Lasst uns Berge versetzen!

Glaube kann Berge versetzen oder Maulbeerbäume entwurzeln. So behaupten es biblische Texte. Unsere persönlichen Erfahrungen sind andere. Obgleich natürlich immer wieder auch dieser Spruch verwandt wird. Am meistens wenn es um ungewöhnliche medizinische Dinge geht, wie Homöopathie, oder andere rein natürliche Heilverfahren. In dem Zusammenhang hört man den Satz: der Glaube versetzt Berg am ehesten.

Ansonsten aber ist doch eher Zweifel spürbar. Berge versetzen, Maulbeerbäume ausreissen, grundlegende Veränderungen herbeiführen, da werden wir sehr vorsichtig. Könnten wir so etwas schaffen und könnte dazu auch der Glaube helfen? Ich könnte mir vorstellen, dass so manch einer von uns überhaupt an seinem Glauben zweifelt, dass er meint, er habe gar nicht so viel Glaube, dass dieser das Leben in bestimmter Weise verändernd beeinflussen könne.

Und doch steht auch dieser Satz Jesu und der Gedanke des Paulus im Raum, dass der Glaube ungeheuer verändernd sein kann.

Die Welt verändernder Glaube: wie groß muss so ein Glaube sein, der das schafft? So fragen wir. Und dann würden wir am liebsten ein Glaubensmessgerät anlegen, um zu wissen, wie viel es denn sein müsste. Und erreichen tun wir es dann eh nie. Und so wird dem Glauben von menschlicher Seite nichts zugetraut.

Und nun kommt Jesus und sagt: wenn ihr Glauben hättet, der so groß wäre wie ein Senfkorn, ihr könntet die Welt umreißen. Das Senfkorn, das er da als Beispiel vor Augen hat, hat nichts mit unserem Senfkorn zu tun. Unser Senfkorn ist gewiss 50x so groß. Dieses Senfkorn ist halb so groß, wie ein Stecknadelkopf. Ich habe so ein Samenkorn schon einmal gesehen, es ist wirklich nicht größer. Und schon dies würde reichen, die Welt zu verändern. Ein wahrhaft merkwürdiges Wort, das Jesus hier spricht. Ein Glaube, der fast nicht sichtbar ist, soll welt verändernd sein? Wen kennen wir, der solche inen Glauben hatte und die Welt verändert hat. Martin Luther z.B. hat die Welt verändert, aber dem schreibe ich eine ungeheure Glaubensstärke zu, auch wenn er sicher auch immer wieder angefochten war. Mutter Theresa schreibe ich auch eine große Glaubensstärke zu, ebenso wie Franz von Assisi, aber haben die die Welt verändert?

Weltverändernd erleben wir im Augenblick ganz anderes. Die Gewalt der Terroristen, die in Amerika großes Unheil angerichtet haben und damit die Welt in Aufruhr und Schrecken versetzt haben. Sie haben es geschafft, das Denken der Welt zu verändern und eine neue Dimension von Angst zu verbreiten, auch wenn schon wieder viel Normalität ins Leben eingezogen ist.

Und dagegen steht heute morgen dieser Satz Jesu, dass selbst ein Glaube, der nur so groß ist, wie ein Stecknadelkopf, verändernd sein kann.

Wir sind schnell mit dem Zweifel bei der Hand, ich ja auch, auch in meinen Predigten. Es ist ja auch einfacher, die Zweifel sprechen zu lassen, als den Glauben. Aber wenn man diesen Zweifel einmal beiseite lässt, wohin kommen wir dann? Probieren wir das eigentlich genügend aus?

Also gehen wir doch einmal davon aus, dass Jesu Wort wirklich trägt. Versuchen wir doch einmal so zu denken, dass dieses Wort wirksam ist.

Da muss ich sagen, macht mir Jesus erst einmal Mut. Er macht mir nämlich Mut, nicht darauf zu schauen, wie stark ich den Glauben in mir selbst empfinde. Es ist die Aufforderung, nicht nach einem bestimmten Gefühl in mir zu suchen, nicht nach Bestätigungen des Glaubens im eigenen Leben zu forschen oder diesen gar gedankenreich zu klären, sondern es geht darum, das Geschenk des Glaubens, das Jesus uns macht, auch einzusetzen im Leben.

Direkt vor unserem Text lesen wir einen Er sprach aber zu seinen Jüngern: Es ist unmöglich, dass keine Verführungen kommen; aber weh dem, durch den sie kommen!

Es wäre besser für ihn, dass man einen Mühlstein an seinen Hals hängte und würfe ihn ins Meer, als dass er einen dieser Kleinen zum Abfall verführt.

Hütet euch! Wenn dein Bruder sündigt, so weise ihn zurecht; und wenn er es bereut, vergib ihm.

Und wenn er siebenmal am Tag an dir sündigen würde und siebenmal wieder zu dir käme und spräche: Es reut mich!, so sollst du ihm vergeben.

Einem Menschen, der sich sieben mal gegen uns gestellt hat und sieben mal um Verzeihung gebeten hat, sollen wir sieben mal vergeben. "Der wird sich nie ändern!" denken wir und zweifeln an seiner Veränderungsbereitschaft. Die Lebenserfahrung zeigt es uns einfach, dass sich da nur wenig verändert. Und vor allem, dass wir nicht bereit dazu sind, immer wieder auf die anderen zuzugehen.

Und nun sagt Jesus, aber genau das sollen wir tun. Wir sollen das Unrecht wohl benennen, es als solches beschreiben, aber auch bereit dazu sein, dem anderen die Hand zu reichen.

Allerdings braucht es eben dazu eines anderen gedanklichen Hintergrundes, um ein solches Handeln umsetzen zu können. Wir brauchen ein bestimmte Lebenseinstellung, die nicht aus unseren menschlichen Erfahrungen herrührt, sondern die sich auf etwas ganz anderes gründet, um einen solch ganz anderen Weg zu gehen.

Und das ist der Glaube, den Jesus in uns wachruft durch sein Leben.

Jesus ist ein Mensch, der nicht nach seinen Maßstäben handelt, der sich nicht leiten lässt von den schlechten Erfahrungen, die ja auch er in seinem Leben gemacht hat. Sondern er lebt auf einem anderen Hintergrund. Sein Lebensmaßstab ist die unbedingt Liebe zum Menschen, das Vertrauen auf die Veränderung durch Gott.

So konnte er den Verführungen in der Wüste widerstehen, als er zu Beginn seiner öffentlichen Tätigkeit. Ihm wurde die Macht über die Welt angetragen, so erzählt die Bibel, doch er lehnte es ab, weil er diese Macht allein in den Händen Gottes sah. So konnte er auf die so genannten Sünder zugehen, sie in seine Gemeinschaft holen, obgleich es sich für einen Juden nicht gehörte mit solchen Menschen Kontakt zu haben. Er konnte auf Aussätzige zugehen und sie berühren, was für einen Juden eine große Verunreinigung darstellte und daher verboten war. Deshalb konnte er von Feindesliebe reden und auf Vergeltung verzichten, er konnte noch am Kreuz für seine Feinde beten, weil er sich eben nicht leiten ließ von den so menschlichen Gedanken, sondern weil er sich leiten ließ von der Liebe Gottes.

Diese Liebe wird durch Ereignisse des Lebens oft in Frage gestellt. Wir haben es in der letzten Woche sehr intensiv erlebt. Und noch immer beschäftigen uns die Fragen nach Vergeltung, nach Sühne, nach Veränderung, um solcher Gewalt entgegenstehen zu können.

Aber wirklich verändern tun wir damit nichts. Verändern tun wir nur etwas, wenn wir – wie Jesus – das Vertrauen zum liebenden Gott festhalten – und sei es nur so viel wie ein Stecknadelkopf. Mehr ist es ja auch manchmal nicht, was übrig bleibt, wenn wir das Tun von Menschen sehen und erleben. Und doch könnten wir allein damit das Leben in dieser Welt verändern. Wir könnten damit die Berge der Lieblosigkeit, des Gegeneinanders, des Hasses und des Streites versetzen. Nur wir können es eben nicht aus uns selber, weil wir eben Menschen sind, die dem so menschlichen Leben und Handeln so nahe sind.

Darum haben die Jünger auch Jesus gebeten: Verleihe uns solchen Glauben! Das können wir nicht aus uns selbst erreichen, da reicht es nicht aus guten Willens zu sein. Wir müssen um so einen Glauben, um so ein Vertrauen in die Liebe und Barmherzigkeit Gottes immer wieder bitten, um diese dann auch in unserem Leben umzusetzen.

Wir haben ja auch nichts anderes getan, als wir in den vergangenen 2 Wochen angesichts des Terrors zu Gott gerufen haben. Unsere Gebete suchten nach dem Fünkchen Glauben, der uns nicht in die Spirale von Gewalt fallen ließ. Es war die Suche nach dem Vertrauen zu einem Handeln, das dem vorhandenen Leid nicht noch weiteres Leid hinzufügt. Und es ist die Suche nach einem Halt, der uns in der haltlosen Zeit, nicht abrutschen lässt.

Es ist so manchen Tag nur das Stechnadelkopfgroße Vertrauen, das uns nicht Wege gehen lässt, die ins Verderben führen, das uns so handeln lässt, dass Menschen weiterleben können, oder zumindest so leben können, dass sie nicht noch weitere Nachteile zu tragen haben. Und manchmal ist selbst dieses geringe Vertrauen nicht mehr da, weil alles andere es verschüttet hat. Verleihe uns solchen Glauben, Jesus, ist deshalb immer wieder ein wichtige Bitte in unserem Leben, damit wir festhalten an den liebenden, vergebenden, den Menschen achtenden Gedanken, die Jesus in die Welt getragen hat und mit der die Welt verändert hat. Unsere Offenheit für seine Botschaft, unser Gebet zu diesem Christus, ist das was wir aktiv tun können, um das Leben in der Liebe nicht aus den Augen zu verlieren. Und dann können wir gewiss auch Berge versetzen, dann wird uns auch das Unmögliche möglich.

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