Kain und Abel

Die ersten Geschichten der Bibel, die sogenannte Urgeschichte gehört für mich immer wieder zu den spannendsten Geschichten der Bibel. Nicht nur weil es da um sehr anschauliche Dinge geht: Erschaffung der Welt, Sündenfall, Kain und Abel, Sintflut und den Turmbau zu Babel. Nein, die Urgeschichte erzählt einfach sehr lebendig von uns Menschen, von unserem Wesen. Sie erzählt auf verschiedenste Weise, wie wir Menschen eben so sind. Das ist für mich immer wieder verblüffend, wie klar und deutlich die Bibel uns einen Spiegel vorhält, und wie wenig sich geändert hat in den 4000 Jahren seit diese Geschichten entstanden sind. Gleichzeitig erzählt die Bibel von Gott und wie er mit uns Menschen umgeht.

Heute nun haben wir von Kain und Abel gehört. Wer kennt sie nicht diese beiden Menschen und wer kennt ihn nicht diesen ersten Mord der Menschheitsgeschichte, zumindest im Rahmen der von der Bibel so gesehenen Menschheitsgeschichte, die mit Adam und Eva ihren Anfang nimmt.

Ich finde es gut, dass die Bibel hier kein Buch ist, das nur gutes und schönes berichtet. Manchmal möchte man ja den Eindruck gewinnen, als wäre die Bibel so ein Schönredebuch. Nein, ganz im Gegenteil. Sie ist ein sehr ehrliches, sehr offenes und sehr deutliches Buch, wenn es darum geht, menschlich allzu menschliches darzustellen. So eben auch am Anfang. DA wird nicht lange drumherum geredet. Es wird sehr schnell deutlich gemacht, der Mensch lebt nicht im Paradies. Er lebt in einer Welt, die von wenig paradiesischen Zuständen begleitet ist.

In der Geschichte von Adam und Eva wird erzählt, dass zum Menschsein gehört, dass wir uns von Gott entfernen, dass wir lieber unsere eigenen Wege gehen wollen. Wir wollen unser eigener Gott sein, was dazu führt, dass das menschliche Leben hart und schmerzvoll wird.

Gleich danach stellt uns die Bibel in der Geschichte von Kain und Abel nun weitere menschliche Eigenheit vor Augen. An erster Stelle steht der Neid. Erzählt wird, dass Kain, der Landwirt, der sesshafte und Bodenständige, Gott ein Opfer brachte. Gleichzeitig bringt auch Abel sein Bruder, der Schäfer, der umherziehende, Gott ein Opfer. Beide wenden sich an Gott, beide praktizieren sie ihren Glauben, ihre Religion. Doch, so wird erzählt, Gott sieht den einen und sein Opfer gnädig an, und den anderen und sein Opfer eben nicht. Leider wird nicht erzählt, woran Kain festgestellt hat, dass sein Opfer nicht angenommen wurde. Alte Maler haben es an der Richtung des Rauches vor Augen gestellt.

Mir drängen sich beim Lesen der Geschichte immer die Gedanken auf, dass doch auch wir uns oft so fühlen wie Kain. Den anderen geht es gut, ihr Leben scheint von Gott gesegnet. Da läuft alles prima, sie haben keine Sorgen, sie haben alles, was sie brauchen. Und das eigene Leben wird negativ gesehen. Das könnte ganz anders sein, besser und schöner, mit weniger Belastungen und mehr Ausgeglichenheit und Freiheit. Und gerade wenn wir uns im Leben engagieren, uns einsetzen für bestimmte Ziele, für Menschen, für Vereine oder anderes und es geht einem dann so schlecht, ja dann hegt man schon den Gedanken, dass Gott einen nicht gnädig ansieht, obgleich unser Tun und Handeln doch gut ist.

Oder wir denken in diesem Zusammenhang an die Religionskriege: wir denken an die Auseinandersetzungen in Jerusalem, oder in Staaten Afrikas oder Asiens, wir denken an Nordirland, wo politische Gruppierungen sich an den Konfessionen festmachen. Jeder glaubt im Recht, jeder glaubt seine eigenen Ansprüche durchsetzen zu müssen, ohne Rücksicht auf Verluste. Menschenleben zählen nicht, Hauptsache die eigenen Vorstellungen können durchgesetzt werden.

Und ich denke auch an kleine Kinder. Wir können das immer wieder erleben. Der eine hat etwas in der Hand. Dann kommt ein anderes Kind dazu und sagt, das will ich auch haben. Je nach Temperament kommt es dann zu einer kleinen oder großen Auseinandersetzung, wo oft genug mit sehr viel Härte agiert wird.

Neid, etwas haben wollen, was andere haben, die eigene Position durchsetzen wollen, angesehen sein wollen, einen Lohn für sein Tun haben wollen, all dies gehört zusammen, all dies scheint auch zum Menschsein dazu zu gehören. Es muss sicher nicht immer so enden, dass Menschen sich den Schädel einschlagen, wie bei Kain und Abel, aber sie zeigen eben sehr deutlich, dass und wie Menschen davon geprägt sind, wie es zu unserem Menschsein dazugehört.

Aber könnte man nicht gerade in dieser Auseinandersetzung zwischen Kain und Abel auch Gott die Schuld geben? Was hat Kain getan, dass sein Opfer nicht angesehen wurde? Was hat Abel getan, dass er bei Gott angesehen war und sein Opfer angenommen wurde? Gut, dass wir es nicht wissen, gut, dass es uns die Bibel nicht erzählt. Wissen sie warum ich es gut finde? Weil sonst alle nur täten, was Abel tut. Nein, ich finde es gerade gut, dass es nicht dasteht. Denn so wird für uns Menschen deutlich: wir können Gott nicht zwingen zu einem Wohlverhalten. Gerade diese Geschichte von Kain und Abel macht deutlich: Gott ist frei in seinem Tun, er ist der Herr und niemand anderes. Das mag uns unbefriedigt lassen, wir würden doch gerne Gott als gnädig erleben. Aber könnten wir Gott durch unser Tun zur Gnade bewegen, Gott wäre nicht Gott, Gott wäre der Hampelmann von uns Menschen. Und genau das ist er nicht. Gott ist der freie und souveräne. Daran hält die Bibel fest, an allen Stellen der Bibel, auch dort, wo Gott in Jesus Christus die Liebe zu allen Menschen verkündet.

Und genau auf diese Freiheit spricht Gott den Kain auch an. Kain war enttäuscht über Gott und diese Enttäuschung ließ ihn sehr finster werden, so dass Gott ihn anspricht. Warum wirst du so zornig, und warum senkst du den Blick vor mir? Das heißt doch so viel wie: Kannst du mein Handeln nicht akzeptieren? Kannst du meine Freiheit nicht annehmen? Geht es dich so hart an, dass ich nicht so handele, wie du es dir wünscht? Hättest du Vertrauen zu mir, könntest du trotz allem an mir festhalten, du könntest jetzt auch den Blick heben. Da du aber kein Vertrauen hast, lauert ein Handeln vor der Tür, das dich noch weiter von mir entfernt. Du aber sollst darüber herrschen.

Sich nicht einfangen lassen, seine eigenen Möglichkeiten nutzen, dem Bösen zu widerstehen, dazu fordert Gott den Kain auf, der den Mordplan wohl schon im Kopf hat. Aber so ist das bei uns Menschen, wir gehen lieber unseren eigenen Weg. Und Kain erschlägt also den Abel. Mensch erschlägt Mensch, der erste Brudermord.

Und nun entbrennt ein heftiges Gespräch zwischen Kain und Abel. Wo ist dein Bruder Abel? fragt Gott. Normalerweise haben die beiden nichts miteinander zu tun. Ich habe es schon gesagt: der eine ist sesshafter Landwirt, der andere umherziehender Schäfer. Selten nur wird man sich gesehen haben, die Wege sind meist andere gewesen. Und doch fragt Gott. Wo ist dein Bruder Abel? Gott ruft Kain in die Verantwortung für seinen Bruder Abel. Gott ruft uns Menschen in die Verantwortung füreinander. Gerade auf dem Hintergrund, dass die Menschheit immer weiter zusammenrückt, ist dieser Ruf in die Verantwortung füreinander ein sehr wichtiger und ein bleibender Ruf Gott an uns Menschen.

Wo ist dein Bruder? das ist eine sehr bedrängende Frage, denn es ist der Ruf, den Bruder wahrzunehmen, den Menschen an meiner Seite – sei es in der Ferne oder in der Nähe – wahrzunehmen und anzunehmen, sein Lebensrecht anzuerkennen. Jeder Krieg, jede mörderische Auseinandersetzung, ja jede streitvolle Auseinandersetzung, die den anderen hinterher mit Nichtachtung straft, ist hier im Blickpunkt. Wo ist der Bruder, wo ist in dir die Anerkennung des anderen als Bruder und Schwester? Gott will die Verantwortung füreinander hervorheben, in die er uns hineingestellt hat. Kain lehnt sie ab. Soll ich meines Bruders Hüter sein? sagt er. Ja, du sollst! Ja, es ist deine Aufgabe, Hüter des anderen zu sein!, sagt Gott. Es ist unsere menschliche Aufgabe, die Verantwortung für das Leben eines anderen wahrzunehmen, soweit es in unserer Macht steht. Daraus können wir uns nicht herausstehlen. Gleichgültigkeit, wie sie Kain an den Tag legt, zählt nicht.

Kain hat nicht nur die Verantwortung für den Bruder in Frage gestellt, er hat sogar sein Lebensrecht angetastet und ihn ermordet. Wie geht nun Gott mit dieser Verfehlung um? Die Bibel erzählt hier an Anfang nicht von der sicher damals üblichen menschlichen Rechtsprechung, die die Todesstrafe vorsah. Der Erzähler dieser Geschichte lässt sich davon nicht leiten, sondern er macht deutlich, was der Mord bewirkt und wie gnädig Gott ist. Der Acker bringt keinen Ertrag und unstet und flüchtig sollst du sein auf der Erde. Ich möchte dies heute abend so deuten: sich gegen Menschen zu vergehen, das bedeutet, dass die Erträge des Lebens nichtig werden. Mit solchen Belastungen können wir das Leben nicht mehr genießen, es bedeutet Unruhe, es heißt, dass der Ort fehlt, wo man frei leben kann. Das schlechte Gewissen treibt um.

Kain sieht dies auch so für sich. Er hat Angst, Angst um sein Leben. Aber Gott nimmt diese Angst, er macht ihm ein Zeichen, so dass er vor der Bedrohung anderer geschützt ist. Hätte Kain nicht den Tod verdient? Hat er nicht sein Leben verwirkt durch sein Handeln gegen Abel? Wir würden so denken, und es hat auch etwas von menschlicher Gerechtigkeit. Aber Gott stellt schon am Anfang klar, hier wird nicht gleiches mit gleichem vergolten. So sehr der Mord ein Vergehen auch gegen Gottes Willen war, so sehr will er doch auch das Leben dieses Menschen. Auch darin ist Gott frei genug, anders zu handeln, als Menschen sich dasvorstellen. Der Druck der Tat wiegt schon schwer genug, er ist innere Strafe genug. Das heißt sicher nicht, dass menschliches Strafrecht damit außer Kraft gesetzt wird z.B. bei Mördern. Aber es zeigt, dass Menschen durch nichts ihre Menschlichkeit verlieren, dass jeder bis zu seinem Ende menschliche Behandlung verdient hat. Das mag uns schwer fallen bei vielen Taten menschlicher Grausamkeit. Und doch behält die Menschlichkeit ihre Gültigkeit, und doch bleibt das für den Menschen Eintreten erhalten.

So erzählt uns die Bibel von der Grausamkeit der Menschen und gleichzeitig von der Gnade, die Gott vor das Recht setzt und die damit auch uns Menschen prägen soll. Kain und Abel, das ist die Geschichte von tödlichem Neid, von der menschlichen Verantwortung füreinander und es ist die Geschichte von unabdingbaren Freiheit und Barmherzigkeit Gottes, die uns ein Beispiel sein soll für unser Leben.

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