Kann ich das mitsingen?

Liebe Gemeinde!

Magnificat anima mea dominum – meine Seele erhebet den Herrn. Das Lied der Maria klingt mir in den Ohren. Mein Geist freut sich Gottes – kann ich das mitsingen?

Ein Bild taucht vor meinem inneren Auge auf: Ein warmer, geschmückter Raum, der Duft von Tannennadeln und frisch gebackenen Plätzchen, Kerzenlicht, das sanft flackernd den Raum durchflutet, eine gemütliche Atmosphäre, der Gedanke an liebevoll verpackte Geschenke, ein Abend mit schönen Geschichten und altvertrauten Liedern.

Doch das Bild wird auch gestört: Der Gedanke an den nahen Verwandten, der zum erstenmal nicht mehr mitfeiern kann, die Schwester, die im Krankenhaus liegt oder der Bruder, der unheilbar krank noch einmal dabei sein wird. Da wird die vorweihnachtliche Freude der Anderen zum Anlass für Traurigkeit und das Gefühl der Einsamkeit bei mir.

Und dennoch: Gerade für solche Menschen, die an ihren Verhältnissen und ihrer Umwelt leiden, singt Maria ihr Lied. Ist sie doch selbst nicht gerade vom Schicksal begünstigt: Geboren irgendwo in der Provinz des von den Römern besetzten Landes Judäa, wahrscheinlich noch viel zu jung, um die Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, dazu materiell nicht unbedingt abgesichert – nichts als eine Verheißung hat sie, die Verheißung, dass in ihrem Sohn Gott selbst zur Welt kommt. Eine Verheißung, die zunächst an den realen Lebensumständen nichts ändert – eine Verheißung kann man nicht essen, der Hunger bleibt. Aber dennoch: Wie einem Vogel, der schon anfängt zu singen, solange es noch dunkel ist, kommen ihr die Worte über die Lippen, die Melodie eines Hoffnungsliedes. Er erhebt die Niedrigen, er füllt die Hungernden mit Gütern, seine Solidarität ist mit denen, die ihn ehren. Gott groß machen will sie mit ihrem Lied, die junge Frau aus Judäa. Gott groß machen heißt nichts anderes, als seine großen Taten nachzuerzählen: Er hat meine Niedrigkeit angesehen, er hat sich seines Volkes Israel wie eines Sklaven angenommen, er ist solidarisch mit seinem Bundespartner. Darin zeigt sich Gottes Größe, dass er solidarisch ist mit denen, derer er nicht bedarf, die aber seiner bedürfen. Den kleinen Leuten gilt diese Solidarität, den Hirten auf den Feldern, dem armen Zimmermann und seiner Verlobten, den Niedrigen und Hungrigen, den Trostlosen und Traurigen, denen, die vom Leben übervorteilt wurden. Wahrhaftig ein Trostlied! Gott kommt!! Durch einen Menschen kommt er den Menschen nahe, und will er heute noch nahe kommen: Da, wo Menschen zusammenkommen, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind, wo verkrustete Gegensätze aufbrechen, da ist Gott nahe. Frauen und Männer, Deutsche und Ausländer, Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen: Da, wo sie zusammenkommen, ist Gott nahe! Sich gegenseitig heilvoll nahe kommen, weil Gott uns Menschen als Mensch heilvoll nahegekommen ist, das ist Advent: Gott kommt. Er kommt, um aufzurichten, zu erheben und unserer zu gedenken. Ein wahres Trostlied!

Doch damit ist das Lied noch nicht am Ende: Es wird noch mehr über Gott gesagt: Er übt Gewalt, er zerstreut, er stößt vom Thron! Andere Töne mischen sich da in das Hoffnungs- und Trostlied. Gefährliche Töne, beunruhigende, unruhestiftende Töne. Klingt fast wie ein Revolutionslied.

Können Sie, kann ich in das Lied der Maria einstimmen, in dieses Lied, das die Umkehrung der Verhältnisse durch Gott besingt?

Fast bin versucht, vorschnell mit ‚Ja‘ zu antworten. Ein verführerischer Gedanke: All die, die wie Maria Armut und Ohnmacht am eigenen Leibe erfahren haben und heute noch erfahren, werden mit Gütern angefüllt, die Niedrigen, die Obdachlosen, die Asylsuchenden, die Arbeitslosen und die von der Gesellschaft Ausgestoßenen werden erhöht, die Politiker und Wirtschaftsbosse, die ganze High Society am Boden zerstört, vom Thron gestoßen durch Gottes gewaltigen Arm. Wahrhaftig eine Revolution! Aber – stehe ich nicht auch eher auf der Seite der Reichen, weltweit betrachtet, und damit Gott gegenüber, der eingereiht ist in die Phalanx der Not- und Unrechtleidenden? Bin ich nicht auch mitbeteiligt an diesem Weltwirtschaftssystem, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer macht?

Da fällt mir das Einstimmen in das Lied der Maria unendlich schwer, da bleiben mir die Töne im Halse stecken. Da wird mir das Trostlied zum Bußlied, zum Lied, dass mich zur Umkehr ruft. Auch, wenn ich die weltwirtschaftlichen Strukturen nicht ändern kann, ich kann einen kleinen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit und Frieden auf dieser Erde leisten, zunächst durch mein Gebet, aber auch durch meinen Einsatz und durch Spenden. So kann aus diesem Trost- und Mahnlied für mich ein Trostlied für die Menschen in der dritten Welt werden, für die, die durch Gottes Kommen zu meinen Geschwistern geworden sind.

Maria jedenfalls bleibt auch in der ihr geschenkten Größe die Niedrige, die Weggefährtin des Gekreuzigten. Singend bewährt sich ihre Solidarität mit den Kleinen, den Zu-Kurz-Gekommenen, die Solidarität, die sie selber erfahren hat. Das macht den Geringen Mut, wenn schon nicht lauthals mitzusingen, dann doch wenigstens mitzusummen. Das Gebet der jüdischen Frau wird so zur Sprachhilfe für die, die ihre Armut und ihr Unglück haben stumm werden lassen.

Gottes Revolutionslied, die Umkehrung der Verhältnisse – ein machtvoller Bibeltext. Doch darf dieses Wort Revolution nicht falsch verstanden werden. Es geht nicht darum, dass wie bei menschlichen Revolutionen die Mächtigen getötet werden. Die Gewaltigen werden vom Thron gestoßen – nicht an die Wand gestellt. Die Reichen lässt er nicht fallen – sondern leer ausgehen. Die Hoffärtigen werden zerstreut, also ihrer Machtfülle beraubt – nicht vernichtet. Das ist charakteristisch für Gottes Revolution: Seine Solidarität gilt auch ihnen. In seiner Parteinahme für die Unterdrückten ist er nicht gegen die Unterdrücker. Auch an ihnen handelt er als Heiland der Welt, nicht Vernichtung, sondern Buße, Umkehr wird ihnen zuteil.

Magnificat anima mea dominum – meine Seele erhebet den Herrn: Ein Hoffnungs- und Trostlied. Und indem es zum Hoffnungs- und Trostlied wird auch für die, die unter meinen Fehlern und Schwächen leiden, wird es mir auch zum Bußlied.

Als Lied der Hoffnung wird es zum Angriff auf die quälenden Realitäten; es lädt ein zur Teilnahme an Gottes heilschaffendem Tun. Wer sich mit Seele und Geist zum Mitsingen anstiften lässt, nimmt im Singen vorweg, was dabei ist, umfassende Realität zu werden.

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