Keine Prämie

Liebe Gemeinde,

dieser Tage las ich in einem Ratgeber, wie man sich als freier Journalist in der Krisenzeit über
Wasser halten kann, den Hinweis: "So richtig gute Aufträge sind häufig dem Grundsatz entsprungen: "Da kennt einer einen, der einen kennt." Kontakte und Image müssten stimmen, dann stimme auch das Bankkonto. Mich hat das daran erinnert, wie ich vor Jahren plötzlich nach einem Wechsel der
Regierungspartei überraschend viele meiner Freunde aus Studententagen in verantwortlichen Positionen in Ministerien oder der Staatskanzlei wiedertraf. Mancher fragte mich verständnislos, wieso eigentlich
für mich nichts "abgefallen" sei, kein Job in einer Pressestelle oder so, schließlich seien nicht wenige der neuen Minister doch mit mir in einer bestimmten Bürgerinitiative, in der Tanzstunde oder
auch im Orchester gewesen. Ich war total erstaunt, ich wäre nicht auf die Idee gekommen, auf dieser Basis überhaupt eine Anfrage zu starten.

Ganz so naiv bin ich heute nicht mehr. Ich gebe zu, es nutzt zuweilen, wenn man sich bei einem
Anliegen gewisser Beziehungen bedient, gerade wenn es zum Beispiel darum geht, für caritative Zwecke wirklich gezielt an Spenden zu kommen.

Wenn wir die Geschichte von den beiden Jüngern Jakobus und Johannes hören, die heute unser
Predigttext ist, dann klingt so gesehen der Anfang ganz menschlich: Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, daß du für uns tust, um was wir dich bitten werden.

Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich für euch tue? Die beiden gehören zu den Lieblingsjüngern Jesu, sie haben für ihn alles stehen und liegenlassen und sind ihm gefolgt. Da könnte er ihnen schon einen kleinen Gefallen tun. Oder? Der Wunsch, der geäußert wird, der verschlägt einem zunächst allerdings den Atem: 37 Sie sprachen zu ihm: Gib uns, daß wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit Das ist doch weit mehr, als wenn ein alter Parteifreund den Bundeskanzler bitten: "Könnte ich nicht
dein persönlicher Referent werden?" Schließlich ist Jesus zu dieser Zeit einer, der sich – und die Jünger wissen das – auf seinen Tod vorbereitet, und die beiden sprechen vom "danach" so, als sei das Sterben ein Kinderspiel. Jesus
antwortet mit Bedacht. Er führt die Jünger behutsam in kleinen Schritten dahin, dass sie das Wesentliche erkennen, das mit der Nachfolge verbunden ist. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?

Er hält ihnen ihre fast kindliche Naivität zugute und macht ihnen doch die Grenzen deutlich, die
Grenzen, die ihn von anderen Menschen unterscheiden, aber noch mehr die, die auch ihm gesetzt sind: 40 zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

Kein Wunder, wird sich jeder denken, dass die anderen Jünger sauer sind wegen dieser Sonderwünsche, die die Brüder Jakobus und Johannes an Jesus herangetragen werden. Schließlich haben sie doch, so
denken sie, die gleichen "Rechte", sie haben ebenfalls alles zurückgelassen, um dem Meister zu folgen.

Für Jesus ist dies Anlass, seinen Weg, und damit auch den Weg seiner Nachfolge, deutlich zu erklären.

Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein;
44 und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. 45 Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Auf heutige Verhältnisse übersetzt, bedeutet das, auch für das Leben in der Gemeinde: Wer Herr sein will, der beherrsche sich und schlucke das letzte Wort, das wie ein brennendes Streichholz im Wald wirken würde, herunter. Denn wer immer das letzte Wort haben will, der wird schließlich nur noch mit sich selber reden können. Jeder wird ihn meiden, ihm aus dem Weg gehen. Er wird einsam.

Wer Herr sein will, der beherrsche sich und schlage die Tür nicht zu. Denn irgendwann muss er sie doch wieder öffnen und das ist viel schwieriger, als sie zuzu-schlagen. Die Hand zur Versöhnung auszustrecken ist tausend Mal schwerer, als dem anderen einen Vogel zu zeigen. Wer Herr sein will, der beherrsche sich und verzichte auf sein Recht und lasse es sausen.

Denn der Sieg über den Gegner lässt den anderen Gegner bleiben. Der Verzicht auf das Recht, das Weggeben der Möglichkeit, es ihm heimzuzahlen, nennen wir Vergebung – und könnte ihn vielleicht zum Freund machen. Selbst wenn das misslingt, bleibt das Wissen darum, dass man es immer wieder versuchen kann und soll. Jesus hat an anderer Stelle gesagt: Nicht sieben Mal sondern sieben Mal siebzig Mal soll jemand seinem Bruder verzeihen.
Wer es schon einmal versucht hat, weiß, dass dieser Weg des Verzichtens auf das Rechthaben unendlich schwer ist. Sogar dann, wenn es sich nur um eine Störung in einer bislang freundschaftlichen Beziehung
handelt. Gerade dann wird das "Aber er müsste doch merken, dass er mir weh tut und im Unrecht ist" besonders tief sitzen. Mancher wird vor allem das Gefühl haben, ein Stück von seiner Würde bleibt auf der Strecke, wenn er immer wieder um jeden Preis auf Versöhnung aus ist. Aber das ist der Weg, den Jesus gegangen ist und den er uns zur Nachfolge vorgelebt hat.

"War Jesus ein Weichei?", hat meine siebenjährige Nichte einmal gefragt. "Wie kann einer so etwas mit
sich machen lassen, ohne sich zu wehren?" Kein Wunder, wenn Kinder so fragen, wird uns doch allen anerzogen, dass der Weg nach oben anders aussehen muss: Dass man die Ellenbogen gebrauchen soll, sich
nichts gefallen lassen, sein Image pflegen, sich möglichst clever zeigen.

Ein Chef, der seiner
Sekretärin eine Tasse Kaffee hinstellt, hat irgendwas falsch gemacht. Ein Lehrer, der zugibt: "Ich habe mich geirrt", riskiert seine Autorität im Kollegium. Lehrgänge zum Thema "Führen und leiten"
werden auch bei Kirche angeboten, Lehrgänge zum Dienen dürften dagegen die Ausnahme sein. Füße waschen
ist nicht cool und clever.

Aber auch für die, die Jesu Weg gehen wollen, gibt es die Erfahrung: Dienen hat so seine Tücken.

"Aber ich mache mich doch immer ganz klein, ich reiße mir ein Bein aus für die Kirche. Ich habe jahrelang die Wiese ums Gemeindezentrum gemäht, die Kirche geputzt, das Geschirr bei Gemeindefesten gespült, die Dreckarbeit gemacht – und darüber nie ein Wort verloren. Bloß, einen Dank möchte man doch auch haben, naja , wenigstens der da oben wird es schon sehen!", mag sich jemand sagen – auch diese
Haltung ist menschlich, aber sie enthält einen gefährlichen Denkfehler. Es gibt keine Garantiescheine für das Sitzen zur Rechten oder zur Linken Gottes. Da wird unterm Kreuz auch manchem treuen Jünger sauer aufgestoßen sein, dass Jesus zu einem verurteilten Verbrecher sagt: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein". Das Christentum ist keine Versicherungsgesellschaft, bei der die Prämie im Jenseits ausgezahlt wird gemäß dem, was man eingezahlt hat an vermeintlich guten Werken.

Und das ist unser Glück, denn in der Regel vergessen wir ziemlich leicht, wie oft wir versagt haben.

Der heimliche Wunsch Gib uns, daß wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit lässt uns vergessen, dass wir manchmal ein ganz subtiles Ellenbogensystem entwickeln, manchmal sind wir Meister darin, uns selbst zu betrügen, wenn wir glauben, uneigennützig zu handeln. Manchmal machen wir jemanden fertig damit, dass wir ihm fast unbewusst das Gefühl geben, er sei uns zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet. Wir basteln an unserem guten Gewissen und an unserem
Platz zur Rechten oder Linken Gottes und merken nicht, dass unser Nachbar, unser Partner, unser Kind vielleicht etwas ganz anderes braucht als eine ständige verkrampfte Dienstbereitschaft. Es gibt auch eine Art, Macht und Zwang auszuüben, die sich als Liebe und Hilfsbereitschaft tarnt. Ständig fühlen
sich andere unter Druck, wenn jemand seine Uneigennützigkeit und Dienstbereitschaft permanent
offensichtlich macht. "Lass die Linke nicht wissen, was die Rechte tut", wann denken wir daran wirklich?

"Ich verzeihe dir um Christi willen", eine solche laut ausgesprochene Entschuldigung zum Beispiel kann den anderen fürchterlich treffen. Daraus spricht Selbstgerechtigkeit und fast schon eine Anklage.

Das Dienen, das Jesus meint, kommt aus reiner, zweckfreier Liebe, einer Liebe, der es um den anderen geht, weil er der ist, der er ist. Einer Liebe, die sich mit freut, wenn der andere, und wenn er ein
Erzhalunke wäre, den Platz in der Herrlichkeit einnimmt. Richten und Verurteilen macht blind, die Liebe aber macht sehend. Diese Liebe können wir dann spüren, wenn wir begreifen, dass unser Nachbar genau so unser Bruder ist wie Jesus und dass wir alle einen gemeinsamen himmlischen Vater haben. Aus Liebe hat uns dieser Vater seinen Sohn geschickt und als Bruder mit uns leben lassen. Aus der gleichen Liebe heraus hat Jesus sein Leben für uns gelassen. Die Gestalt Gottes auf Erden ist die des Gefährten von Bettlern, Verbrechern, Ausgestoßenen und benachteilgten, die Gestalt des Gekreuzigten, die Todesgestalt. Ihr sollen wir gleich werden, damit wir auch mit ihm auferstehen und verklärt werden
können. Aber wir können uns nicht selbst zum Ebenbild Gottes machen, uns sozusagen auf ein Ideal von
Christusähnlichkeit hinstilisieren, durch zweckgerichtetes Dienen oder durch "gute Beziehungen".

Es muss schon Gott selbst in Jesus Christus sein, der in uns Gestalt gewinnen will. Wir können uns nur bereitwillig von ihm finden lassen und ihm und seiner Liebe in uns Raum geben.

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