Leisere Töne …

Liebe Gemeinde!

Gesucht wird die eierlegende Wollmilchsau: ein junger Mensch mit langer Berufserfahrung, fit in Computer und Sütterlinschrift, mit Organisationstalent und spiritueller Ausstahlung. Erwartet werden in Eventorganisation, Kinderpflege, Gartenbau, Finanz- und Bauwesen, Teamfähigkeit und Leitungskompetenz. Englisch, Französisch, Griechisch, Hebräisch und Latein sollte neben gutem Deutsch gesprochen werden, Spanisch sowie schwäbisch Idiome und bairische Dialekte werden gerne gesehen. Weltoffenheit und politsche Neutralität, engagiertes Christentum, keine Berührungsängste und moralische Festigkeit ?

Wenn sie so einen Menschen gefunden, dann halten sie ihn fest. Dann haben sie ihn gefunden, den Idealen Kirchenmenschen, den Paulus wohl im Auge hat, wenn er schreibt: ?Ich bin allen alles geworden?? Der ideale Mitarbeiter, sei es als Pfarrer in Herrsching oder Dekan in Fürstenfeldbruck oder als Kirchenvorsteher in Irgendwo, her damit.

Die Aufzählung könnte man auch für andere Bereiche unseres Lebens durchbuchstabieren: der ideale Politiker, der ideale Chef, die ideale Hausfrau, der ideale Ehepartner ? Die eierlegende Wollmilchsau kommt immer dann zu Stande, wenn sich mehrere Menschen zusammensetzten und ihre Erwartungen zusammentragen. Vielleicht sollten sie eher ihre gemeinsamen Wünsche suchen. Oder auf die Gentechnik warten, die schafft dann einmal solche Individuen. Oder sollte man besser sagen Versatzstücke.

Was der Apostel Paulus hier schreibt, ist über lange Jahre hinweg als Dienstordnung für Pfarrer verstanden worden. Als Anstellungsprüfung eines Generalisten: ?Aber Herr Pfarrer, der Aposchtel hät doch gsagt, dass sie däsch alles tun sollat?.

Auch als größtmögliche Anpassung ist der Text immer wieder ? auch heute noch ? gelesen worden. Allen alles werden. Amöbenhaft durch die Gesellschaft kircheln, damit möglichst allen das Evangelium zu teil wird. Den Motorradfahrern ein Motorradfahrer, den Surfern ein Surfer, den Golfern ein Golfer, den Alten ein Alter und den Jungen ein Junger. Jeden da abholen, wo er gerade ist. In einem Tourismusgebiet wie dem unserem bestimmt dann am Wochenende die Wahl des Sportgerätes den Weg der Verkündigung.

So gesehen wird die Anpassung zum Zwang, der Wandel zum Prinzip. Und Paulus wird gründlich falsch verstanden.

Will man ihn richtig verstehen, muss einen Gedanken zuvor denken: Paulus weiß um seine Freiheit. ?Zur Freiheit hat uns Christus befreit!? schreibt er in einem anderen Brief an seine Gemeinde in Galatien. ?So steht nun fest und laßt euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!? Frei sind wir, und nie wieder sollen wir Knechte sein.

Mit dieser Einstellung schreibt Paulus dann: ?Denn daß ich das Evangelium predige, dessen darf ich mich nicht rühmen; denn ich muß es tun.? Das mag auf den ersten Blick wie ein Widerspruch klingen, doch das ist es nicht. ?Ich kann nicht anders?, sagte Paulus. Ich bin davon so ergriffen, dass ich nicht anders kann. Wenn ich frei bin, das Evangelium zu verkündigen, dann kann ich?s doch nicht einfach sein lassen. Und ich darf mich auch nicht rühmen, dass ich so toll bin. Da bin ich etwas begegnet, das so wunderbar ist: Ich muss es weiter erzählen und es ist nicht auf meinem Mist gewachsen. Die innere Überzeugung muss man spüren können. Denn wäre Paulus ein zur Verkündigung genötigter, er könnte sich seine Predigt stecken!

?Und wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte! 17 Täte ich’s aus eigenem Willen, so erhielte ich Lohn. Tue ich’s aber nicht aus eigenem Willen, so ist mir doch das Amt anvertraut. 18 Was ist denn nun mein Lohn? Daß ich das Evangelium predige ohne Entgelt und von meinem Recht am Evangelium nicht Gebrauch mache.?

Nicht aus eigener Vollmacht oder in eigener Rechnung predigt der Apostel, das Amt hat ihn ergriffen und diese Begeisterung lässt ihn nicht mehr los.

Nun muss ich als Pfarrer der bayesichen Landeskirche so ehrlich sein, dass ich da dem Vorbild eines Paulus nicht gerecht werde. Nicht wegen der Begeisterung, die glaube ich habe ich, sondern wegen der Bezahlung. Mein Lohn ist, dass ich das Evangelium ohne Entgelt predige. Als Pfarrer wird man, wie jeder andere Mitarbeiter auch, bezahlt und es ist nur einem Paulus zu verdanken, dass wir nicht nach Stunden oder gar nach gehalteten Predigten bezahlt werden sondern alimentiert werden, also sozusagen freie Kost und Lolgis bekommen, unabhängig davon wie viel Arbeit im Weinberg des Herrn zu tun ist.

Sei unabhängig von Geld, diese Mahnung gibt Paulus jedem mit, der das Evangelium verkündigt. Lass dich nicht bestechen. Das Wort Gottes weiterzusagen muss dir Lohn genug sein!

Die Freiheit eines Paulus zeigt sich aber auch in der Art und Weise, wie er auf die Menschen zugeht: ?Aus freien Stücken allen alles werden?.

Es wäre zu kurz gedacht, würde man das nur auf die Profis in Sachen Verkündigung denken. Luther spricht von Priestertum aller Glaubenden, von der Aufgabe an jeden Christ und jede Christin.

?Aus freien Stücken allen alles werden?. Wäre das ein Motto für unser Miteinander-Reden, für den Stil, den Christen untereinander und mit anderen pflegen. Ein indianisches Sprichwort lautet: ?Willst du einen Menschen kennen lernen, musst du drei Tage in seinen Mokassins gehen?. Diesen Menschen wirklich kennen lernen zu wollen ist der erste Schritt. Nicht nur oberflächlich sich erzählen lassen. So wie auf Klassentreffen ?Und was machst du so?? ?Und macht es Spaß?. Und dann auch wirklich mitgehen, sich mit hinein nehmen lassen in das Leben, in die Gedanken eines anderen.

Der Apostel Paulus macht sich selbst zum Knecht, stellt sein ganzes Leben nur in Dienst der einen Sache, nur um möglichst viele zu gewinnen, nur um andere kennen zu lernen und wirklich zu erreichen.

Die Welt in der sich der Apostel bewegt ist die der Juden und der Christen. Paulus ist Jude, trifft also auf seinen Reisen Glaubensgenossen genauso wie Nicht-Juden, griechische Kaufleute, römische Soldaten, Einheimische anderer Kulte. Für die Juden, denen Paulus begegnet ist ? auch wenn sie den neuen Glauben das Christentum angenommen haben ? die alte Identität wichtig. ?Unter dem Gesetz stehen? heißt nichts anderes als ?sich an die Gebote und Weisungen des Judentums zu halten? auch wenn Jesu Botschaft diese eigentlich nicht verlangen würde. ?Können wir gegen die alten Gesetze verstoßen, sie nicht mehr befolgen.? Diese Unsicherheit haben damals nicht viele ausgehalten.

Denen zu liebe mache ich das mit, sagt Paulus. Den Unsicheren, den Schwachen zu liebe begebe ich mich unter Regeln, die für mich eigentlich nicht gelten. Nur damit ich diese Menschen nicht verletze, ihnen meine Gedanken, meine Botschaft, das, was mich bewegt sagen kann.

Ich finde, diese Haltung eines Paulus tut einem jeden von uns gut, der sich aufmacht von seinem Glauben anderen zu erzählen. Denn so wie Religion mit dem Leben zu tun hat, haben auch die Antworten einer Religion mit den Fragen und Problemen eines Menschen zu tun, der sich an ihr festhält. Paulus ist hier nicht der Verkündiger, der im Bewusstsein der eigenen Wahrheit andere in Grund und Boden predigt. Schau doch erst einmal genau hin, begib dich doch erst einmal in die Gedankenwelt des anderen. Nur so kannst du ihn erreichen.

?Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne.? Liebe Gemeinde, wenn ich diesen Satz eines Apostels Paulus heute lese, dann erschrecke ich. Denn es scheint schwer zu sein, sich in das Leben und Denken unserer Glaubensverwandten einzufühlen. ?Ich fürchte, dass kaum jemand den Antisemiten, die es in Deutschland gibt … mehr Zulauf verschafft hat als Herr Scharon und in Deutschland ein Herr Friedman mit seiner intoleranten und gehässigen Art.? so Jürgen Möllemann am 16. Mai im ZDF tat. Es muss doch klar sein, was diese Worte auslösen, was Menschen denken die mit jüdischem Glauben in Deutschland leben. Erst recht, wenn es nur sehr wenige sind. Und es muss doch auch bedacht werden, was Menschen dabei denken, die mit der Integration und Akzeptanz Andersgläubiger Probleme haben, sie sogar ablehnen oder gar bekämpfen. Beifall von der falschen Seite zeugt nicht von Überraschung sondern von Dummheit.

Auch ist es schwer zu verstehen, wenn von einer Entschuldigung vor dem Düsseldorfer Landtag ? Ich zitiere ?Sollte ich damit die Empfindungen jüdischer Menschen verletzt haben, möchte ich mich bei diesen entschuldigen? ? wenn von dieser Entschuldigung Möllemanns wenige Stunden später Friedman ausgenommen wird. Egal ob man diesen Menschen sympatisch findet oder nicht, ?gewinnen? ? um mit Paulus Worten zu sprechen ? tut man damit niemanden. Jedenfalls niemanden, den man gewinnen will. Und wenn es die Strategie der FDP im ultrarechten Raum Wähler zu finden, denn müsste der Satz des Paulus heißen: ?Den Juden bin ich wie ein Neonazis geworden, damit ich die Neonazis gewinne.?

Ich finde es spannend, dass das der Apostel nicht sagt. Seine Haltung hat viel mit der Achtung vor anderen Menschen zu tun. Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Wie sähe ein Dialog zwischen Christen untereinander, zwischen Christen und Juden, zwischen Christen und Moslems, aus, wenn jeweils das schwächste Glied in der Kommunikationskette das Miteinander bestimmen würde. Wie sähe eine Kritik an Israels Kriegspolitik aus, die sich in der die Empfindsamkeit jüdischer Mitbürger einfühlen könnte.

Ich erinnere mich an ein Interview mit Rudolf Scharping, der in seiner ja gut bekannten bedächtigen Art erklärte, wieso eine Beteiligung deutscher Soldaten für in Israel überlebende des Holocaust schwer zu ertragen sei. Den Schwachen ein Schwacher werden, um sie zu gewinnen.

Für Paulus ist das zur Lebensaufgabe geworden. Das muss ich einfach tun, ich kann es nicht lassen, wovon ich ergriffen bin.

?Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben? schreibt am Ende unseres Predigttextes. Erst habe ich diesen Abschnitt einfach überlesen, habe mich gefangen nehmen lassen von der Brisanz der Sätze zuvor. Doch dann habe ich gemerkt, das Paulus damit den Bogen wieder schließt. Zuerst die Aufgabe, die einfach aus ihm herausdringt, dann das freiwillige Mitgehen mit Menschen in anderen Lebenskontexten, mit anderen Glaubensgeschichten, und jetzt: ?Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an ihm teilzuhaben.?

Teilhaben am Evangelium, nicht nur weitersagen oder übergeben, teilhaben! Da werden Wort mit einem mal zum Lebensraum. Heilsam für andere und wichtig für mich selbst, ein Rahmen aus dem ich all zu schnell herausfallen kann. Die Beispiele kennen wir. Das behutsame Mitdenken und Mitleben mit anderen Menschen, die nur dann etwas vom Evangelium mitbekommen, wenn sich andere aus freien Stücken in diesen Raum begeben, gleichsam Evangelium werden, Evangelium sind.

Vielleicht ist die Debatte der vergangenen Tage ein ganz gutes Lernfeld, Evangelium heute zu verkündigen. Sich einzuüben um Rücksicht-Nehmen auf die Schwachen. Auch ich merke da an mir, wie oft ich ?Anfänger im Glauben? bin, immer wieder und immer wieder neu. All zu schnell wird dann dem anderen das eigene Evangelium übergestülpt. Das ist doch so toll, und überhaupt, der andere soll erst einmal so weit kommen.

Paulus mahnt zu leiseren Tönen. Wenn du teilhaben willst am Evangelium und nicht davon reden willst, dann muss du schwach sein mit den Schwachen und traurig sein mit den Traurigen. Du musst in die Hoffnungslosigkeit gehen mit den Hoffnungslosen und in die Angst mit den Verängstigten. Und dann, wenn du Teil des Lebens anderer geworden bist, dann werden sie da Evangelium hören. Eher nicht.

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