Kantate heißt: sich beschenken lassen …

Kantate: Singet dem Herrn ein neues Lied. Wir leben in einer Zeit, die sich die dauernde Erneuerung zum Ziel gesetzt hat. Was gestern gut war, ist heute nicht mehr gut und morgen vielleicht schlecht. Manchmal bringt uns das ganz durcheinander. Manchmal macht es uns nervös. Manchmal ist es auch gut so. Zum Neuen gehört auch, dass die Presbyterien eine Konzeption für die Gemeinde entwickeln sollen. Nicht so, als hätten wir bisher ohne Konzeption gearbeitet, aber so, dass wir uns neu klar werden: Was wollen wir, was können wir erreichen, was muss zurückgestellt werden. Die Frage nach dem Wesentlichen im Leben einer Gemeinde muss neu gestellt werden. Das kann zu neuen Aufbrüchen führen, vielleicht auch zu Abbrüchen. Das kann zu neuen Interpretationen unseres Wochenspruches führen: Singet dem HERRN ein neues Lied!

Ob das neue Lied nicht nur neu ist, sondern auch besser, das wird allerdings erst die Zukunft erweisen können. Wir wissen – denke ich – sehr genau, dass alles, was wir tun nur vorläufig ist – aber trotzdem notwendig. Eine alte Vision will uns dabei helfen:

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In der Offenbarung werden wir hinein genommen in eine Reihe von Visionen. Allerdings in Visionen, die Geschichte sind. Ein Seher in der Verbannung hatte Erscheinungen von denen die Christenheit bis heute überzeugt ist, dass sie die Wahrheit sind, die Gott ihm mitgeteilt hat. Viele der Bilder sind uns fremd und eigentümlich. So auch hier. Der Prophet sieht sich ähnlich wie der Prophet Jesaja bei seiner Berufung hinein genommen in den himmlischen Thronsaal. Und er hört ein Lied, ein altes Lied, das neu gesungen wird. Das Lied des Mose und das Lied Christi, des Lammes. Beide gehören hier zusammen. Mose, der Sieger, der im Auftrag Gottes sein Volk befreit hat, herausgeführt aus der Sklaverei. Jesus Christus, der Sieger am Kreuz, der sich geopfert hat, wie so viele in seiner Nachfolge. Das ist das eigentlich Erstaunliche gerade in der Offenbarung: Die eigentlich als VerliererInnen gelten sind die Sieger – die MärtyrerInnen. Die Menschen, die in der Nachfolge Christi leiden.

Ich denke da an die vielen VerliererInnen des Lebens, die ich kenne. Mir fallen Menschen ein, die über lange Jahre für andere da sind und doch niemanden haben, der für sie da ist, wenn sie jemanden brauchen. Mir fallen Menschen ein, die überall mit anpacken, aber dann besucht sie niemand im Altenheim. Mir fallen Menschen ein, die sich für die Anderen einsetzen in der Politik, im Verein. Wenn es drauf ankommt, stehen sie plötzlich allein da. Niemand stellt sich an ihre Seite. Gutes Tun macht oft einsam. Christ sein auch.

Der Seher selber ist aufgrund seiner Predigt, die dem römischen Staat missfiel, verbannt. Auf der Insel Patmos im Mittelmeer hockt er. Vielleicht macht ihn die dortige Einsamkeit besonders empfänglich für Visionen. Ein Triumphlied bekommt er zu hören, das den Sieg des Mose feiert und gleichzeitig die Hoffnung, dass Gottes letztes Wort noch nicht gesprochen ist. Ein Lied das davon singt, dass Gott sich durchsetzen wird und alle Völker ihn loben werden. Es scheint als wären wir von diesem Sieg genauso weit weg wie Johannes der Seher.

Das Lied des Mose klingt an, das den siegreichen Durchzug durchs Meer feiert – und die Ägypter ersaufen. Der Sieg der einen ist die Niederlage der anderen? Gerechte Strafe? Geschieht ihnen recht? Gut so? So legt es sich wohl nahe – und doch bleibt ein gespaltenes Gefühl, denn wir tun uns – spätestens als Christen des Neuen Testaments – schwer mit dem Bild vom vergeltenden Gott und wissen, dass da nicht Rechnungen aufgehen können, die wir aufmachen. Gott ist nicht handhabbar, er ist heilig, unantastbar, allmächtig. Der Sieg Gottes kommt – aber irgendwie anders, als wir ihn erträumen.

Kantate: Singet dem Herrn ein neues Lied. – Warum eigentlich, wenn nicht einmal die alten Lieder mehr klappen wollen? Warum singen wir überhaupt noch – auch wenn unser Gesang immer erbärmlicher klingt? Manchmal ist mir gar nicht zum Singen zumute. Aber dann höre ich Gesang, singe mit, summe mit, denke mit – und manchmal fühle ich mich dann getröstet. Vielleicht wäre das auch ein Gedanke für eine Konzeption für eine Gemeinde. Dass wir wieder neu lernen zu singen: Gute Lieder, die denen weiter helfen, die unseren Trost brauchen. Kein wuchtigen Lieder, die alles erschlagen, sondern feinfühlige Lieder, die vom Glauben erzählen und vom Sieg, der gerade auch in der Niederlage lauert. Lieder, die erzählen von den Schwachen, die getröstet werden sollen. Lieder die erzählen von der Hoffnung, dass allen Menschen geholfen wird.

Der eigentliche Sieg besteht darin, sich beschenken zu lassen – wie in einer guten Ehe, die darin besteht, dass zwei Menschen sich beschenken – mit sich selbst. So hat Jesus Christus und beschenkt. So können wir uns auch beschenken – in Liedern und in Taten.

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