Lebenschancen

Liebe Gemeinde,

kaum wagt man sich vorzustellen, was diese Leute, denen der Apostel Paulus eine solche Moralpredigt hält, früher für Monster gewesen sein müssen. Von wenig Verstand, mit Leib und Seele irgendwelchen finsteren Machenschaften verfallen, dabei von Kleinmut und Todesfurcht verfolgt und dabei eigentlich gar keine Menschen, sondern – Paulus sagt es kurz und abwertend: "Sklaven der Sünde".

Was haben sie nur getan, diese Christen in Rom, dass Paulus so über ihre Vergangenheit spricht? Haben sie gestohlen, gemordet, ihre Körper verkauft, sich mit Drogen zugrunde gerichtet, sich selbst und ihren Mitmenschen übel mitgespielt? Ein Sklave, eine Sklavin der Sünde genannt zu werden – da muss schon was ziemlich unmoralisches dahinter stecken – mir fallen aus der Gegenwart bunte Blätter und Zeitungen mit dicken Balkenüberschriften dazu ein, die vor Lebensbeichten und Gräuelgeschichten nur so triefen.

Die römische Gemeinde also – ehemals ein Hort der Unmoral und Gottlosigkeit?

Ich hoffe nur, dass Paulus übertreibt. Ich hoffe es zugunsten der Leute damals, die ja offenbar ihren früheren Lebenswandel hinter sich gelassen haben. Ich hoffe es um unseretwillen, die wir im Römerbrief Anleitung für unser Leben lesen wollen.

Vom Wandel des Lebens, von der Lebenswende der römischen Christen schreibt Paulus auch. Der schrecklichen Vergangenheit stellt er eine fast überirdische Gegenwart gegenüber. Sehen wir uns auch diese Begriffe an: Befreiung, Heiligung, Gnadengeschenk, das sind die Kennzeichen des Heute – aus Sklaverei wurde Freiheit, aus Sünde wurde Heiligkeit, aus dem Tod kam das Leben. Wie aber kann so etwas geschehen? Das wüssten wir natürlich gerne, lieber Paulus, vielleicht könnten auch wir davon profitieren, dass da aus Verbrechern Geläuterte wurden – hättest du da nicht ein Patentrezept für alle möglichen Schurken, Diebe und Betrüger, um sie auf die Bahn der Tugend zurückzuführen?

Was da passiert ist, enttäuscht uns vielleicht zu hören. Denn im 6. Kapitel des Römerbriefes geht es um die Taufe. Davon erzählt Paulus seiner Gemeinde in aller Ausführlichkeit. Er erinnert sie daran, dass sie getauft sind. Er versucht ihnen zu erklären, was das für sie bedeutet. Er spricht sie an als diejenigen, mit denen eine grundlegender Wandel vorgegangen ist, eine Lebenswende, die bewirkt hat, dass nichts mehr so ist, wie es vorher war. Die ihnen ihre Vergangenheit in düsterem Licht, ihre Gegenwart und Zukunft aber in den schönsten Farben malt. Die über ihr bisher finsteres Leben hereingebrochen ist wie die Sonne, die plötzlich durch eine schwere Wolkendecke bricht und nun alles mit ihrem Licht beglänzt und vergoldet. Auf die Taufe – so war das damals – haben sie sich als erwachsene Menschen lange vorbereitet, Unterricht genommen, in der Gemeinde mitgearbeitet, sich mit dem Bekenntnis vertraut gemacht. Dann haben sie in einem Gottesdienst ihr ganzes altes Leben hinter sich gelassen, haben deshalb ihre alten Kleider abgelegt und neue, weiße angezogen, sind als veränderte Menschen aus dem Taufbad gestiegen und haben ein neues Leben angefangen.

Sie meinen, da stimmt was nicht? Dass aus einem Verbrecher nicht – nicht einmal durch die Taufe – plötzlich ein Guter wird? Dass ein Betrüger nicht mehr betrügt, ein Ehebrecher in den Schoß der Familie zurückkehrt, ein Lügner nicht mehr lügt? Dass das bei unserer eigenen Taufe ja auch nicht so gewesen ist, und wir, wenn wir auch keine Verbrecher, Betrüger und notorischen Lügner sind, doch auch als getaufte Menschen noch unsere kleinen und großen Probleme mit den Geboten haben, auf keinen Fall aber gefeit sind gegen das Unrecht, gegen die vielen kleinen und großen Lässlichkeiten, Versäumnisse und – ja, eben: Sünden -, von denen auch unser Leben nicht frei ist?

Sie haben natürlich recht. So automatisch funktioniert das nicht. Und die Bilder, die Paulus gewählt hat, sind sehr stark, vielleicht zu stark – sowohl die für die Vergangenheit wie die für die Gegenwart der Christen. Wenn wir es so moralisch auffassen, wie eben geschildert, dann muss man einfach sagen: Diese Schwarz-Weiß-Malerei bezieht sich nicht auf Dinge, die wir tun oder lassen, nicht auf unseren Lebenswandel, nicht auf eine übernatürliche Verwandlung von einem Missetäter in einen moralisch guten Menschen. Weder die Christen vor 2000 Jahren in Rom, noch die Christenheit seither, noch wir heute sind durch die Taufe einfach ausgewechselt und von Sündern zu Heiligen gemacht worden.

Und wieso eigentlich nicht? Paulus beschreibt es doch in so kräftigen Worten, in so deutlichen Gegensätzen, und was sollte denn sonst in der Taufe geschehen? Sie bedeutet doch tatsächlich den Wechsel unsere Lebens in einen anderen Bereich: von Sklaverei zur Freiheit, von der Sünde zur Heiligkeit, von der Gottferne in das Licht seiner Gnade. Nun merken wir: Paulus redet auf einer ganz anderen Ebene als der bisher angesprochenen. Er spricht nicht von Moral, sondern vom Sein, von der Existenz des Menschen vor Gott. Er hält nicht mit erhobenem Zeigefinger eine Moralpredigt; er macht uns auch nicht schlechter, als wir sind. Er will nur theologisch ernst nehmen, was eigentlich geschehen ist, als wir Christen wurden.

Und um diesen anderen Bereich, diese andere Welt zu verdeutlichen, in die wir damit eintauchen, wählt er seine starken Worte. Die Zugehörigkeit zu Christus holt uns heraus aus der finsteren Schwere eines todgeweihten Lebens und überstellt uns in den lichten Bereich göttlicher Liebe. Die Möglichkeit der Nachfolge verwandelt uns in Menschen, die sich vor Sünde und Tod nicht zu fürchten brauchen, weil Gottes Liebe uns einen Ausweg daraus eröffnet hat. An unseren Sünden, an den Unzulänglichkeiten unseres Lebens, an unseren großen und kleinen Verfehlungen brauchen wir nicht mehr zu ersticken, weil Gott uns Vergebung schenkt.

Unser Leben ist und bleibt schwierig, ausgespannt zwischen Wollen und Nicht-Können, zerrissen zwischen Gottes Willen und unserem Unvermögen, bleibt beeinträchtigt von ständigen Versuchungen. Aber etwas hat sich grundlegend gewandelt, und das verändert tatsächlich alles.

"Jetzt aber", sagt Paulus den Christen damals und uns heute, "jetzt aber, befreit von der Sünde und in Gottes Dienst aufgenommen, ist die Frucht, die ihr erntet, eure Heiligung; und sie führt zum ewigen Leben. Denn der Sold, den die Sünde auszahlt, ist der Tod; das Gnadengeschenk Gottes aber ist das ewige Leben – in Christus Jesus, unserm Herrn."

Der neue Zustand, von dem er spricht, nennt er "Heiligung". Die haben wir uns nicht selber verdient und erworben, sondern, sie ist eine "Frucht", die uns in den Schoß fällt, ein Geschenk also, das Gott uns macht. Er schenkt uns anstelle des Todes, zu dem unser menschliches Sein unweigerlich führt, das ewige Leben. Er verspricht uns seine Gegenwart, seine Liebe und Zuwendung über den Tod hinaus. Wir sind befreit von den Zwanghaftigkeiten unseres Menschenlebens, wir dürfen und sollen immer wieder neu anfangen, weil Gott uns vergibt.

Deshalb geht es in den harten und schwierigen Sätzen des Apostels auch nicht um konkrete einzelnen Sünden oder sogar Verbrechen, es geht nicht einmal zuerst um unsere täglichen Verfehlungen. Sondern es geht um den grundsätzlichen Unterschied, den Gott mit uns macht – eine grundlegend andere Orientierung unseres Lebens. Waren wir vor der Taufe Teil der Menschheit, wie sie seit dem Sündenfall ist – auf ihren eigenen Willen aus, aufs eigene Wohl und das eigene Fortkommen fixiert und dabei doch immer gefangen in der Endlichkeit allen Lebens und Strebens, so sind wir Christen daraus befreit: Unser Leben steht nicht mehr unter dem Schatten, sondern in der Wärme und Tröstlichkeit von Gottes wunderbarem Licht.

Wir brauchen nicht bei allem mitzumachen, was Gesellschaft, Politik oder unsere Mitbürger von uns wollen. Wir können den ersten Schritt tun, wenn es nach einem Streit um die Versöhnung geht, wir vergeben uns nichts, wenn wir eigene Fehler zugeben, wenn wir uns dem Gerede und Klatsch über andere verweigern, wir brauchen nicht um unser Ansehen und unseren Wert fürchten, denn Gottes Geschenk gibt uns unseren unendlichen Wert als von ihm geliebte Menschen. Wie Kinder, die vor ihren Eltern und ihrem Urteil keine Angst zu haben brauchen, weil sie wissen: Meine Eltern halten unbedingt zu mir, so vertrauen wir der Liebe Gottes. "Furcht ist nicht in der Liebe", so heißt es im 1. Johannesbrief: Gottes Liebe ist es, die alles verwandelt, alles neu macht und uns Lebenschancen eröffnet. Sie sollen wir als die wichtigste Wirklichkeit unseres Lebens begreifen und auch an andere weitergeben und weitersagen, aus ihr unsere Kraft schöpfen, in ihr Rückhalt, Trost und Hoffnung finden im Leben und im Sterben.

So im Nachhinein kann ich die starken Worte des Paulus gut verstehen, denn um das zu beschreiben, fehlen einem wirklich die Worte. Das kann man versuchen zu erklären, aber im tiefsten Grunde kann nur das Gebet darauf richtig antworten – das Gebet um Vertrauen, um Zutrauen zu diesem großen Versprechen, das uns zu neuen Menschen macht.

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