Kreuz und Kopftuch

Ein Jahreswechsel bringt so allerhand mit sich, liebe Gemeinde. Da gibt es die guten Vorsätze, die Menschen am Ende des einen Jahres für das kommende fassen. Da gibt es gute Ratschläge, die andere uns mit auf den Weg geben. Und es gibt Ansprachen und Ermahnungen von Menschen, die sich in leitenden Positionen befinden. In solch einer Position ist sicherlich auch unser Bundespräsident Johannes Rau. Von dem vielen, was er zum Jahreswechsel geäußert hat, ist besonders seine Stellungnahme zu Kreuz und Kopftuch in Erinnerung. Nicht ganz leicht zu verstehen, was er gesagt – und vor allem – was er gemeint hat.

Und noch mit einem weiteren Ratgeber und Ermahner haben wir es heute morgen zu tun, am zweiten Sonntag im neuen Jahr: Der Apostel Paulus spricht zu uns. Seine Ermahnungen, ursprünglich an die Gemeinde in Rom gerichtet und heute morgen an uns, haben wir als Brieflesung gehört.

Wir sollen prüfen, was Gottes Wille ist – daran liegt ihm. Und als Hilfe gibt er uns mit, worin Gottes Wille besteht – im Guten nämlich. Und im Wohlgefälligen und Vollkommenen.

Das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene. Gott selber hat es ja vorgemacht: Sein Sohn starb für uns am Kreuz. Jesus starb ja nicht in der Arena des Zirkus Maximus, nicht durch Verbrennen oder Ertrinken. Sondern am Kreuz. Seitdem ist das Kreuz ein ganz wichtiges Symbol für unseren Glauben. Ja, es ist das Symbol überhaupt.

Wir kennen die Abbildung des Kreuzes als Kruzifix. Also, als Abbildung des Gekreuzigten. Damit haben wir das Leiden Jesu direkt vor Augen. Denn dass die Kreuzigung mit Leid und Schmerzen verbunden ist – das kann auch erkennen, wer sich zu einer anderen Religion zugehörig fühlt.

Außerdem haben wir auch Darstellungen eines Kreuzes ohne den Leib Christi. Das verlassene Kreuz als Zeichen dafür, dass es weitergegangen ist für Gottes Sohn. Als Zeichen dafür, dass es für ihn nach dem Tod mit dem Leben weiterging.

Das Kreuz als das christliche Symbol verdeutlicht uns also zweierlei: Erstens das Leiden. Das Leiden, das Jesus für uns und um unsretwillen auf sich genommen hat.
Und zweitens den Sieg über den Tod als Hoffnungszeichen für uns.

Dieses christliche Symbol ist etwas besonderes. Seine Besonderheit erhält es nicht von dem Ort her, wo es nun gerade aufgehängt oder –gestellt ist.
Es hat seinen Wert und seine Bedeutung durch das, was wir damit verbinden. Durch das, was wir glauben.

Und es wäre weder gut, noch wohlgefällig oder vollkommen, wenn wir dieses Symbol nicht hochhalten und ehren würden.

Was machen wir mit dem Kreuz? Wir hängen es auf, damit andere und wir es vor Augen haben. Damit wir nicht aus den Augen verlieren, was durch Gott in Jesus Christus für uns geschehen ist: Tod und Auferstehung für uns! Wir hängen das Kreuz auf in Kirchen und Gebäuden, die zu einer Kirchengemeinde gehören. Und Kreuze oder Kruzifixe hängen auch in öffentlichen Gebäuden, z.B. in Schulen.

Ja – warum denn auch nicht? Das Schlagwort vom „christlichen Abendland“ ist leicht in den Mund zu nehmen. Aber wenn es mehr sein soll als ein Lippenbekenntnis – dann kann es doch nicht sein, dass wir unsere Symbole verstecken!

Auch wenn wir in Deutschland nicht 80 Millionen Christinnen und Christen haben – eine Mehrheit ist es immer noch! Und wenn es nach mir geht, dann soll das auch so bleiben. Ist das denn zuviel verlangt?

Mit unserem Bundespräsidenten kann ich mich jetzt nicht austauschen.
Aber die Worte des anderen Mahners, des Apostels, die liegen uns ja vor.
Er hat geschrieben: „Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.“

Maßvoll sollen wir sein. Und uns nicht überschätzen, uns nicht zu wichtig nehmen.
Gut, das will ich bedenken.

Und das bedeutet für mich folgendes: Aus kirchlichen Gebäuden ist das Kreuz nicht wegzudenken. Und dieses ‚nicht wegzudenken’ möchte ich erweitern auf öffentliche Gebäude in unserem Land. Und Nichtgläubigen oder Andersgläubigen möchte ich es zumuten, dieses Symbol zur Kenntnis zu nehmen. Wohlgemerkt – hier bei uns. Wenn ich als Deutschlehrer in Saudi Arabien wäre, würde ich nicht darauf bestehen, ein Kreuz im Unterrichtsraum aufzuhängen. Anfragen wohl, ob es möglich wäre. Aber wenn nicht – dann hätte ich das zu schlucken.

Nun komme ich – Sie werden darauf gewartet haben – zum Kopftuch. Aber das ist nicht so eindeutig als religiöses Symbol festzulegen. Die einen halten es dafür.
Andere sagen, dass im Kopftuch die Unterdrückung der Frau im Islam ausgedrückt wird. Und nicht wenige Menschen sehen außerdem darin einen Hang zum Fanatismus.

Für Fanatismus habe ich nichts übrig. Wenn eine religiöse Überzeugung dazu ausdrücklich auffordern sollte – dann wird dieser Glaube für mich unglaubwürdig. Wenn es ein Symbol der Unterdrückung ist, dann kann ich das Tragen dieser Kopfbedeckung ebenfalls nicht gutheißen. Bleibt der Punkt des religiösen Symbols. Da wird es kniffelig. Zumal wir das Recht auf Religionsfreiheit ausdrücklich in unserem Grundgesetzt verankert haben. Mit welchen Absichten eine muslimische Frau ihr Kopftuch trägt – das wissen wir nicht. Und ob es zulässig ist, dass eine Lehrerin es um den Kopf hat – die Gerichte sind dabei, dies zu klären.

Aber ein Entfernen des christlichen Symbol des Kreuzes darf eine wie auch immer geartete Entscheidung nicht zur Folge haben!

Wir können uns doch nicht den Boden unter den Füßen wegziehen! „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ So hat es der Apostel an die Gemeinde in Korinth geschrieben (1. Kor 3,11). Und von der Annahme Jesu durch Gott in seiner Taufe – davon hörten wir im heutigen Evangelium.

Auch uns ist dieses Angenommen sein zugesagt – und wir Geistlichen geben dieses Versprechen weiter. Ob in der Taufe oder bei der Konfirmation, bei der Eheschließung oder der Aussegnung der Verstorbenen.
Und wir verbinden dieses Versprechen Gottes, dass er uns begleitet, dadurch, dass wir ein Kreuz schlagen.

Eher bei unseren katholischen Mitchristen als bei uns ist es verinnerlicht, sich selbst zu bekreuzigen. Und auch dabei wird der dreieinige Name Gottes genannt – der des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Schreibt Paulus. Und er hat ganz sicher nicht gemeint, das wir unsere Tradition und Überzeugung, unseren Glauben und das, was uns hält und trägt, über Bord werfen sollen.

Ich möchte diese Mahnung ernst nehmen. Und warum sollte es nicht auch nicht ein guter Vorsatz für 2004 sein, das Kreuz „hoch zu halten“!

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