Klugheit des Glaubens

Liebe Gemeinde!

Von Abraham, dem Stammvater Israel, berichtet das Buch Genesis: „Und Abraham verschied und starb in einem guten Alter, als er alt und lebenssatt war, und wurde zu seinen Vätern versammelt.“ (Gen.25,8)

Daran erscheint bemerkenswert die Grundstimmung, in der seinen Tod annehmen kann, nämlich, „alt und lebenssatt“, „in einem gutem Alter“. Ja, hin und wieder haben Menschen den Eindruck, dass der Tod zu einem Menschen freundlich kommt. Der ehemalige Präses Beier erzählte einmal von einer Frau, die kurz vor ihrem Tod bei einem Kaffeekränzchen sagte: „Dass der November immer wiederkehrt, schwach beleuchtet und beladen mit den schwarzen Riesen der Todesgedächtnisse – dass der der November immer wiederkehrt und sich nichts anderes einfallen lässt als die Blätter von den bäumen zu reißen – dass der November zurückkehrt, jahrein, jahraus, ist hinreichender Grund nach achtzig Jahren zu sagen: Jetzt ist’s genug!“

Schön wenn jemand so das Genügen aussprechen kann – und in der Stunde des Todes kein Wort davon zurücknehmen muss, sondern wiederholen kann.“ Jetzt ist’s genug!“ Doch wem wird es geschenkt, dass er das Sterben eines lieben Angehörigen so gelassen annehmen kann? Denn viele unter uns erleben und erleiden Abschiede ganz anders. Ja, viele unter uns finden nicht die Kraft dazu, die Endlichkeit des geliebten Menschen zu bejahen, geschweige denn die eigene. Nicht das Grundgefühl von Sättigung will sich da einstellen, von Genügen, sondern eher ein Mangelgefühl breitet sich aus.

Das Gespräch mit dem Ehepartner ist abgerissen. Die Wohnung ist noch immer drückend still. Der leere Garderobehaken tut weh. Die Telefonnummer der Eltern ist noch gegenwärtig, aber es hebt niemand mehr ab. Der Tod des eigenen Kindes ist wie eine Amputation: das Geflecht einer lebendigen Beziehung ist jäh zerrissen.

Ganz unterschiedliches Sterben haben wir in den zurückliegendem Kirchenjahr erlebt, ganz unterschiedliche Abschiede vollziehen müssen: von einem jungen Erwachsenen, mitten aus dem Leben plötzlich gerissen, von älteren und von sehr alten Menschen.

Ganz unterschiedlich fühlen die Angehörigen die Wunden, die nicht heilen wollen, die Narben, die schmerzen. Bisweilen sagen Hinterbliebene: „Ich fühle mich ganz elend!“

ELEND – das meint wörtlich: außer Landes sein, nicht zu Hause, nicht mehr in einer sinnvollen Ordnung leben. Vielen Trauernden fällt es schwer, wieder Tritt zu fassen, sich hineinzuschicken, sein Schicksal anzunehmen. So bleibt manch einer im Protest und Anklage stecken: Warum gerade ich? So wird manch einer bitter und hart: Es ist ja niemand da! So wird manch einer verschlossen: Im Schmerz bist du immer allein!

Es gehört zur Weisheit der Bibel, dass sie uns immer wieder aus der Gefahr des Verstummens und der Verbitterung herauslockt und bittet auf die Erfahrung zuhören, die im Psalm 126 so festgehalten wird: „Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden“ und: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“. (Psalm 126,1+5). Sie will uns ermutigen über den Horizont zu sehen lernen. Über den Horizont sehen – so haben Missionare das Wort Glauben in eine afrikanischen Sprache übersetzt – dazu will dieser Tag uns anleiten, der Toten zu gedenken und der Ewigkeit sich vergewissern. Denn die Hoffnung hält daran fest, dass nicht meine begrenzte Wahrnehmungskraft über mein Leben und seinen Sinn entscheidet, sondern Gott, der von sich sagt: „Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der HERR: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jeremia 29,11)

Es gehört zur Weisheit der Bibel, dass sie immer wieder mahnt, diese Hoffnung nicht zu vergessen. Im Evangelium des heutigen Sonntags, dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen, wird daran erinnert, dass es ein Zu-spät geben kann. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, hat vor einigen Jahren ein großer Politiker gesagt und Reformen angemahnt. Übertragen gilt es auch für das Leben, des in aller Zeit und für alle Ewigkeit Bestand haben soll. Hier und heute entscheide ich über das Gelingen meines Lebens. Das Gelingen des Lebens besteht nicht im Nachweis einer besonderen tüchtigen und erfolgreichen Karriere, besteht nicht darin, ob ich vorbildlich und gewissenhaft alle meine Pflichten erfüllt habe. Das Gelingen des Lebens besteht darin, ob ich genug Hoffnung habe. Im Bild gesprochen, ob ich meinen Ölkrug immer wieder rechtzeitig nachfülle. Wer es tut, den nennt Jesus klug.
Was meint er wohl damit?

"Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, auf dass ich klug werde" – Jesus kannte diese Bitte aus dem 90.Psalm und sie stellt gewissermaßen die eine Seite der Klugheit dar, um die es gehen könnte. Die Klugheit, nicht dem Wahn der ewigen Jugend und Unsterblichkeit zu verfallen, sondern die geschenkten Tage wie einen kostbaren Schatz zu betrachten, der mir nicht für immer gehört. Kein Tag gleicht dem anderen, deshalb müssen wir auch nicht einen Tag wie den anderen leben, es könnte mit einem Mal ein "zu spät" geben und die Türen sind dann geschlossen.

Auf der anderen Seite heißt Klugheit aber auch mit der Zukunft zu rechnen, etwas von ihr zu erwarten. Ja, ich will mit meiner Zukunft noch etwas anfangen, will sie noch gestalten. Glauben heißt sich im besten Sinne des Wortes erwartungsvoll Gott anzuvertrauen. Ihm gehört meine Vergangenheit, aus seinen Händen empfange ich meine Gegenwart und meine Zukunft vor und nach der Ankunft des Bräutigams. Ihm gehört meine Zukunft vor meinem Tod und nach meinem Tod. Seine Zukunft für uns ist Leben, ist ein großes Fest, dass wir und die vor uns gerufenen und die nach uns kommenden feiern werden.

Bei manchen Beerdigungen in diesem Kirchenjahr habe ich an Martin Luther Kings Worte erinnert, der die Klugheit des Glaubens so beschreibt: „Komme, was mag, Gott ist mächtig. Wenn unsere Tage verdunkelt sind, unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte, so wollen wir stets daran denken, dass es in der Welt eine große, segnende Kraft gibt, die Gott heißt. Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen. Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln – zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.“

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