Keine einfache Aufgabe

Liebe Gemeinde,

der Frühling ist da. Die Temperaturen sind tagsüber schon angenehm, wir haben einige Sonnentage erlebt. Die Schneeglöckchen sind schon verblüht, die Krokusse auch schon weit. Die Natur ist erwacht. Und mit ihr wachen auch wir langsam aus unserem Winterkörper und kommen in Bewegung. Manchmal fällt es schwer, mit dem eignen Körper sich auf die neue Jahreszeit einzustellen, man nennt das auch Frühjahrsmüdigkeit. Zu einer Zeit als wir Menschen noch mehr mit dem Rhythmus der Pflanzen und Tiere mitgelebt haben, war dies die Zeit, in der es am wenigsten zu essen gab, denn die Wintervorräte waren nicht mehr sehr üppig, die neue Ernte noch nicht in Sicht. Gesät ist, aber die Entwicklung ist noch unterirdisch, man sieht noch nichts auf den Feldern. Nun wartet man, dass die Natur das ihrige tut.

In dieser Zeit wird in den Kirchen Johannes 12,24 gelesen: Wahrlich, wahrlich ich sage euch. Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, so bringt es viel Frucht.

Ein Bild aus der Natur für den Leidensweg Jesu. Für die Menschen in landwirtschaftlich geprägten Gesellschaften ein sehr einleuchtendes Bild. Das Leiden und der Tod Jesu sind nicht sinnlos. Sie sind fruchtbar. Denn sie bewirken neues Leben. Sie sind ein notwendiges Durchgangsstadium, damit etwas neues entstehen kann. Dieses neue geschieht im Sterben, noch unsichtbar für die Augen der Menschen.

Aber bald wird es offensichtlich werden. Und die Wirkungen des Todes Jesu sind für alle klar und zum Anfassen, zum sich davon ernähren. Durch Leid und Tod hindurch führt Jesu Weg zur Auferstehung und zu Gott. Am Ende wird alles gut sein, und alles Leiden bis dahin erhält von dem Ende her seinen Sinn.

Wenn das doch auch für unser Leiden gelten könnte. Wenn auch unser immer wieder ein Stück sterben, immer wieder etwas weniger können einen solchen Sinn hätte. Wenn wir unsere Krankheit oder diesen Unfall auf dem Fahrrad als einen Schritt auf dem Weg zu Gott begreifen könnten. Dann wäre es vielleicht leichter, die Schmerzen auszuhalten. Dann wäre es vielleicht leichter, uns mit dem was passiert ist zu versöhnen. Und wenn wir den Tod des geliebten Menschen als ein Durchgangsstadium, als eine Verwandlung hin zu Gott begreifen könnten, dann würde er oder sie uns vielleicht nicht so verzweifelt fehlen. Die alte Frage nach dem Sinn von Leid und Tod bricht hier wieder auf. Wir wissen längst, dass diese Frage keine befriedigende Antwort zulässt und doch fragen wir immer wieder.

Die Antwort unseres Predigttextes ist auch keine umfassende Antwort. Sie sagt uns nicht, welchen Sinn das Leid überhaupt hat, sie sagt uns nur, welchen Sinn Jesus in seinem bevorstehenden Leiden und Tod sieht. Sein Tod ist ein Schritt auf dem Weg zu Gott. Er ist eine Verwandlung, die hilft, dass die anderen auch zu Gott finden. Er muss diesen Tod sterben, damit seine Jüngerinnen und Jünger zu Gott finden können. Aus Jesu Leben und Tod wird die momentan weltweit größte Religion, das Christentum entstehen.

Jesus wird noch Tausende von Jahren weiterwirken und Menschen den Weg zu Gott zeigen. Wo wir heute die Früchte seines Todes sehen, können wir ihm zustimmen. Es war zutiefst sinnvoll, dass er diesen Weg zu Ende gegangen ist.

Aber was ist mit unserem Leiden, unserem Tod?

Unsere gebrochene Hüfte wird vermutlich keine solche Frucht tragen.

Ich will hier vorsichtig sein, und nicht einfach Leiden rechtfertigen. Es gibt massenhaft Menschen, die ein so schweres Schicksal leben müssen, dass sie daran zerbrechen. Sie finden keinen Weg mehr aus ihrer Dunkelheit, weil sie mehr ertragen mussten als sie ertragen konnten. Das ist schrecklich, und nichts und niemand darf so etwas rechtfertigen oder versuchen dem einen Sinn zu unterstellen.

Aber es gibt auch eine andere Sorte Leid. Manchmal kann auch ein schlimmer Schmerz und eine harte Krankheit fruchtbar sein. Eine Krankheit kann mich darauf aufmerksam machen, dass ich so nicht weiter leben kann, dass ich etwas grundlegendes in meinem Leben ändern muss.

Schmerzlich wird mir klar, dass ich ein liebgewonnenes Hobby aufgeben muss, und es gibt Raum in meinem Leben für etwas neues, dass sich am Ende als sinnstiftend erweist.
Manchmal ergibt sich im nachhinein, dass das Leiden einen unvermuteten Sinn gewinnt, dass es nötig war, um uns zu ändern, dass es uns in Richtung auf Gott gewendet hat. Manchmal muss altes Sterben, damit etwas neues entstehen kann.

Aber das sehen wir erst von hinten. Wenn es vorbei ist, können wir diesen Sinn sehen. Wenn wir mitten drin stecken, fällt das wesentlich schwerer.

Und natürlich gibt es immer auch das Risiko, dass wir es nicht schaffen, die von uns im Leiden geforderte Veränderung, anzunehmen und fruchtbar zu gestalten. Es kann sein, dass Gott uns in einer Verletzung oder Kränkung eine Botschaft schickt, die uns zu einem neuen Leben und zu größerer Nähe zu Gott führen will, aber wir diese Chance zurückweisen, dass wir die notwendige Veränderung z.B. in unserem Selbstbild nicht zulassen, dass wir auf das Angebot eines neuen Lebens nicht eingehen können.

Ich versuche es einmal an einem Beispiel zu erklären, was ich meine: Sie war eine sportliche Frau. Wenn etwas in ihrem Leben schief lief, hat sie es verarbeitet, indem sie Drachenfliegen oder Motorradfahren gegangen ist. Die körperliche Bewegung, die Geschwindigkeit, der Wind in den Haaren und die eigene Kraft und Geschicklichkeit gaben ihr Energie ihr Leben zu meistern. Dann hatte sie einen Motorradunfall – gelähmt im Rollstuhl.

Mit großer Energie hat sie die verschiedenen Operationen und die folgende Reha hinter sich gebracht. Die Ärzte waren erstaunt, dass sie nach dieser schweren Verletzung wieder langsam gehen konnte. Aber sie kann nicht mehr Drachen fliegen und Motorradfahren. In der folgenden Zeit hat sie keinen anderen Weg gefunden ihrem Leben wieder einen Sinn zu geben. Sie hat sich mit ihren Kindern zerstritten.

Sie hat Misstrauen gegen die Nachbarn entwickelt, und fühlt sich in ihrem Haus nicht mehr sicher. Mit ihrer Beweglichkeit ist ihr Leben in die Brüche gegangen, und die Chance sich neu zu orientieren, kann sie noch nicht wahrnehmen. Sie muss sich nach innen wenden. Und da kommen ihr ihre schmerzlichen Lebenserfahrungen entgegen. Das wäre eines Tages sowieso passiert. Vielleicht ist es besser für sie, dass es jetzt mit knapp 50 Jahren geschehen ist, mit 70 wäre es vielleicht zu spät gewesen. Da hindurch zu gehen ist schwer und voller Risiken.

Aber vielleicht wird dabei ihre Seele gerettet, die in Gefahr ist, durch ihre schmerzlichen früheren Erfahrungen verloren zu gehen. Jetzt kann sie ein neues Leben gewinnen, und ihre innere Kraft finden, wo sie die äußere verloren hat. Natürlich kann sie auch alles verlieren, das ist bei Krisen so. Es gibt keine Garantie, dass irgendetwas gut ausgeht.

Zweites Beispiel: ein Mann in der Mitte seines Lebens. Gut im Beruf etabliert. Bisher ist alles gut gegangen. Er hat seine Karriere vorangetrieben. Er hat eine Familie aufgebaut. Seine Tochter kommt gut in der Schule zurecht. Mit seinem Sohn hat er öfter Auseinandersetzungen, weil er findet er ist faul und lernt nicht genug.

Die Ehefrau arbeitet wieder halbtags. Sein Leben ist bisher gut gelaufen aber jetzt kommt er an seine Grenze. Er hat die Beförderung nicht bekommen. Er hätte seine Abteilung leiten müssen, findet er. Aber nun bekommt er einen jüngeren vor die Nase gesetzt. Und der hat andere Vorstellungen, die er ablehnt. Ein Kampf beginnt. Und er verliert die Auseinandersetzung. Plötzlich ist er in seiner eigenen Abteilung isoliert. Er muss dringend aus der Firma weg, denn es ist klar, bei den nächsten betriebsbedingten Entlassungen wird er dabei sein. In einer Zeit, wo überall abgebaut wird, macht er sich auf Arbeitssuche. Er steht vor verschlossenen Türen, das erste Mal in seinem Leben. Nach langem Suchen findet er eine andere Arbeit. Sie ist nicht unbedingt eine Verbesserung gegenüber seiner jetzigen. Aber in dem Prozess hat er sich verändert. Er hat mehr Verständnis, für diejenigen bei denen im Leben nicht immer alles glatt läuft. Und er hat seine Beziehung zu seinem Sohn verbessert. Er hat begonnen, dessen Angst vorm Versagen zu verstehen. Und hat begonnen zu verstehen, dass sein Sohn nicht einfach faul ist, sondern dass er Panik vor der Arbeiten hat und seine Unterstützung braucht und nicht die dauernde Kritik. Im Nachhinein sagt er: Ich bin an den Schwierigkeiten gewachsen. Vielleicht bin ich nicht mehr ganz so engstirnig, wie ich einmal war.

Heute bin ich Gott dankbar, dass er mir auf diese Weise die Beziehung zu meinem Sohn gerettet hat.
Wahrlich, wahrlich ich sage euch. Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, so bleibt es allein, wenn es aber erstirbt, so bringt es viel Frucht.

Manchmal ist es an der Zeit, dass wir uns von Gott auch durch kränkende und schmerzliche Lebenserfahrungen hindurch verändern lassen. Offen zu werden für Gottes Wege mit uns, das ist keine einfache Aufgabe. Besonders wenn diese Wege uns durch Leid und Schmerz und große Veränderungen führen. Aber wir können uns darauf verlassen: Gott geht mit uns.

Und wir dürfen hoffen, dass vieles, was uns im Leben zustößt, uns Gott näher bringt. Bitten wir Gott, er möge uns durch die schmerzlichen Veränderungen hindurch beschützen, und sie fruchtbar werden lassen, dass wir eines Tages ihren Sinn für unser Leben begreifen können.

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