Kaiphas und ich

Wer Schach spielt, weiß, was ein Bauernopfer ist. Eine Figur muss geopfert werden, um das Spiel zu erhalten. Ballast muss abgeworfen werden, wie beim Ballonflug. Viele von uns mussten im Leben schon Opfer bringen, um ein Ziel zu erreichen, auf etwas Liebes verzichten.

Manchmal werden einem Menschen schon harte Entscheidungen abverlangt. Entscheidungen müssen getroffen werden – mit viel Verstand und manchmal auch gegen das Herz. Heute sitzt ein Gremium zusammen, so etwas Ähnliches wie eine Kirchenleitung und muss eine Entscheidung fällen, die nicht einfach ist:

Da sitzen sie in geschlossener Sitzung: Die Herren vom Hohen Rat. Einziger Tagesordnungspunkt: Da tut einer Zeichen – und das ganze Volk läuft diesem Rattenfänger hinterher. Das ganze komplizierte Machtgefüge könnte zerbrechen, ein Aufstand und staatlicher Gegendruck kann unsere heile Welt kaputt machen, alle Sonderrechte zerstören. Das Synhedrium oder der Hohe Rat muss entscheiden. Im Namen des Volkes – für das Volk und Rücksicht nehmen auf Rom. Es muss abgewogen werden. Besser einer geht unter, als das ganze System. Keine Entscheidung wäre auch eine Entscheidung. Die Befürchtung, es könnte zur Katastrophe kommen, ist hier nicht von der Hand zu weisen. Ich verstehe die Mitglieder des Synhedriums in der Entscheidung, die ich ihnen jetzt vorlesen will.

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Nicht nur im Rabbinimus war (und ist bis heute) klar: Es gibt Situationen in denen es besser ist, wenn einer für alle geopfert wird. Kaiphas hat also recht. Auch die jetzige Regierung und die Grünen wären froh, wenn Trittin so einfach zu opfern wäre. Wieviel Leid wäre der Menschheit (vielleicht) erspart geblieben, wenn die Attentate auf Hitler oder Saddam Hussein gelungen wären? Vielleicht wäre auch manches anders gekommen, wenn die Kirche 1938 geschwisterlich neben der Synagoge gestanden hätte, statt mitzumachen, zu- oder wegzusehen, als Gotteshäuser geschändet und Wohnungen und Geschäfte geplündert worden sind? Manches sieht man vielleicht erst hinterher klarer. Ob es Kaiphas auch so gegangen ist?

Es waren fromme Menschen, die aus frommen Absichten Jesus hinrichteten. Ob uns nicht manchmal auch fromme Absichten in die falsche Richtung treiben, weil wir nicht bereit sind Gottes Willen wahrzunehmen. Die Aussage von Kaiphas: ‚Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als daß das ganze Volk verderbe.‘ ist so falsch nicht. Seine Warte ist nur verkehrt. Jesus ist bereit diesen weg zu gehen. Aber es ist seine Entscheidung. Er will für die Menschen in den Tod gehen, für die Seinen freiwillig ans Kreuz. Kaiphas will etwas anderes. Er will, dass wieder Ruhe herrscht im Land.

Das bringt mich zu meinen vielen Entscheidungen in Krisensituationen. Was will ich eigentlich: Ruhe im Land – oder den Boden bereiten für das Reich Gottes. Wie oft bin ich bereit, Christus oder ‚einen seiner geringsten Brüder‘ oder eine seiner geringsten Schwestern ans Kreuz zu nageln zu opfern, damit mein laden läuft? Ich traue keine Antwort zu geben.

Gremien sind nötig auf allen Ebenen, um Ordnung zu schaffen – aber Gremien sind vorläufige Ordnungen, Symbole einer vorläufigen Welt. Das will ich nie vergessen. Auch Entscheidungen, die nötig sind und scheinbar unausweichlich können Entscheidungen gegen Jesus sein.

Presbyteriumssitzungen werden mit Andacht und Gebet eröffnet, damit wir uns immer bewusst werden: wir tagen nicht um unseretwillen, sondern wir arbeiten im Reich Gottes. Unsere Entscheidungen müssen wir verantworten – weniger vor den Menschen als vor Gott. Vielleicht sollte ich mir das auch für meine alltäglichen Entscheidungen angewöhnen: Die Sache erst einmal dem willen Gottes anbefehlen. Mit Jesus in Gethsemane beten: Dein Wille geschehe. Ich bete das immer im Vaterunser – meine ich das auch?

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