Leicht wie der Himmel

Liebe Gemeinde,

wir müssen aufräumen, sagte meine Frau vorgestern morgen, als sie das Chaos im Kinderzimmer sah. "Ja, Felix", raunte unser 3järiger dem 2jährigen geheimnisvoll zu: "Sonst kommt das Christkind nicht."

Ich betone: In unserem pädagogischen Pfarrhaus sind solche Drohungen niemals gefallen. Keine Ahnung, woher Paul das hat. Im Gegenteil: Den Weihnachtsmann, der mit der Rute droht, wenn man nicht schön artig aufräumt, den gibt’s bei uns nicht. Und wir haben auch zugegebenermaßen Probleme mit dem Christkind, weil dieses verhuschte kleine, blonde Mädchen, das zu Heiligabend für Millisekunden in deutschen Wohnzimmern auftaucht, nicht so recht vereinbar ist mit dem schwarzgelockten Christuskind zwischen Ochs und Esel.

Nun sollten sich Eltern nicht einbilden, sie hätten wirklich unmittelbaren Zugriff auf die Träume und Phantasien ihrer Kinder, schon gar nicht zu Weihnachten. Nicht nur kindliche Weihnachtsträume, auch unsere eigenen Hoffnungen und Sehnsüchte werden dadurch geprägt, was wir unter dem Jahr erleben. Und wir Großen und Kleinen leben in einer Welt, in der es unsäglich schwer fällt, sich Lohn ohne Leistung vorzustellen. Und alle Pädagogik scheint nichts zu nützen, uns eines Besseren zu belehren. Die Kleinen machen’s den Großen, die Großen den Kleinen vor:

Man bekommt einfach nichts geschenkt im Leben. Keine schöne Bescherung ohne Aufräumen. kein frohes Fest ohne minutiöse Vorbereitung, keine Heilige Nacht ohne planen und putzen, ohne basteln und backen, ohne schenken und schachern.

Gerade in diesem Jahr, mit nur – Klammer auf – Ausrufezeichen – Klammer zu, mit nur 3 Wochen Vorbereitungszeit, gerieten viele ins Stöhnen. Drei Wochen für’s Weihnachtsgeschäft sind einfach zu wenig. Und mit Weihnachtsgeschäft meine nicht die 17 Milliarden D-Mark, die diese Wochen über deutsche Ladentische gingen. Ich meine die sozialen Handelsabkommen, die wir alle Jahre wieder schließen. "Wenn ihr zu Weihnachten Tante Margarete nehmt, fahren wir mit ihr in die Osterferien." "1. Weihnachtstag deine, zweiten meine Eltern." "Wir müssen Schnedermanns noch was schenken, wir kriegen von denen immer was." "Ruf bloß zuerst in Neumünster an und bedank‘ dich, sonst wird die Gisela wieder sauer." Und: "Lass dir nichts anmerken, wir können’s ja umtauschen."

Wir haben zur Heiligen Nacht unheilige Weihnachtsmarktgesetze aufgerichtet, unter denen Menschen wie Waren verschoben werden, schenken und Dankbarkeit zur ersten Bürgerpflicht wird und wahre Freude oder wahre Enttäuschung viel zu oft dem Fest-der-Liebe-Grinsen weichen müssen. Schließlich will man sich ja einmal im Jahr vertragen. Da muss man sich schon beherrschen und anstrengen. Von nichts kommt nichts.

Liebe Gemeinde, ich hoffe, Sie hatten gestern einen entspannteren, freieren, ehrlicheren Heiligabend als eben karikiert, dass Sie nicht aus Pflicht, sondern aus Liebe Menschen einluden, dass Sie nicht aus Höflichkeit, sondern vor Freude lachten, dass Sie nicht Knechte der sozialen Marktgesetze des "Das tut man nicht" und des "Von nichts kommt nichts" waren. Trotzdem: "Es ist ein Geflecht, dem wir nicht entrinnen können", meint der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach (www.corp.aventis.com/future/de/downloads/PDF/fut0101/customer_by_nature.pdf). "Wann immer wir in die Welt der sozialen Beziehungen treten, sind wir, ob wir wollen oder nicht, immer auch Kunde. Mensch sein heißt Kunde sein." Im Weihnachtsstress wird dieses Geflecht besonders greifbar: Wir sind Kunden, die immer in irgendeiner weise ihre Zeche zahlen: kein Geschenk ohne Gegengeschenk, keine Freundschaft ohne Sozialabgaben in irgendeiner Form. Do ut des, heißt das in der lateinischen Rechtssprache: Ich gebe, damit du gibt’s. Nicht nur zur Weihnachtszeit läuft unser Leben Gefahr, von diesem Gesetz regiert zu werden. Do ut des. Ich gebe, damit du gibst.

Vor 2000 Jahren war dieses Do ut des das höchste Gebot der Galater. Von nichts kommt nichts, schon gar nicht die Gnade Gottes. wer Weiß, was die galatische Gemeinde aus Weihnachten gemacht hätte. Sie löste sich leider auf, ehe das Fest aufkam. Paulus schrieb den Gesetzestreuen einen Brief, beschimpfte sie mit "blöde Kelten", breitete geduldig seine Lehre von Jesus Christus aus und beschwor sie, den unheiligen Rechtsweg des do ut des zu verlassen, um sich der göttlichen Gerechtigkeit anzuvertrauen. Frau X. las gerade seine Weihnachtsbotschaft an die Galater, als es das Fest überhaupt noch nicht gab: Gott sandte seinen eigenen Sohn in unsere Welt, stellte ihn unter ihr Gesetz, damit wir die Kindschaft empfangen. Die Galater scheinen seinen Brief nicht verstanden zu haben. Vielleicht gäbe es ihre Gemeinde sonst heute noch. Gott selbst trat ein in die Welt, in der die letzten die Hunde beißen, in der nur jeder bekommt was er verdient, in der nichts von nichts kommt. Gott selbst ein Niemand von Niemandseltern, geboren unter erbärmlichen Umständen, aufgewachsen in einem Kuhdorf, gekreuzigt, gestorben und begraben getreu des Gesetzes einer Welt, das es für angemessen hält, dass ein Mensch für ein Volk stürbe. Von nichts kommt nichts. Wir opfern den Nazarener, das Volk gibt Frieden.

Doch: Gott sandte seinen Sohn, damit wir die Kindschaft empfingen. Irgendwie scheint Gott unseren schönen lateinischen Leitspruch "Do ut des" nicht verstanden zu haben. Gott gab sich selbst, sein eigenes Leben, in einer Krippe, an einem Kreuz, nicht aus Berechnung, nicht aus Eigennutz, sondern aus Liebe. Er gab, nicht, damit wir geben. Er gab sich, damit wir leben. Er verschenkte sich selbst, warf sich nackt und bloß in das Räderwerk von Gabe und Gegengabe, wurde zermalmt und stand wieder auf. Und er zeigte uns, was es heißt: Schenken, ohne Berechnung, und Dankesgier, ohne Wiedergutmachungsanspruch. Unser deutsches Wort "Schenken" kommt übrigens aus dem Indogermanischen und heißt soviel wie "schräg stellen, schief machen". In der Nacht zu Bethlehem fing es an: Unsere felsenfester Rechtsgrundsatz "Ich gebe, damit du gibst" geriet in Schieflage. Gott selbst schenkte sich in dieser Nacht, war Präsent, ist präsent überall dort, wo Menschen bereit sind, sich beschenken zu lassen ohne es zu verdienen.

Gott selbst war das Präsent in dieser Nacht an die Welt und ist weiterhin präsent überall dort, wo Menschen hoffen ohne zu berechnen, wo Menschen lieben ohne zu bedingen, wo Menschen handeln ohne zu verhandeln. Gott musste erst Mensch werden, um zu zeigen, wie es geht, um zu zeigen dass es geht, dass kein Mensch verloren geht, wenn er nicht stets auf seinen Eigennutz starrt. Heiliger Commerz, sacrum commercium wie es in der römischen Liturgie heißt: Gott vollzieht den wunderbaren, heiligen Tausch: Er wird Mensch, damit wir die Kindschaft empfangen. Wir sind nicht mehr Knechte des Gesetzes der Welt. Wir müssen unseren Marktwert nicht mehr erhalten. Wir sind nicht mehr Kunden, die stets auf die Rechnung für empfangene Dienste warten. Wir sind Kinder unseres Gottes, dürfen Abba, lieber Vater rufen, ohne Verdienstbescheinigung und gesetzliche Beglaubigung. Einfach so. Weil Gott sich schenkt. Weil er seit jener Nacht präsent für uns ist.

Weihnachten ist allein ein Fest für Kinder, für uns, die Kinder Gottes. Wer Gott seinen Vater nennen darf hat, hat es nicht nötig den Treueeid auf das Gesetz der Welt zu schwören, in der Geschenk mit Gegengeschenk, Gewalt mit Gegengewalt vergolten wird. Wir sind jetzt schon Erben des lebendigen Gottes, empfangen von warmer, zärtlicher Hand sein Himmelreich, Erben, durch das Neue Testament, durch den neuen Bund, den Gott vor 2000 Jahren für alle Ewigkeit mit uns geschlossen hat.

Es ist kein schweres Erbe, das wir antreten. Es ist leicht wie der Himmel. Es lässt uns aufrecht gehen, weil das Gesetz der Erde nicht mehr gilt. Wir müssen nichts mehr geben, um etwas zurückzubekommen. Wir haben alles, was wir brauchen. Wir können einfach nur geben, uns an andere verschenken. Einfach so. Denn Gott ist Präsent geworden in der Nacht zu Bethlehem. Do ut des ist kein Recht der Zukunft. Und für die unter uns, die noch an das Christkind glauben: Es kommt auch, wenn man sein Zimmer nicht aufgeräumt hat.

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