Kontakt zu Gott?

Liebe Gemeinde,

als ich im Präparanden- und Konfirmandenalter war, da bekam ich die ersten politischen Ereignisse in Deutschland mit. Es war Terror in Deutschland. Die Namen Bubak, Ponto und Schleyer haben sich in mein Gedächtnis gegraben. Bilder von Bomben zerstörter Autos. Das Kind in mir hat es nicht ganz verstanden. Der Erwachsene in mir nahm die Angst der Leute, die Polizeikontrollen mit schweren Waffen, die Militärpräsenz der Amerikaner im kalten Krieg sehr genau wahr. Politischer Mord, Atomkrieg und ähnliche Dinge haben meine Jugend in den Medien begleitet. Seit 10/15 Jahren habe ich mich an Entspannung und Frieden gewöhnt, habe die Bilder von damals vergessen und auch das Gefühl, dass unsere Familie manchmal bedrückt hat. Terror und Gewalt gab es anderswo auf der Welt.

Anfang der Woche war ich mit meiner Familie im Disneyland Paris. Ein Ort, an dem scheinbar niemand bedrückt oder traurig sein kann oder zumindest soll. Auch am 11. September hatten wir dort einen wunderschönen Tag. Im Unterschied zu Deutschland war sogar das Wetter schön. Ich selber habe diese Tage genossen, so kurz bevor mit dem Herbst und dem Winter wieder die "Hauptsaison" in meinem Beruf losgeht. Habe mich entspannt auch nach den persönlichen Katastrophen in unserer Gemeinde.

Am Abend dann habe ich eher zufällig die Bilder des brennenden World Trade Centers gesehen. Zunächst habe ich umgeschaltet, hielt das für einen billigen Katastrophenfilm. Aber irgend etwas stimmte nicht und so schaltete ich wieder zurück und ich sah das zweite Flugzeug einschlagen und die Türme zusammenbrechen. Wolkenkratzer unter denen wir vor ein paar Jahren durchgelaufen sind.

Am nächsten Tag sind wir am Hotelausgang und am Parkeingang gefilzt worden und ich habe im Park jedes überfliegende Flugzeug genau gemustert.

Auf einmal sind längst vergessene Gefühle wieder da.

Ich habe an unsere Konfirmanden und an die Präparanden gedacht, die sich heute zum Unterricht anmelden. Ich hab mir überlegt, ob eure nächsten Jahre nun auch von diesen Gefühlen geprägt werden, oder ob ihr weiterhin Kinder der Spaßgesellschaft bleiben werdet, die unser letztes Jahrzehnt bestimmt haben.

Plötzlich war ich unschlüssig, was mir lieber ist.

Nach dem ersten Schock am Dienstag und Mittwoch überwogen Hilfsbereitschaft, Sympathie, Empathie, Mitleid und Solidarität. Sind das nicht Dinge, die mir viel lieber sind als Spaß, Action, Abhängen, Karriere und Egoismus?

Ich habe darüber nachgedacht, dass mich die "Wurstigkeit" von Jugendlichen und Erwachsenen in den letzten Jahren sehr beunruhigt hat. Noch zwei Tage vor der Katastrophe war von der niedrigsten Wahlbeteiligung bei einer Kommunalwahl in der Zeitung zu lesen.

Bei diesen Alternativen ist mir sehr unwohl. Mir fallen Berichte älterer Gemeindemitglieder ein, die davon erzählen, wie viel mehr die Menschen in Notzeiten zusammengehalten haben. Umgekehrt, wie sehr die Menschen in Deutschland von der langen Friedenszeit profitiert haben.

Ich will keinen Krieg und keinen Terror, aber ich will auch kein Volk gelangweilter Egoisten.

Jakob war auch ein Mann, der sich Sorgen machen musste. Unfrieden in der Familie war an der Tagesordnung. Eine Geschichte über ihn in der Bibel erzählt, dass er sich einfach mal Schlafen gelegt hat und ihm dabei die bestmöglichen Gedanken gekommen sind:

[TEXT]

Instinktiv haben sich die Menschen in der vergangenen Woche um die Altäre versammelt, also die Orte, an denen sie sich Gott nahe fühlen. So viele haben gebetet und miteinander geweint. Wahrscheinlich auch solche, die das eigentlich längst verlernt hatten, das Beten und das Weinen.

In Zeiten großer Not suchen wir Menschen die Nähe der Menschen und die Nähe Gottes. Wir umarmen uns, weinen und klagen, reden über unsere Erschütterung, tragen Kerzen in der Hand, versammeln uns in Kirchen und um Altäre unter freiem Himmel und wissen, wir sind nicht allein. Für Jakob ist das im Raum ganz plastisch geworden. Engel sind ständig auf dem Weg zwischen dem Himmel und uns. Die Verbindung ist immer da. Unsichtbar in unserem rationalen Leben. Aber was kann schon rational sein in Zeiten von Angst, Wut und Trauer. In solchen Zeiten sind wir, wie wir sind und geben nicht mehr vor, alles zu verstehen und alles allein zu schaffen. Nach der vergangenen Woche sind wir wieder verletzlicher geworden. Helden heißen nicht mehr Stefan Raab, sondern es sind Feuerwehrleute und Helfer im Einsatz ihres Lebens.

Wichtig ist nicht mehr der Erfolg an der Wall Street, sondern Menschlichkeit ein paar Blocks weiter.

Beides kommt unserem Mensch-sein doch viel näher.

Gott hat mit Sicherheit nicht gewollt, dass Tausende von Menschen sterben. Gott hat diese Flugzeuge nicht umgelenkt und er schickt uns auch keine persönlichen Katastrophen. Aber manches Mal verhindert er sie auch nicht, so sehr wir uns das auch wünschen. Da es uns nicht besonders stört, dass täglich tausende Kinder verhungern und in Kriegsgebieten drauf gehen, da wir Ertrunkene und Obdachlose dieser Welt nur noch mit Schulterzucken wahrnehmen, da die Friedensgebet in Leipzig und Dresden längst vergessen sind, die Kriege verhindert haben; dringen nur noch die nahen, die außergewöhnlichen Katastrophen zu unseren Herzen vor. Sie erinnern uns an die Altäre und die Gemeinschaft. Sie erinnern uns daran, dass es Quatsch ist, alles alleine schaffen zu wollen und den Glauben mit sich selbst auszumachen. Solche außergewöhnlichen Ereignisse führen uns zusammen und zu den Altären hin, damit wir gemeinsam Kraft bekommen und wieder neue und eigentliche Wege beschreiten.

Es ist gut, wenn wir uns auch einmal hinlegen und wach oder im Traum die Himmelleiter, also den Kontakt zu Gott spüren, bevor eine persönliche Katastrophe oder der eigene Tod erst dahin zwingt. Es ist gut, weil es uns an unsere Menschlichkeit erinnert und daran, dass wir alle miteinander Gottes Geschöpfe sind.

Und diese Kraft einmal gespürt zu haben, lässt uns solche Katastrophen bestehen und unser Leben gelingen, weil wir dann nämlich ganze Menschen sind, wie wir von Gott gedacht sind und nicht nur Lebewesen, die irgendwie ihr Leben verbringen.

Ich wünsche uns so wenig Katastrophen wie möglich und so viel Erkenntnis wie nötig auch ohne sie. Und dass wir zusammenstehen, wenn sie doch kommen und unsere Herzen den anderen Menschen und Gott öffnen.

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