Kommt her zu mir!

Unser Wochenspruch: 2. Korinther 5,10: ‚Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.’ – gibt ein Signal. Er kann allerdings zu einem Signal in die falsche Richtung werden, speziell, wenn ich ihn auf Andere anwende. Ich glaube, er ist ganz persönlich gemeint: Du musst Dich für Dein Tun und Lassen verantworten. Du musst dich nach deiner Gerechtigkeit fragen lassen.

Wenn in einer Gruppe ein Brötchen zu teilen ist, dann darf der Erste schneiden und der Andere wählen, welche Hälfte er haben will. Der Erste hat also allen Grund gerecht zu schneiden. Gerechtigkeit ist ein hohes Ziel, dem wir uns annähern. Leider spüren wir auch oft, dass wir es nicht erreichen. Das Leben ist eben kein Brötchen, dass man gerecht aufteilen kann. Aber am Brötchen lernen wir manchmal, wie schwer schon solches Minimum an Gerechtigkeit ist. Wir lernen einiges über unsere Gerechtigkeit. Wie viel schwerer wird es, wenn wir uns mit unserem Leben vor Gott verantworten sollen. Davon erzählt ein Gleichnis vom Reich Gottes:

[TEXT]

Grundlage unserer Geschichte ist wohl eine Jüngerfrage: Wie wird im Reich Gottes geurteilt? Was haben wir uns vorzustellen unter einem Gericht Gottes? Jesus antwortet mit seinem Bild vom Weltgericht, in dem die Menschen geteilt werden, danach, wie sie ihren notleidenden Mitmenschen begegnet sind. In ihrem Leiden, haben sie den leidenden Christus gesehen.
Die Jünger haben den irdischen Jesus leidend gesehen in seiner Passion. Aus dieser Erfahrung heraus, haben sie gelernt, in jedem Leidenden Christus zu sehen. Die erste Gemeinde zeichnete sich darum aus durch ihre diakonischen Anstrengungen. Christus ist nicht einfach mit den Amen zu identifizieren, aber in dem Leid unserer Mitmenschen begegnet uns die doppelte Herausforderung unseres Glaubens: Das Leiden von Christus und das Leiden von Menschen.

In diesem Bild steckt ein gutes Stück von Befreiung: ChristInnen haben ein klares Feld, aber von ihnen wird nicht erwartet, dass sie mit ihrem Tun das Reich Gottes herbeiführen. Es geht bei Jesus nicht um abstrakte Lehre, es geht um konkretes Verhalten. Das Neue seiner Verkündigung heißt: Meine Brüder und Schwestern. In ihnen begegnet ihr mir – und nicht in irgendwelchen Lehrbüchern und auch nicht nur dort, wo Menschen das richtige Gesangbuch haben. Überall dort wo ein Mensch, egal welchen Glaubens leidet, begegnet uns Christus.

Jesus appelliert nicht an unsere Angst vor dem Gericht – die ist Missbrauch des Texts, sondern an unsere Liebe zu ihm: What would Jesus do? – Wo finden wir den Christus in unserem Alltag?

Bischof Scharf hat in den Zeiten des RAF-Terrorismus Ulrike Meinhof besucht, weil er Jesus ernst nahm. Die BILD hatte ihre Schlagzeilen. Und die Menschlichkeit ein Gesicht. Die Gefangene wurde besucht, mit all ihrer Schuld, blieb sie ein Mensch, ein Abbild des leidenden Christus.

Wer Ja sagt, muss auch Nein sagen lernen. Wer Ja zu Christus sagt, muss auch Nein sagen zu einer bestimmten Form von Egoismus.

Wenn ich nur mich an diesem Text messe, werde ich wahrscheinlich scheitern. Es geht in hohem Maße um die Kirche, die ihrer Diakonie gerecht wird. Der Ruf Jesu an seine Kirche ergeht direkt: Kommt her zu mir!

Die Reaktion der TäterInnen und Nicht- TäterInnen: ‚Das gibt es doch gar nicht!’ kann uns zum Denken bringen. Es geht nicht um konkretes sich Vornehmen und dann ausführen. Es geht um eine Lebenseinstellung, die tut, ohne nachzudenken. Es geht um Haltung: christlich (Christ-gemäß) oder eben nicht.

Und es geht gegen die Resignation, doch nichts machen zu können. Ich kann nicht die Welt retten, aber Leid in ihr mindern.

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