Leben – hier und jetzt!

Liebe Gemeinde,

Sehnsucht nach gestern, wer kennt das nicht? Früher war alles anders. Das höre ich oft. Nicht nur von älteren Gemeindegliedern, die sich an bessere Zeiten erinnern, als sie noch springen und hüpfen konnten. Auch von Jüngeren ist die Klage zu hören. Durchaus berechtigt eine Klage von Menschen, die ihr Einkommen und ihren Arbeitsplatz gefährdet sehen, oder schon verloren haben. Leute, die sich sehnsüchtig an die Zeit erinnern, als unsere Luft noch sauberer war, ihre Arbeit weniger hektisch, der Fernseher noch nicht zum hüpfen zwischen 20 – 30 verschieden schlechten Programmen einlud.

Damals war alles besser. Manchmal ertappe ich mich selbst bei dem Gedanken: Früher, das waren noch Zeiten. Manchmal ertappe ich mich wie ich sehnsüchtig den Blick nach hinten richte in die Vergangenheit, mich z.B. an meine Studienzeit erinnere, an die Tage an denen ich machen konnte wozu ich lustig war… Eitel Sonnenschein dominiert in meiner Erinnerung, und nur mühsam kann ich mich erinnern an die Schattenseiten. An das manchmal qualvolle Vorbereiten auf die drei Sprachprüfungen, die ich machte, das Vokabelpauken, oder die ein oder andere Arbeit, die mir überhaupt nicht leicht von der Hand ging, oder gar an die Existenzängste, die an den Examina hingen, die Ungewissheit, über Einstellungsquoten und ähnlichem. So ist das mit den Erinnerungen, mit dem früher. Dem Früher, dem Schönen, das einem schnell vor Augen steht und dem anderen Früher , dem Unschönen dem Unangenehmen, das eher verdrängte Erfahrungen in sich birgt.

Dem Volk Israel ging es auch so mit seinen Erfahrungen: Es dachte an früher, an die Zeit in Ägypten, wo es lebte, bevor es Mose gefolgt war, bevor es sich auf den Weg gemacht hat in die Wüste, mit dem Ziel des gelobten Landes vor Augen. Nun war man in der Wüste und das Ziel, das gelobte Land, schien immer weiter in die Ferne zu rücken, anstatt näher zu kommen. Die Aussicht nach vorne wurde immer undeutlicher, das Ziel immer ungewisser. Dafür wurde der Blick für das, was man in Ägypten an Gutem gehabt hatte immer schärfer: Das waren noch Zeiten gewesen, damals an den Fleischtöpfen der Ägypter. Da hat es keinen Hunger gegeben, sondern frisches Brot.

Die Erinnerung an Ägypten: Eitel Sonnenschein. Vergessen die Schattenseite: Die Sklaverei, die Unfreiheit und Unterdrückung, die unmenschliche Behandlung durch die Ägypter. Das Volk Israel murrt, wie es in Luthers Übersetzung heißt, es murrt, weil der Magen knurrt, vor Hunger. Es probt den Aufstand gegen Moses und seinen Bruder Aaron. Gegen die eigenen Führer. Und das mitten in der Wüste. In einer für Menschen lebensfeindlichen und chaotischen Umwelt.

Ein Aufstand, der eine wundersame Antwort erfährt. Der nämlich weder mit sanfter noch mit blutiger Gewalt niedergeschlagen wird, sondern die Antwort erhält: Ihr habt ein Recht auf euer täglich Brot, ihr klagt zurecht über euren Hunger. Er soll gestillt werden. Und der Hunger des Volkes wird gestillt – wundersam gestillt. Das täglich Brot fällt sozusagen vom Himmel herab. Nicht das Brot der Ägypter, das wohlschmeckende, das den Preis der Freiheit kostete. Sondern anderes, bisher Unbekanntes. Manna, das wie Tau morgens herumliegt und abends Vögel, Wachteln, die mit bloßen Händen gefangen werden konnten. Genug für alle. So dass jeder und jede bekam was er oder sie brauchte um satt zu werden.

Als ein Wunder Gottes wird das Geschehen geschildert: Ein Wunder das nicht weniger wundersam wird, wenn man weiß dass die Wachteln auf der Sinaihalbinsel noch heute mit bloßen Händen zu fangen sind, wenn sie erschöpft von ihrem weiten Flug dort Rast machen. Wenn man weiß, das Manna noch heute wie Tau mancherorts in der wüsten Gegend des Sinai rumliegt, als Kügelchen mit süßlicher Flüssigkeit, die in der Mittagshitze schmelzen und dann ungenießbar werden. Es bleibt ein Wunder. Gerade auch wenn man weiß, dass das Brot vom Himmel auf natürliche Art und Weise in die Hände des Volkes Israel kam.

Ein Wunder, dass sie erlöste von dem wehmütigen Blick nach hinten, von der Klage über den einmal eingeschlagenen Weg. Und natürlich vom Hunger.

Ein Wunder, dass uns noch heute belehren kann, gerade weil es auf eine unmittelbare Belehrung verzichtet: Weil die Antwort auf den Aufstand nicht die Belehrung ist, etwa die, dass es schließlich Gottes Wille sei, der einen in die Wüste geschickt habe und dass die Vergangenheit doch ihre Schattenseiten gehabt hätte. Gott lässt sein Volk nicht belehren und Moses ruft nicht zur Unterwerfung, zur Disziplinierung, zum Dienst, auf. Im Namen Gottes handelt Moses der Führer seines Volkes anders: Er öffnet ihm die Augen für das Brot, das vorhanden. Für die Vögel, die man sich vorher nicht zutraute zu fangen, für das Manna, das man vorher unbeachtet liegen gelassen hatte.

Gerade für das, was natürlich vorhanden war und ist, an dem man bisher achtlos vorüber gegangen war, weil einem der Blick zurück, der Blick auf das schöne Brot von einst in Ägypten den Blick verstellte, für das was einem im Hier und Heute, in der Gegenwart geboten wurde und wird.

Moses öffnet dem Volk die Augen und bringt die Israeliten wieder in ihre Gegenwart zurück. In ihr "Hier und Jetzt". In dem sie selbst in der lebensfeindlichen Wüste entdecken können, dass es ihnen auch Bedingungen zu Überleben bietet, wenn sie Abschied nehmen von ihren alten Bildern und Maßstäben, die sie aus Ägypten in ihrem Köpfen mitgenommen haben.

Das Wunder Gottes geschieht als ein Ruf ins Leben, ins hier und jetzt.

Die Augen öffnend für das, was übersehen wird, obwohl es die unerfüllten Bedürfnisse befriedigen kann. Ich finde diese Erfahrung des Volkes Israel noch für uns heute sehr erhellend, die Augen öffnend. Denn in der Erfahrung des Volkes Israel spiegeln sich menschliche Grunderfahrung und -probleme wider, die eine Lösung erfahren wie sie uns in der Regel eher fern liegt.

Wir Westeuropäer, wir wissen zwar in der Regel nicht, was Wüste ist. Wir leiden auch nicht körperlichen Hunger. Auch wenn die Älteren unter uns noch deutliche Erinnerungen haben an die Zeit als sie hungern mussten und es wüst aussah in unserem Land.

Dennoch kennt jeder und jede die Erfahrung, wie wüst und leer das eigene Leben sein kann, wie einem nach Grundlegendem hungert, zwar nicht dem täglich Brot, wohl aber anderen Bedürfnissen, die die Qualität des täglich Brot haben. Unsere Erfahrung ist weniger der körperliche Hunger, denn der sozusagen "seelige" Hunger. Die Erfahrung des Mangels an tragfester Beziehung, des Mangels an Sicherheit in der Familie wie am Arbeitsplatz. Diese Erfahrung kennen alle Erwachsene und all zu oft schon die Kinder.

Und wer sich an diese Erfahrung erinnert, vermag sich auch an die Fluchtversuche zu erinnern.

An das sehnsüchtige Zurückblicken in die Vergangenheit oder an das Wegtauchen in Träumen von einer eigenen besseren Zukunft.

Aus diesen Abtauchen heraus können wir geholt werden, wie durch ein Wunder. Wir brauchen nur unsere Augen und Ohren offen zu halten. Dann stolpern wir über unser Himmelsbrot. Dann entdecken wir das Naheliegende, was uns zwar keine bleibenden irdischen Reichtümer bringt, wohl aber das was wir zum Leben brauchen.

Menschen vielleicht, die uns Vertrauen schenken, Beziehungen, die belastbarer sind als wir dachten.

Mancher und manche mag vielleicht auch eine Arbeit finden an die er oder sie nie gedacht hat, und andere werden den Mut finden und Weggenossinnen und -genossen, mit denen gemeinsam der Aufstand für das tägliche Brot geprobt und durchgeführt wird, so wie es einst das Volk Israel erfolgreich tat.

Wenn sie uns widerfährt die Erfahrung des Mangels, dann nicht einfach nur den Blick zurück zu wenden, sich innerlich in die Vergangenheit zurückzuziehen oder in Träume von einem besseren Morgen zu fliehen, sondern den Ruf ins Leben zu vernehmen in die je eigene Gegenwart, ins Hier und Jetzt, sich wundern zu können, was einem begegnen kann in unserer manchmal noch so feindlichen Umwelt und einem wundersam gut tun kann das ist das Wunder Gottes im Alltag unserer je eigenen Welt. Das uns lösen kann von dem was uns im Vergangenen gefangen hält.

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