Lass Dich von Gott überraschen

Liebe Gemeinde,

Weihnachten hat mit Überraschung zu tun. Ja, Weihnachten und Überraschung gehören untrennbar zusammen. Deshalb machen wir uns schon lange vor dem Fest Gedanken darüber, wie wir einander überraschen können. Geschenke werden gekauft, Überraschungspakete eingepackt oder ein spontaner Besuch vorbereitet. Je ausgefallener, umso besser. Aber das ist nicht alles, die Gemeinsamkeit zwischen Weihnachten und Überraschung steckt noch viel tiefer:

Weihnachten und Überraschung gehören auch deswegen von Anfang an zusammen, weil Gott uns mit seinem Kommen auf die Erde völlig überrascht hat.

Offenbar liebt Gott Überraschungen, denn seine Ankunft geschah völlig anders als die Menschen es erwartet haben. An eine Futterkrippe in einem Stall hatte bei der lange vorher angekündigten Menschwerdung Gottes keiner gedacht. Gott ist erfinderisch, er ist gar nicht so langweilig, wie viele von ihm denken. Seine Wege, uns zu begegnen, sind immer wieder anders, originell und vielseitig.

Das sehen wir schon daran, dass es mit Weihnachten wie mit den Geschenken ist. Für dieses Jahr sind alle Geschenke gekauft. Sie stapelten sich vorhin unter dem Weihnachtsbaum. Damit ist das Rennen für dieses Jahr schon gelaufen.

Habt ihr es gemerkt. So richtig auspacken zu können, das macht Spaß: Erst quält man sich mit den Knoten, dann kommt das grobe Packpapier und schließlich sind die vielerlei bunten Umhüllungen dran, die es sonst noch gibt. Das gehört dazu, das erhöht die Spannung und die Überraschung.

Aber letzten Endes ist doch nur interessant, was beim Auspacken herauskommt, das überraschende ist das Geschenk selbst. Die Verpackung ist dann nur noch Abfall, der im Wege ist.

Das ist ein guter Vergleich, das Weihnachtsfest insgesamt ist eine solche Verpackung: das Hasten und Rennen vorher – das sind die Knoten und das grobe Packpapier; und das Feiern mit all seinem Drum und Dran – das sind die bunten Bänder und Geschenkbogen. Wenn du heute mit Weihnachten unzufrieden bist, liegt es vielleicht mit daran, dass du beim Auspacken das eigentliche Geschenk übersehen haben? Dann wäre allerdings das Fest mit seinen Vorbereitungen zwar ganz schön, aber übrig bliebe davon nur lästiger Abfall, Verpackung ohne Inhalt.

Weihnachten ist nicht nur bunte Verpackung, süßer Traum. Lassen wir uns von Gott neu überraschen. Es ist deshalb nicht zutreffend, wenn wir singen und meinen Jesus käme "alle Jahre wieder" in gleicher Weise als Kind auf die Erde. Viel besser würde passen: "Lass Dich von Gott überraschen", denn "In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis."

In diesem Bibelvers, der ja auch die Jahreslosung für dieses Jahr ist, wird klar, das es inmitten all der Weihnachtsverpackung auf den Inhalt, das Kind in der Krippe, ankommt. Gott ist das Gegenteil von einem Hochstapler. Er versteckt das Wichtige im einfachen, damit es jeder verstehen kann. Im Kind der Krippe finden wir alles, was wir zum sinnerfüllten Leben brauchen.

Es ist sehr interessant, auf welch vielfältige Art und Weise Gott Menschen auch heute noch überrascht. Immer geschieht das sehr persönlich und dem Menschen angepasst, niemals aber schematisch oder festgelegt. Der einen begegnet Gott schon im Elternhaus, dem anderen erst lange Jahre später in den verschiedenen Erfahrungen seines Lebens. Manchen Menschen kommt Gott auf schweren Wegen entgegen und begegnet ihnen im Zerbrechen der eigenen Kraft. Anderen wurde die Bibel zum wesentlichen Impuls, Gott zu suchen und zu finden. Vielleicht ist es in diesen Tagen ja auch ein gutes Wort aus einem Gottesdienst, oder einem Buch, das wir uns für ein paar besinnliche Stunden gönnen. Unter Umständen begegnet Gott uns aber auch durch die Begegnung mit Menschen, deren Erfahrungen mit dem Glauben unser Leben bereichern, so wie es hier heißt:

"Denn in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und an dieser Fülle habt ihr teil in ihm, der das Haupt aller Mächte und Gewalten ist."

Das Kind in der Kind in der Krippe, das ist das Überraschende, das ist das Große im Kleinen, ist das Haupt aller Mächte und Gewalten. Er ist der oberste Herr aller weltlichen Mächte und Gewalten, sei es die Bürgermeister, Ministerpräsidenten oder die deutsche Regierung. Er ist der oberste Herr über alle übersinnlichen Mächte und Gewalten. Das wird die Überraschung am Ende der Weltzeit sein, wenn sich alle Knie vor ihm beugen müssen.

Am Ende dieser Weltzeit, wird Gott so wie er in Bethlehem als Kind gekommen ist, als Herrscher und Richter begegnen. Diese Begegnung steht jetzt schon fest, und doch wird sie leider für viele überraschend kommen. Gerade die Tatsache, dass Gott sich vorbehalten hat, wie er jedem von uns begegnet, führte allerdings auch immer dazu, dass Menschen fast enttäuscht reagierten, weil Gott sich eben nicht festlegen lässt und oft nicht nach unseren Vorstellungen handelt. Wenn wir uns aber darauf einlassen, dass Gott überraschend zu uns kommt, dann erfahren wir seine Barmherzigkeit, für die wir dankbar sein können:

Wie ihr nun den Herrn Christus Jesus angenommen habt, so lebt auch in ihm und seid in ihm verwurzelt und gegründet und fest im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und seid reichlich dankbar.

Dankbar sein, das Gott zu uns auf diese Welt gekommen ist. Die Weihnachtsgeschichte ist eine eindrucksvolle Demonstration dieser Barmherzigkeit Gottes. Er will jedem Menschen ganz nahe sein. Das soll uns an der Geburt Jesu deutlich vor Augengeführt werden. Gott ist mit uns. Er ist nicht fern, unbeteiligt oder unnahbar – deshalb die Armseligkeit des Stalles und der Verzicht auf alle göttliche Herrlichkeit. Gott will sich dem Leid nicht entziehen. Er teilt unser Leben, weil wir ihm nicht gleichgültig sind. Er ist dabei, wo gelitten wird und Angst ausgestanden wird. Auch bei Ereignissen wie dem 11. September. Jesus hat die ganze Härte menschlicher Existenz von Anfang an durchlebt und auf sich genommen. Bis ans Kreuz hat er unser Leben erfahren. Schließlich ist er unseren Tod gestorben und hat uns aus aller Verlorenheit erlöst. Jesus ist nun der Herr des Lebens. Auferstanden und lebendig, schenkt er denen das Leben, die ihm vertrauen.

Das hört sich stark an. Die Frage ist nur, ob uns das auch so gefällt. Vielleicht stellen wir plötzlich sogar überrascht fest, dass wir es eigentlich gar nicht so gern haben, dass Gott von nun an auf allen Wegen mit uns ist: In der Schule, im Beruf, während des Autofahrens, beim Einkauf, in unserem wohn- und Schlafzimmer, ja bis hinein in unsere Gedanken und Empfindungen. Das ist nun wieder komisch an unserer menschlichen Religiosität. Wir möchten Gott, aber wir möchten ihn nicht so nah, immer und überall dabei haben. Vielleicht als Trostpflaster und Nothelfer, ja, aber als "Gott mit uns", das ist uns dann unter Umständen doch zu eng und zuviel. Aber Gott ist entweder mit uns Menschen, oder wir haben ihn ausgesperrt. Dann ist er aber nicht unser Herr, sondern wir sind die Herren und benutzen ihn nur als Verzierung für bestimmte Stunden. Wir sollten uns entscheiden und die Tage vor und nach Weihnachten nützen, um die Überraschung Gottes nicht zu verpassen und die Fülle seiner Gegenwart zu erfahren. Lass Dich von Gott neu überraschen. In diesem Sinne, frohe Weihnachten!

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