Kommt da noch was?

Liebe Gemeinde!

Eine Frage hätte ich da noch: Ist das wirklich alles oder kommt da noch was? War das schon das Ganze oder habe ich noch was zu erwarten? Habe ich alles erreicht oder hält das Leben noch was bereit?

Was für eine Frage! Wer könnte mir darauf schon eine Antwort geben?

So ganz fremd scheint mir diese Frage allerdings nicht zu sein. In dieser Frage klingt Sehnsucht an. Sehnsucht nach Erfüllung des Lebens und die Erwartung, dass mit dem eigenen Leben noch etwas geschieht. Hoffnung, dass nicht alles immer nur bergab geht, dass nicht immer alles nur schlechter wird. Zur Zeit kann ja wirklich auch der hartgesottenste Optimist, der hoffnungsfroheste Mensch zum Schwarzseher werden. Jedenfalls wenn wir den Nachrichten glauben, den Wirtschaftsteil lesen, die Weltlage ansehen und uns das Bild unseres Lebens aus den Bildern aus dem Fernsehen zusammenstellen. Überall stehen im Moment negative Nachrichten im Mittelpunkt. Jede Zahl, die neu veröffentlicht wird, wird gleich als halbe Katastrophe gedeutet. 0,5 Prozent Wirtschaftwachstum gleichen da fast dem Untergang unserer Zivilisation. Abgabenerhöhungen, Gift für die Konjunktur, leere Kassen, Flaute am Arbeitsmarkt, höhere Sozialabgaben, Energie wird teurer: wir sind umgeben von solchen Negativmeldungen. Diese Schwarzseherei ist wie ein Virus äußerst ansteckend. Nicht immer ist diese Jammerei auf höchstem Niveau gerechtfertigt.

Viele Menschen auf der Welt hätten wahrscheinlich gern unsere Probleme. Trotz allem ist es wohl so, dass die Unzufriedenheit mit dem Leben unter uns zunimmt. Die „gefühlte” Zufriedenheit ist eben eine andere als die am Einkommen und den sozialen Verhältnissen objektiv gemessene. Gerade da, wo klar wird: es kann nicht immer so weitergehen wie bisher, dass alles wächst und immer mehr wird.

Und dann diese Frage: war das eigentlich alles oder kommt da noch was? Eine Frage, die nur beantworten kann, wer genau hinsieht auf sich, auf sein Leben, auf seine Umwelt.

So ähnlich hat auch einer gefragt, für den diese Frage von größter Wichtigkeit war: Johannes, der Täufer. Dieser merkwürdige Prophet, der ein Zeitgenosse von Jesus war, hatte mit erlebt, wie Jesus von Nazareth seine Predigten hielt und Jünger um sich sammelte. Er war es gewesen, der ihn getauft hatte. Johannes hatte gleich gewusst: dieser Jesus ist nicht irgendeiner. Der kommt von Gott. Darum wollte er ihn auch erst gar nicht taufen. „Nicht ich muss dich taufen, sondern du mich!” hatte er ihm gesagt. Doch Jesus wollte es so. „Lass es jetzt geschehen,” war seine Antwort gewesen. Das war nun schon einige Zeit her gewesen.

Johannes war inzwischen im Gefängnis gelandet. Zu hart war das gewesen, was er den Menschen gesagt hatte. Für die Herrschenden war er ein Unruhestifter, einer, der aus dem Weg geräumt werden musste. Noch aus dem Gefängnis, den sicheren Tod vor Augen, ließ Johannes eine Frage stellen. Er schickt seine Jünger zu Jesus, um ihn zu fragen: „bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?”

Was für eine Frage! Johannes war unsicher geworden. Er wollte aber Sicherheit, wollte unbedingt wissen, ob Jesus Gottes Sohn war. Er brauchte diese Sicherheit vor seinem Tod, wollte in Frieden sterben können. Johannes war sich nicht mehr sicher: konnte dieser Jesus wirklich Gottes Heil bringen? Konnte er der Messias, der Friedenskönig sein? Schließlich hatte Johannes ganz andere Erwartungen an den Messias. Nach seiner Vorstellung sollte der für klare Verhältnisse sorgen. Der Messias würde die Menschen richten und trennen nach gut und böse. Nur die Menschen, die gute Taten vorzuweisen hatten, konnten mit Schonung rechnen. Nach seiner Vorstellung würde der Messias die Menschen trennen wie ein Bauer die Spreu vom Weizen trennt. Und die Spreu würde dann ins ewige Feuer geworfen werden. Ein ganz eindeutiges, in unseren Augen auch recht unbarmherziges Bild vom Messias.

Und nun trat dieser Jesus auf. Und was tat er? Er heilte Kranke, setzte sich mit Huren und Zöllnern an einen Tisch und nannte Gott seinen lieben Vater, er pries die Friedfertigen selig und gab immer wieder kleine Zeichen des vollkommenen Lebens. Keine Spur von Gericht, von Trennung in gut und böse, keine Spur von der endgültigen Aufrichtung der neuen Gotteswelt.

Ich kann Johannes verstehen, wenn er fragt: bist du es wirklich, auf den wir warten?

Ist das wirklich alles, oder kommt noch was? So fragen Menschen auch nach 200 Jahren, weil sie Enttäuschungen erlebt haben, weil sie spüren: in dieser Welt geht es so ungerecht und furchtbar zu. Keine Spur von Gott, wo doch wieder zum Krieg gerüstet wird, wo Kinder am Hunger sterben, wo der Großteil der Welt in Armut lebt und wir das Gefühl haben: alles wird schlechter. Wo sind da Gottes Spuren? Auch heute ist Zweifel erlaubt daran, ob Jesus denn wirklich der Erlöser war, auf den Menschen so sehnlich warten.

Die Antwort , die Jesus dem Johannes gibt, ist erstaunlich. Er sagt nicht ja, er sagt nicht nein, sondern er verweist auf das Urteilsvermögen der Johannesjünger. Die Boten des Johannes, sollen ihre Augen aufmachen und die Ohren spitzen. Was seht ihr, was hört ihr? ”Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt.” Dieser Satz ist so etwas wie die Zusammenfassung dessen, was Jesus getan hat. Jesus weist die Johannesjünger darauf hin, was sie entdecken können, was ihnen erlaubt, einen eigenen Schluss daraus zu ziehen. Keine fertige Antwort. Kein flammender Aufruf, ihm zu folgen, keine Aufforderung, ihn als den Messias anzunehmen. Jesus lässt Menschen ihre Entscheidung treffen. Aber er gibt Hinweise. Hinweise auf das Leben bei Gott. Solche Hinweise sind oft ganz zart und klein. Keine Rede davon, dass er die Welt umdreht und neu ordnet. Kein Umsturz, keine Revolution. Nur kurze Hinweise auf das, was passiert, wo Jesus ist: das Leben öffnet sich und geht in Erfüllung. Die Fülle des Lebens strahlt auf. Ein Lahmer kann wieder gehen, ein Blinder erkennt das Licht, Taube hören wieder und sogar Tote kehren ins Leben zurück. Schließlich wird die Freudenbotschaft sogar zu den Armen gebracht. All das sind Zeichen, Hinweise auf das Vollkommene.

Vielleicht meint Jesus es so, dass wir lernen sollen, mit anderen Sinnen auf das zu sehen, was schon längst unter uns da ist. Nicht nur zu Zeiten von Jesus, der in besondere Weise begnadet und von Gott begabt war. Auch in unseren Zeiten lassen sich doch Hinweise, Zeichen des vollkommenen und erfüllten Lebens finden.

Die kleinen und unscheinbaren Zeichen des Gelingens kommen uns so schnell aus dem Sinn. Doch wenn wir genau hinsehen und hinhören, dann werden wir sie erkennen. Ein gutes und freimachendes Gespräch, ein Moment der Stille, in dem ich ganz bei mir war, ein stiller Händedruck, ein Brief, der unerwartet kam und mich froh gestimmt hat, ein Ziel, auf das ich lange hingearbeitet habe und das nun Gestalt annimmt, eine Liebe, die erwidert wird, eine Krankheit, die überwunden wurde, eine Begleitung in tiefer Trauer, das Gefühl, dass ich gebraucht werde, eine Kerze, die ich mir in diesen Tagen anzünde. Es gibt so unendlich viele kleine Zeichen für erfülltes Leben, dass es nicht gelingen wird, sie alle zu nennen. Vielleicht müssen wir sie uns bewusster vor Augen führen. Eine Anregung dazu, die in unserem Predigtvorbereitungskreis zur Sprache kam: Nehmen sie sich ein schönes Gefäß, eine Schale zum Beispiel und tun sie dort jedes Mal einen kleinen Stein hinein, wenn ihnen etwas besonders Schönes und Erfüllendes geschehen ist, wenn sich ihnen ein kleiner Lichtblick am Tag gezeigt hat. Sie werden erstaunt sein, wie schnell sich dieses Gefäß füllt.

Jesus deutet auf solche Zeichen hin und sagt: bildet euch euer Urteil. Und er fügt hinzu: „Selig ist, wer sich nicht an mir ärgert.”

Selig, wem das genug ist, selig, wer nicht den ganz großen Umsturz dieser Welt erwartet, selig, wer in den kleinen Momenten erfüllten Lebens Gottes Welt erblicken kann. Selig, wer Jesus so begegnen kann, dass er in ihm die Erfüllung des Lebens erkennt. Und selig, wer sich nicht von den alles verschlingenden Katastrophennachrichten unserer Zeit gefangen nehmen lässt. Der und die ist gut dran, der und die mit eigenen Augen sehen lernt, dass Gottes Welt mitten in dieser verworrenen Zeit wächst und um sich greift. Das zu lernen, dazu schenke uns Gott offene Augen und Ohren.

Ach ja, da war doch diese eine Frage: Ist das wirklich alles oder kommt da noch was? Ja, es kommt noch was und wir haben sicher noch einiges zu erwarten. Aber was an Glanz Gottes schon alles da ist, das sollen wir erst einmal entdecken. Dann werden wir einstimmen und antworten können: du bist es, Jesus, auf den wir gewartet haben und du bist es auch, auf den wir immer noch warten. Denn: du wirst wiederkommen.

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