Leben im Exaudi-Raum

Von Christus geliebte Gemeinde!

Das ist ein komischer Sonntag heute. Irgendwie dazwischen. Das eine nicht mehr, das andere noch nicht. Wenn wir versuchen uns vorzustellen, was dieser Sonntag in der Geschichte Gottes mit seinen Menschen bedeutet, ist er komisch.

Auf die Jünger waren verwirrende Dinge eingestürzt. Die Begegnung mit Jesus Christus, die ihr Leben verändert hat. Die Freude, die neuen Perspektiven, die Geborgenheit. Aber dann: Verrat, Gefangennahme, Folter, öffentliche Hinrichtung. Und sie gehören zu ihm. Was das für sie bedeutet hat, können wir nur ahnen. Die Verwirrung steigert sich und wird zum Unglaublichen. Der Tote lebt. Er ist auferweckt worden und sie sehen und hören ihn. Phantastisch – dann kann es ja weiter gehen. Wie vorher. Denkste. Es erreicht sie die nächste Verwirrung. Er geht. Das ist der Inhalt und die Botschaft von Himmelfahrt. Er geht und verspricht, sie trotzdem nicht allein zu lassen. Aber dann verschwindet er tatsächlich; und der Engel holt sie aus ihrer Versonnenheit hart heraus, als er sie anfährt: ‚was steht ihr da und glotzt in den Himmel?’

Wohin sollen sie denn schauen? Sie sehen und hören ihn nicht mehr und den er versprochen hat ist auch noch nicht da. Wie geht es weiter? Zusammen bleiben. Nachdenken. Verarbeiten. Warten. Wo? Im Obergemach des Hauses, wo sie sich aufzuhalten pflegten und waren stets beieinander einmütig im Gebet. In einer Dachmansarde ist der Raum für den Sonntag Exaudi. Kein öffentlicher Raum, sondern ein Rückzugsraum. Es ist ein Raum von Zweifel und Anfechtung. Es ist ein Raum, wo gesucht und gerungen wird. Ein Durchgangsraum, ein geistlicher Zwischenraum zwischen Himmelfahrt und Pfingsten.

Vielleicht haben die Jünger da genau das gebetet und gesungen, was wir vorhin als Introitus auch gesungen haben: ‚Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe! Sei mir gnädig und erhöre mich. Mein Herz hält dir vor dein Wort: ihr sollt mein Antlitz suchen. Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz. Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, du bist meine Hilfe, verlass mich nicht, tu die Hand nicht von mir ab, mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der Herr nimmt mich auf. Herr, weise mir deinen Weg …’

Raum für den Sonntag ist das Gebet; nicht Lob- und Danklied wie am letzten Sonntag ‚Rogate’, sondern Flehen, Seufzen, Schreien aus der Grube, aus dem Ort eines verzweifelten Abseits.

Nun ist es nicht möglich und auch nicht sinnvoll, die innere Lage der Jünger damals nach Himmelfahrt nach zu empfinden. Wir wissen – und leben ja – von Pfingsten her. Aber dass wir als Kirche und Gemeinde auch solch ein Raum sind, scheint mir wichtig zu sein. Kirche, die ehrlich auf das Evangelium hört und mit der gleichen Liebe die Menschen sieht, nimmt das wahr. Wir sind auch Raum, in dem wir flehen, in dem wir seufzen. Wir sind auch Raum, in dem Menschen ihr verzweifeltes Abseits erfahren und es ausdrücken. Wir brauchen Raum des Rückzugs; Raum des Zweifels und der Anfechtung; wir brauchen den Raum, in dem man sucht und ringt. Dass wir heilsgeschichtlich an einem anderen Ort leben, als die Jünger, nimmt uns all diese Räume nicht weg. Zweifel und Anfechtung sind nach Pfingsten nicht weg; das Geschenk des Geistes enthebt uns nicht dieser Welt und ihrem Einfluss auf unser Leben, auf unser Fühlen, auf unsere Herzen und Gedanken. Christen nehmen das heute sehr wohl wahr, wenngleich wir als Christen nirgends rausgeworfen werden oder uns jemand töten will und meint, er tue Gott damit einen Gefallen. Er sei denn, er gehört zu einer anderen Religion, die dem Christentum wirklich entgegensteht und ist ein fanatischer Eiferer. Unser Alltag ist es nicht. Aber wenn Gemeindeglieder in einem Bibelgespräch danach gefragt werden, was Gemeinde und Kirche bedroht, dann äußern sie auch: dass Menschen vom Glauben abfallen, dass die Bewegungen und Einflüsse unserer Zeit dem Evangelium entgegen stehen, dass Christen das Zentrum des Glaubens verloren geht und sie sich in falscher Weise sicher fühlen. Oder wenn Eltern sich dazu äußern, was ihnen im Blick auf die Entwicklung ihrer Kinder Sorgen macht und sie sagen auch: die Gottlosigkeit unserer Gesellschaft in ihrer Tendenz.

Nur zwei kleine Beobachtungen, aber sie stehen für das Ganze der Wahrheit, dass Pfingsten die Sorgen derer, die Christus nachfolgen, nicht beendet hat. Ein gutes Stück ist das Leben christlicher Gemeinde Leben im Exaudi-Raum. Zurückgezogen, angefochten, ängstlich, zweifelnd, flehend, ringend, suchend. Das galt für die Jünger damals und gilt für die Gemeinde heute; überrascht und verwundert ist, wer etwas anderes erwartet hat. Großen Nachdruck legte Jesus gerade darauf, die Jünger vorzubereiten. Es soll sie eben nicht überraschen, wenn ihnen als Christen der Wind um die Ohren pfeift, wenn die große und laute Stimmung draußen anders ist; wenn der Sieg des Lebens von Ostern in der Welt kaum Siege feiert, wenn es Menschen nicht interessiert, sie kalt lässt, sie gleichgültig bleiben.

Es soll sie nicht überraschen, wenn sie ähnliche Erfahrungen machen, wie ihr Herr und Meister. Dass man sie nicht ernst nimmt, dass man versucht, sie zum Schweigen zu bringen, dass man sie ablehnt, dass man das Evangelium nicht hören möchte. Ihm ist es so gegangen, da wird es denen, die ihm nachfolgen, nicht anders gehen. Das sollen sie wissen. Damit sie sich nicht wundern und am Ende aus lauter Enttäuschung und Frust abfallen, also den Glauben an Christus aufgeben, die Gemeinde verlassen. Sehr ernüchternd mag das klingen, wenn jemand dachte, mit Ostern beginne der Siegeszug des Evangeliums. Die Christus nachfolgen seien sich der Sache sicher und gewiss, wüssten ja bescheid, hätten ja gesehen und gehört, seien also Zeugen; da stünden sie doch laut und vernehmlich in dieser Welt wie Felsen in der Brandung der Meinungen und Angebote. Unbeeindruckt, frei von Sorgen, Unsicherheiten und Zweifel träten sie für die Botschaft des Lebens in ihrer Umgebung ein und seien so verlässliche und überzeugende Zeugen. Da mag man sich wirklich wundern, mag es sich ganz anders wünschen, triumphierend, siegend, überzeugend – die Wirklichkeit, die wir wahrnehmen, die Jesus Christus angekündigt hat, ist eine andere. Und es ist gut das zu wissen. Es ist gut, damit wir nicht deswegen irritiert sind, weil unsere Hoffnungen und Erwartungen enttäuscht wurden. Weil wir also etwas ganz Falsches erwartet und erhofft hatten.

Die Abschiedsreden Jesu machen das deutlich. Lies einmal die Kapitel 14 – 16 und das anschließende Gebet Jesu in Kapitel 17 im Johannesevangelium. Da siehst du, wie Jesus mit seinen Jüngern redet und sie auf das, was kommt vorbereitet. Dass die Liebe innerhalb der Gemeinde wichtig ist, überlebenswichtig sozusagen; dass auch die treusten Nachfolger wie Petrus anfechtbar sind und scheitern; dass die Jünger Angst haben vor der Zeit, in der sie Jesus nicht sehen, weil sie sich dem gar nicht gewachsen fühlen; dass Jesus sie inständig ermahnt, an ihm und seinem Wort zu bleiben, nur so bleiben sie Gemeinde; dass die Menschen der Welt von sich aus weder Gott, den Vater, noch ihn, seinen Sohn erkennen und darum immer ein Problem mit der Kirche haben werden und mit denen, die Christus nachfolgen; dass die Jünger Hilfe brauchen. Ach, mehr als das: sie müssen getragen und geführt werden. Sie brauchen es, an die Wahrheit gehalten zu werden; sie brauchen es, dass ihnen jemand diese Wahrheit immer wieder bezeugt, dass einer sie tröstet. Das weiß Jesus und genau dagegen tut er etwas – er verspricht ihnen den Geist. Der tröstet; der baut auf, der bestärkt. Er lässt Gemeinde das Evangelium sagen, hören und glauben; er stärkt diesen Glauben und er gibt Trost und Halt. Wo Menschen zweifeln und aufzugeben drohen.

Als Gemeindeglieder im Bibelgesprächskreis von den Bedrohungen für Gemeinde und Kirche sprachen, da dachten sie auch darüber nach, was denn dagegen zu tun sei. Und sie nannten: das Evangelium, das Wort Gottes und die Gemeinschaft der Glaubenden. Und das liegt genau in dieser Spur: der Geist Gottes ist es, der für die Wahrheit einsteht, der dafür sorgt, dass das Evangelium gesagt wird, dass Menschen gegen alle Vernunft glauben, sich als Gemeinde versammeln, um gemeinsam zu hören und zu beten und sich gegenseitig zu trösten und zu stärken. Dass Menschen füreinander da sind, Verantwortung füreinander und für die Gemeinde übernehmen, dass sie sich gegenseitig tragen – weil sie vom Geist Gottes getragen und getröstet werden. Das lässt uns gemeinsam Gemeinde sein und das Leben im Exaudi-Raum annehmen. Davon können wir zeugen, dass in all den schwierigen Zeiten Jesus seine Verheißung wahr gemacht hat: er hat den Geist gesandt. Sonst wären wir nicht hier. Hören wir also nicht auf, um ihn zu bitten, damit wir bleiben, was wir sind: Gemeinde Jesu Christi. Und das bezeugen wir mit unserem Leben, ehrlich, so wie es ist:
Komm, o komm, du Geist des Lebens – deine Kraft sei nicht vergebens. Ja, darum bitten wir.

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