Jesus Superstar

Liebe Gemeinde,

die uns vorgegebene Predigtordnung beschert uns diesmal einen recht seltsamen Text – auf der einen Seite ist er uns recht nah: denn der Evangelist Markus wiederholt an dieser Stelle vieles, was schon gesagt wurde, und fasst es noch einmal für den lesenden oder besser vielleicht den hörenden Menschen zusammen:
– Jesus half vielen Kranken
– er trieb böse Geister aus
– er predigt und noch einmal:
– er trieb die bösen Geister aus.

Auf der anderen Seite liegt genau da das Problem: er heilt die Menschen (:wie ist das möglich – einfach so – mit Handauflegen vielleicht?) – er treibt böse Geister aus (: was soll das sein: böse Geister? und warum lässt er sie nicht reden?). Was sollen wir jetzt damit anfangen – in unserer heutigen Zeit – klar, es wird geredet und gemacht um die sogenannten moderen Geister: jeder von uns hat schon mal Geschichten gehört über UFO-Entführungen, hat vielleicht im Fernsehen die sog. Mystery-Serien gesehen (z.B. Akte X): das Unerklärliche lauert – so will es uns das Fernsehen sagen – hinter jeder Ecke, bereit uns anzufallen, um uns Böses zu tun. Und wir sind auch anfällig dafür: nähert sich nicht das Ende dieses Jahrtausends? – sind nicht viele aufgestanden und haben geschrieen am Tage der Sonnenfinsternis: Paris geht unter – die Welt geht unter: Versteckt euch in sicheren Berghöhlen und lebt die letzten Tage so gut es geht?

Nun: die Welt ist nicht untergegangen – der Tag nach der Sonnenfmstemis war genauso wie der Tag davor (außer vielleicht, dass sich einige schlaue Billenverkäufer noch schnell eine kleine goldene Nase verdient haben). Dennoch: diese Zeit ist anfällig für dererlei Glauben – und so ein bisschen abergläubisch sein, schadet ja wohl auch nicht: warum nicht am 13. ein bisschen vorsichtiger sein? Warum nicht mal schnell das Horoskop überfliegen? Und da gibt es noch viel mehr, wie wir alle nur zu genau wissen – aber das ist nicht unser Thema, denn obwohl so jeder und jede von uns vielleicht seinen kleinen Tick in dieser Richtung haben mag, so sagen wir doch meist als aufgeklärte Menschen im Computerzeitalter – wenn es auf das Thema Geister kommt: daran glauben wir nicht. Ja – zwar haben wir den Heiligen Geist, wie wir immer wieder beten, aber erstens ist das was anderes und zweitens, wer mag schon gerne erklären müssen, was dieser eigentlich sei.

Also – Fazit, liebe Gemeinde: lasst uns den Text umschreiben, lasst ihn uns kürzen, lasst ihn uns modernisieren. Sollen wir so sagen? – können wir das machen? Was hätten wir gewonnen: gut, an erster Stelle die Besessenen, die Jesus heilte – die fielen heute vielleicht unter psychisch Kranke: dann hieße unser Text: “Sie brachten zu Jesus alle Kranken und alle psychisch Kranken“ und statt: “er trieb viele böse Geister aus“ vielleicht: “er unterzog auch die Depressiven usw. einer Therapie“. Ihr seht, selbst das klingt noch seltsam – möglicherweise mögen wir auch deshalb nicht so recht diese Version annehmen, weil wir vielleicht wissen, dass auch die Therapien und andere Heilungsmöglichkeiten nur menschliche sind, also Sachen, derer wir uns bedienen, so wie wir heute auch zum Arzt gehen oder ähnliches, und in der Tat: manchmal werden wir geheilt, manchmal wird der Schmerz gelindert für eine kurze Zeit, manchmal kann auch der Arzt nicht mehr helfen und unser Körper wird weiter zerstört, manchmal sogar bis zum Tod.

ABER, sollten wir vielleicht rufen: bei Jesus war das doch wohl etwas anderes: immerhin (und das ist ja nicht wenig) war er Gottes Sohn und wie es schon im Alten Testament heißt “Dein Gott ist dein Arzt“ und deshalb konnte er so viel mehr und so viel anderes als wir – er war der strahlende Kämpfer gegen das Böse, nahezu ein klassischer Held – ein “Superstar“ wie man so schön sagt. Diesem Mann war nichts unmöglich und wenn man ihn nur recht in sein Herz einlässt, dann wird er auch bei mir persönlich alles ganz hell und klar und sauber und siegreich machen!

Ich erinnere mich da an eine bedrückende Erzählung meiner Mutter: als ich noch klein war, 2 oder 3 Jahre, es wollte nichts so rechtes aus mir werden: ich kränkelte vor mich hin, die Ärzte wussten damals noch nicht viel über diese Krankheit, die meinen Magen in Beschlag genommen hatte: so blieb über knapp zwei Jahre die einzige Therapie-Möglichkeit: eine bestimmte Art von Keksen und Bananen essen! (Dass ich heute noch gerne Bananen esse, wundert mich immer wieder.) Und wir hatten eine Nachbarin, die war sehr fromm – wie man so sagt – hatte (glaube ich) 3 Kinder und alle bei bester Gesundheit. Was machte diese Frau? Sie schenkte meiner Mutter Traktätchen, auf denen stand: wenn man nur recht glaubt, so wird man schon gesund. Andersherum gelesen: wer krank ist, glaubt halt nicht genug. So einfach ist das: Jesus-Superstar macht alles neu und schon ist die Welt sauber geregelt. Diese Frau hatte kein Ohr für die Nöte meiner Mutter – sie hatte auch keine Zeit, mal auszuhelfen bei diesem oder jenem, aber sie hatte diese Traktätchen, auf denen ihre Wahrheit einfach und klar zu lesen war.

Ist das aber dieser Jesus, von dem in unserem Text die Rede ist? Ihr merkt, dass ich so frage, heißt die Frage mit Nein zu beantworten. Noch etwas steht nämlich in unserem Text: “Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.“ – Das steht ziehmlich in der Mitte unseres Abschnittes, man überliest es und überhört es schnell – Gut: er betete – und was soll da dran sein. Immerhin trieb er vorher und nacher die bösen Geister aus!

Ich glaube aber, dass das die Mitte ist: er betete, um Kraft zu sammeln, er betete um Beistand, er betete, weil er wusste, dass es nicht möglich sein würde, aus eigener Kraft zu bestehen. Wenn wir uns das Bild auf dem Gottesdienstblatt ansehen, merken wir: das ist kein Triumph, der da dargestellt ist – keine Pose von allmächtiger und omnipotenter Herrschaft über alle Dinge – kein Glanz und kein Jubelgeschrei. Nein: es ist eher bedrückend, klein, dunkel, demütig. Es ist auch kein Trauerbild – das beileibe nicht – immerhin: unser Text spricht von machtvollen Dinge, die Jesus vor und nach dem Beten tat. Aber dieser Punkt hier, das Zentrum gewissermaßen ist ruhig und still und ehrfüchtig. Der Evangelist schreibt: er ging an eine einsame Stätte, d.h. Jesus macht nicht viel Aufheben damm, er stellte sich nicht an die Pforte und betete dort demonstrativ, damit alle sehen könnten, was für eine herrliche Gottesbeziehung er da wohl hätte. Nein, denn das Gebet bedeutet etwas anderes: Im Gebet verfliegt die Illusion, wir wüßten schon über alles Bescheid. Im Gebet verfliegt die Illusion, wir wüssten schon über alles Bescheid. Im Gebet stehen wir ganz im hier und jetzt und sind doch ganz und gar bei dem, was uns zugesagt worden ist – wir blicken voraus auf das Reich des Friedens, auf das wir alle hoffen, aber wir blicken von hier aus, von unserem Standpunkt. So sind wir im Gebet gleichzeitig schwach und dennoch mächtig. Paulus sagt es in dem schweren Satz: wir sind schon gerettet, doch auf Hoffnung! Darin schwingt dies alles mit: wir leben in dieser Welt, aber nicht aus ihr – unsere Kraft und unsere Hoffnung ist uns von außen gegeben, sie ist geschenkt, aber sicher. Dies alles kommt im Gebet zum Tragen. Wenn unser Prophet Jeremia in der Situation, wo der damalige König Jeremia alles im Griff – in seinem Griff wohlgemerkt – zu haben dachte: “vielleicht werden sie sich mit Beten demütigen“, dann meint er genau das gleiche.

Unser Evangelist Markus erzählt noch eine andere Geschichte, die uns wohl bekannter ist: die Heilung vom mondsüchtigen Knaben in Kapitel 9: dort geht es dramatisch zu, der Knabe stirbt fast (auch hier sind wieder Geister am Werk), erst als Jesus kommt und sein Wort spricht, geschieht die Heilung. Und was sagt Jesus zum dem Vater des Knaben? “Alle Dinge sind möglich, dem der da glaubt!“. Aber er sagt noch mehr, weil bis hierhin hätten ja die Traktätchen unserer Nachbarin recht gehabt – er sagt, als ihn seine Jünger fragen: “Wieso konnten wir den bösen Geist nicht austreiben?“ : “Diese Art von Geist kann durch nichts ausfahren, außer durch das Gebet!“ Später wird der Evangelist Matthäus noch die Worte daranhangen: “außer durch das Gebet und durch‘s Fasten“ – aber das verdeutlicht nur noch einmal das vorhin gesagte: erst diese Demut, das Anerkennen unserer eigenen Unzulänglichkeit setzt diese Möglichkeiten frei. Damit sind wir keine Drückeberger und Menschen, die nur gebückt durch‘s Leben gehen könnten, weil wir uns selber so schlecht gemacht haben. Unser Predigt-Text, liebe Gemeinde, sagt genau das Gegenteil: Jesus predigt heute und treibt die bösen Geister aus! Das kann er nicht, weil er ein strahlend-weißer Persil-Held ist, ein Über-Mensch also, sondern weil er wusste, wo die Mitte ist und auf welche Kraft er bauen kann.

Wir haben als Christen diese Zusage geerbt – sie gehört uns fest und sicher, so wie uns sonst nichts fest und sicher gehört, nicht einmal unser Leben. Das ist es, wenn Luther empfiehlt, sich nicht an diese irdischen Dinge zu klammern, sondern eben an diese Zusage und an eben diese Gewissheit. (Mit Herrn Öchslen werden wir ja jetzt wieder öfter Luther hören.) Von daher können wir Christen dann auch die kleinen Schritte in Leben tun, die nötig sind, damit das Leben besser wird, damit es menschlicher wird, damit es wärmer wird. Von daher wird dann auch kein Verzagen kommen, wenn es Rückschläge geben wird und wir uns fragen, warum wir das bloß alles tun. Von daher werden wir auch den Kampf aufnehmen können mit den bösen Geistern – denn was wären das für schwächliche Geister, wenn sie sich nicht genauso entwickelt hätten, wie wir uns auch seit 2000 Jahren entwickelt haben. Sie mögen jetzt woanders stehen, als wir sie aus den biblischen Geschichten kennen: sie ziehen keine Knaben mehr ins tödliche Feuer und lassen keinen mehr nackt und wild schreiend durch die Gegend rennen, nein: sie finden sich da, wo auch wir sind: wenn die sonst so hilfreiche Technik, die ja unser Werk ist, sich auf einmal gegen uns zu kehren scheint (wird es ein Umdenken geben seit dem jüngsten Atomunfall in Japan?), wenn sich das Denken der Leistung, die jeder in seinem Leben zu bringen hat umkehrt gegen den Menschen: wir wollen mehr und besser, schneller und höher und überhaupt: so heißt das dann: wer nach außen nichts vorzuweisen hat, der ist auch innerlich nicht zu gebrauchen! Dort sind die bösen Geister von damals heute und sie sitzen eben nicht nachts in dunklen Ecken, um uns aufzulauern und zu überfallen, nein sie sind da, wo auch wir ganz als Mensch da sind und wirken. Unsere Krankheiten aber und unsere Gebrechen sind nicht das Werk jener Geister – in unserm Text unterscheidet ja Jesus Kranke und Besessene. Die Menschen damals in Jesu Gegenwart haben die Heilung erfahren als Vorauszeichen für die Heilung, die uns allen versprochen ist: an Leib und Seele. Wurden sie damals geheilt, so mussten doch auch sie wieder sterben.

Im Gebet verfliegt die Illusion, wir wüssten schon über alles Bescheid. “Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stelle und betete dort. Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach.“

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