Leben mit Schuld

<i>[Für die feministische Exegese habe ich zurückgegriffen auf: Ross Saunders, Die Frauen im Neuen Testament, Darmstadt 1999; Luise Schottroff u.a. (Hg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998]</i>

Liebe Gemeinde!

Für alles im Leben gibt es verschiedene Sichtweisen. Sobald mehrere Personen an einer Geschichte beteiligt sind, stellen sich automatisch unterschiedliche Wahrnehmungen ein. Das Grundereignis oder Hauptthema aber bleibt das Gleiche – auch wenn es anders erlebt und dadurch entsprechend anders interpretiert wird. So auch bei unserem heutigen Predigttext:

[TEXT]

Drei ineinander verschachtelte Themenkomplexe enthält unsere Geschichte: Zum ersten geht es um Ehebruch. Zum zweiten geht es um eine Versuchungs- und Prüfungsgeschichte Jesu durch Pharisäer und Schriftgelehrte. Sie suchen Jesus in eine Falle zu locken, um einen Grund zu finden, ihn anklagen zu können. Zum dritten geht es um die Frage von Schuld und Schuldlosigkeit bzw. Sünde und Sündlosigkeit. Dieser letzte Themenkomplex ist mir der zur Zeit Wichtigste. Nun möchte ich Ihnen die gleiche Geschichte aus feministischer und sozialgeschichtlicher Sichtweise erzählen:

Lange Zeit war diese Geschichte nicht in das Neue Testament, in das Johannes-Evangelium aufgenommen. Sie wurde als anstößig empfunden. In der Alten Kirche wurde die Erzählung nämlich verdächtigt, Frauen zum Sündigen zu ermutigen. Der Grund dafür lag in Jesu Nichtverurteilung der Frau, die zugleich als Vergebung angesehen wurde. Dies ließ sich nicht mit der damaligen kirchlichen Bußdisziplin vereinbaren. Die Geschichte wurde also durch Unterdrücken und Totschweigen bekämpft. Erst im dritten Jahrhundert wurde sie endgültig in das Johannes-Evangelium aufgenommen.

Fakt an der Erzählung ist: Eine Frau ist beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt worden. Diese Aussage muss sich nach alttestamentlicher Gesetzgebung auf mindestens zwei Zeugen stützen, da sie sonst nicht glaubwürdig ist. Wenn aber mindestens zwei Zeugen beim Ehebruch anwesend waren, kann man davon ausgehen, dass es sich um eine vorbereitete Falle gehandelt hat. Dafür spricht auch, dass der am Ehebruch beteiligte Mann nicht ergriffen worden ist, obwohl das Gesetz es verlangt. Auch er müsste mitbestraft werden. Der Text gibt hier eine gesellschaftliche Praxis wieder, in der das Recht einseitig gegen Frauen eingesetzt wurde. Dazu gehört eben jene Zeugenbeschaffung und die Isolierung der Frau als alleiniger Täterin.

Dass das Recht hier gebeugt und zurechtgelegt wird, findet in der Geschichte keine Erwähnung. Man kann davon ausgehen, dass einzelne Frauen mit Hilfe der patriarchalen Ehegesetze damals regelrecht aus dem Weg geschafft wurden. Ähnliche Rechtsbeugung und -auslegung findet sich bis heute im Iran, wo Frauen wegen der Anklage des Ehebruchs gesteinigt werden können. Oder in Indien kennt man die frauenfeindliche Praxis der Witwenverbrennung, die obwohl verboten, immer wieder einmal vorkommt.

In der Ehegesetzgebung der alttestamentlichen Tradition bedeutete Ehebruch der Frau die Verletzung des Besitzrechtes des Ehemannes an seiner Frau. Ein Ehemann, selbst wenn er mit anderen Frauen schläft, bricht die eigene Ehe nicht. Bereits der leiseste Verdacht eines Ehemannes gegen seine Frau, sei es nun gerechtertigt oder nicht, konnte für die Frau eine Bedrohung darstellen. Sie konnte nach dem Gesetz von ihrem Mann dem so genannten "Gottesurteil" unterworfen werden. Das sah so aus, dass sie in der Öffentlichkeit einen bestimmten zusammengerührten Trank zu sich nehmen musste. Viele Frauen überlebten das nicht, andere wurden lebenslang von dieser demütigenden Erfahrung verfolgt.

Im Vers 9 der Geschichte heißt es: "Als sie aber das hörten, gingen sie weg, einer nach dem andern, die Ältesten zuerst." Steinigung war eine kollektiv ausgeführte Todesstrafe. Die Reihenfolge, in der die Steine auf das Opfer geworfen werden sollten, war festgelegt. So nach der Rangordung der angeblich Geschädigten und dann nach dem Status der Männer in der damaligen Gesellschaft. Diese Rang- und Reihenfolge spiegelt sich auch im Bibeltext wieder, in dem die Männer nacheinander den Platz verlassen, allen voran die Ältesten.

Die Versuchung Jesu durch die Schriftgelehrten manifestiert sich in der Frage im Vers 5: "Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?" Die Frage ist im Grunde eine Aufforderung an Jesus, sich an der Steinigung zu beteiligen oder aber, sollte Jesus dies verneinen, endlich die erwartete Möglichkeit Jesus eines Gesetzesvergehens überführen zu können. Jesus aber reagiert ganz anders. Er nimmt die ihm zugeschusterte Rolle als Richter und Vollstrecker im Männerkollektiv nicht an. Was immer die Geste des In-den-Sand-Schreibens bedeutet, er wählt sie statt des von ihm verlangten Urteilsspruches. Damit verweigert er zugleich die Rolle des jüdischen Mannes, der die Ehre des Volkes wieder herstellt, die durch den Ehebruch verletzt worden ist. Und das, obwohl die Männer Druck auf ihn ausüben. Durch sein Verhalten verhindert er die Hinrichtung der Frau und stellt damit zugleich das Rechtssystem in Frage, mit dessen Hilfe Unrecht gegen Frauen legalisiert wird.

Entgegen einem althergebrachten Verständnis spricht Jesus die Frau nicht frei von ihrer Schuld. Er sagt vielmehr in Vers 11: "So verdamme ich dich auch nicht; geh hin und sündige hinfort nicht mehr." Jesus entlässt die Frau mit ihrer Schuld. Sie muss damit leben lernen. "Geh hin", hört sich wie ein einfach zu befolgender Entlasssatz Jesu an, aber er birgt große Schwierigkeiten für die Frau in sich. Denn wohin soll sie sich wenden? Sie kann nicht mehr zurück zu ihrem Mann oder seiner Familie und genausowenig zu ihrer eigenen Familie. Das Rechtssystem oder der Moralkodex machen sie zu einer Ausgestoßenen. Wovon soll sie leben? Wenn sie Glück hat, kann sie sich irgendwo als Magd verdingen; ansonsten ist sie auf Almosen angewiesen oder auf Prostitution, aber damit würde sie nach dem jüdischen Gesetz wieder "sündigen".

Soweit die feministische und sozialgeschichtliche Auslegung des Predigttextes. Eine ganz andere Sichtweise der Geschichte und doch bleiben die drei Hauptthemenkomplexe bestehen: Ehebruch, Versuchung Jesu und die Frage nach Schuld und Schuldlosigkeit.

Auf die letzte Thematik will ich noch einmal intensiver eingehen. Keiner von uns wird sich freisprechen können, ohne Schuld zu sein. Das Schuldigwerden gehört zum Menschsein dazu. Auch Jesus leugnet bei der Frau ja nicht ihre Schuld gegenüber dem Gesetz weg. Er nennt Schuld Schuld und Fehler Fehler. Die Gesetzesübertretung ist offenkundig. Sie wird von Jesus nicht kleingeredet. Aber was Jesus ermöglicht, ist ein Neuanfang. Ein Neuanfang, der viel von uns Menschen verlangt, von unserer Verantwortlichkeit sich selbst und anderen gegenüber und vor allem vor Gott. Ein Neuanfang in christlich-evangelischer Verantwortung, das heißt leben lernen mit Schuld und dem Schuldigwerden, das heißt leben im Einklang mit seinem Gewissen. Damit ist mehr verlangt als eine zugesprochene Absolution in der Beichte und ein Lossprechen von Schuld entgegenzunehmen.

Leben mit Schuld, d.h. Selbsterkenntnis und Fähigkeit zur Selbstprüfung. Die Bibel sagt, dass der Mensch ein Sünder ist und nicht anders kann als schuldig werden vor Gott, weil wir eben nicht sind wie Gott. Deshalb bedürfen wir der Rechtfertigung. Zum Christsein gehört es, sich mit der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Wir leben täglich auf der Grenze zwischen Wahrheit und Lüge, Glaube und Zweifel, Liebe und Egoismus, zwischen Verantwortung und Mitläufertum, Freiheit und Fremdbestimmung. Schnell und einfach kommt man auf die Seite der Anklage, wie sie die Pharisäer und Schriftgelehrten vertreten. Es ist dieser versteckte, manchmal auch offen gelebte Pharisäismus, der gerade auch bei uns zerstörend wirkt. Unsere Steine, die wir werfen, hinterlassen keine offen blutenden Blessuren; unsere Steine sind Worte, die andere Menschen im Innersten treffen. Und dann gibt es immer welche, die sich anschließen und im Sinne der Anklage laut mitrufen.

Die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin hält uns einen Spiegel vor. Es geht darum den dicken Balken im eigenen Auge zu sehen, sein eigenes Bündel an Schuld zu sehen und es verantwortlich zu tragen. Wir sind schuldig geworden, aber wir haben die Möglichkeit zu einem Neuanfang jeden Tag. Uns gilt die Botschaft Jesu: Geh hin. Sündige hinfort nicht mehr!

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