Lebendige Liebe

Die Gemeinde in Korinth hatte es in sich. Sie machte es ihrem Apostel Paulus sehr schwer, nachdem er von dort aus seine Missionsreise fortgesetzt hatte. Mehrfach sah er sich genötigt, ihr belehrende, ja mahnende Briefe zu schreiben. Zwei dieser Briefe sind uns mit dem Neuen Testament erhalten geblieben. Besonders in dem uns überlieferten zweiten Brief an die Gemeinde in Korinth führt Paulus die Auseinandersetzung mit den vielen wortgewandten Theologen, die sich nach seinem Weggang in dieser Welt- und Hafenstadt breit machten mit ihren verwirrend unterschiedlichen Lehrmeinungen vom Evangelium und außerdem bestritten sie den Missionsauftrag des Apostels mit Fragen nach der Existenz und der Qualität seiner Empfehlungen. Im dritten Kapitel seines zweiten Briefes an die Korinther schreibt Paulus deshalb:

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Liebe Schwestern, liebe Brüder! Habt Ihr für Euch selbst auch schon die Wahrheit des Spruches erfahren? „Beziehungen schaden nur dem, der sie nicht hat.“ Vor allem doch dann, wenn sie gut sind für Empfehlungen, die uns auf unserem Weg durchs Leben die Hindernisse beiseite räumen. Wie wir feststellen müssen, kann davon auch der Apostel Paulus ein Lied singen – zumindest was seine Gemeinde in Korinth anbelangt.

Korinth, die Weltstadt und Hafenstadt Griechenlands, mit einem bunten vielfältigen Leben. Die Einwohner – ähnlich wie heutzutage in New York – waren ein Gemisch aus vielen Völkern. Julius Cäsar hatte diese Stadt neu gegründet; er und vor allem dann Kaiser Augustus siedelten hier insbesondere viele freigelassene Sklaven an. Wegen der verkehrsmäßig günstigen Hafenlage ließen sich auch viele Juden in Korinth nieder, um von hier aus ihre weltweiten Geschäftsverbindungen zu organisieren und zu pflegen. Wer dann als Fremder in diese Stadt kam und bedeutende Empfehlungsschreiben vorlegen konnte, dem öffneten sich alle wichtigen Türen, dem wurden keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt, der hatte es nicht nötig, erst einmal zu beweisen, wie gut er ist.

Eine solche Stadt, wie es Korinth war, musste zwangsläufig auch einen Mann wie Paulus anlocken – nicht etwa wegen der „süßen“ Verführungen, wie sie in jeder Hafenstadt seit altersher geboten werden, sondern weil von dieser Stadt aus sich Neues schnell weltweit verbreiten konnte. Und eine solch weltoffene Stadt ist grundsätzlich Neuem immer aufgeschlossen. Darum ist es nicht verwunderlich, dass nach der Weiterreise des Paulus viele frisch getaufte Christen von überallher nach Korinth kamen, sich mit hervorragenden Empfehlungsschreiben als ausgezeichnete Theologen auswiesen und ernten wollten, wo sie nicht gesät hatten. – Schlecht für Paulus, der als einzige Empfehlung nur das Selbstzeugnis von seiner Berufung durch den Gekreuzigten vor Damaskus abgeben konnte und eine Aufzählung darüber, wie oft er schon verprügelt worden und versuchten Steinigungen oder Inhaftierungen mit Folterungen ausgesetzt gewesen war; nur weil er Christus Jesus mehr gehorchte und dessen Evangelium unbeirrt weitertrug.

Aller Welt Prügelknabe zu sein – keine angemehme, keine sehr nützliche Empfehlung! Oder doch etwa die einzig zutreffende?

Die allein wahre Empfehlung, erklärt der Apostel Paulus, schreibt der Hl. Geist uns ins Herz, weil wir durch Christus Gottes Vertraute sind. Deshalb muss keiner – und erst recht nicht Paulus selber – irgendeinen Brief, von einem mehr oder weniger bekannten und wichtigen Menschen geschrieben, vorweisen, um in seiner neuen Umgebung anerkannt, geachtet zu werden.

Wie kann das angehen, dass uns unser Empfehlungsschreiben ins Herz geschrieben wurde? Bei mir kommen bei solchen Sätzen recht schmerzhafte Empfindungen und Vorstellungen auf. Insbesondere Tätowierungen, Tattoos wie sie heutzutage heißen, fallen mir in diesem Zusammenhang ein. Schon immer ließen sich z.B. Matrosen, Seeleute tätowieren. Und wir wissen, dass diese Prozedur mit Schmerzen verbunden ist. Und wir sollen auch so ein Tattoo, dieses allerdings vom Hl. Geist, auf unsere Herzen eingeritzt bekommen haben?

Das Empfehlungsschreiben für uns, so erklärt Paulus, ist uns ins Herz geschrieben, weil wir tüchtig sind, weil Gott uns tüchtig gemacht hat. Doch, wie sieht nun diese Tüchtigkeit aus? Auf die Frage eines Schriftgelehrten, welches denn das „höchste Gebot von allen“ sei, antwortete Jesus zuerst mit:
Mk 12,29-30
29 … Das höchste Gebot ist … 30 du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allen deinen Kräften« (5. Mose 6,4-5).

Genau das ist es, was uns tüchtig vor Gott macht, uns tüchtig zu „Dienern seines neuen Bundes“, wie es der Apostel nennt. Und zu dieser bedingungslosen Hinwendung zu Gott unserm Herrn und Schöpfer hat 750 Jahre zuvor in Judäa auch der Prophet Micha das auserwählte Volk Gottes aufgerufen: (Mi 6,8) "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott."

Wenn ich diesen Grundforderungen an mich nachkomme, dann ist die Umsetzung des zweiten Teiles der Antwort Jesu an den Schriftgelehrten eigentlich selbstverständlich: (Mk 12,31) "Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese."

Diese Liebe ist es, die uns dann als die mit dem Hl. Geist Lebendige auftreten lässt. Dann benötigen wir wie der Apostel Paulus keine besonderen Empfehlungsschreiben als vertrauenswürdige Christenmenschen. Allerdings wissen wir auch seit Karfreitag, dass dieses höchste Gebot, Liebe zu üben, uns tatsächlich kein leichtes, kein einfaches Leben beschert. Es ist mit viel Leid und Mühsal verknüpft. Der Apostel Paulus deutet in seinen Briefen mehrfach an, welche Quälereien, welche Verfolgungen er über sich hat ergehen lassen müssen, weil er von der Liebe zu Christus Jesus und deshalb von der Weitergabe der frohen Botschaft vom Kreuz nicht mehr ablassen konnte und wollte.

Mit unserer Anwartschaft auf das Bürgerrecht im Reiche Gottes hat unser Leben heute eine andere Qualität. Meine eigene Befindlichkeit hat zurückzutreten vor den Notwendigkeiten der Menschen, die meinen uneingeschränkten Einsatz bitter nötig haben. Jesus hat uns das ja mit seinem Gleichnis vom barmherzigen Samariter eindrücklich klargemacht. Und – ich sage es noch einmal – das Leben des Paulus und aller weiteren Märtyrer der ersten Christenheit ist ein beredtes Beispiel dafür.

Und heute? Wer erinnert sich nicht an den „Urwalddoktor aus Lambarene“, den Arzt und Pfarrer Albert Schweitzer, oder an die erst vor wenigen Jahren in Indien verstorbene Mutter Theresa. Wir sollten uns auch an einen Dietrich Bonhoeffer erinnern, der sich nicht von den Nationalsozialisten hat verbiegen und seinen Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen nehmen lassen; der deshalb inhaftiert wurde und die Leiden des KZ auf sich nahm. Ist es nicht ein Werk göttlichen Wunders, dass Bonhoeffer gerade durch sein Leiden und Sterben als KZ-Häftling zu einem bedeutenden Lehrer der Kirche in unserer Zeit geworden ist?

Euch, liebe Schwestern und Brüder, und mir wünsche ich wirklich nicht ein so extremes Schicksal wie das von Dietrich Bonhoeffer. Und ob ein Leben wie das von Mutter Theresa für jeden so erstrebenswert ist, weiß ich auch nicht.

Was könnte aber dann uns möglich sein? Eins weiß ich für meine Person ganz gewiss: So sehr es mir Freude macht und ich es wirklich gerne tue, heute hier in dieser Gemeinde Gottesdienst zu feiern, gemeinsam Gott die Ehre geben und ihn zu loben und ihm zu danken, so sehr ist es mir eine schreckliche Vorstellung, mich draußen in irgendeiner Fußgängerzone hinzustellen, aus der Bibel vorzulesen und diese auszulegen.

Ich habe großen Respekt vor dem Mut diesen Menschen, die Samstag für Samstag am Rande des Freiburger Marktes sich aufstellen, Erweckungslieder singen und dann mit lauter Stimme vom dreieinigen Gott erzählen und die Menschen zur Umkehr in ihrem Leben auffordern mit Worten, wie: „Noch ist es Zeit! Kehrt euch ab von eurer Sünde! Tut Buße und bekennt vor Gott eure Schuld; sonst seid ihr dem ewigen Schuldspruch verfallen!“

Wenn ich derartige Sprüche höre, dann bekomme ich „geistliche Bauchschmerzen“. Mir geht es dann ähnlich wie dem Apostel Paulus mit seinen Korinthern: Ich frage mich, mit welchem Recht reden diese Menschen so zu uns? Haben sie überhaupt einen derartigen Auftrag dazu? Ohne Zweifel haben diese Menschen, diese Verkündiger ein enormes Bibelwissen. Es ist aber leider totes Wissen, weil es dem Gesetz verhaftet ist. Was schrieb Paulus zu diesem Punkt an die Korinther?

„Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“

Die Lebendigen aber wenden sich in Liebe ihren Mitmenschen zu, geben ihnen das, was für sie im Augenblick lebensnotwendig ist. Mit ihrer Zuwendung verkünden sie die frohe Botschaft von Kreuz und Auferstehung, von der bedingungslosen Liebe Gottes zu uns, seinen Geschöpfen, die er bei sich in seinem Reich haben will.

Gerade das unterscheidet den Paulus von den vielen Theologen nach ihm in Korinth, die ihre persönlichen Eitelkeiten öffentlich zur Schau stellten: Paulus verstand sich als Vermittler, als Brücke zu Gott dem Vater, unserem Schöpfer und Herrn. Deshalb wünsche ich es euch, liebe Schwestern und Brüder, und mir, dass uns auch soviel Liebe gegeben ist, dass wir dem Apostel nacheifern können.

Weil der Apostel Gottes Gemeinde so sehr liebte, segnete er sie am Ende seines Briefes. Und dieser Segen gilt auch uns heute: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!“

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