Jesus vor der Tür

Liebe Gemeinde,

wir feiern heute Buß- und Bettag. Und haben uns somit etwas sehr unmodernen vorgenommen, nämlich uns an Gott zu wenden und Buße zu tun. Dazu gehört Bilanz zu ziehen. Wie war mein Leben im letzten Jahr? Was habe ich falsch gemacht? Was will ich ändern? Was muss ich ändern, weil ich in eine Richtung gegangen bin, die mich von Gott weggeführt hat? Unbequeme Fragen? Ja, unbequem aber auch wohltuend! Denn mir eröffnet sich ein neuer Weg. Ich muss nicht im Alten stecken bleiben. Als Christin als Christ habe ich jederzeit die Chance umzukehren und mich neu zu orientieren. Ich muss ein falschen Weg nicht bis zum bitteren Ende gehen. Und dazu hilft mir die Besinnung und die Bilanz des bisherigen. Aber es hilft mir auch Kritik von außen. Unser Predigttext heute enthält eine Menge Kritik. Aber er enthält nicht nur Kritik sondern auch eine wunderbare Ermutigung und Stärkung. Hören wir uns beides einmal an. Ich lese Offenbarung 3,14-22:

[TEXT]

Die Kritik lässt mich schaudern: "Ich kenne deine Werke: Sie sind lau!" steht da. Sie sind beliebig. Sie sind nicht engagiert. Was du tust, ist dir nicht wirklich wichtig. Das ist der eine Vorwurf. Der andere heißt: "Du hältst dich für reich, und denkst du brauchst nichts mehr. Aber in Wirklichkeit bist du jämmerlich, elend und arm." Trifft uns das als Gemeinde, als einzelne als einzelner? Ich finde es schwer, das zu bejahen. Und deshalb antworte ich: Nein, erst einmal betrifft uns das nicht. Ich habe entschieden keine Lust mehr, mir die Kirchenkritik von Leuten, die sowieso nicht mitkriegen, was hier läuft anzuhören, und die ihre Vorurteile, Kirche sei sowieso langweilig und da sei nichts los, pflegen, ohne sich die Mühe zu machen sich auch nur annähernd zu informieren. Und wenn ich sehe wie viele Leute hier ehrenamtlich mitarbeiten, bin ich immer geneigt unsere Gemeinde zu verteidigen und zu sagen, da gibt es eine Menge Engagement. Was wir hier machen ist nicht lau. Und der zweite Vorwurf? Reich und selbstgenügsam seien wir, und würden unsere Mängel und Defizite nicht sehen. Den kann ich nicht so ganz von der Hand weisen. Vielleicht sind wir wirklich zu selbstgenügsam.

Vielleicht kümmern wir uns zu viel um unseren eigenen Kram und nicht genug um die Leute, die Hilfe brauchen. Vielleicht hängen wir zu sehr in den eingefahrenen Wegen und Vorstellungswelten fest, und finden deshalb keinen Zugang zu anderen. Und dabei merken wir noch nicht einmal mehr wie festgelegt und eingemauert wir wirklich sind. Wie führt der Weg aus dieser Situation? Wie kann Umkehr aussehen? Wie können wir Buße tun und einen neuen Weg finden? Der erste Schritt da wäre die Armut, die wir für Reichtum hielten zu erkennen. Wir haben genug Geld um drei Gebäude zu erhalten. Wir haben genug Geld um eine Pfarrstelle eine halbe Gemeindepädagogenstelle eine Viertel Sekretärin, eine Viertel Küster- und eine Viertel Hausmeisterstelle zu besetzen. Gut. Dafür können wir dankbar sein. Aber wie ist es mit unserem geistlichen Reichtum? Das ist schwer zu sagen. Ich bin da eher optimistisch.

Ich glaube viele Menschen hier glauben fest an Jesus Christus und beten regelmäßig. Viele machen sich auch Gedanken über Glaubensfragen. Aber das passiert so privat und unausgesprochen. Es fließt nicht richtig zusammen, dass wir uns in unserem Glauben gegenseitig ermutigen könnten. Es gibt ganz viel spirituellen Reichtum. Aber er fließt nicht zwischen uns. Und er kommt nicht an gegen die allgemeine Depression, dass es mit der Kirche doch nur bergab geht und die Jungen fehlen und die eigenen Kinder und Enkel austreten. Ich finde es schwer in so einem depressiven Klima die Leuchtkraft des Evangeliums gegenwärtig zu halten und zu erfahren. Das kostet zu viel Kraft und das geht nicht alleine. Ja, es ist so. Wir versinken in selbstgerechter Depression. Wir jammern rum, dass die Jungen nicht zu uns kommen. Das die Leute nicht mehr kirchlich sind. Aber wir sind nicht wirklich bereit auf die Leute zuzugehen, sie zu fragen, was sie brauchen und wollen, und dann unsere uns lieb gewordenen Gewohnheiten so zu ändern, dass wir ihnen entgegen kommen. Im Grunde sind die anderen uns nicht wichtig. Wir haben an uns selbst genug. Und wenn jemand dazu kommen will, sind wir nicht offen für neue Ideen. Mir ist das dann zu viel Arbeit. Andere vermissen bei neuen Formen die vertrauten Lieder. Wir sind eine geschlossene Gesellschaft und gegenüber neu ankommenden erst einmal sehr zurückhaltend. Dieser Weg ist verständlich aber falsch. Ich möchte das ändern, die Frage ist nur wie? Der zweite Schritt auf dem neuen Weg! Uns öffnen für Leute mit anderen Vorstellungen. Ich muss zugeben, darüber habe ich noch nicht genug nachgedacht. Ich weiß nur, dass das wichtig ist. Wie es geht, weiß ich noch nicht. Aber ich möchte es mir als Anregung aus dem Predigtext des heutigen Buß- und Bettages mitnehmen. Und es mir im nächsten Jahr zur Aufgabe machen.

Und ich möchte Sie bitten darüber nachzudenken, wie wir als Gemeinde einladender werden können, und wie wir besser auf Hilfsbedürftige nicht nur in Messel sondern auch in der Zwei-Drittel-Welt zugehen können. Ich wünsche mir für das nächste Jahr, dass wir die Depression hinter uns lassen, und lernen uns gegenseitig zu ermutigen statt zu klagen und uns runterzuziehen. Und deshalb ist mir der zweite Teil unseres Predigttextes auch so wichtig geworden. Da steht nämlich nicht nur: So sei nun eifrig und tue Buße! Ja, das möchte ich tun. Ich möchte aber noch weiter blicken und da steht auch: "Siehe ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir." Jesus steht vor unserer Tür. Na, wenn das keine Ermutigung ist. Wir müssen den neuen Weg nicht alleine finden und gehen. Wir brauchen nur die Tür zu öffnen, und Jesus hereinzubitten. Und haben die Verheißung, dass er dann auch kommt. Jesus ist da mitten unter uns. Im Abendmahl können wir das fühlen und erfahren. Vielleicht kann vieles leichter werden, wenn wir uns im Alltag gegenseitig daran erinnern. Wenn wir mit jedem Tag unseres Lebens besser lernen uns auf diese Gegenwart Jesu zu verlassen. Wenn wir erleben, Jesus ist gegenwärtig. Das können wir doch unmöglich nur für uns behalten wollen. Da verbietet sich doch jede Abgrenzung und Ausgrenzung und Eingrenzung. Da ist doch eine Kraft zwischen uns am Wirken, die wir nicht im immer gleichen Kreis herumschicken können.

Diese Kraft Jesu drängt doch danach sich auszuwirken, nach außen zu wirken. Wenn wir die für uns alleine behalten wollen, dann können wir nur nach innen explodieren. Geben wir dieser Kraft Raum. Geben wir der Gegenwart Jesu Christi Raum in unseren Herzen und Raum in unseren Beziehungen untereinander und nach außen, dann hat die Depression keine Chance mehr. Dann werden wir die Kraft des heiligen Geistes erfahren. Und dann werden wir bereit werden uns zu ändern und unsere Gemeinde zu ändern auf Gottes Gegenwart zu. Das wird dann nicht mehr schwer sein. Und die Ideen werden von selbst fließen. Dieser Vision sich zu öffnen, möchte ich Sie einladen, heute am Buß- und Bettag 2000, dem Tag der Umkehr auf Gott zu. Machen wir uns gemeinsam auf den Weg, und beginnen diesen Weg in dem nun folgenden Abendmahl.

drucken