Lasst den Glauben nicht verkümmern!

Liebe Gemeinde,

„Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat“ heißt es in unserem heutigen Predigttext in Hebräer 10. Damit wird für mich auf den Punkt gebracht, was heute in Deutschland schief läuft.

Fast 70 % der Arbeitenden arbeiten ungern und nicht engagiert. In den Schulen herrscht auch nach Pisa nicht eine Atmosphäre des begeisterten Lernens, sondern viel Energie wird damit zugebracht, einander zu ärgern und zu mobben. Wir haben einen großen Wohlstand, aber wenig Zufriedenheit. Nachbarschaftsstreite nehmen zu. Viele klagen, dass die Bereitschaft zu langfristigem und verantwortungsbewusstem Ehrenamt abnimmt. Wir haben grundlegend ein Gefühl des Niedergangs, nicht des Aufbruchs – trotz Michael Schumacher und Oliver Kahn und trotz der Fußball-WM 2006 in Deutschland. Und wir gehen insgesamt zu schlecht und zu misstrauisch miteinander um. Das macht eine schlechte Atmosphäre, die Vertrauen und Hoffnung mindestens dämpft, wenn nicht tötet. Die vielen Scheidungen bedeuten eine Unmenge an Verletzungen und Kränkungen und die werden weitergegeben an die künftigen Generationen. Die Umweltkatastrophen nehmen zu und kaum ein Lebensmittel scheint noch gesund und auch Luft und Sonne sind nicht mehr gesund. Es fehlt an grundlegendem Vertrauen, Vertrauen in Gott, in die Welt, in die anderen Menschen, in die Welt, die uns umgibt. Und wenn das Vertrauen fehlt, dann fehlen auch Hoffnung und Liebe, denn diese drei gehören zusammen: Glaube d.h. Vertrauen und Hoffnung und Liebe.

Nun hätten wir als Kirche ja in dieser Hinsicht einiges zu bieten. Ja, mehr noch, in der Kirche kann man Gott begegnen und alles bekommen: Vertrauen im Überfluss, Hoffnung, die alles überwindet, Liebe, die aus entwurzelten und geistlosen Einzelwesen wieder Menschen macht. Aber die Kirchen in unserem Land sind nicht voller Menschen, die Gott suchen, die voller Hunger sind und voller Durst, um Gott und seiner Fülle zu begegnen.

Gleichzeitig beobachte ich, dass Religion in ist. In vielen Büchern und Filmen geht es darum, dass wir wieder eingebunden werden in eine Welt, die nicht gottlos und geistlos und erbarmungslos ist. Ein Beispiel, stellvertretend für viele: Frau Fröhlich von der Gemeindebücherei hat mir dieses Buch empfohlen und ich kann es durchaus auch empfehlen. Es ist ausgezeichnet worden als bester Roman des Jahres 1998: Andreas Eschbach, Das Jesus Video. Ein Thriller. Ein Zeitreisender hat Jesus gefilmt mit einer Videokamera, die nicht gar nicht auf dem Markt ist mit einem neuen Speichermedium, das über 2000 Jahre hält. Wer den Film sieht, findet ihn entweder langweilig oder sein Leben ändert sich grundlegend. Die Botschaft des Films ist: höre auf mit den vielen sinnlosen Kämpfen, fange wirklich zu leben an. Sei wirklich im Augenblick, mit dir selbst identisch. Es bildet sich eine wachsende Gemeinschaft derer, die den Film gemeinsam anschauen und so bestätigt und gestärkt werden in diesem Leben voller Vertrauen und Glück, das aus dem allgemeinen Wettrennen aussteigt und zu wahrer Liebe fähig ist. Die katholische Kirche aber schickt einen Inquisitor, der vor Morden nicht zurückschreckt, um das Verbreiten des Films zu verhindern.

Ich sehe beides: unsere ganze Gesellschaft hat Hunger nach Gott. Aber gegenüber den Kirchen gibt es zuviel Vorurteile und zuviel Misstrauen. Und das ist ein Problem, denn wo wird der Hunger nach Gott gestillt?

Manche sagen, sie würden im Wald ihren Gottesdienst feiern, aber ich glaube, für die meisten hat das Fernsehen die Rolle der täglichen Andacht übernommen. Das Fernsehen vergewissert uns, dass wir in eine Gesellschaft mit gemeinsamen Werten gehören. Und im Tages- und Wochenablauf hat es einen festen Ort, der immer wiederholt wird – es ist also so etwas ähnliches wie ein Ritual. Viele brauchen auch den Sport, der Gemeinschaft bildet und Glückshormone ausschüttet. Asiatische Weisheiten und Meditations- und Körperübungen sind sehr verbreitet. Und viele Kranke richten ihr ganzes Vertrauen und ihre ganze Hoffnung auf eine Therapie oder einen neuen Arzt mit gutem Ruf. Und Popgruppen oder Fernsehserienstars erfahren religiöse Verehrung bis hin zur Nachahmung. Und die Glückserwartungen an einen neuen Liebespartner sind oft so groß, dass nur ein Gott sie erfüllen könnte. All das möchte ich nicht verdammen – nur läuft ja offensichtlich eine ganze Menge schief in Deutschland, wie ich am Anfang beschrieben habe. Und es ist wichtig, dass wir unseren Hunger nach Gott an der richtigen Stelle stillen. Denn es ist zerstörerisch, unsere religiösen Erwartungen auf das Falsche zu richten. So viele Ehen werden geschieden, weil die Glückserwartungen an den Partner zu groß sind. Sportfans können fanatisch werden – und dann haben wir gewaltbereite Hooligans. Das Fernsehen ist ein Medium, das v.a. die Gefühle anspricht und das für Manipulation missbraucht werden kann. Auch stört es die Sprachfähigkeit und Konfliktfähigkeit in den Familien, wenn das Fernsehen zuviel Zeit frisst. Und im Wald gibt es manchmal keine Ruhe mehr, sondern mehr Hektik als auf den Straßen. Und als Familie muss man vielleicht manchmal nicht nach einem neuen Arzt suchen, sondern etwas im Familiensystem ändern. Und einzelne Menschen sind damit überfordert, sich ihre Religion selbst zusammenzubasteln durch dieses oder jenes zufällig gefundene Buch oder zufällig besuchten Kurs.

Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Ich hoffe und bete, dass wir als deutsche Gesellschaft im Mutterland der Reformation nicht den christlichen Glauben wegwerfen, denn das wäre zerstörerisch für uns als Gesellschaft. Dieses Wegwerfen findet schon viel zu sehr statt und ich sehe darin die Hauptursache für das, was schief läuft in Deutschland. Als Pfarrer finde ich es natürlich wichtig, dass es weniger Misstrauen gegenüber der Kirche gibt und mehr Leute in den Gottesdienst und selbst in der Bibel lesen. Viele glauben und beten ja, nur sorgen sie nicht genug dafür, dass ihr Glaube neue Nahrung bekommt und neue Impulse. Und wir in der Evangelischen Kirche haben ja den Anspruch, dass nicht die Kirche die Quelle des Glaubens ist, sondern dass jede und jeder selbst in tiefster Seele Christus begegnet und selbst seinen Glauben lebt und weiterentwickelt. Kirche und Pfarrer können nur Hilfestellung geben zum selbständigen Glauben.

Das ist anstrengend für den Einzelnen, aber es gibt einen wohltuenden Rahmen dafür: Bibel und Bekenntnisschriften sind uns vorgegeben und darin ist das Wichtige, das, was Christum treibet. Also, das, was mich Christus, meinem Befreier, näher bringt. Ich denke, die Evangelische Kirche hat hier eine gute Lösung gefunden. Einen Kompromiss zwischen der Institution Kirche, die alles für mich tut, dazu neigt die katholische Kirche etwas, und der völligen Beliebigkeit, wo ich mir meinen Glauben zurecht bastle, dazu neigt die New Age Szene.

Liebe Gemeinde, Sie sind wichtig. Jede und jeder einzelne. Wie es für uns als deutsche Gesellschaft weitergeht, das entscheidet sich an vielen einzelnen Menschen. Bitte, leben sie Ihren Glauben. Entwickeln Sie ihn weiter. Und treten Sie in Ihrer Umgebung für Ihren Glauben ein, auch wenn es gerade nicht in ist. Auch wenn es gerade nicht cool ist. Wir brauchen Leute, die für Ihre Überzeugung einstehen. Sie tun wichtiges für die ganze Gesellschaft. Denn unsere Gesellschaft sucht nach festen Überzeugungen, nach einem Vertrauen, das stark genug ist, unser Leben wieder gelingen zu lassen.

Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Es kommt nicht darauf an, einen starken Glauben zu haben. Wer hat den schon, wir sind Bestandteil dieser Gesellschaft! Es kommt darauf an, das wenige, das wir haben, nicht verkümmern zu lassen, sondern zu leben und weiterzugeben. Dazu helfe uns der, der der Grund allen Vertrauens ist und der uns umfängt, wenn unser Vertrauen zu zerbrechen droht.

drucken