Kindermädchen!?

Liebe Gemeinde,

mir langt es, ich habe die Nase voll. Nicht eine Minute länger mache ich so weiter. Lieber sterbe ich als dass ich weiterhin das Kindermädchen für die alle spiele. Das ist mir einfach zu viel. Ich kann nicht mehr.

Kommt Ihnen das bekannt vor? Mir schon! So spricht Mose in unserem heutigen Predigttext. Die Israeliten haben Ägypten verlassen. Gott hat sie aus der Sklaverei gerettet, und die sie verfolgende Armee aufgehalten. Jetzt befinden sie sich auf dem Weg durch die Wüste. Sie haben genug zu essen, denn Gott hat Manna vom Himmel regnen lassen, und sie müssen nicht hungern. Aber auch vom Manna haben sie genug. Unzufriedenheit macht sich im Lager breit. Immer dasselbe Manna, ja damals in Ägypten da gab es Lauch und Zwiebeln und Fische und Fleisch zu essen. Und wer weiß, ob wir jemals wieder aus dieser Hitze und diesem öden Land heraus kommen. Diese Ungewissheit macht uns fertig. In dieser Situation spielt unser Predigttext. Ich lese aus 4. Mose 11:

[TEXT]

Gott, du bist doch die Mutter von diesem Laden, nicht ich. Du bist für die Versorgung des Volkes zuständig, nicht ich. Ich kann doch nicht jeden einzelnen ins gelobte Land schleppen. Du mutest mir zuviel zu, ich kann nicht mehr. So lautet die Klage des Mose. Und ich glaube alle hier anwesenden Mütter können die nachvollziehen. Man will ja nur das Beste für die Familie, und kümmert sich um dies und jenes, sorgt dafür, dass die Lieblingshose rechtzeitig gewaschen ist, kocht ihnen, was sie gerne essen, sorgt dafür, dass sie rechtzeitig zum Fußballtraining gehen, und was ist der Dank: Nichts als Rumgemoser: Ich kann dies und jenes nicht finden. Hast du es weggeräumt? Hier zu Hause ist es so langweilig, ich geh lieber mit Freunden ins Kino, ich brauch Geld. Ich kann Mose gut verstehen, wenn er sagt: Mir reicht es. Wenn immer die eine für alles zuständig ist, und die anderen sich auf ihrer Arbeit ausruhen, und dann noch unzufrieden sind und rumjammern, dann läuft etwas schief in der Familie, im Betrieb oder eben im Volk Israel. Und da ist die Frage: Wie kommen wir raus aus dieser Dynamik, die Mose oder uns oder die Mutter kaputt macht, die eben für die Person, die die Verantwortung trägt unerträglich ist?

Unsere Geschichte zeigt uns den Weg. Und dieser Weg ist der einzig Gangbare. Die Verantwortung muss geteilt werden. Gott nimmt von dem Geist des Mose, man könnte auch sagen von der Zuständigkeit und der Verantwortung des Mose und verteilt diesen auf 70 Älteste. Nur so kann es gehen. Die Antwort auf Beschwerden über das Essen in der Familie kann sinnvoller Weise nur lauten. Ist in Ordnung, wenn es dir nicht schmeckt. Morgen kochst du! Oder auf die verräumte Kleidung, die das Kind nicht findet: Dort drüben steht der Wäschekorb. Wenn du findest, etwas muss gewaschen werden, dann tust du es dort hinein. Und wenn die Wäsche fertig ist, dann lege ich es da hin, und du räumst es selbst weg, dann weißt du immer genau wo es ist. Es kann nicht gut gehen, wenn in der Familie immer nur die Mutter für alles zuständig und verantwortlich ist. Entspannt ist es nur, wenn alle Familienmitglieder entsprechend ihrem Alter Verantwortung dafür übernehmen, dass der Laden läuft. Und da muss man als Mutter schon einmal in Kauf nehmen, dass etwas nicht perfekt ist, wie man es gerne hätte. Wenn man dann nicht eingreift und es auch wirklich dem Kind überlässt, dann wird es schon selbst merken, dass es nervt, wenn die Dinge für die es verantwortlich ist, dann eben nicht gemacht sind.

Genauso ist es im Verein oder in der Kirchengemeinde. Da höre ich auch die Klagen. Es sind immer die Gleichen, die die Arbeit machen und sich für alles verantwortlich fühlen, und dann überlastet sind. Auch da gibt es nur einen Weg. Die Arbeit muss geteilt werden. Aber eben nicht nur die Arbeit sondern auch die Verantwortung. Wenn ich nicht alles selbst mache, dann muss ich eben damit rechnen, dass jemand anders es auch anders macht, als ich es machen würde. Aber so muss es auch sein. Eine Kirchengemeinde läuft dann am besten, wenn möglichst viele verschiedene Leute ihre Fähigkeiten einbringen, und wenn auch möglichst viele verschiedene Leute mitbestimmen, wie irgendetwas gemacht wird. Wenn immer nur die Pfarrer alles organisieren und das machen, was ihnen einfällt, dann wird so ein Gemeindeleben schnell müde und langweilig und die Pfarrerinnen und Pfarrer fühlen sich furchtbar überlastet und haben bald so ein Gefühl wie Mose das hatte, und sie fangen an zu denken, ich kann doch nicht jeden einzelnen auf den Arm nehmen und in die Kirche schleppen, ich bin doch nicht die Mama dieser Gemeinde, und ich bin doch nicht dafür zuständig jeden einzeln zu wickeln und zu füttern und gut zuzureden. So etwas geht schief. Und genau darum geht es auch an Pfingsten. Der Geist Gottes ist nicht zu den Pfarrerinnen und Pfarrern gekommen, sondern zu allen. Das heißt eben auch, dass alle für ihr Seelenheil und ihren Glauben und ihr Verhältnis zu Gott und eben auch für ihre Kirchengemeinde selbst verantwortlich sind. Und deshalb haben wir ja auch einen Kirchenvorstand, der für die Gemeindeleitung zuständig ist und alle wichtigen Entscheidungen trifft. Und deshalb gibt er hier in der Gemeinde auch über hundert ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihre Fähigkeiten und ihre Arbeit einbringen, damit die Menschen besucht werden und die Gruppen sich treffen können, und die Gebäude schön und wohnlich aussehen, und wir gemeinsam die Gottesdienste feiern können, damit alle über den Glauben und über die Angebote der Kirchengemeinde informiert werden, und Musik und Gesang zur Ehre Gottes und zur Freude für uns alle ertönt. Nur so können Kinder und Jugendliche, Eltern und Alleinstehende, Seniorinnen und Senioren hier eine Heimat finden. Das alles wäre gar nicht möglich, wenn nicht ganz viele Menschen hier auch Verantwortung übernehmen würden. Und wenn alles gut läuft, dann gibt es auch für uns hier solche Momente, wo wir erleben können, was die 70 Ältesten in unserer Geschichte erlebt haben: Da steht: Sie gerieten in Verzückung und hörten gar nicht mehr auf. Nun Verzückung kenne ich nicht gerade. Aber ich erinnere mich gern an einen Abend am Ende des Gemeindefest, wo viele Helferinnen und Helfer noch zusammen standen und ein Glas Sekt getrunken haben und befriedigt gesagt haben: Das war doch ein schönes Fest. Oder nach dem Konzert im Herbst, was für eine wundervolle Musik. Oder als der letzte Kinderbibeltag geschafft war. Ich glaube es hat den Kindern gut gefallen. Wir haben das toll hingekriegt. Nun selbstverständlich geht nicht immer alles nur gut. Aber was ich wirklich an dieser Gemeinde hier schätze ist, dass wenn etwas auch mal schief gegangen ist, alle nach vorne blicken, dass der Kirchenvorstand dann sagt, so möchten wir das nicht mehr, aber auch wir wollen das in Zukunft so und so und immer jemand sagt und ich bin bereit, dafür auch das und das zu tun. Das ist für mich dann Pfingsten, geteilte Verantwortung, und die Gewissheit, hier tun wir die Dinge miteinander und nicht gegeneinander.

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