Konsequenz in der Nachfolge statt oberflächlicher Begeisterung

<b>Joachim:</b>
Hast Du das gehört, Günter. Das ist ja schwere Kost, die Jesus den Leuten damals servierte. Die Familie sollen sie hassen, ihr Kreuz sollen sie tragen, von ihrem Besitz sollen sie sich trennen. Harter Tobak. Damit wird Jesus die Menschen, die ihm da in Massen nachgefolgt sind, ganz schön verärgert und vor den Kopf geschlagen haben. Stell Dir vor, wir würden das unseren Gemeindemitgliedern mit auf den Weg geben. Stell Dir vor, wir erzählten so etwas in einer Predigt. Da würde doch keiner mehr in die Kirche gehen. Um heutzutage Menschen für den Glauben zu gewinnen, muss man das ganz anders machen. Da brauchst Du einen warmen Händedruck, eine wohlklingende Stimme mit ein paar freundlichen und ermunternden Worten, einen Gottesdienst zum Wohlfühlen eben.

<b>Günter:</b>
Du hast Recht, diese Rede Jesu ist wirklich nicht sehr eingängig. Wie meint er das mit dem Hassen? Ich denke, wir sollen unseren Nächsten lieben wie uns selbst? Widerspricht das eine nicht dem anderen?

<b>Joachim:</b>
Natürlich müssen wir auch die Zeit im Blick behalten, die äußeren Umstände, in denen Jesus diese Sätze sagt. Eine große Menge ging mit ihm, ist da zu lesen. Die Menschen waren so angetan von ihm, dass sie mit ihm zogen und ihm nachreisten. Sie waren fasziniert von dem, was er tat. Sie bewunderten seine Wunder und sie erzählten sich immer wieder die Geschichten, die sie von ihm gehört haben. Seine Persönlichkeit strahlte etwas von Macht und Unbeschwertheit aus. In der Gemeinschaft um ihn herum konnte man sich wohl fühlen. Hier dabei zu sein, das war etwas Besonderes, da war man "in". Wie schön, ihn vorangehen zu sehen und ihm mit all den anderen Anhängern nachzufolgen.

<b>Günter:</b>
Und genau an dieser Stelle setzt die unerwartete Wendung ein. Der, der vorausgeht, hält inne und wendet sich um. Die, die ihm bewundernd nachfolgen, werden plötzlich von ihm angesprochen: ganz persönlich, jede und jeder Einzelne. Ich kann mir das gut vorstellen: Plötzlich werde ich aus der Masse herausgerufen und stehe ihm ganz allein gegenüber. Und er fragt mich: Hast Du Dir das gut überlegt, was es bedeutet, mir nachzufolgen? Hast Du Dir die Konsequenzen klargemacht? Alles kann sich ändern: dein Verhältnis zu Deiner Familie, Dein Verhältnis zu Deinem eigenen Leben und Dein Verhältnis zu Deinem Besitz. Nichts ist mehr wie zuvor. Hast Du das gut überschlagen? Meinst Du es ernst mit der Nachfolge? Für einige war das ganz sicher wie ein Schlag gegen den Kopf.

<b>Joachim:</b>
Trotzdem tue ich mich schwer mit dem Wort "hassen". Im Matthäusevangelium, wo von der gleichen Situation die Rede ist, stehen andere Formulierungen: "Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert", heißt es da. Keine Rede von "hassen".

<b>Günter:</b>
Lukas drückt das eben radikaler aus, er überspitzt das Ganze. Er will damit provozieren und zum Nachdenken anregen. Mit "hassen" meint er eine "bewusste Absage, eine Abkehr und Ablehnung". Ich habe einmal einen Vortrag eines Psychologen zu diesem Thema gehört. Er erklärte das so: Wenn Lukas vom Hass empfinden spricht, versteht er das nicht emotional. Denn wo Emotionen dieser Art den Menschen besetzen, kommt er gerade nicht los von dem Objekt seines Hasses. Im Gegenteil, Hassgefühle verstricken und verbinden intensiv mit dem Gehassten. Der eigentlich Gehasste erhält damit hintergründig Macht über den, der ihn hasst. Und damit würde dann gerade verhindert, was Jesus an dieser Stelle verlangt: das Freiwerden von Menschen und Dingen und von deren Einfluss auf unser Leben.

<b>Joachim:</b>
Das klingt aber schon etwas geschwollen.

<b>Günter:</b>
Psychologen … Trotzdem, diese hochgestochene Erklärung bringt uns etwas näher in die richtige Richtung, hin zu dem, was Jesus mit seinen harten Worten gemeint hat. Er möchte, dass sich die Menschen, die ihm nachfolgen wollen, das genau überlegen. Er will keine halben Sachen, also einen Glauben, der zum Kuschelglauben verkommt. Er will Ernsthaftigkeit und Konsequenz, auch dann, wenn die Menschenmenge ihm nicht mehr zujubelt, selbst dann, wenn das Volk "Kreuziget ihn!" schreien wird.

<b>Joachim:</b>
Deshalb wohl auch die Warnung, wer nicht sein Kreuz trägt und ihm nachfolgt, der könne nicht sein Jünger sein. Wenn ich an die damalige Zeit denke, da war es ja wirklich nicht einfach, ihm nachzufolgen. Für die Leute bedeutete das Verfolgung, Androhung von Gewalt und das Zurücklassen der Familie und der häuslichen Geborgenheit.

<b>Günter:</b>
Ich denke auch an die Nachfolge während des Dritten Reiches. Die so genannten Deutschen Christen haben sich in das braune System einbinden lassen, haben Waffensegnungen und Menschenverachtung gutgeheißen. Wer sich hier zur "Bekennenden Kirche" bekannte, musste mit dem Schlimmsten, ja mit Verfolgung und Tod, rechnen.

<b>Joachim:</b>
Widerstand leisten wie Dietrich Bonhoeffer. Sein Lebensweg ist wohl das beste Beispiel dafür, was Nachfolge heißt. In seinem Buch "Nachfolge" hat er das eindringlich beschrieben. Ich lese Dir einmal etwas daraus vor: "Die Brücken werden abgebrochen, und es wird einfach vorwärts gegangen. Man ist herausgerufen und soll heraustreten aus der bisherigen Existenz. Das Alte bleibt zurück, es wird ganz hingegeben. Der Ruf in die Nachfolge ist Bindung an die Person Jesu Christi allein, Durchbrechung aller Gesetzlichkeit durch die Gnade dessen, der ruft." Was Bonhoeffer da in seinem Buch beschreibt, hat er am eigenen Leib erfahren. Die Nachfolge Jesu Christi ruft heraus aus jeder Zuschauerhaltung und zwingt uns dazu, den eigenen Weg zu suchen und zu gehen.

<b>Günter:</b>
Auch heute ist das eine ganz aktuelle Frage: Schaffen wir das mit der Nachfolge? Sind wir bereit dazu, uns hinterfragen zu lassen oder kompetent und mutig von der Bibel her Stellung zu beziehen? Wenn zum Beispiel im Moment über die Genforschung diskutiert wird und ethische Fragen gestellt werden. Überleg Dir das mal, ein Politiker einer Partei, die das therapeutische Klonen befürwortet, kritisiert diese Pläne. Er gibt zu bedenken, dass wir in die Schöpfung Gottes eingreifen. Er warnt davor, den Menschen mit dem Versprechen, Krebs und andere Krankheiten heilen zu können, falsche Hoffungen zu machen. Er will nicht, dass wirtschaftliche Interessen vor die Verantwortung im Umgang mit der Schöpfung gestellt werden. So einer steht doch schnell an der Seite und wird von seinen Parteifreunden gemieden, wenn nicht sogar gehasst.

<b>Joachim:</b>
Keine leichte Sache, das mit der Nachfolge. Bonhoeffers Beispiel und die Worte Jesu sind eine gewaltige Zumutung an uns. Hier wird uns zugemutet, unseren festgefahrenen Trott, unseren so alltäglichen Alltag unterbrechen zu lassen. Hier werde ich ganz persönlich in Frage gestellt: Wie sieht es eigentlich aus bei mir und meiner Nachfolge? Nehme ich die Botschaft Jesu wirklich ernst? Wird davon etwas spürbar in meiner Welt, in meiner Familie oder unter meinen Arbeitskollegen? Ich kenne das schon auch, dass mich Beruf oder Familie derart in Beschlag nehmen, dass manchmal der Glaube ein wenig zu kurz kommen kann.

<b>Günter:</b>
Und da ist es gut, Bindungen und Traditionen, die uns zu sehr in Beschlag nehmen oder Festgefahrenes immer wieder zu überprüfen und zu hinterfragen. Da müssen Rangfolgen und Prioritäten neu geklärt werden. Nur so bringe ich meinen Glauben wieder mit dem Alltag in Einklang. Jesus darf bei all unseren Beschäftigungen nicht zu kurz kommen. Dann ist auch wieder Zeit für das, was Jesus an die Spitze seiner Verkündigung gestellt hat, für die Nächsten- und die Elternliebe, für Familie, Kinder und Verwandtschaft. Als Jesus am Kreuz starb, gehörte Maria zu den Frauen, die unter dem Kreuz stehen. Und noch im Sterben kümmerte sich Jesus um sie, verweist sie an Johannes und Johannes an seine Mutter. Das zeigt uns doch die starke Liebe, die beide miteinander verbunden hat.

<b>Joachim:</b>
Weißt Du was? Ich glaube, wir sind dem, was Jesus seinen Jüngern mit auf den Weg gab, ganz nahe gekommen. Er fragt sie, ob sie sich das mit der Nachfolge auch wirklich genau überlegt haben. Er sagt ganz offen und ehrlich, dass der Glaube nichts für Bequeme ist, sondern auch zu Ausgrenzung und Spott führen kann. Er ruft aus der bloßen Zuschauerhaltung heraus. Und er möchte, dass unser Alltag nicht so wichtig wird, dass wir Gott dabei gänzlich vergessen. Weißt Du was, ich glaube, das könnten wir so auch in einer Predigt den Leuten sagen.

<b>Günter:</b>
Das dürfte jetzt wohl nicht mehr nötig sein. (Gehen ab)

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