Keine bleibende Stadt

Liebe Gemeinde,

„wir haben hier keine bleibende Stadt“. Sie kennen diesen Satz. Vor allem wenn wir über den Tod nachdenken, wird er gerne zitiert. Meist mit einem leicht resignierten Unterton. Gerne würden wir das Leben festhalten. Aber es fliegt vorbei.

Mit scheint, dass mit zunehmendem Alter der Wunsch nach einer bleibenden Stadt wächst. Es ist noch gar nicht so lange her, da hat mir Umziehen Spaß gemacht. Alle paar Jahre eine andere Wohnung. Das bisschen Hausrat, das ich als Student hatte, ließ sich bequem in einem VW-Bus unterkriegen, die wenigen Wände der kleinen Wohnung konnte ich schnell neu überstreichen und dann ging es voller Neugier zur nächsten Bleibe.

Heute bin ich froh, dass ich einen festen Platz habe. Ich genieße die allmählichen Veränderungen im Garten. … Freue mich über den vertrauten Blick aus dem Fenster. Über die Nachbarn. Und meine Neugier nach Neuem befriedige ich lieber auf Reisen.

Das Leben ist voller Veränderung. Jede Generation schafft Neues, muss mit neuen Aufgaben fertig werden. Das zu Ende gegangen Jahrhundert war voll solch grundlegender Veränderungen: Die Verbreitung von Elektrizität und Autoverkehr zu Beispiel. Das Großmachtstreben einzelner Nationen unter Einsatz alles zerstörender Massenvernichtungswaffen. Wir haben hier keine bleibende Statt. Keine dieser Entwicklungen wird unbegrenzt bestehen. Die Idee des Nationalismus hat ihre Grenzen gefunden. Längst sind wir dabei, den größeren Zusammenhalt zu suchen und zu schaffen. Nicht zuletzt unsere Währung ist ein Symbol dafür.

Der Autoverkehr ist an seine Grenzen gestoßen. Sparsamere Modelle und andere Antriebsarten werden den Kollaps dieses Systems zwar noch etwas hinauszögern, aber vermutlich werden wir uns irgendwann von diesem Verkehrssystem verabschieden müssen.

Wir haben hier keine bleibende Statt. Veränderungen bringen neue Aufgaben, auch neue Bedrohungen mit sich. So konnten sich die Erfinder des Autos sicher nicht vorstellen, welche Umweltprobleme diese Erfindung mit sich bringen würde. Die Erfinder von Handy und Internet wussten sicher nicht, dass sie auch dem internationalen Terrorismus optimale Kommunikationswege schufen.

Wir haben hier keine bleibende Stadt. Ich weiß nicht, wo für Sie die Grenzen des Verstehbaren liegen. Wie weit Sie der Vielfalt heutiger Lebenswelten folgen können. Ich selber merke allmählich, dass es Entwicklungen gibt, die ich nicht verstehen kann, nicht verstehen will.

Eine bleibende Stadt; etwas woran man sich halten kann ­ Bei mir zumindest wächst das Bedürfnis danach. Trotz aller Offenheit für Neues.

Richten wir den Blick ganz auf die drei kurzen Verse des Predigttextes:

[TEXT]

Der Anfang klingt etwas sonderbar: „Darum hat auch Jesus…“ In dem Abschnitt davor wird vom Opfer des Versöhnungstages berichtet. Der höchste Feiertag im jüdischen Jahr. Höhepunkt dieses Tages ist die feierliche Übertragung der Schuld des Volkes auf einen Sündenbock, der dann mit der Schuld in die Wüste geschickt wird. Da gehört sie hin, dort soll die Schuld mit dem Bock verenden. Weitere Opfertiere wurden dann geschlachtet und mit Haut und Haaren verbrannt. Draußen vor der Stadt.

Nichts von der Schuld sollte übrig bleiben. Stinkend und qualmend wurde sie beseitigt. Ein deutlicher Ritus. Nur weg mit den alten Lasten. Mit dem Versöhnungstag kann ich neu anfangen.

Darum, so fährt der Verfasser des Hebräerbriefs fort, darum musste auch Jesus draußen vor der Stadt sterben. Er hat diesen Ritus endgültig ersetzt. Er hat für alle Zeiten die Schuld auf sich genommen. Sein Tod am Kreuz macht die Opfer überflüssig. Nicht mehr die Handlung im Jerusalemer Tempel, sondern die Nachfolge Jesu ist Zeichen für Gottes Versöhnung.

So lasst uns nun hinausgehen und seine Schmach mittragen. Der Hebräerbrief richtet sich an die jüdische Gemeinde im Tempel. Verlasst das prachtvolle Gebäude. Es hat seinen Sinn verloren. Nicht der fromme Kult, sondern die liebende Gemeinschaft ist Gottes Heimat. Nicht das feste Haus, nicht die feierliche Stifts-, oder Corvinuskirche [nicht das Gemeindezentrum] sondern das leichte Zelt ist Heimat von Gottes Gemeinde.

Die Geschichte Gottes mit den Menschen, wie sie die Bibel erzählt ist von Bewegung gezeichnet. Wenn man die Bibel von vorne nach hinten liest, dann entsteht der Eindruck, dass sogar Gott selber sich gewandelt hat. Er hat das Gegenüber im Menschen entdeckt, über den Zorn der Sinnflut hat er zu seiner Gnade gefunden. Die Selbstüberschätzung seines Volkes hat er mit dem Exil, der politischen Zerschlagung beantwortet. Doch lassen konnte und kann er nicht von Israel.

Wir haben keine bleibende Stadt, das heißt auch: Macht euch kein Bild von Gott, legt ihn nicht fest. Er wird euch auf euren Wegen begleiten. Und euch jeweils so begegnen, wie ihr in braucht. Das mag manchen erschrecken. Worauf soll ich mich denn verlassen? In welche Richtung soll ich gehen?

Ich habe dazu eine kleine Geschichte gefunden, von einem Wunderknaben. Dieser Wunderknabe erkannte der im zartesten Alter schon die ganze Welt. Unter der Tür des Elternhauses wusste er über alles Bescheid, und von weither kamen die Menschen, um ihn sprechen zu hören und um seinen Rat zu holen. Er war zum Glück auch ein glänzender Redner und ließ den schwierigsten Fragen die größten Worte angedeihen, und manchmal auch die längsten. Man wusste nicht, woher er sie hatte, wie es bei Wunderknaben so ist. Sie lagen ihm einfach im Mund. Sein Ruf ging in die Welt hinaus, und bald wollte man überall von seinem Wissen profitieren.

So machte er sich auf die Wanderschaft und nahm sich vor, die ganze Welt, über die er immer gesprochen hatte, nun auch zu berühren. Doch kaum eine Stunde von zu Hause kam er an einen Scheideweg, der ihn zwang, zwischen drei Möglichkeiten zu wählen, denn nicht einmal ein Wunderknabe kann zugleich in verschiedene Richtungen gehen. Er ging geradeaus weiter und musste dabei links ein Tal und rechts ein Tal ungesehen liegen lassen. Schon war seine Welt zusammengeschrumpft. Auch bei der nächsten Gabelung büßte er Möglichkeiten ein und bei der dritten und bei der vierten. Jeder Weg, den er einschlug, jede Wahl, die er traf, trieben ihn in eine engere Spur. Und wenn er auf den Dorfplätzen sprach, wurden die Sätze immer kürzer. Die Rede floss ihm nicht mehr wie einst, als er ins Freie getreten war. Sie war belastet von Unsicherheit über das unbegangene Land, das er schon endgültig hinter sich wusste.

So ging er und wurde älter dabei, war schon längst kein Wunderkind mehr, hatte tausend Wege verpasst und Möglichkeiten auslassen müssen. Er machte immer weniger Worte, und kaum jemand kam noch, ihn anzuhören. Er setzte sich auf einen Meilenstein und sprach nun nur noch zu sich selbst: "Ich habe immer nur verloren: An Boden, an Wissen, an Träumen. Ich bin mein Leben lang kleiner geworden. Jeder Schritt hat mich von etwas weggeführt. Ich wäre besser zu Hause geblieben, wo ich noch alles wusste und hatte, dann hätte ich nie entscheiden müssen, und alle Möglichkeiten wären noch da."

Müde, wie er war, ging er dennoch den Weg zu Ende, den er einmal begonnen hatte, es blieb ja nur noch ein kurzes Stück. Abzweigungen gab es jetzt keine mehr, nur eine Richtung war noch übrig und von allem Wissen und Reden nur ein einziges letztes Wort, für das der Atem noch reichte. Er sagte das Wort, das niemand hörte, und schaute sich um und merkte erstaunt, dass er auf einem Gipfel stand. Der Boden, den er verloren hatte, lag in Terrassen unter ihm. Er überblickte die ganze Welt, auch die verpassten Täler, und es zeigte sich also, dass er im Kleiner- und Kürzerwerden ein Leben lang aufwärts gegangen war.

Liebe Gemeinde, wir haben keine bleibende Stadt. Wir sind auf dem Weg zu Gott. Niemand kann diesen Weg vorher beschreiben. Es gibt nicht einmal eine für alle gültige Landkarte. Nur auf den Weg machen müssen wir uns. Wenn wir stehen bleiben, verpassen wir das Leben. Nur wenn wir weitergehen, werden wir Gott sehen. Er selber will uns auf diesem Weg führen.

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