Joschua und Ben

Liebe Gemeinde!

Die Engel sind wieder in den Himmel zurückgekehrt. Ein großer Chor war es gewesen, eine ganze himmlische Heerschar, die da über den Hirten erschienen war: Ehre sei Gott in der Höhe hatten sie gesungen und Friede auf Erden bei den Menschen, die Gott lieb hat. Gewaltig hatte das geklungen, so groß, wie es die Hirten noch nie gehört hatten.

Ich möchte ihnen die Geschichte von den Hirten weiter erzählen. Eine Geschichte von zwei Hirten, einem Alten mit Namen Joschua und einen jungen, der Ben hieß.

Still war es jetzt wieder. Kein helles Licht mehr am Himmel, keine himmlischen Wesen, deren Stimmen auf der Erde alles aufhorchen ließen. Nur die Dunkelheit der Nacht und das Blöken der Schafe, die vom hellen Juben am Himmel nichts mitbekommen hatten.

Ben und Joschua standen da, schon eine ganze Weile. Sie standen still, waren wie betäubt von dem, was sie gesehen hatten. Engel hatten sie gesehen, wunderschöne Engel, so hell und strahlend, wie sie noch nie etwas in ihrem Leben gesehen hatten. Für einen Moment schien es ihnen so, als sei vor ihnen der Himmel offengestanden. Die Engel hatten zu ihnen gesprochen. Mensch wie, lange war das nicht mehr geschehen, dass jemand zu ihnen, den armseligen Hirten, sprach. Zu Menschen, mit denen sonst kein Mensch mehr sprach, die wie ausgestoßen waren. Das war ihnen schon lange nicht mehr passiert. Das hatte sie sprachlos vor Staunen werden lassen.

Ben fand als erster seine Sprache wieder: Hast du so etwas schon gesehen, Joschua?

Nein, in meinem ganzen langen Leben noch nicht. Und glaub mir, ich habe viel gesehen. Dass es so etwas gibt – ich habe nicht mehr daran geglaubt, sagte Joschua.

Man sah dem alten Mann an, dass er nachdachte. Seine Stirn lab ihn Falten und es schien so, als wollte er sich an etwas erinnern, dass lange zurücklag. Ben kannte ihn gut genug, um ihn nicht zu stören. Wenn der Alte anfängt nachzudenken, ist es besser zu warten, bis es zu Ende ist. dachte er sich. Ben hatte es schon oft erlebt: Joschua, den alte Grübler. Aber so lange wie dieses Mal hatte es noch nie gedauert.

Worüber denkst du denn nach, Joschua? fragte Ben nach einiger Zeit, als er das Schweigen nicht mehr ertragen konnte.

Über die Engel und das, was sie sagten. „Euch ist heute der Heiland geboren“ haben sie gesagt … Der Heiland. Lange warten unser Volk nun schon darauf, dass der Messias kommt. Immer wieder treffen Menschen auf , die sagen, er sei da, Oder gar, sie selbst seines es. Falsche Propheten!

Und jetzt, in dieser Nacht soll es soweit sein und ausgerechnet wir sollen die ersten sein, die es erfahren? Und Joschua sah Ben fragend an, so als erwarte er von ihm eine Erklärung.

Doch Ben zuckte nur mit den Schultern und sagte: So haben es die Engel doch gesagt, auch wenn ich das alles nicht verstehe. Aber was sollen wir jetzt machen? Wenn wir glauben, was wir gehört haben, wenn heute wirklich der Heiland geboren wurde, was haben wir davon? Wir wissen nicht wo, und selbst wenn wir es wüssten, dann würde man uns armselige Gestalten sicher nicht hinein lassen.

Doch von Joschua kam keine Antwort. Er war wieder in Gedanken versunken, murmelte etwas vor sich hin, das Ben gar nicht verstehen konnte. Mensch Joschua, du hörst mir ja gar nicht zu. Was hast du denn? unterbrach Ben Joschuas dahinbrummelnden Gedanken.

Mir ist etwas eingefallen sagte der. Etwas, das der Prophet Micha einmal gesagt hat: Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.

Bethlehem rief Ben, ausgerechnet Bethlehem. In diesem Nest soll einer geboren werden, der in ganz Israel Herr sein soll? Der Messias in Bethlehem? Das glaubst du doch selbst nicht!

Ich weiß es nicht, sagte Joschua, aber ich will hingehen und nachsehen. Kommst du mit?

Jetzt, es ist mitten in der Nacht. Und die Schafe können wir doch auch nicht einfach so alleine lassen? fragte Ben.

Die Schafe sperren wir in das Gatter. Wenn der Messias gekommen ist, wird ihnen nichts geschehen, sagte Joschua und begann die Schafe zusammenzutreiben. Ben half ihm dabei und traute sich nicht zu widersprechen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis die beiden mit ihrer Arbeit fertig waren. Sie verschlossen das Gatter fest mit einem Strick. Ein jeder von ihnen suchte seine Sachen zusammen, packte sie in sein Bündel und nahm seinen Stab. Und dann gingen sie zusammen los. Mitten in der Nacht in Richtung Bethlehem.

Was willst du eigentlich dort? fragte Ben, als sie eine Weile nebeneinander gegangen waren.

Ich will das sehen, was die Engel gesagt haben. Ich will mit eigenen Augen sehen, von dem ich bisher nur gehört habe.

Und dann? Meinst du, dass wir wieder zurück müssen? Meinst du, dass sich an unserem Leben etwas ändern wird?

Joschua schüttelte den Kopf: zu viele Fragen, Ben. Ich kann dir nicht sagen, was dann sein wird. Niemand kann dir das sagen. Wir werden es sehen. Du musst es erwarten!

Ben schwieg. Warten sollte er, ausgerechnet er, der so ungeduldig war. Jetzt möchte ich es wissen, was los ist dachte er – aber er traute sich nicht, den alten Joschua noch einmal zu stören, der wieder seinen Gedanken nachhing. Und so gingen sie weiter durch die Nacht, weiter Richtung Bethlehem.

Nach einer Weile sah Ben Bethlehem vor sich liegen. In den meisten Häusern war es Dunkel. Ihre Bewohner schliefen. Ben folgte dem alten Joschua, der zielstrebig in das Dorf ging, die Hauptstraße entlang, am Marktplatz vorbei, so als kenne er den Weg und danach in eine Gasse einbog. Sie kamen zu einem Gebäude, in dem noch Licht brannte. Es war ein Stall, so einer wie die, in die Ben und Joschua im Herbst ihre Schafe brachten, wenn sie sie an die Besitzer zurückgaben.

Joschua ging zur Tür und klopfte an.

Du willst doch jetzt nicht mitten in der Nacht in einen fremden Stall gehen, Joschua? fragte Ben, der hinter ihm stand. Doch der Alte hatte die Tür schon geöffnet und war eingetreten. Und so ging auch Ben mit hinein.

<i>[Liedvers: Ich steh an deiner Krippen hier – nur instrumental mit Orgel]</i>

Ihre Gesichter werde ich nie vergessen, sagte Ben, als er und Joschua aus dem Stall wieder ins Freie traten. Dieses Kind, das da in einem Futtertrog lag. Das müde aber glückliche Gesicht der Frau, die es vor kurzem geboren hatte. Und ihr Mann, der daneben stand. Mit ungläubigen Staunen über das Kind, dass beide bekommen hatten. Diese Gesichter hatten ihn verstummen lassen. Ben hatte die ganze Zeit, als sie im Stall waren, kein Wort gesagt. Er hatte nur zugehört, zugehört als der alte Joschua sprach:

Dieses Kind, das ihr bekommen habt, wird zum Retter werden. Ich sage euch, dass Gott durch ihn allen Menschen sein Heil schenken wird. Dieses Kind ist Christus, der Messias, auf den alle Welt so lange gewartet hat.

Ben hatte das Gesicht der Frau beobachtet, als der alte Joschua diese Worte gesagt hatte. Erst schien sie bei seinen Worten ein bisschen zusammenzuzucken, so als würde sie über irgend etwas erschrecken. Doch dann wurde ihr Blick ganz ruhig. Ben kam es so vor, als würde sie ganz genau zuhören, die Worte tief in sich aufnehmen. Gesagt hat sie kein Wort. Nur ihr Mann hatte Joschua gefragt, woher er das alles wisse. Ich weiß es eben, hatte der Alte gesagt und dabei gelächelt.

Lange waren sie nicht geblieben. Eigentlich viel zu kurz. Ben hätte gerne noch lnger die Wärme des Stalls genossen, die Gesellschaft mit Menschen. Doch dazu war nicht die Zeit.

Sie gingen den Weg zurück, den sie gekommen waren. Zurück auf die Hauptstraße, vorbei am Marktplatz, heraus aus Bethlehem, weiter zurück in die Nacht. Joschua ging voran und Ben folgte ihm, mit ein paar Schritten Abstand. Immer weiter entfernten sie sich von Bethlehem. Der Stall war schon nicht mehr zu sehen und auch die Häuser des Ortes verschwanden langsam in der Dunkelheit.

Dieses Kind ist Christus, der Messias, auf den alle Welt so lange gewartet hat. Das hatte der alte Joschua im Stall gesagt, dachte Ben. Was wohl so besonders mit diesem Kind war, eigentlich sah es ja aus, wie alle anderen Kinder auch. Vielleicht in etwas ärmlicheren Umständen zur Welt gekommen. Das soll der Messias sein?

Ben dachte weiter, dachte nach über das, was er gesehen hatte, was er gehört und gefühlt hatte. Er war ganz in seine Gedanken vertieft, wie sonst nur der alte Joschua, und so merkte er nicht, dass dieser sich etwas verändert hatte. Erst als er hörte, das Joschua leise vor sich hinsummte, sah er auf und blickte zu dem Alten hin. Er tanzte! Er tanzte im Gehen!. Nicht mit großen Sprüngen, dazu waren seine Knochen schon zu müde, aber mit kleinen Schritten.

Joschua, was ist mit dir fragte Ben.

Ich freue mich, antwortete er. Ich freue mich, dass ich das erleben durfte. Meine Augen haben den Heiland gesehen. Mehr habe ich von Gott nicht erwarten.

Aber es hat sich doch nichts geändert sagte Ben. Was ist durch dieses Kind anders geworden. Obwohl wir es gesehen haben, sind wir immer noch die selben armseligen Hirten, die wir vorher waren. Wenn wir so weiter gehen, sind wir bald wieder zurück bei unseren Schafen und alles wird wieder so, wie es vorher war.

Ben, du bist Gefangener. Du bist gefangen in deinen Erwartungen. Hast du es dir anders vorgestellt? fragte Joschua, und Ben nickte. Du bist enttäuscht, weil du erwartet hattest, dass der Messias prächtiger auf die Welt kommt, wie ein König in seinem Palast. Nicht so armselig in einem Stall, in einem Schuppen. Du hast dir mehr versprochen.

Stimmt sagte Ben.

Auch ich habe mir etwas anderes vorgestellt, sagte Joschua. Jeder hatte seine Vorstellungen, und ich denke niemand hat es erwartet, dass der Messias als kleines Kind, dass Gott so auf die Welt kommt. Aber vielleicht ist es gerade das das Geheimnis dieser Nacht. Immer hatten wir unsere Vorstellungen davon, wie der Messias kommen wird. Wir hörten die Worte die die Propheten verkündigten: Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. So sagte es Jesaija.

Doch was wir heute erlebt haben ist anders, als so mancher dachte, auch ich. Was die Engel uns auf den Feld gesagt haben, was wir gehört haben, hat sich vor unseren Augen erfüllt. Wir haben den gesehen, der als Kind auf die Welt gekommen ist und uns das Heil bringen wird. Dieses Kind, dieser Mensch wird uns nicht verlassen, auch wenn er jetzt noch so klein in der Krippe liegt.

Wieso bist du dir so sicher, fragte Ben.

Ich bin mir nicht sicher sagte Joschua nach einer kleinen Pause ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, dass es so ist. Ich glaube an dieses Kind.

Und die Hirten gingen weiter, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

drucken