Knocking on heavens door

Liebe Gemeinde,

stell dir vor: Knock, knock, knocking on heavens door. Und keiner macht auf.

Unangenehmer Gedanke so was, richtig buß- und bösartig. Was ist das für ein Gott, denkt man. Die ganze Zeit Liebe, Gnade, Vergebung, Barmherzigkeit und dann plötzlich: Schluss mit lustig. Wir müssen leider draußen bleiben. Heulen und Zähneklapper. Wir merken am Ende entsetzt, dass Gott doch nicht das kuschelige Perwollschaf ist, für das wir ihn immer gehalten haben. Der ewige Himmel ist nicht ein einziger Tag der offenen Tür. Hier lacht der Fundamentalist und der Laie wundert sich. "Ja, eine enge Pforte ist es zum ewigen Leben" eifern die Geifernden: "Wir kommen rein und ihr man nicht!" Hier lacht der Fundamentalist und der Laie wundert sich. Nur bei wenig anderem blähen sich manch Fromme mehr auf und erheben sich höher, als wenn es um diese engen Pforten zum Himmelreich geht. Die eifernden Geifernden lachen, nicht nur im Christentum – auch in anderen Religionen, ganz selbstgewiss, auf der richtigen Seite zu stehen. Sie lachen – naturgemäß irgendwann sich zu Tode und stehen vor der Himmelstür.

Und auch wir stehen da, wir, die anderen, erstickt am Friede-Freude-Eierkuchenhäppchen eines piep-piep-piep-wir-ham-uns-alle-lieb-Glaubens. ohne Perspektive für ein Leben nach dem Tod, denn um ehrlich zu sein: Wir haben uns zu Lebzeiten keine Gedanken darüber gemacht, frei nach Peter Alexander: Der Papa wird’s schon richten, der Papa macht’s schon gut.

Viele, das sage ich euch, werden danach trachten, wie sie hineinkommen, und werden’s nicht können. Da stehen wir nun: Knock, knock, knocking on heavens door. Die Tür geht auf, aber nur einen Spalt breit, gerade genug, um durchzusehen.

Da wird Heulen und Zähneklappern sein. Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.

Die Tür geht auf, aber nur einen Spalt breit, gerade genug, um durchzusehen. Und wir erblicken unter anderem Leute, die es unserer Meinung nach gar nicht verdient haben zu leben. Ich meine damit nicht natürlich nicht jüdische Propheten und Erzväter. Ich meine auch nicht das Predigtklischee der alten Bettler und armen Witwen. So etwas ist immer politisch korrekt und theologisch pflegeleicht. Was wäre, wenn wir noch ganz andere Leute erblickten: Menschen, die uns unverzeihlich wehgetan haben. Menschen, die anderen unsagbares Leid zugefügt haben. Stalin, Hitler, Osama bin Laden, die Allerletzten, Mörder, Gewalttäter, Schwerverbrecher. Gott allein weiß, durch welches Gericht sie gegangen sind. Aber nun sind sie da, leben neu durch dieselbe Gnade und Barmherzigkeit, auf die wir selbst hoffen.

Heulen und Zähneklappern. Es ist einfach nicht auszuhalten, mit solchen Leuten den Himmel teilen zu müssen. Gott allein weiß, wie solche Menschen trotz unsagbarer Schuld befreit werden können. Knock, knock, knocking on heavens door. Ein Blick in den Himmel und die Tür schließt sich wieder. Wir müssen leider draußen bleiben. Vielleicht haben wir unsere Lektion noch nicht gelernt. Eine unvorstellbare Szene, buß- und bösartig, denn sie erschüttert unser Weltbild. Uns selbst mit unseren kleinen Sünden und Betrügereien mag und soll Gott vergeben. Aber nicht den anderen. Nicht denen, die für uns "das Böse" schlechthin sind. Die Grenze, bei der aus einem einzelnen Menschen "das Böse" schlechthin wird, mag für jeden für uns unterschiedlich verlaufen. Gott sei Dank haben wir sie nicht zu bestimmen. Gott selbst tut es. Unser Predigttext beginnt mit einer Frage der Seligkeit: "Herr, meinst du, dass nur wenige selig werden?" Jesus antwortet mit dem Bild der engen Pforte und der verschlossenen Tür. Was steckt hinter dieser Frage: "Werden nur wenig selig?" Was interessiert uns das überhaupt? Warum können wir das nicht Gott überlassen? Wir selbst haben für uns die Welt fein eingeteilt. Die guten in Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Doch Jesus sichert dieses Weltbild nicht ab. Seine Antwort weist auf den Fragenden selbst zurück. Menschen, die fragen, wieviele denn ins Himmelreich kommen (vielleicht mal abgesehen von ihnen selbst), bekommen zu hören: Ihr nicht. Ich kenne euch nicht, nicht, wenn ihr so fragt. Fragt nicht nach der Seligkeit anderer, sondern lebt selbst. Die Frage nach dem Himmelreich lässt sich nicht in der 3. Person stellen. Nicht: "Werden wenige selig?", sondern zum Beispiel: "Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?" Mit dieser Frage nach mir selbst beginnt das Gleichnis des barmherzigen Samariters. Die Antwort Jesu fällt bekanntlich ohne Heulen und Zähneklappern aus. Der Himmel kann warten. Die Hölle errichten wir allein auf Erden, mit unseren eigenen Antworten auf die unsere Frage nach der Seligkeit anderer. Wir sind es, die in alle Ewigkeit verdammen. Wir sind es, die zu genau wissen, wer sein Leben verdient hat und wer nicht. Wir sind es, kleine Götter, blind für die Unterscheidung zwischen dem Menschen und seinen Taten, blind auch für unsere eigene Schuld. Heulen und Zähneklappern. Unser Text eine buß- und bösartige Absage an alle Kuschelgötter dieser Welt. Denn man kann nicht nur mit einem lieben Gott kuscheln. Man kann auch mit einem zornigen Gott kuscheln, zumindest dann, wenn man meint auf der halbwegs richtigen Seite zu stehen. Doch Gott weigerte sich, uns mal eben im Vertrauen zu sagen, wen er denn für vergebenswürdig hält. Und Verunsicherung macht sich breit in unserer Welt. In unserem Wunsch nach Sicherheit und Eindeutigkeit, nach klaren Zahlen und Fakten, in einer Welt, die durch Funk und Fernsehen ganz genau präsentiert bekommt, wer eigentlich den gesellschaftlichen oder leibhaftigen Tod verdient, in dieser Welt ist diese Verunsicherung schwer auszuhalten.

Wir leben um Gottes Willen in der Unsicherheit, was die letzten Dinge angeht. Sicher: Wir sollen uns allem entgegenstellen, was dem Leben anderer Grenzen setzt. Und das bedeutet natürlich auch, Menschen für ihre Taten zur Verantwortung zu ziehen, mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Nur eines dürfen wir nicht: im Namen Gottes das letzte Urteil sprechen, nicht mit Elektrostühlen und Bomben, nicht mit tödlich treffenden Schlagzeilen, nicht mit vernichtendem Klatsch und Tratsch, der andere in Grund und Boden redet. Wir leben um Gottes Willen in der Unsicherheit, was die letzten Dinge angeht. Seien wir ruhig und hören darauf. In uns gibt es ein Organ für diese Unsicherheit: Es ist unser Gewissen. Das Gewissen lässt uns zweifeln am Heulen der Wölfe, es sperrt sich gegen den Gleichschritt im Marschtempo, es nagt an einem Selbstbewusstsein, das in sich selbst gefangen ist. Wo hat Ihr Gewissen im letzten Jahr gesprochen? Wo haben Sie gegen Ihr eigenes Gewissen die Flucht nach vorne angetreten? Wo haben Sie nicht zweifelnd, sondern selbstsicher gesagt: "Geschieht ihm Recht". Unser Gewissen lässt uns im Zweifel, ob wir, manchmal Opfer, manchmal Täter, auf der richtigen Seite stehen. Dieser Selbstzweifel ist der Beginn der Seligkeit, doch nur dann, wenn wir Gott diese Zweifel anvertrauen können, wenn wir Worte für sie finden, mit denen wir nicht allein zurückbleiben müssen. Wo haben Sie im letzten Jahr gewissenlos selbstgerecht verdammt, verurteilt, geächtet? Im Großen oder im Kleinen? Ich möchte Sie einladen, 5 Minuten zur Ruhe zu kommen und dafür Worte zu finden und sie aufzuschreiben. Wo haben Sie im letzten Jahr gewissenlos selbstgerecht verdammt, verurteilt, geächtet? Im Großen oder im Kleinen? Welcher Ihrer Fehler geht Ihnen immer noch nach? Welche Schuldgefühle tauchen immer wieder auf. Diesen "Schuldschein" werden nur Sie lesen, niemand anders. Er wird nicht vorgelesen. Darum falten Sie ihn gut zusammen. Manchmal reicht schon ein Wort, um sich etwas von der Seele zu schreiben, vielleicht sogar nur eine Abkürzung. Gott weiß, was gemeint ist. Nach dem Abendmahl haben Sie die Gelegenheit, ihren Schuldschein in dieser Schale zu verbrennen. Lassen Sie Zweifel und Unsicherheit zu. Sie sind das erste Innehalten auf dem Weg der Welt. Sie eröffnen den ersten Schritt zu neuem Leben.

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