Keine belanglose Wanderlegende

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde.

Eine Geschichte liegt heute für die Predigt bereit, die wohl am häufigsten erzählte in den Evangelien ist. Eine Speisungsgeschichte, so wie sie Lukas erzählt hat. Aus dem neunten Kapitel des Lukasevangeliums:

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Soweit die Erzählung. Wenn sie dazu in theologische Fachbücher schauen, dann können sie da lesen, dass sie hier eine Wanderlegende vor sich haben. Einen Stoff, der immer mal wieder von einem anderen Helden erzählt wird, um zu zeigen, dass dieser ein toller Typ ist. Und nun in der christlichen Bibel soll sie nun die Besonderheit Jesu zeigen. Oder: Eine Geschichte vom Abendmahl sei das, die zeige wie überschwenglich reich die Gabe des Abendmahls für die ist, die zum Tisch des Herrn treten. Oder es sei ein "soziales Wunder". Die Jünger hätten von Jesus angeleitet ihren Proviant verteilt und die anderen hätten es ihnen gleichgetan und, siehe, es reicht nicht nur für alle, sondern es ist zu viel da. Da mögen wir uns ein Beispiel nehmen.

Alles ehrenwerte Erklärungen, sicher auch richtig, aber ich glaube vielmehr, diese Geschichte handelt von einer tiefgründigen Angst, die wir als Gemeinde, als Kirche haben. Die entscheidenden Fragen sind doch – ein bisschen übertragen gesagt – "Was haben wir schon zu bieten?" und "Sind wir nicht überfordert, wenn so viele Erwartungen auf uns ruhen?" Das ist die Situation der Jünger. "Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische" – also viel zu wenig für so viele – "es sei denn, dass wir hingehen sollen und für alle diese Leute Essen kaufen". Ein übrigens völlig hirnloser Einwurf der Jünger, denn für Aussteiger wie die Jünger wäre das unbezahlbar gewesen. Jemand hat mal ausgerechnet, dass es den Durchschnittslohn von 200 Arbeitstagen, also knapp sieben Monate, gekostet hätte, die Menge zu versorgen. Außerdem wäre es eine logistische Meisterleistung gewesen, dass aus den kleinen Weilern und Dörfern ringsum zusammenzutragen und zu transportieren.

Also, kurz, die Jünger haben Angst, Angst zu wenig zu bieten zu haben, und Angst, überfordert zu werden von den Anforderungen der Menschen. Das kann ich nun gut verstehen. Und ich sage wohl auch nichts Falsches, wenn ich behaupte, dass wir das alle – ausnahmslos – kennen. Ich kann das von mir, mit ein bisschen Schlucken, so sagen. Ich habe schon Angst, den Erwartungen nicht zu entsprechen. Manchmal fühle ich mich überfordert, wenn ich an den nächsten Gottesdienst denke, weil ich irgendwie keinen langweilen will. Oder ich habe Angst, für die anstehende Beerdigung nicht die richtigen Worte zu finden. Oder bei dem vielen, was mich so zerreibt, kein Ohr mehr zu haben für meine Frau, auch das. Jeder und jede könnte wahrscheinlich so etwas anbieten. Die Mutter, die Angst hat, die Familie nicht mehr ordentlich zu managen. Der Schüler, der den Leistungsdruck nicht so richtig ertragen kann. Die Angestellte, die Angst hat, nicht mehr mitzukommen im Tempo der Firma. Der Jugendliche, der mitmacht beim Scheißebauen, weil er Angst hat, am Rand der Gruppe zu stehen. Die Oma, die meint, die Enkel nur mit Geldgeschenken bei der Stange halten zu können.

Wer ehrlich ist, kennt den immensen Druck der Erwartungen, auch an sich selbst, und die tiefsitzende Angst, doch eigentlich nichts zu bieten zu haben. Das ist die persönliche Ebene, aber das gilt genauso gut für Institutionen. Nehmen wir also mal die kirchliche Kurve. Was hat Glaube und Kirche und unsere Gemeinde schon zu bieten? Augenscheinlich wenig, wenn doch viele sich anders wohin orientieren. Dem Glauben oder der Gemeinde zumindestens entsagen und anderes für wichtiger nehmen. Die Jünger Jesu haben damals ja eine schlaue Antwort gefunden: Die Menschen sollen doch mal eben anderswo hingehen und sich versorgen. Ich frage mal ein bisschen spitz: Geht uns das nicht auch so? Herrscht bei uns nicht oft das unterschwellige Gefühl "Wir haben ja auch nichts" oder "Fragen sie mal lieber jemand anders"! Ist es wohl nicht so, dass wir manchmal in der Kirche sitzen und uns fragen, warum nicht mehr da sind? Die Getreuen sind da, aber die allermeisten aus unseren Gemeinden nicht. Wir haben hier wohl wirklich nichts zu bieten, was sie begeistern könnte, was es ihnen wichtig machen würde herzukommen. Die ehrliche Bilanz zeigt Defizite. Zu langweilig, zu abgehoben, zu … was auch immer. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit denen, die ihre Gemeinde hochhalten, dass es sie umtreibt, wie man wieder mehr Menschen in die Kirche, in die Gemeinde bringen könnte. Auch die Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher kennen das. Manches Mal die leidige Frage, wie muss was sein, damit die Menschen kommen und vielleicht auch bleiben. Eigentlich interessiert sich doch keiner für uns. Anscheinend haben wir nichts, was noch viele interessiert. Mir geht das manchmal so.

Und so komisch das klingen mag, aber ich denke, unser heutiger Bibeltext, der hat etwas damit zu tun. Denn er sagt uns etwas über die, die wir hier manchmal so schmerzlich vermissen. Die Menschen haben Hunger. Hunger danach, etwas zu hören und zu erleben, was über ihre Welt hinausgeht. Der Hunger hat viele Gesichter auf dieser Erde. Manchmal ist er echter Hunger, körperlich, manchmal ist er die Sucht, manchmal ist er die Suche nach dem immer Neuen, dem nächsten Kick, dem Besseren und Tolleren, dem noch weiteren Reiseziel, dem neuesten Schrei. Manchmal ist er der Versuch es allem und jedem recht zu machen oder besser zu sein als der Rest. Manchmal ist der Hunger auch die Verzweiflung, sich allein zu fühlen, unverstanden zu sein und sich in dieser Ecke für sich einzurichten. Wie begegnen wir dem Hunger, auch wenn er nur unterschwellig ist und nicht uns als Personen begegnet? Ich glaube, wir sind nicht weit von den Jüngern weg. Wir haben doch nichts, was wir wirklich anbieten könnten und wir sind auch überfordert, der Erwartung gerecht zu werden, so viel können wir nicht ranschaffen. "Wir haben doch nichts, wir können dem doch nicht gerecht werden." Ich denke, das ist oft unser unterschwelliges Gefühl.

Dagegen steht nun Jesu Anspruch: "Gebt ihr ihnen zu essen!" Keine Ausreden, kein Lamentieren. Macht das! Aber vielleicht hört man das auch falsch und es ist gar kein Anspruch, sondern auch die Zusage, dass wir es können. Und so erzählt es die Geschichte wohl auch. Man kann den Hunger stillen, den abgründigen Hunger nach dem Leben, den Hunger, den die meisten Menschen spüren, ob sie es nun merken oder nicht. Diesen Hunger kann man stillen. Die Bedingung scheint zu sein: Erinnere dich, dass Gott hinter dir steht. Jesus nimmt die Brote und die Fische und dankt dafür, dass er empfangen hat, wonach die Menschen verlangt. Das ist wohl der Schlüssel: Statt der Sorge, nichts zu haben und nichts zu sein, der Dank dafür, längst empfangen zu haben.

Stellt euch das vor, liebe Schwestern und Brüder: der Dank empfangen zu haben, gerade dann wenn uns das Gefühl quält, nichts zu haben und nichts zu sein. Wenn ich das Gefühl habe, alles ist mir eine Nummer zu groß, ich kann die Erwartungen nicht erfüllen, ich habe nichts vorzuweisen, dann sich sagen zu können: Ich brauche das alles auch nicht. Danke, Vater, dass du mich zu dem machst, der ich bin. Danke, dass ich wissen darf, ich muss nichts erfüllen, damit ich von dir angenommen bin. Ich darf sein, wer ich bin und muss keine Maßstäbe erfüllen, die nicht meine sind.

Liebe Schwestern und Brüder, ich glaube, unsere Gemeinden werden andere, wenn wir lernen würden, Gott zu danken, dass er uns gegeben hat, was den Hunger nach Leben stillt. Wenn wir uns selbst überzeugen könnten, dass wir mit dem bisschen, was wir in Händen haben, doch alles geben können. Wenn wir angesichts der Stürme von Unpersönlichkeit und schnellem Vergnügen als Gemeinde lernen, uns erst einmal hinzusetzen und zu essen. Wenn wir lernen, dass wir untereinander nicht übereinander reden sollten, sondern miteinander. Wenn wir lernen, dass unter uns nichts etwas bedeuten darf, außer Gottes Maßstab, dass alle, die in sein Haus kommen, dasselbe gelten. Wenn wir lernten, dass Gott uns das alles persönlich zuspricht und wir es anderen zeigen dürfen, dann würde die Menge draußen merken, dass sie Hunger hat nach der Bestätigung des eigenen Ichs, der gestillt werden kann in der Zusage, dass die Bestätigung bei Gott und in der christlichen Gemeinschaft nicht von Erwartungen, Leistungen und dem "Vorzuweisenden" abhängt. Diese Zusage steckt in unserem Predigttext ebenso wie er der Bericht über ein Wunder an sich ist. Welches Wunder größer ist, mag ich gar nicht entscheiden, die Vermehrung der Lebensmittel oder dass wir satt werden sollen in unserem Lebenshunger. Aber Jesus sagt es ganz klar: "Gebt ihr ihnen zu essen!" Und ich glaube, er meint, dass nicht nur die anderen satt werden sollen, sondern wir nicht minder. Mir scheint’s, als hätten wir hier mehr als eine belanglose Wanderlegende. Im Namen Jesu Christi.

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