Komm, sag es allen weiter

Liebe Gemeinde,

zuerst macht mich diese Geschichte dankbar. Zuerst einmal das es uns, die wir hier sind so gut geht: wir können hören und sprechen. Nehmen wir das, was wir so selbstverständlich halten einmal Grund, Gott danke zu sagen. Zum zweiten bringt mich die Geschichte zum Staunen, zum Staunen über meinen Chef Jesus, das er die Größe und die Fähigkeit hat, Menschen zu heilen.
Das ist das erste was ich zu dieser Geschichte sagen will, hier geht es um eine schwere Krankheit und um eine echte Heilung. Weiter steckt in dieser Geschichte mehr als diese eine Heilung eines kranken Menschen. Keiner von uns, die wir im Gottesdienst sitzen, ist körperlich stumm oder taub. Gott sei dank können wir unsere Stimme und unser Gehör gebrauchen. Aber hier ist noch etwas anderes gemeint. Es geht um mehr als um Sätze sprechen und um Worte hören. Ich kann hören und doch nicht verstehen, und ich kann reden und doch nichts sagen. "Wir haben uns nichts mehr zu sagen." Wie oft fällt heute dieser Satz in Partnerschaften und Ehen. Das Paar hat sich auseinander gelebt und am Ende steht dann die Trennung oder die Scheidung. Viele sind nicht mehr bereit Spannungen und Krisen auszuhalten und im Gespräch miteinander zu lösen und werden so im Grunde unfähig zu einer dauerhaften Beziehung. "Ich will das nicht mehr hören." Häufig sagen das Kinder zu Eltern oder Eltern zu Kindern. Die ständige Ermahnung, der ständige Widerspruch führt zu einer Verhärtung der Fronten. Und in vielen Familien herrscht stumme und taube Eiszeit.
Jeder von uns kennt auch Situationen, in denen er stumm bleibt und keine mehr Worte findet. Er ist hilflos und weiß nicht, was er sagen soll. Oder wir hören bewusst weg, bei dem was der andere uns sagen. Wir hören dann nur, was wir wollen. Und wir überhören die leisen Hilferufe von Menschen, die uns brauchen. In all diesem gleichen wir dem Taubstummen. Die Liedermacherin Bettina Wegner besingt in dem Lied "Sind so kleine Hände", wie leicht wir Kinder stumm und taub machen können. Zwei Strophen davon handeln vom Reden und vom Hören. Sind so kleine Ohren / scharf, und ihr erlaubt. / Darf man nie zerbrüllen / werden davon taub. Sind so schöne Münder / sprechen alles aus. / Darf man nie verbieten / kommt sonst nichts mehr raus. In dem Lied ist davon die Rede, wie den Menschen schon als Kind die Sprache genommen, wie sie nieder gebrüllt werden, weil niemand sie verstehen will. Wenn ich ständig den Mund verboten bekomme, dann werde ich stumm. Wenn ich ständig ins Ohr gebrüllt bekomme, dann werde ich taub. Ohren werden zerbrüllt, über Münder wird gefahren, dass ist die Wirklichkeit.
Jesus findet sich mit dieser Wirklichkeit nicht ab. Die Heilung des Taubstummen zeigt, dass wir es besser machen können. Jesus findet sich nicht mit der Sprachlosigkeit in den Beziehungen ab. Er will Worte der Hoffnung und Zeichen der Versöhnung schenken, damit Zerbrochenes wieder heilen kann.
Jesus will in die Familien kommen und Worte des Verstehens zwischen Eltern und Kindern finden. So wie er uns ernst nimmt, sollen wir unser Kind oder unsere Eltern erst nehmen und in aller Liebe und Achtung nach Wegen suchen, die wir gemeinsam gehen können. Jesus will uns helfen, dass wir aus Angst oder Unsicherheit sprachlos bleiben. Er schenkt uns die richtigen Worte und gibt uns auch den Impuls, wenn es besser ist Zuzuhören als selber zu reden. Hier will ich ein bekanntes Sprichwort abwandeln: „Reden ist Silber, Zuhören ist Gold.“ Zuhören ist eine höchst aktive Sache, ich lasse den anderen zuerst einmal sagen, was er auf dem herzen hat. Zuhören ist auch für deinen Glauben eine wichtige Sache, ich höre auf das, was Gott über mein Leben zu sagen hat. Der erste Schritt dazu ist, das Gott darum bitte: Herr, öffne meine Ohren, damit ich deine Worte höre. Das sollte die Bitte sein, wenn ich sonntags in den Gottesdienst komme, das sollte ich tun, wenn ich die Bibel zur Hand nehme und darin lese, das sollte ich tun, wenn ich die Kinderbibel nehme und den Kindern daraus vorlese. Der zweite Schritt ist, das ich auch erwarte, das Gott zu mir redet und rechne, dass er zu mir in meinen Alltag kommt. Und der dritte Schritt, ist das ich das dann auch tue, was ich im Gespräch mit Gott als richtig herausgefunden habe.

Darum ist es gut, dass ihr heute eure beiden Kinder zur Taufe gebracht habt. Dass sie nicht taubstumm sind, haben sie ja im Verlauf des Gottesdienstes schon gezeigt und alles andere wäre für Kinder nicht normal.
Ihr habt Eure beiden Kinder taufen lassen. So wollt ihr, dass sie nicht taub bleiben, für Gottes gute Worte. So wollt ihr, das nicht stumm bleiben für Gottes gute Botschaft und sie anderen weitersagen. Das habt ihr ihnen auch in ihren Taufsprüchen mitgegeben:

Gottes Gnade und unvergängliches Leben sei mit allen, die unseren Herrn Jesus Christus unerschütterlich lieben. (Epheser 6, 24)
Gottes Gnade ist es, das wir zur Sprache des Glaubens finden. Gottes Geschenk ist unvergängliches Leben und das alles bekommen wir durch Jesus Christus, der uns aus unserer Taubstummheit Gott gegenüber befreien kann.

Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der HERR. (Jeremia 29, 13+14) Mit dieser Sprache des Glaubens und des Herzen können wir uns auf den Weg machen, Gott hat versprochen, dass er sich von uns finden lassen will. Aber wir finden nicht nur zu Gott, wir finden auch zu unserem Mitmenschen.

Taufe ist Aufnahme in die Gemeinschaft der anderen Christen. Und hier kommen wir wieder zu unserer Geschichte zurück. Der Taubstumme war durch seine Krankheit aus der Gemeinschaft und der Gesellschaft ausgeschlossen. Die Gehörlosensprache gab es damals noch nicht und so lebte oder besser gesagt, vegetierte er dahin. Durch unsere Sprachlosigkeit und Taubheit leiden unsere Partnerschaften, Familien und Beziehungen. Hier macht uns der Glaube an Jesus Christus wieder sprachfähig, weil er durch die Vergebung wunden heilt und das Hören und das Reden wieder schenkt.

Nun kommen wir noch zu der seltsamen Wendung der Geschichte am Ende: Jesus schenkt dem Taubstummen, die Sprache und verbietet den anderen den Mund: „Jesus verbot den Leuten, darüber zu reden.“ Wie passt das zusammen, auf er einen Seite schenkt er Worte und auf der anderen Seite verbietet er sie. Zwei Hinweise will ich dazu geben. Einmal gilt das Schweigegebot, wie wir auch an anderen Worten von Jesus sehen, für die Zeit vor Ostern. Je mehr die Menschen von dem Wundertäter erzählen, umso gefährlicher wird es für ihn, das die politische und religiöse Führung ihm nachstellt. Die Verordnung des Schweigens dient also zum Schutz Jesu und das die Leute es nicht einhalten, bringt ihn in Gefahr. Zum zweiten liegt das im Wesen und Zweck der Wunder begründet. Wunder wecken keinen Glauben, sie sind Folge des Glaubens. Darum möchte Jesus, dass die Menschen vom Glauben an ihn und nicht von seinen spektakulären Wundern weitererzählen. „Jesus verbot den Leuten, darüber zu reden.“ Darüber, das heißt die Wunder, die ich in meinem Glauben erlebt habe, gehören nicht an die große Glocke gehängt. Aber mein christlicher Glaube, der ist es, den ich anderen weitersagen soll. Darum gilt für uns: „Komm sag es allen weiter.“ Wir sind in der Zeit nach Ostern, also dürfen wir frisch, froh und frei unseren Glauben an unseren Herrn weitersagen. Gott hat in uns Glauben gewirkt, lasst uns das weitersagen. Denn Gott möchte nicht das wir stumm bleiben “Komm sage es allen weiter, ruf es in jedes Haus hinein“, das wollen wir mit dem nächsten Lied freudig, klar und deutlich zum Ausdruck bringen.

drucken