Lebst du schon?

Liebe Gemeinde,

„Wohnst du noch oder lebst du schon?“. Sie kennen diesen Werbespruch von IKEA, dem schwedischen Möbel- und Einrichtungshaus? Eine, wie ich finde, faszinierende Frage. Und eine Frage, die eigentlich die Antwort schon enthält: Was wollen wir eigentlich, leben, gut leben, ein schönes Leben?

Die Sehnsucht steht dahinter, aus unserem Leben das zu machen, was uns glücklich und zufrieden macht. Leben Sie schon? Dabei möchte ich Sie jetzt fragen, wie wollen Sie denn leben? Was erwarten Sie? Zuerst Gesundheit, Auskommen und Arbeit, mit der man Geld verdienen kann, Essen und Trinken, Liebe und Partnerschaft, Familie. Einmal ein Lottogewinn! Wenn wir hier weiterdenken, merken wir, dass diese Frage immer in die Zukunft geht. Möge es doch morgen und die kommenden Jahre so werden oder mindestens so bleiben wie es heute ist.

Eine Geschichte erzählt von einem Mann, der in einem abseits gelegenen Dorf über den kleinen Friedhof geht. Er liest die Grabsteininschriften. Auf einem Stein steht: Er lebte 7 Tage, auf dem anderen: Sie lebte 10 Tage und so weiter. Erstaunt fragte er den Friedhofsgärtner: „Gab es hier eine Seuche oder eine Naturkatastrophe, dass die Menschen so früh starben?“ Der Gärtner antwortete: „Wissen Sie, bei uns ist es nicht üblich, die Jahre zwischen Geburt und Tod auf dem Grabstein festzuhalten, sondern die Tage, die jeder wirklich gelebt hat!“

„Lebst Du schon?“ Eine wirklich interessante Frage, die uns lange beschäftigen kann.

In unserem Predigttext geht es auch um diese Frage. Man kann auch die Überschrift die über dem Kapitelabschnitt steht zum Thema machen: „Die Speisung der Fünftausend“ oder „Die wunderbare Brotvermehrung“. Ich lese noch einmal den Text aus dem Johannesevangelium Kapitel 6, vielleicht hören Sie dabei auf die Frage: „Was brauchen wir zum Leben, was ist unsere Sorge?“

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Da könnte einem selbst glatt der Mund offen stehen bleiben. An den Geschichten von den Wundern, die Jesus getan hat, können wir uns aufreiben. Oder müssen wir Sie einfach nur glauben? Ich erinnere mich an meine Kindheit, als wir in der Sonntagsschule jede Woche Geschichten aus der Bibel hörten. Und ich denke, damals kam kein Zweifel an der Möglichkeit auf, dass solche Wunder möglich sind. Heute geht es mir auch noch so, aber ich kann Menschen verstehen, die das für ein Märchen halten. Deshalb dazu ein kurzes Experiment:

Ein Philosoph erzählt von einem Gedanken-Experiment, das beginnt: „Stellen Sie sich vor … “ Stellen Sie sich vor in einer Küche steht eine junge Frau am Herd und bereitet das Mittagessen vor. Am Tisch sitzt der Vater und ein kleines Kind im Alter von etwa 1 ½ bis zwei Jahren. Plötzlich schwebt der Vater von seinem Stuhl bis an die Zimmerdecke und bleibt dort oben. (Ich sagte, Sie sollen sich das nur vorstellen). Was glauben Sie, ist die Reaktion des Kindes? Es wird mit dem Finger an die Decke zeigen und ganz erstaunt rufen: „Papa, Papa“ vielleicht sogar einen freudigen Jauchzer über das so Unerwartete tun. Und die Mutter? Sie dreht sich um, sieht das Unmögliche und lässt vor Schreck den Kochtopf mitten in der Küche fallen.

Sie werden sagen, was ist das für eine Spinnerei. Gut, ich verstehe das. Aber überlegen Sie noch einmal, das Kind hat mit fliegenden Gegenständen noch keine Erfahrung, es nimmt das Geschehen so auf, wie es passiert, wertfrei und ohne Möglichkeit es mit anderen Erfahrungen vergleichen können. Die Mutter, und jeder von uns auch, wissen, dass Gegenstände nicht einfach so an die Decke schweben. Das widerspricht einfach jeglicher Erfahrung, die wir machen und im Verlauf unseres Lebens „erlernt“ haben. Und die Summe gleicher Erfahrungen machen wir zum allgemeinen Maßstab. Die Wissenschaftler nennen die Summe von gleichen Erfahrungen ein Naturgesetz. Der Apfel fällt zur Erde, alle Äpfel, ja alles fällt zur Erde, das ist das Gravitationsgesetz.

Aber kommen wir selbst wieder zurück auf den Boden. Das Wunder der Brotvermehrung könnten wir aus dieser Sicht der Philosophen diskutieren, oder wir können uns die Deutungen der Theologen anschauen. Es gibt auch „rationalistische Deutungen“. Die Menschen damals hatten vielleicht doch etwas einstecken an Nahrung und durch die Predigt Jesu waren sie in die Lage versetzt, das, was sie hatten mit anderen, zu teilen und plötzlich reichte es für alle!

Aber man kann diese Geschichte von der Sättigung der vielen Menschen auch so stehen lassen, wie sie uns überliefert ist. Sie ist für sich allein schon Predigt und Verkündigung. Ich jedenfalls kann es so glauben und Gott zutrauen, dass er so handeln kann. Warum eigentlich nicht? Gott schenkt Dinge, die wir so nicht erwartet haben, er gibt was zum Leben nötig ist. Der Schöpfer der Erde und aller Dinge ist mit unserem Erfahrungsschatz und menschlichem Wissen nicht zu ermessen. Ich versuche mir immer das Staunen des kleinen Kindes zu bewahren: „So ist Gott, so kann er handeln, auch wenn es meiner Erfahrung widerspricht.“

Vor allem am Ende Textes merken wir es deutlich, dass es in dieser Erzählung nicht um das Wunder „an sich“ geht. Jesus geht weg, weil er wegen der Zeichen, die er tat, zum König gemacht werden soll. Wenn Jesus heilt, Tote erweckt, Brot gibt, geht es nicht um Magie oder Zauber. Wunderheiler gab es in der Antike und gibt es auch heute noch. (Wenn es heute bei den heutigen so genannten Wunderheilern und Wundermitteln auch nur darum geht, den Leuten, dass Geld „aus der Tasche“ zu ziehen!)

In den Evangelienberichten über die Wunder wird immer eine andere Verbindung deutlich. Hier geht es um eine neue Welt, die jenseits unserer Erfahrungen liegt. Die neue Welt wird in der Bibel mit dem „Reich Gottes beschrieben“. Die neue Welt Gottes kann man auch erfahren, nämlich aus dem Glauben heraus. „Gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen“ In vielen Wundern und Zeichen wird uns der Zusammenhang von Glauben und Wundern verdeutlicht.

Was in der Geschichte an Glaubenserfahrung steckt sagt Martin Luther in seiner Predigt über dieses Kapitel: „Wir sollen fromm sein, und dem Wort Gottes mit Fleiß nachgehen wie diese Leute hier, und glauben: so will Gott dafür sorgen, dass wir Essen kriegen und Nahrung finden. Als wollte er sagen: Mein lieber Mensch, lerne und suche am ersten das Reich Gottes, höre mein Wort, glaube an mich, und tue mit Fleiß, was dir zu tun in deinem Stande befohlen ist; so lasse mich für das übrige sorgen.“

Glaube und Wunder, die vielen Menschen, die satt werden, bekommen sicher gar nicht mit, warum auf einmal für jeden genug zu essen da ist. Keiner hat Jesus gedrängt, das Wunder zu tun. Es geschieht einfach, weil Jesus das „Not-Wendige“ erkennt und tut.

Man stelle sich einmal diesen „Open-Air-Gottesdienst vor“, 5000 Menschen, Frauen nicht mitgezählt (das war damals so üblich), alle waren diesem Jesus hinterher gegangen, der den Ruf eines Wunderheilers und Propheten hatte. Sein engster Jüngerkreis, die „Kerngemeinde“, andere, die seine Botschaft gehört hatten und Neugierige, die vielleicht nur sehen wollten, was er „drauf hatte“. Darunter welche, die sich Hilfe versprachen, vielleicht als letzte Hoffnung.

Erzählt wird uns hier nicht, dass Jesus auch gepredigt hat; bei Lukas wird davon berichtet. Dort heißt es: „Er sagte ihnen vom Reich Gottes und machte gesund“. Wir kennen von Luther die Lehre von zwei Reichen, das irdische und das himmlische, Staat und Kirche auch interpretiert als Körper und Geist. Und so meint er hier auch, dass es um diese beiden Dinge geht: Nahrung für Seele und Leib. Jesus hat auch das „Äußere“ im Blick: „Essen und Trinken“. Ihn bewegt der Hunger der Menschen. Und, wer da ist, ist eingeladen. Wer braucht dem wird abgegeben. Die Sorge um das Elementare, das „Lebens-Not-wendige“. In Zeiten der Krise wird uns das deutlich. Auch in unserem Ort. So ist Jesus und so soll seine Gemeinde sein. Das Miteinander-Teilen, das Füreinander-Sorgen als Lebensstil eines jeden. Vielleicht auch als Erkennungszeichen der christlichen Gemeinde.

Ein letzter Punkt, der den Zusammenhang dieser Geschichte erweitert. Das Wunder der Brotvermehrung steht zwar in seiner Schilderung im Mittelpunkt. Darüber hinaus zeigt uns der Evangelist Johannes noch etwas Wichtiges. Die Botschaft des Evangeliums, wie sie uns Jesus lehrt. Im 6. Kapitel des Johannesevangeliums geht es weiter, als Jesus am nächsten Tag am anderen Ufer des Sees ist und wieder einige zu ihm kommen und Fragen stellen. Ihnen sagt er: „Ihr sucht mich nicht wegen des Wunders auf, sondern weil ihr satt geworden seid, von dem Brot, dass ich euch gegeben habe.“ Es geht nicht um das Wunder, sondern um das Brot, dass Jesus gibt. Jesus stellt eigentlich die Frage, die er seinen Jüngern auch stellte: „Was meint ihr, wer ich bin?

Später in den Versen 26 und 27 wird Jesus deutlicher und spricht von sich: „Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten“. Sorge um das tägliche Brot und das „Brot des Lebens“ sind für Jesus ein „notwendiger“ Zusammenhang. Und am Ende des 6. Kapitels beantwortet Petrus die Frage nach der Vollmacht Jesu. „Herr wohin sollen wir gehen, du hast Worte des ewigen Lebens. Wir haben geglaubt und erkannt, dass Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“

Brot des Lebens, Weinstock, Weg, Wahrheit und Leben. Jesus sagt, dass bin ich für Euch. Der euch geistige Nahrung und ewiges Leben gibt, wird euch auch im Alltag versorgen. Das Reich Gottes ist nicht von dieser Welt, aber wer die Spuren Gottes erkennen will, erkennt in allem Gottes Sorge um die Menschen. „Trachtet zuerst nach Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.“ Dieser Vers, den Dietrich Bonhoeffer als den einzigen Zufall bezeichnet, fasst das zusammen. Die Sorge Gott überlassen und das tun was uns möglich ist. „… wir haben ja nur fünf Brote und zwei Fische, wir können so wenig tun“. „Trachtet zuerst nach Reich Gottes …“ Das kann uns Gelassenheit und Trost geben. Das kann unserer Gemeinde Ziel und Auftrag sein.

„Wohnst Du noch, oder lebst schon?“ Mit dieser Frage haben wir begonnen. Nein, Leben ist mehr als schöner Wohnen. Und auch mehr als die schönen Tage im Leben zu zählen. Dafür kennen wir Tage mit Angst und Sorge. Aber, alle Tage stehen in Gottes Hand und unser Leben zwischen Geburt und Tod ist ein Leben unter Gottes Schutz und Schirm und in Erwartung seines Reiches. „Sorgst Du noch oder lebst du schon?“ Mit dieser Frage möchte ich Sie in die neue Woche entlassen!

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