Lebe die Freiheit!

hr kennt doch auch – liebe Schwestern, liebe Brüder – das Märchen von den drei Wünschen, die eine Fee anbietet zu erfüllen, die aber alle drei wohlüberlegt sein wollen, wenn sie nicht nutzlos vertan sein sollen. Doch nun malt euch aus, ihr würdet vor die Alternative gestellt, euch für eine von zwei Behinderungen – für immer blind oder für immer taubstumm – zu entscheiden! Was ist am ehesten für euch verzichtbar, das Augenlicht oder das Gehör und damit die Sprache?

So wie ihr wohl jetzt verwundert seid, so bin ich es vor 28 Jahren auch gewesen. Wir wollten unseren zweiten Sohn taufen lassen. Im Taufgespräch stellte der Pfarrer ausgerechnet mir genau diese Frage: Was würde ich wählen, wenn ich vor die Alternative, auf immer blind oder taubstumm zu sein, gestellt würde? Ja, was würde ich wählen – was würdet ihr wählen?

Ich habe mich damals für das Blind-Sein entschieden und würde es heute genauso wieder tun. Warum? Weil ich ganz stark abhängig bin von Sprache, vom miteinander Reden. Die Art und Weise, wie wir Menschen miteinander kommunizieren können, unterscheidet uns von aller anderen Kreatur, ist Teil unserer Ebenbildlichkeit Gottes. Meine Kommunikationsfähigkeit derart minimiert zu wissen, dass ich nur noch elementare Bedürfnisse, z.B. nach Essen und Trinken, mitteilen kann, ist mir eine schreckliche Vorstellung.

Derartigen Beschränkungen in der Verständigung ist ein blinder Mensch so nicht ausgesetzt – auch wenn die Möglichkeiten seiner Wahrnehmung eingeschränkt sind. Er ist von daher nie ein von der Gemeinschaft ausgeschlossener Mensch. Blinde leben deshalb im Grunde genommen nicht in einer Isolation.

Bis hierher haben wir nur darüber nachgedacht, wie wir uns wohl fühlen würden, wenn wir taubstumm wären. Aber wie würden wir solchen Menschen begegnen? Würden wir womöglich Distanz zu ihnen halten, weil wir unsicher sind, weil wir deren Gebärdensprache nicht verstehen? – Hören wir aus dem Hl. Evangelium nach Markus:

[TEXT]

Meine Schwestern und Brüder! Nach intensiven Streitgesprächen mit Schriftgelehrten und Pharisäern – also mit kompetenten Theologen – über die Gebote, die von Gott stammen und die von Menschen aufgesetzt wurden, weicht Jesus nach Norden ins jüdische Ausland aus, dem heutigen Südlibanon. Er sucht die Einsamkeit, wo ihn keiner kennt, wo er Ruhe finden und neue Kräfte schöpfen kann. Doch auch hier scheint er bekannt zu sein: eine Frau – Heidin – bedrängt Jesus auf’s heftigste, ihre kranke Tochter zu heilen. Jesus kann sich ihrem Wunsch nicht verschließen; aber die Konsequenz ist, dass er in ostwärtiger Richtung, in das heutige Syrien ausweicht.

Und auch hier erfahren die Menschen, wer er ist – ein Wunderheiler! Die hatten und haben ja zu allen Zeiten Hochkonjunktur! Aber haben sie alle auch immer wirklich Erfolg? Bei Jesus ist es offensichtlich nicht zweifelhaft. So scheut er sich nicht vor dem intensiven, ja letztlich intimen Kontakt, der ganz engen Beziehung mit den Hilfsbedürftigen, wie wir es eben aus dem Evangelium gehört haben. – Das war ja auch sein Konflikt mit den Theologen gewesen: Was schickt sich nicht und welche Verhaltensweise ist dagegen Gott wohlgefällig?

Ja, und ob mir eine vergleichsweise innige Berührung mit einem Kranken so möglich wäre, wie sie uns von Jesus in der Begegnung mit diesem Taubstummen berichtet wird?

Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Besuch im Annastift in Hannover zusammen mit meiner Frau bald nach unserer Hochzeit. Als Schwesternhelferin hatte sie in diesem Heim für Behinderte – MS-Kranke, spastisch Gelähmte usw. – viel gearbeitet. Sie hatte dort mit etlichen von ihnen Freundschaft geschlossen und nun wollte sie mich ihnen vorstellen. Ich wusste nicht, wie ich mit diesen Heimbewohnern umgehen sollte, sie waren mir beinahe unheimlich; ich war zu jener Zeit mit dieser Konfrontation überfordert. Besonders beherrschen musste ich mich, um nicht doch noch die Fassung zu verlieren, als sich meine Frau mit einem schwer spastisch gelähmten, jungen Mann im Rollstuhl unterhielt, der einen Luftröhrenschnitt hatte. Während der Unterhaltung musste nämlich meine Frau die Kanüle unterhalb seines Kehlkopfes mit dem Daumen immer wieder zuhalten, damit er zu verstehen war. Das mitzuerleben, faszinierte mich in gleicher Weise, wie mich die Vorstellung schaudern machte, ich müsste jetzt ihren Dienst an diesem Patienten versehen.

Wie gut zu wissen, dass Jesus, Gottes lieber Sohn, an dem ER sein Wohlgefallen hat, nicht so gehemmt ist wie ich. Ob nun sprachlos weil taubstumm oder weil gehemmt – wir sind dann einsam, ohne tiefe menschliche Gemeinschaft, mit nur minimalisierten Kontakten. In diese Einsamkeit also dringt Jesus ein – wenn es sein muss regelrecht körperlich wie in unserer Heilungsgeschichte von diesem taubstummen Menschen. Indem Jesus nämlich diesem seine Finger in die Ohren legt und dessen Zunge mit seinem Speichel berührt, überwindet er nicht nur einfach Grenzen – nein, er reißt sämtliche Zäune, sämtliche Mauern ein, die den Taubstummen von menschlicher Gemeinschaft absonderten.

Es sind aber nicht nur Grenzen, Zäune und Mauern, die uns in die Einsamkeit verbannen, sondern auch wir selbst sind es, die wir uns vor allen anderen verschließen. Was hilft es, wenn Jesus die Mauern einreißt, die um uns errichtet wurden, wenn wir selbst unser Schloss nicht aufschließen, wenn wir nicht bereit sind, hinauszutreten in die Freiheit, die uns durch Jesus wieder neu geschenkt wird? Deshalb ist dieses „Hefata!“ – „Tue dich auf!“ mehr als nur die Aufforderung an die Ohren und den Mund des Taubstummen, endlich zu hören und zu reden. Es bedeutet nämlich auch: „Du Mensch, der du taubstumm warst, ohne Gemeinschaft, du Mensch, der du gelitten hast, allein mit deinem Leiden warst, du Mensch, tritt heraus aus deiner Einsamkeit, lebe die Freiheit deiner wiedergeschenkten Menschlichkeit so, wie sie Gott dir als seinem Geschöpf verliehen hat!“

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Wir werden gleich an den Tisch des HErrn treten und gemeinsam das Mahl feiern, das der Auferstandene kurz vor seinem Tod uns zum Gedächtnis gestiftet hat. Es ist mehr als nur eine Erinnerung. Christus Jesus selbst ist gegenwärtig, ist mit uns. Und indem wir Brot und Wein empfangen, rührt ER uns an, überwindet ER unsere Grenzen, schenkt ER uns die Kraft und die Freiheit, hinauszutreten aus unserer Vereinsamung hinein die Gemeinschaft aller Geheiligten mit dem dreieinigen Gott, dem Vater und dem + Sohn und dem Heiligen Geist!

drucken