Kein Leben ohne Glauben

Liebe Gemeinde:

Drei griechische Worte dieser Heilungsgeschichte im Urtext kennen wir sogar als Deutsche: eleison me kyrie, Erbarme dich meiner, Herr. Dieses Kyrie eleison begegnet uns im Gottesdienst. Das griechische Wort ist in dieser Geschichte ja auch schon fremdesprachig. Jesus begegnete einer kanaanäischen Frau in der Gegen von Tyros und Sidon. Mit dieser Frau können wir uns identifizieren, weil wir Jesus gegenüber ebenfalls Fremde sind. Jesus ist Israelit, er ist der gute Hirte Israels, der die verlorenen Schafe dieses Volkes sucht rettet und befreit. Was haben wir mit ihm zu tun, was hat uns zu geben? Wir sind Fremde.

Das ist eigentlich ein gutes Bild für unser Menschsein überhaupt. So heißt es auch im Psalm: „Höre mein Gebet, Herr, und vernimm mein Schreien, schweige nicht zu meinen Tränen; denn ich bin ein Gast bei dir, ein Fremdling, wie alle meine Väter.“

Jesus scheint sich zunächst um das Fremde im fremden Land nicht zu scheren, denn er zieht in die Gegend von Tyros und Sidon, wie es heißt: er ziehe sich dorthin zurück. Es ist fast schon so, wie heute, da man ins Ausland fährt oder fliegt um sich zu erholen. Jesus überschreitet die Grenzen wie spielend. Er hat dabei keine Schwierigkeiten. Ihn hält davon auch nichts ab.

Die Geschichte zeigt dann, dass seine Person auch dort schon bekannt geworden ist. Die kanaanäische Frau erwartet von ihm die Befreiung ihrer Tochter von einem bösen Geist. Sie hat offensichtlich von Jesu Macht über böse Geister gehört. Jetzt hören wir das bekannte Kyrie eleison aus dem Mund dieser Frau. Dieser Hilferuf ist die Gebetsanrede im Gottesdienst bis heute, wenn wir um Hilfe und Vergebung bitten.

Die Fremdheit dieser Frau Jesus gegenüber ist auch unsere Fremdheit. Wir können nichts tun, als ihn zu bitten. Wir können nichts tun, als zu Gott zu beten. In der Hoffnung und Erwartung, dass etwas geschehen möge. Eine Gebetsautomatik gibt es nicht. Wir haben den Bund mit Gott, Gottes Bund mit uns, aber eine konkrete Gebetserhörung ist nicht möglich. Gottes Wirklichkeit ist eine geistige Wirklichkeit und sie wirkt auf unsere geistigen Bedingungen ein.

Wir können dennoch beten. Das gibt uns die Möglichkeit, die Probleme und unsere Sorgen Gott gegenüber in Worte zu fassen. Sie werden damit Anteil an der geistigen Wirklichkeit der lebendigen Gegenwart Gottes. Doch auch das ist eine mühsame Sache. Das sehe wir an der Reaktion Jesu: Er schweigt.

Dieses Schweigen kennen wir. Gott schweigt zu Auschwitz. Gott schweigt zu den vielen Unfallopfern auf unseren Strassen. Gott schweigt zum Hunger in der Welt. Gott hat zum Krieg gegen den Irak geschwiegen. Gott schweigt, wenn eine jungen Palästinenserin 19 Menschen in den Tod reißt genauso, wie wenn die Israeliten auf dem Libanon ein vierjähriges Kind erschießen. Das Schweigen Gottes ist die Gotteserfahrung unserer Zeit.
Mir kommt die Rede Gottes, die ich aus der Bibel höre manchmal so unendlich weit weg vor, als ob sie von weit her zu uns käme. Immerhin, wenn wir leise sind, können wir sie noch hören und vernehmen.

Und Gott schweigt ja auch nicht wirklich zu dem allen, er greift eben nur nicht in die Weltgeschichte der Menschen ein. Gott ist kein mythischer Held, der die Weltgeschichte ändert und auch Jesus war ein solcher nicht.
Jesus geht ins fremde Land. Ihm begegnet eine fremde Frau. Sie bittet ihn um Hilfe und er schweigt. Das ist nun nicht ungewöhnlich. Er achtet die Gepflogenheiten, die gebotenen Trennungen und findet dafür nun sogar noch eine theologische Begründung.

Jesus ist hier wirklich kein Held. Man hätte die Geschichte vielleicht besser gar nicht aufschreiben sollen. Die Kirche schweigt und tut nichts und findet dafür oft genug theologische Begründungen.

Jesus sagt: »Ich bin nur zum Volk Israel, dieser Herde von verlorenen Schafen, gesandt worden.« Doch immerhin bricht er nun sein Schweigen und was folgt ist ein interessantes Gespräch. Die Geschichte beginnt mit Schweigen, setzt sich in verbaler Ablehnung fort und endet damit, dass sich die kanaanäische Frau durchgesetzt hat. Diese Geschichte ist ein Lehrbeispiel feministischer Theologie, weil sich hier eine Frau sogar Jesus gegenüber durchsetzt. Die Frau hat es in der Hand, die Fremdheit zu überwinden.

Was bewegt sie dazu? Sie erwartet, dass die Hilfe Jesu für ihre Tochter die richtige sein wird, ja sie ist sich dessen sicher. Warum das aber so ist, wird in der Geschichte gar nicht ausdrücklich gesagt.

Jesus bezeichnet sich als Hirte Israels. Wie reagiert die Frau? Sie steigert die Intensität ihrer Bitte. Sie wirft sich vor ihm auf den Boden, so als wollte sie demonstrativ sagen: Ich gehe hier nicht eher weg, bis du mir geholfen hast.
Jesus wird es nun ungemütlich und er legt in Worten noch eines drauf: »Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.« Das ist nun schon ein starkes Stück. Sein Leben, seine Botschaft ist Brot für die Kinder und nicht für die Hunde. Damit schien die Abgrenzung komplett. Der Vergleich der Ausländer mit einem Tier hat ja schon fast rassistischen Charakter. Doch auch hier bleibt die Frau nicht passiv. Ja sie nimmt den Vergleich Jesu rhetorisch auf und bittet um eine kleine Hilfe, weil Hunde ja auch immer vom Tisch des Hauses etwas abkriegen.

Jetzt gibt Jesus klein bei. »Du hast ein großes Vertrauen, Frau! Was du willst, soll geschehen.« Daran wird nun deutlich, dass auch dann, wenn wir alle Gott und Jesus gegenüber fremde Menschen sind und nur bitten können, dass uns wenigstens eine Möglichkeit zur Verfügung steht: Das „Vertrauen auf Gott, der Glaube.“

Wie soll man sich denn nun auf den Glauben berufen können, wenn man nicht zum Bund Gottes gehört? Sind wir etwa doch indirekt auch verlorene Schafe des Gottesvolkes? Ich meine, das sollte man nicht sagen. Die Begründung des Vertrauens muss eine andere sein. Jetzt wäre ein Griff in die Glaubenslehre einfach. Doch damit würde man die Antwort, die diese Geschichte gibt locker überspringen.

Es ist doch eigentlich ganz einfach: Die Person Jesus selbst ist für diese Frau der einzige Grund für das Vertrauen. In diesem zwischenmenschlichen Vertrauen eröffnet sich ihr und uns die einzige Perspektive die Fremdheit Jesu und unsere eigene Fremdheit zu überwinden.

Jesus geht nicht weg. Jesus schickt sie nicht weg. Jesus redet. Jesus lässt sich auf die Diskussion ein. Er ist menschlich präsent. In dieser Präsenz ist Gott gegenwärtig. Durch Jesus wird die Tochter geheilt, weil das Vertrauen auf Jesu Geist die Kraft zur Heilung freisetzt.
Wir können es vielleicht in unsere Situation übertragen. Jesu Schweigen heißt nicht, dass sich nicht doch Antworten auf unsere Bitten ergeben würden. Wer am Vertrauen auf Gott auch in dieser Fremdheit beharrt, kann etwas erleben.

Jesus hat seinen Auftrag den Fremden gegenüber geöffnet. Er hat die Fremdheit überwunden, indem er sich auf den Dialog eingelassen hat. Er hat dabei entdeckt, dass die Erwartung der Frau in der Fremde in echtem Glauben begründet war. Jesus hat ja den ersten Schritt getan, denn er selbst hat die Grenzen des fremden Landes überschritten und ist dorthin gegangen.

Wie immer weitet sich nun der Inhalt solcher Geschichten: Vertrauen, eine einfache menschliche Eigenschaft ist der Anknüpfungspunkt, ist die Basis der Gebetsbitte, nichts anderes. Die Bundesverheißung ist nur als Vertrauensgrundlage sinnvoll. Das Vertrauen kann aber auch rein menschlich begründet sein und in der menschlichen Begegnung zeigt uns jede Erfahrung des Vertrauens dann doch einfach, dass wir alle als Menschen Kinder eines Vaters im Himmel sind, als Männer und Frauen Söhne und Töchter Gottes. Trotz aller Fremdheiten und aller Grenzen. Alle leben von diesem einen Tisch im Hause des Vaters.

Die Angst hört auf. Vertrauen wächst und Gemeinschaft auch.

Und es kommt vor, dass wir unser Leben in der Schrift erkennen, und daraus Vertrauen zu Gott gewinnen. Wir werden Jesus gegenüber gleichzeitig.

Das zeigt ein Gedicht der Theologin Dorothee Sölle, die als Mutter selbst Betroffene war:

Die nachricht von meinem kind
Das geschrieen hat drei tage
Lauter als alle bis sie es nicht mehr aushielten

Die erinnerung an mein kind
Das weinend aus der schule lief
Weil sie hinter mir her sind

Die konsultation über mein kind
Dessen anfallsbereitschaft sagen sie
Steigen wird und die zerstörung von zellen

Die Angst um mein kind
Das der böse geist der nachts um mein bett streicht
Besinnungslos schlägt

Das lesen in der schrift von meinem kind
Oft hat er sie auch
Ins wasser und feuer geworfen

Die tränen der machtlosigkeit über mein kind
Alles ist möglich sagte er
Dem der da glaubt

Die lügen jesu über mein kind
Ich wünsche nichts mehr auf der welt
Als sie zu glauben

Am Schluss der Predigt ist der letzte Abschnitt dieses Gedichts ein Missklang. Wir müssen aber verstehen, dass mit „lügen Jesu“ hier gemeint ist, dass die Heilung der Krankheit Epilepsie im Fall der Verfasserin Dorothee Sölle nicht eingetreten ist.

Der Glaube ändert also nicht unbedingt die Fakten, aber den Blick auf die Verhältnisse schon. Zuerst geschieht in der Bitte um das Erbarmen, die Gott hört, sein geduldiges Mitragen unserer Verhältnisse.

Dann ist das Ringen mit Gott im Gebet eine Erfahrung, die bewirkt, dass sich die eigenen Gedanken nicht einfach nur immer im Kreis drehen. Es eröffnet sich eine Perspektive.

Daraus erwächst Kraft die Gegenwart zu bewältigen und trotzdem auch ein wenig Hoffnung, die ruhig auch ein Stück irrational sein darf. Die Gegenwart Gottes ist heilvoll. Wie die Heilung aussieht können wir Menschen selbst ja nicht wissen. Diese Erwartung darf auch nicht nur auf die rein medizinischen oder psychischen Fakten verkürzt werden.

Am Ende des Gedichts steht das Wort glauben, als den Vollzug des Vertrauens. Durch Jesus weckt Gott in uns Menschen diesen Glauben.

Trotz aller Unheilsfakten müssen wir doch sagen, dass wir Christen uns ein Leben ohne Glauben gerade in dieser Welt nicht vorstellen können.

drucken