Leben als Geschöpfe Gottes

Wir alle sehen häufig fern. Vor allem dann wenn es besondere Ereignisse in der Welt gibt, schalten wir das Fernsehen an, wollen uns darüber informieren. Wir suchen dann das Programm heraus, was uns am besten passt oder was eben gerade Informationen bereit hat. Und wenn wir dann durch die Programme „zappen“ wie das so schön heißt, dann bekommen wir jedes Mal eine andere Sicht der Dinge mitgeteilt. Jetzt bei der Flutkatastrophe war das schön zu beobachten: die einen haben das menschliche Leid herausgestellt, die anderen die Helfer in den Mittelpunkt gerückt, die einen, das was gut geklappt hat, die anderen, das was kritisch anzumerken ist. Jedes hatte sein Recht, jedes war wichtig. Jeder Blickwinkel zeigte einen bestimmten Ausschnitt einer Wirklichkeit, die letztlich viel größer ist.

Warum erzähle ich das? Nun, weil es mit der Bibel manchmal ganz ähnlich ist. Auch da gibt es Ereignisse, die aus verschiedenen Perspektiven geschrieben wurden, zu verschiedensten Zeiten und die so unterschiedliches darstellen. Weil aber alles in einem Buch steht, meinen die Menschen manchmal, das sich das doch dann widerspricht und man diesem Buch also kein Vertrauen schenken kann.

So ist das gleich mit dem Anfang der Bibel. Da geht es um Entstehung der Welt. Da stehen gleich am Anfang zwei ganz unterschiedliche Geschichten nebeneinander. Zuerst hören wir von der Erschaffung der Welt in 7 Tagen. Gott sprach und es geschah. Als letztes, gleichsam als Krönung der Schöpfung steht der Mensch im Mittelpunkt der Gedanken.

Und dann kommt gleich die nächste Geschichte, gleichsam ein anderes Programm. Da steht der Mensch gleich am Anfang im Mittelpunkt Adam wird geschaffen und in den Garten Eden gesetzt. Und dann kommt Eva dazu und die Sache mit der Schlange wird erzählt. Doch darum soll es heute nicht gehen. Die erste Erzählung ist ca. 900 vor Christus entstanden, die zweite ca. 1000 vor Christus. So genau kann man das nicht sagen. Wir wissen alle, dass beide Erzählungen keine wissenschaftliche Beschreibung der Welt sein wollen, sondern dass sie versuchen wollen Gott und Welt in Beziehung zu setzen. Sie wollen Glaubenszeugnis sein, keine historische und objektive Beschreibung der Welt.

Und unter diesem Gesichtpunkt möchte ich heute diese 2. Geschichte von der Erschaffung der Welt betrachten. Ich möchte schauen, was sie uns als Menschen für unser Leben mitgeben kann und worin ihre Wahrheit liegt. Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Damit beginnt der Erzähler seine Darstellung der Welt. Und da sind wir schön beim wichtigsten, was uns die Bibel über das Verhältnis von Gott und Welt erzählt: diese Welt wird als Schöpfung Gottes verstanden. Nicht der Mensch macht die Erde, nicht der Mensch ist derjenige, der das Leben hervorbringt, sondern Gott.

Es scheint eine Binsenweisheit zu sein und die allermeisten Menschen können mit dem Gedanken, dass Gott der Schöpfer ist, auch etwas anfangen. Mehr als mit dem Glauben an Jesus Christus. Aber sind wir uns über diese Aussage auch wirklich im klaren. Begreifen wir, was es für uns als Menschen bedeutet, dass nicht wir, sondern Gott die Welt geschaffen hat?

Der Wochenspruch für diese Woche lautet: all eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch. Und auch das Evangelium sprach davon, dass Gott uns alles gibt. Auch die Schöpfungsgeschichten erzählen davon. Gott, der Herr, macht Erde und Himmel. Gott hat die Welt geschaffen, auf dass Leben in ihr werde und ist. Gott sorgt für diese Welt, er sorgt für die Menschen, die Pflanzen und Tiere. Er hat etwas geschaffen, was wir als Lebensraum haben dürfen, worin Lebewesen ihren Raum haben und wofür Gott nicht nur am Anfang Sorge trägt, sondern Gott erhält diese Welt auch. Diese Welt, so erzählt uns diese Geschichte kommt aus der Hand Gottes, sie hat in ihr ihren Ursprung und Anfang und in seiner Hand bleibt sie auch. Und das gilt auch, wenn wir der ja immer noch gültigen Theorie des Urknalles wissenschaftlich anhängen. Auch dann bleibt der Glaubenssatz gültig: aus der Hand Gottes kommt dies und in seiner Hand liegt diese Welt. Darin liegt kein Widerspruch, es sind nur unterschiedliche Sichtweisen der einen Sache.

Gott hat den Anfang in seiner Hand, er hat den Gang der Welt in seiner Hand. Das ist ein wunderbar stärkender Glaubenssatz. Die Sorge um diese Welt liegt bei Gott, ihm darf ich auch meine Sorge in die Hand geben, bei ihm liegt dieser Anfang und das dürfen wir auch für unser eigenes Leben annehmen und uns darauf gründen. Ich bin, wie ich bin, von Gott in diese, seine Welt gestellt. Er wollte mich in dieser Welt haben.

Und Gott hat diese Welt für uns Menschen gestaltet. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Was ist der Mensch? so lautet eine grundlegende Frage des Menschen. Was macht ihn aus, was macht den Menschen zum Menschen. Auch darauf gibt diese Erzählung von Gottes Schöpferhandeln eine Antwort. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Der Mensch ist zunächst einmal Teil dieser Erde. Aus Erde gemacht, dahinter steht der deutliche Gedanke, dass wir nicht aus einer anderen Welt sind, sondern wirklich Teil dieser Welt mit allem, was dazu gehört. Wir haben Anteil an den Grenzen und Möglichkeiten dieser Welt. Wir können uns entwickeln, haben Teil an der Schaffung neuen Lebens, aber wir haben auch Teil an den negativen Seiten des Lebens, an Krankheit und Tod. Wir sind dieser Welt nicht entnommen, sondern wir sind – wie alles Geschaffene – eben nur Geschöpfe. Wir sind trotz unserer geistigen Möglichkeiten keine Götter, sondern begrenzte Wesen mit begrenzter Macht und begrenzten Möglichkeiten. Wir möchten wohl sein wie Gott, wir führen uns manchmal so auf, als wären wir kleine Götter, doch die Wirklichkeit sieht ja am Ende immer anders aus. Die Sterblichkeit ist das größte Zeichen dafür, dass wir nur Teil dieser Schöpfung sind. Von Erde bist du genommen, zur Erde sollst zu werden. Erde zur Erde, Asche zur Asche und Staub zum Staube, so sprechen wir am Grab. Wir sprechen diese Worte in Erinnerung an diese alte Geschichte von der Schöpfung des Menschen, um eben an die Grenzen, an die Sterblichkeit des Menschen zu erinnern und so das rechte Maß des menschlichen Handelns zu finden.

Nun weiß der Erzähler aber auch, dass wir nicht nur einfach irdische Geschöpfe sind. Der Mensch hat Grenzen, aber er hat auch Möglichkeiten. Er vermag das Leben mit seinem Geist zu übersteigen, kann mit dem Geist Fantasie entwickeln, über sich selber nachdenken, die eigene Welt auch überschreiten. Gott gibt uns Menschen diese Möglichkeiten durch seinen Geist. Gott bläst den Odem des Lebens in seine Nase und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Von keinem anderen Geschöpf wird dies erzählt. Der Mensch allein ist begabt mit dem Odem des Schöpfers. Und der allein macht ihn zu einem lebendigen, das heißt, wahrhaft menschlichen Wesen. Das mein Leben ist, dass ich die Möglichkeiten des Lebens habe, das ist das Geschenk des Geistes Gottes, das ist sein Wunsch und Wille, dass ich bin, dass in mir Leben ist, wie immer sich das auch nach außen darstellt. Denn, auch das muss gesagt, werden, dies hat nichts zu tun mit unseren geistigen Möglichkeiten, vom Behinderten bis zum Hochintelligenten gilt diese Aussage, dass Gottes Geist, Gottes Wille uns Wunsch und zu einem menschlichen Wesen macht. Und das darf und soll uns mit tiefer Dankbarkeit erfüllen und soll uns auch dazu führen, diesem Geist in uns Raum zu geben.

Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaue und bewahre. Gott schafft den Menschen nicht einfach nur so. Der Mensch ist als Geschöpf Gottes eingebunden in diese Welt. Er ist nicht nur Teil des Geschöpflichen, aus Erde gemacht, sondern er trägt, durch den Geist Gottes erfüllt, auch Verantwortung für diese Welt. Gott stellt den Menschen in die Welt, damit er seine Aufgabe darin erfüllt.

Das Paradies, so stellen wir uns immer vor Augen, ist ein Ort, wo dem Menschen die Dinge zufallen. Doch genau gelesen ist das gar nicht so. Der Garten Eden in den Gott den Menschen setzt, er ist ein Ort, wo der Mensch etwas tun muss: bebauen und bewahren. Arbeit mit und an der Schöpfung gehört zum menschlichen Leben dazu. Die Schöpfung ist uns anvertraut, um daraus unser menschliches Leben zu gestalten. Und wir sollen das tun in einer Weise, die Nutzung auf der einen Seite ermöglicht und Schädigung auf der anderen Seite verhindert.

Nur leider erleben wir gerade seit dem letzten Jahrhundert und in den letzten Wochen, wie sehr dieses Gleichgewicht aus dem Ruder geraten und diese Ungleichgewicht dadurch umso mehr in den Blick gerückt ist. Schon vor 3000 Jahren hat jemand gewusst, dass ein verantwortlicher Umgang mit der Schöpfung nur gelingt, wenn das Bebauen und Bewahren in einem guten Verhältnis stehen. Ich kann menschliches Leben und das Leben der Geschöpfe dieser Welt nur erhalten, wenn die menschliche Arbeit so ist, dass nicht nur der Mensch im Mittelpunkt steht, sondern in allem die ganze Schöpfung im Blick ist. Einseitige menschliche Interessen schaffen in dieser Welt ein Ungleichgewicht, das dazu führt, dass das Leben bedroht ist. Ozonloch, Klimakatastrophe, Überschwemmungen, all das sind Zeichen dieses Ungleichgewichtes, das an vielen Stellen sichtbar wird, wo wir Menschen eben das Bebauen für wichtiger erachten als das Bewahren. Jeder Mensch der bebaut muss seit alters her auch die andere Seite im Blick haben, die Bewahrung, sonst ist diese Schöpfung im kleinen und im großen in Gefahr. Und das ist für uns heute eine der wichtigsten Wahrheiten, die wir neu gelernt haben, auch wenn wir noch weit davon entfernt sind, die Fehler früherer Zeiten nicht wieder zu machen, bzw. sie wieder gut zu machen. Aber umso wichtiger ist es deshalb, dass es solche alten Geschichten gibt, die uns an den Anfang zurückführen, die aus ihrer Sicht uns Menschen helfen, diesem Anfang wieder näher zu kommen. Der Mensch hat die Möglichkeiten dazu, ja es ist sogar sein Auftrag. Und die Erinnerung daran, dass diese Schöpfung eben nicht vom Menschen, sondern von Gott ausgeht, gibt genügend Hoffnung und Antrieb, dass wir zu dieser Aufgabe auch von Gottes Geist geführt werden. Mögen wir auch viele Fehler gemacht haben, aus dem Glauben an Gott den Schöpfer können wir Wege gehen, die dem Leben in dieser Welt dienen. Dietrich Bonhoeffer schrieb einmal: Ich glaube, dass Gott aus allem auch dem Bösesten, gutes entstehen lassen kann und will. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Leben wir also als Geschöpfe Gottes, wissend um unsere Grenzen, beschenkt mit den Möglichkeiten Gottes, als Mitarbeiter dieses Gottes, der uns einbezieht in die Gestaltung dieser Welt.

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