Und ich kenne die Verzweiflung, wenn mir scheint, es hätten mich alle verlassen. Ich kenne sehr gut, was Jesus in seiner dunkelsten Stunde hier tut: er ruft seinen Gott an, an den er Zeit seines Lebens geglaubt hat. Er gibt sich ganz in die Hände dessen, dem er immer vertraut hat. Und er tut es mit Worten, die schon andere vor ihm benutzt haben, als es ihnen selbst dreckig ging. Er betet mit Worten der Psalmen, in denen schon Menschen vor ihm ihre Verzweiflung vor Gott gebracht haben.

Wenn ich in meinen dunkelsten Stunden keine eigenen Worte mehr finde – dann sind es die Gebete anderer, die mich sprachfähig machen, mit denen ich schreien und hadern kann. Wenn ich angesichts des Todes eines jungen Menschen oder eines Kindes keine eigenen Worte mehr habe, dann sind es die Worte der Bibel, die mich fähig machen, auch auf dem Friedhof noch etwas zu sagen. Jesus ging seinen Weg – er ging ihn konsequent. Und er ging ihn im Glauben an den Gott seiner Väter und Mütter. Dass wir lernen mögen für unseren eigenen Weg, das schenke Gott uns heute, morgen und jeden Tag.

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