Kraft zur Veränderung

Liebe Ostergemeinde,

die bunten Eier sind zum größten Teil gesammelt, gesucht und hoffentlich alle gefunden. Das Fest des neuen Lebens feiern wir. Wie in jedem Frühling beginnt ein neuer Zyklus des Lebens. Und das heißt Erneuerung.

Und auch wir werden ja nicht nur jedes Jahr ein Jahr älter. Ganz viel verändert sich. An den Kindern wird diese Veränderung besonders sichtbar, aber auch die Erwachsenen kommen in andere Lebensphasen, müssen sich neue Ziele setzen, müssen mit Veränderungen umgehen, müssen sich auf veränderte Bedingungen einstellen.

Wir leben in einer Zeit mit sehr vielen Veränderungen und diese Veränderungen beschleunigen sich aller Wahrscheinlichkeit nach noch. Vor 11 Jahren habe ich noch keinen Computer besessen und wußte kaum etwas darüber. In diesem Jahr bekommt unsere Kirche ein Intra-Net, in dem alle Pfarrämter und kirchlichen Stellen miteinander verbunden sein werden. Wir haben jetzt den Euro und werden vermutlich in Europa immer stärker zusammenwachsen. Immer wieder wird uns eine Revolution durch die Gentechnik angekündigt und wir wissen nicht, was da auf uns zukommt.

Das sind nur ein paar Beispiele, das Wissen der Menschheit explodiert, die technischen Veränderungen sind rasant, Kulturen und Religionen durchdringen einander. Wir können nur hoffen, die politischen, sozialen und ökologischen Probleme rechtzeitig in den Griff zu bekommen.

Vor uns liegen Veränderungen, große Veränderungen, und wir reagieren oft eher mit Angst darauf. Die Zukunft erscheint uns bedrohlich zu sein.

Wir haben also die Aufgabe, mit unseren Gefühlen nachzukommen, hinter den vielen Veränderungen herzukommen. Wir haben die Aufgabe, die Angst zu besiegen und mit viel mehr Hoffnung in die Zukunft zu gehen. Wir haben die Aufgabe, neben anderem Bewahrenswerten nicht zuletzt auch unseren christlichen Glauben durch all diese vielen Veränderungen hindurch zu retten. Und vielleicht geht ja von unserem Glauben etwas aus, das uns Hoffnung geben kann und durch die Veränderungen hindurch begleitet.

Unser Predigttext heute ist eine Predigt des Apostels Petrus an einer ganz entscheidenden Stelle der Kirchengeschichte. Die ersten Christinnen und Christen war ja Jüdinnen und Juden, die an Jesus als den Messias glaubten. Nun aber verkündigte Petrus zum ersten Mal Nichtjuden das Evangelium. Und dazu mußte er eine Menge Vorurteile überwinden. Eigentlich wollte er selbst gar nicht – der Geist Gottes mußte ihn gegen große innere Widerstände führen. Bevor ich die Predigt des Petrus lese, erzähle ich kurz, wie er zu seinem Einverständnis mit dieser großen Veränderung kam:

Petrus war kurz vorm Essen beim Beten auf dem Flachdach. Er gerät in Ekstase und hat eine Vision. Er sieht ein Tuch vom Himmel kommen mit vielen verschiedenen Tieren. Eine Stimme spricht: Schlachte und iss! Petrus weigert sich, denn eine Menge Tiere sind kultisch unrein. Um das nachvollziehen zu können, müssen wir uns etwas besonders ekliges vorstellen. Die Stimme sagt: Was Gott gereinigt hat, nenne du nicht unrein. Und das ganze wiederholt sich 3 mal, damit Petrus das ganze nicht als einen Irrtum abtun kann.

Petrus kommt aus der Ekstase zurück und überlegt voller Unruhe, was das heißen soll. Da klopfen Boten an die Tür. Sie kommen vom römischen Zenturio Cornelius. Cornelius ist ein Sebomenos, d.h. ein gottesfürchtiger Nichtjude. Er lebt weitgehend jüdisch, allerdings ohne Beschneidung und Befolgung der Speisegebote. Aber er liest die Bibel und hält die Gebetszeiten ein und unterstützt als Offizier der Besatzungsarmee die jüdische Gemeinde in der Stadt Cäsarea am Meer, dem Sitz des römischen Statthalters. Ein Engel hat Cornelius versprochen, er solle seinen Lohn empfangen und er solle Boten zu Petrus schicken, nach Joppe, 50 km entfernt. Dort hatten sich Christen nach der Verfolgung angesiedelt und Petrus besuchte sie dort. Streng genommen befand er sich bereits außerhalb der Grenzen des heiligen Landes.

Petrus geht mit den Boten nach Cäsarea. Eigentlich darf er das Haus eines Nichtjuden nicht betreten, aber er ist noch in seinen Grundfesten erschüttert durch die Vision. Auf dem Weg hat die Botschaft in ihm gearbeitet. Und nun tut er den Schritt und betritt das Haus eines Heiden. Er erfährt die Engelsbotschaft, dass Cornelius von Gott belohnt werden soll.

Und nun kommt unser Predigttext. Petrus predigt vor den mitgereisten Judenchristen aus Joppe, vor dem gottesfürchtigen Cornelius und seinem ganzen Haushalt und seinen zusammengerufenen Verwandten und Freunden. Eine ausgesprochen brenzlige interkulturelle Begegnung. Es muss eine Spannung in der Luft gelegen haben, als ob der israelische Ministerpräsident Scharon vor laufenden Fernsehkameras Arafat in seinem belagerten Haus besucht und ihm einen Bruderkuss gibt.

[TEXT]

Wir merken dieser Predigt noch an, wie Petrus an seinen Vorurteilen und seiner auf Israel begrenzten Perspektive arbeiten muss. Er betont, dass Jesus zu Israel gesandt wurde und dass die Auferstehungszeugen eine auserwählte Gruppe ist. Und diese Auferstehungszeugen sollen dem Volk predigen.

Zugleich lässt Petrus sich schon auf das Neue ein, das Gott ihm zumutet, dass Christus für alle Menschen gekommen ist, nicht nur für Juden. Auf eine universale Perspektive lässt Petrus sich da ein. In jedem Volk kann man Gott angenehm sein, wenn man ihn fürchtet und recht tut. Christus ist Herr über alle, Richter der Lebenden und der Toten, und d.h. aller Lebenden und aller Toten. Er hat Gutes getan und alle gesund gemacht, die in der Gewalt des Teufel waren, denn Gott war mit ihm. Und so endet die Predigt, mit der Petrus selbst einen riesigen Schritt aus seinen Vorurteilen heraus tut, von der auf das Judentum begrenzten Perspektive zu einer universalen, weltweiten Perspektive kommt, mit der Zusage Gottes: alle, die an Christus glauben, empfangen Vergebung der Sünden.

Durch diese Predigt kommt der Heilige Geist auf alle Zuhörer, hörbar vermutlich durch Reden in anderen Sprachen. Es entsteht also eine neue Ebene der Verständigung, Brücken zwischen den Kulturen werden gebaut. Petrus tauft Cornelius und alle um ihn herum und bleibt einige Tage zu Gast bei ihm.

Die neuen Brücken aber sind brüchig und nicht einfach zu begehen. Die sechs Judenchristen aus Joppe entsetzen sich, dass die Gabe des Heiligen Geistes auf Heiden ausgegossen wurde. Petrus muss sich in Jerusalem vor den anderen Aposteln rechtfertigen, v.a. weil er mit den Heiden gegessen hat. Die Apostel freuen sich aber dann, dass Gott auch den Heiden die Umkehr zum Leben gegeben hat. Nur später, als Paulus den vielen Gottesfürchtigen im Umfeld der Synagogen das Evangelium verkündigt, ohne von ihnen Beschneidung und koscheres Essen zu verlangen, da muss er sich wieder vor den Aposteln rechtfertigen. Petrus aber tritt für ihn ein und es kommt ein Minimalkonsens zustande: kein Fleisch aus heidnischen Opfergottesdiensten, keine verbotenen Verwandtschaftsehen, nur geschächtetes Fleisch (wobei dieses letzte von Paulus nicht akzeptiert wurde und bald auch in Vergessenheit geriet).

Liebe Ostergemeinde 2002, unsere Probleme heute sind ganz andere. Aber auch wir müssen uns auf Veränderungen einstellen, müssen unsere Vorurteile verändern lassen, müssen mutig den Weg in eine offene Zukunft gehen. Unser Glaube hilft uns dabei, denn eine Person geht mit uns auf diesem Weg: Jesus Christus. Vieles veraltet, auch Bibeltexte und Vaterunser und Glaubensbekenntnis und Gesangbuchlieder und Kirchenraumgestaltung fassen die unterschiedlichen Generationen unterschiedlich auf. Aber wenn eine Person mit mir mitgeht, dann entwickelt sie sich mir, mit meinen Bildern, meiner Vorstellungswelt, meiner Sprache, meinen Schwächen, meinen Geheimnissen. Und diese Person Jesus Christus hat sich mit mir verbunden in der Taufe und diese Person Jesus Christus ist stark. Heilendes Erbarmen geht von ihr aus und etwas, was die Macht des Bösen zurückdrängt und bekämpft. Und diese Person Jesus Christus ist zugleich mein Richter im Leben und im Tod, ein Richter oft barmherziger als ich selbst, manchmal aber auch durchdringender als mein Selbstbetrug. V.a. aber ist diese Person Jesus Christus, mit der mein Schicksal verbunden ist durch die Taufe, schon durch den Tod hindurch gegangen. Nichts kann mich hinfort trennen von Jesus Christus, dem Inbegriff der göttlichen Liebe.

Liebe Ostergemeinde, lassen Sie uns also den Veränderungen, die auf uns zukommen, mutig entgegengehen. Unser Glaube ist eine Kraft, die uns hilft. Unser Glaube wird sich mit uns entwickeln, denn unser Glaube richtet sich auf eine Person, auf Jesus Christus, den Auferstanden, der uns begleitet. Auferstehung, das ist die Kraft zur Veränderung, denn das Leben besiegt den Tod. Das gebe uns Gott und in diesem Sinne lassen Sie uns Ostern feiern, das Fest des neuen Lebens und der aufkeimenden Veränderung, die uns dem Leben näher bringt.

drucken